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LeserdebatteIst die deutsche Autobranche für die Konkurrenz aus China gewappnet?

Auf der IAA sind so viele chinesische Autohersteller vertreten wie noch nie. Die Handelsblatt-Leserschaft debattiert was diese neue Konkurrenz für VW, BMW, Mercedes und Co. bedeutet.Johanna Müller 08.09.2023 - 14:00 Uhr
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Das Technologiepaket aus Antrieb, Design, Batterie und Software soll Grundlage für kommende Modelle sein.

Foto: dpa

Auf der weltweit größten Mobilitätsmesse, der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA), kommen diese Woche Hersteller, Zulieferer und Tech-Unternehmen in München zusammen. So präsent wie nie sind dort auch chinesische Autohersteller vertreten, die insbesondere mit ihren E-Modellen auf den europäischen Markt drängen.

Wir haben die Handelsblatt-Leserschaft gefragt, wie sie den Konkurrenzkampf zwischen den aufstrebenden chinesischen Autoherstellern und der Autonation Deutschland einschätzen. Sind VW, BMW, Mercedes und Co. für den Konkurrenzkampf gewappnet? Oder werden die chinesischen Autobauer den Markt aufmischen?

Tatsächlich teilen sich die Meinungen recht gleichmäßig in zwei Lager auf. Auf der einen Seite kritisieren viele Leserinnen und Leser eine mangelnde Innovationskraft der deutschen Autobranche. Dies sei problematisch, da insbesondere „innovationsstarke Marken aus China“ so an Deutschland vorbeiziehen könnten, wie eine Leserin schreibt. Die deutschen Autohersteller hätten sich zu lange „auf ihrer jeweiligen Markenbekanntheit“ ausgeruht, findet ein Leser. Um wieder auf die Überholspur zu kommen, dürfe Deutschland nicht noch einmal „den großen Trend verschlafen“ und solle stattdessen versuchen, eine „echte Innovation“ hervorzubringen, schreibt eine Leserin. Auch bezüglich des Preises könnten deutsche Autos nicht „Schritt halten“, meint eine andere Leserin.

Auf der anderen Seite gibt es aber ebenso Leserinnen und Leser, die weniger kritisch auf die Entwicklung blicken. So meint ein Leser: Für die Ingenieurskunst deutscher Autos, die von „den meisten Europäern“ mit „Verlässlichkeit“, „Innovation und Qualität“ verbunden werde, seien viele bereit, mehr zu zahlen. Dem stimmen weitere Leser zu. „Deutsche Qualität zieht immer noch als Label“, merkt eine Leserin an. Auch ein weiterer Leser macht sich keine großen Sorgen wegen der chinesischen Konkurrenz. Diese belebe zwar „das Geschäft, ihr Design ist jedoch immer noch gesichtslos“.

Für die aktuelle Ausgabe unseres Leserforums haben wir aus den unterschiedlichen Zuschriften eine Auswahl für Sie zusammengestellt.

Deutschland schafft das

„Am langen Ende werden die deutschen Automobilbauer wieder gewinnen. Die Marke ‚Made in Germany‘ ist nach wie vor ein weltweiter Anspruch an ein Automobil, nicht nur an den Antriebsstrang.

Natürlich müssen die deutschen Automobilbauer jede Menge Innovationen in ihre Fahrzeugentwicklung fließen lassen, um dem chinesischen ‚Billigstandard‘ zu trotzen. Die richtige Antwort sollte mal ein neuer, bezahlbarer ‚Volkswagen‘ sein, dabei spielt es keine Rolle, ob es sich dabei um eine Auto aus dem Hause VW, Mercedes oder BMW handelt.“
Mario Schliefke

Das Aufwachen wird brutal

„Die aktuelle Situation mit dem erreichten Entwicklungsstand für E-Autos bei Tesla und chinesischen Herstellern auf der einen und der deutschen Automobilindustrie auf der anderen Seite ist mit Nokias Position vor 20 Jahren vergleichbar. Wie Nokia damals wähnen sich die deutschen Hersteller nur aufgrund ihrer jeweiligen Markenbekanntheit für die Zukunft gewappnet. Ein Trugschluss. Der auch noch von einer Ampelregierung begleitet wird, die auf halbgare Gesetze vertraut und die Macht des Marktes ignoriert.

