Kommentar: Zwischen Politik und Wirtschaft herrscht gerade ein riesiges Missverständnis
Sebastian Matthes ist Chefredakteur des Handelsblatts.
Foto: Max Brunnert für HandelsblattSeit Monaten geht das nun schon so. Erst veröffentlichen Verbände und Ökonomen düstere Prognosen. Dann kommt es doch besser als befürchtet. Viel besser mitunter.
Eine Rezession? Davon spricht eigentlich niemand mehr. Die Inflation? Sinkt von Monat zu Monat, von kleineren Rückschlägen einmal abgesehen. Der Dax? Ist so gut ins Jahr gestartet wie noch nie in seiner Geschichte und man könnte fast vergessen, dass US-Investoren gerade noch den Abgesang auf Europa anstimmten.
Doch dieses Europa ist erstaunlich lebendig: Unternehmen jeder Größe korrigieren gerade ihre Gewinnprognosen nach oben, die Dax-Konzerne können sogar fast an die Rekordwerte von 2021 anschließen.
Spricht man dieser Tage aber mit Unternehmenschefs, Analysten oder Investoren, zeigt sich ein ganz anderes Bild. Marketingbudgets, Forschungsausgaben, größere Investitionsprojekte in Europa: Alles wird doppelt geprüft, gewogen und – wenn es irgendwie geht –: verschoben. Während einige Ökonominnen und Ökonomen den Abschwung abhaken, planen viele Konzerne immer mit einer Flaute. Man kann es auch so sagen: Die Stimmung ist schlechter als die Lage.