Das Aufwachen im neuen Automobilmarkt wird brutal für Deutschland.“
Thorsten Leplow

Die deutschen Autobauer sitzen zu bequem in ihren Sesseln

„Ich glaube schon, dass sich innovationsstarke Marken aus China auch in Deutschland etablieren werden. Für mich persönlich kommt es aus moralischen Gründen nicht infrage, die chinesische Wirtschaft zu unterstützen.

Die deutschen Autobauer sitzen beim Thema Elektroautos immer noch zu bequem in ihren Sesseln. Wären Tesla und andere Marken nicht vorangegangen, gäbe es vermutlich heute noch weniger deutsche E-Autos. Die Motivation zu Innovationen in diesem Bereich finde ich beschämend gering. Dabei haben sie doch in den vergangenen Jahrzehnten überreichlich verdient und sind von der Politik gepampert worden.“
Bianca Lorenz

>> Lesen Sie auch: Das elektrische „Ein-Liter-Auto“ naht – Mercedes und BMW wollen sparsame Stromer entwickeln

Keine Strategieänderung nötig

„Ehrlich gesagt muss die deutsche Autoindustrie nichts Konkretes an ihrer bisherigen Strategie verändern. Die deutschen Autobauer stehen für Innovation und Qualität, und ich denke, dass den meisten Europäern dies bewusst ist.

Aus diesem Grund zahlt man lieber einen höheren Anschaffungswert, bekommt dafür eine deutsche Ingenieurskunst, auf die man sich im Alltag verlassen kann. Diese Verlässlichkeit kann ein chinesischer Autobauer auf lange Sicht nicht bieten, da auch schlichtweg die Erfahrungen von BYD etc. fehlen.“
Felix Winter

Falsche Selbsteinschätzung

„Die deutschen Automobilhersteller haben bis heute nicht verstanden, dass es bei der E-Mobilität um ‚user experience‘ geht. Das bedeutet große Displays, Software-Updates und (unnötige) Features. 

Ein Beispiel? Herbert Diess hat sich immer an Tesla orientiert und baut in seine ID-Serie lächerlich kleine Displays ein. Und jetzt will VW eine Design-Schmiede werden. Noch mehr falsche Selbsteinschätzung habe ich selten erlebt.“
Stephan Fester

Gleich zwei Trends verschlafen

„Es geht weniger um das viel beschworene Verschlafen des Megatrends Elektromobilität, sondern eher darum, dass die Automobilbranche in Deutschland in der letzten Zeit keine echten Innovationen hervorgebracht hat. Und es geht darum, den großen Trend verschlafen zu haben, die Produktionskosten für qualitativ hochwertige Autos so signifikant zu senken, dass man auf dem Weltmarkt mit Marken aus China, Korea oder Japan Schritt halten kann. Ein nahezu voll ausgestatteter Hyundai IONIQ6 oder Tesla Model Y ist für 55.000 Euro zu haben, davon sind Mercedes, VW, BMW und Co., die mit solchen Autos in Konkurrenz stehen, meilenweit entfernt, und man bekommt dafür allenfalls einen Golf ID.3.

Es ist reine Ignoranz, wenn unsere Automobilbranche denkt, Deutsche und auch die Welt kaufen lieber einen Mercedes oder BMW oder VW, bevor sie sich den Marken aus Asien zuwenden. Genau das wird aber unserer Wirtschaft noch das Genick brechen. Jetzt geht es für die deutschen Automobilbauer darum, Prozesse zu verbessern, Komplexitätskosten zu reduzieren und sich auf das Wesentliche in der Produktion zu konzentrieren sowie endlich die Innovationsfähigkeit wieder signifikant zu erhöhen.“
Dagmar Dirzus

Chinesische Autos werden sich durchsetzen

„Die Frage, ob chinesische Autos sich in Europa durchsetzen, ist auf einem freien Markt wohl nur mit Ja zu beantworten. Ebenso wie in der Leichtathletik und dem Fußball sollte langsam ins Bewusstsein rücken, dass der Rest der Welt zu den Topnationen aufholt und zunehmend auf Augenhöhe rückt. Es ist nicht das Ende der deutschen Automobilindustrie, aber das Wetter wird rauer.“
Felix Jacobfeuerborn

Deutsche Qualität zieht immer noch

„Natürlich versuchen die Chinesen jetzt auf der IAA in München zu imponieren: Masse statt Klasse – subventionierter beeindruckender Absatz in Europa und den USA. Für Mercedes, BMW und VW ist dieser Weckruf gewissermaßen ein Tritt vors Schienbein.

Zu lange wurde im Verborgenen getüftelt. Jetzt gibt man Gas: Mercedes mit seinem ‚Concept CLA‘ kommt als sparsamstes E-Auto daher, BMW punktet mit schnellerem Laden und größerer Reichweite seiner Limousinen, VW ackert noch verdeckt.

Aber: Sobald Mercedes, BMW und VW serienreif den Markt bedienen, wird China das Nachsehen haben – deutsche Qualität zieht immer noch als Label!“
Barbara Schmidt

Chinesisches Design ist gesichtslos

„Unsere deutschen Autobauer sind sehr wettbewerbsfähig, sie agieren auf Weltklasseniveau und können und werden ihren aktuellen hohen Cashflow in die marktbedingte Veränderungen investieren. Mein heutiger Besuch auf der IAA in München bestätigt das. Die deutschen Stände waren fast überfüllt.
Chinesische Konkurrenz belebt das Geschäft, ihr Design ist jedoch immer noch gesichtslos.

Elektro wird seinen Marktanteil erhöhen, jedoch nicht vereinnahmen. Ich wage die Prognose, die logistische Zukunft wird ein Miteinander in Kooperation aller Techniken sein.“
Martin Hecher

>> Lesen Sie auch unser Interview mit dem BYD-Europa-Chef: „Wir wollen führender internationaler Hersteller in Deutschland werden“

Angst vor Veränderung

„Die deutsche Autoindustrie ist nur in Teilen für den Konkurrenzkampf gewappnet. Das liegt meines Erachtens daran, dass...

1. sie an einem Heimatmarkt leidet mit ausgeprägter Skepsis gegenüber E-Autos und einem insbesondere männlich identitätsstiftenden Festhalten am ‚Verbrenner‘ – und hier sind die Unternehmen zu Hause

2. die Versuchung von hohen ‚Abschöpfmargen‘ aufgrund der weitgehend abgeschriebenen Produktions- und Vermarktungsstrukturen in ihren jeweiligen Unternehmen innovationshemmend ist

3. jahrzehntelanger Erfolg eine Hybris befördert (bspw. Batterietechnologie – ist zu simpel für uns elitär-innovative deutsche Autohersteller, soll mal China machen), weswegen Innovationen eher zu spät angegangen werden, um im Anschluss durch mangelndes Durchhaltevermögen zu glänzen

4. die alternde Bevölkerung (an dritter Stelle weltweit nach Japan und Italien; Stand 2022) wie auch die alternden ‚Aktiven‘ in den Unternehmen (auf allen Ebenen und in allen Gremien) letztlich doch veränderungsängstlich sind und ihre eigenen Lebensleistungen bewusst oder auch unbewusst ‚angegriffen‘ empfinden.“
Diana Kolb

Verunsicherung beim deutschen Diesel-Dieter

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„Deutschland setzt vorsätzlich seine einst führende Automobilindustrie aufs Spiel: Die Politik verzettelt sich in Scheindebatten wie E-Fuels oder Wasserstoff, anstatt die ordnungspolitischen Rahmenbedingungen für die Elektromobilität zu setzen sowie für klare Verhältnisse zu sorgen.

Die Industrie verfällt weiterhin dem Lobbyismus, um ihre renditestarken Verbrenner so lange wie möglich noch an den Mann zu bringen, verheddert sich dabei im Innovators-Dilemma, da es am Fokus auf die neuen Technologien mangelt. Der deutsche Diesel-Dieter ist entsprechend verunsichert und befeuert mit seiner Kaufzurückhaltung den sogenannten Osborn-Effekt.

Allen Akteuren gemeinsam werden ihre Ignoranz gegenüber den belächelten Wettbewerbern aus China und Tesla sowie die Unfähigkeit, einen technologischen Wandel zu erkennen, noch böse auf den Gasfuß fallen.“
Stefan Dreher

Wenn Sie sich zu diesem Thema im Handelsblatt zu Wort melden möchten, schreiben Sie uns einen Kommentar, entweder per E-Mail an forum@handelsblatt.com oder auf Instagram unter @handelsblatt.

Mehr: Mit welchen Strategien Chinas Elektro-Autobauer den Markt aufmischen

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