Pro und Contra: Schlägt nun die Stunde europäischer Cloud-Firmen? Zwei Meinungen
Unternehmen wie der Bonner Konzern könnten nun von den Problemen der Tech-Riesen profitieren.
Foto: Getty ImagesPro: Europas Firmen können durchstarten
Düsseldorf. Von Stephan Scheuer
Noch nie war der Druck so groß wie jetzt. Strenge Vorgaben beim Datenschutz machen es derzeit für europäische Firmen nahezu unmöglich, US-Cloud-Dienste rechtskonform einzusetzen. Wer auf Microsoft, Amazon oder Google setzt, dem können Bußgelder drohen.
Jetzt ist die Zeit für europäische Anbieter gekommen. Die Deutsche Telekom, OVH oder Orange aus Frankreich, Swisscom aus der Schweiz oder Ionos aus Deutschland können jetzt beweisen, dass sie echte Alternativen zu US-Giganten sein können.
Klar, bei der Leistungsfähigkeit macht den drei Tech-Riesen aus den USA so schnell niemand etwas vor. Es wäre vermessen zu glauben, dass die Deutsche Telekom oder OVH das Gleiche bieten könnten, was Amazon oder Microsoft über die vergangenen Jahre mit AWS und Azure aufgebaut haben. Aber mit dem Datenschutz haben die europäischen Anbieter ein starkes Argument auf ihrer Seite.
Seit der Europäische Gerichtshof im Juli die Rechtsgrundlagen für den Transfer personenbezogener Daten europäischer Bürger in die USA („Privacy Shield“) wegen ungenügenden Datenschutzes kassiert hat, sind US-Lösungen für deutsche Firmen kaum noch einsetzbar. Alle Blicke richten sich derzeit auf Brüssel. Die EU muss ein neues Abkommen aushandeln. Allerdings scheint klar, dass auch die neue US-Regierung unter Joe Biden kaum bereit sein wird, die weitgehenden Befugnisse ihrer Geheimdienste zu beschneiden, damit europäischer Datenschutz erfüllt wird. Diese Hoffnung ist Wunschdenken.
Europas Firmen brauchen eine praktikable und langfristig sichere Lösung. Die liegt bei europäischen Angeboten. Allerdings war bislang kein Unternehmen bereit, ausreichend große Summen in das Cloud-Geschäft zu investieren.
Obwohl die Deutsche Telekom zu den größten Anbietern in Europa gehört, spielen die Investitionen in das wichtige Rechenzentrum in Biere bei Magdeburg nur eine begrenzte Rolle. Auch Rivalen wie Orange oder Swisscom betreiben ihr Cloud-Geschäft noch halbherzig.
Das muss sich ändern. Denn genau jetzt ist der Zeitpunkt, zu dem sich viele Großkonzerne umorientieren. Es wäre falsch, darauf zu warten, dass politische Initiativen wie Gaia-X konkrete Formen annehmen. Die Firmen sind gefragt. Sie müssen jetzt beweisen, dass europäische Lösungen es mit denen von US-Rivalen aufnehmen können.
Die europäischen Anbieter haben neben dem Datenschutz einen weiteren Vorteil: Sie sind nah an den Kunden. Sie wissen, worauf es Firmen in Europa ankommt. Das sollten sie als Stärke ausspielen. Klar kann ein europäischer Anbieter nicht so einfach mit US-Giganten gleichziehen.
Aber das muss er im ersten Schritt auch gar nicht. Wohl keine Firma bietet so viele Funktionen wie der Amazon-Dienst AWS. Aber kaum ein Kunde wird alle nutzen. Mit konsequentem Datenschutz und einem Fokus auf die Ansprüche der Kunden sollten Europas Cloud-Dienste jetzt durchstarten.
Contra: Der Vorsprung ist nicht aufholbar
Von Christof Kerkmann
Die Ansagen der Datenschützer sind markig: Sie halten die Nutzung von amerikanischen Cloud-Diensten für rechtswidrig – und drohen Unternehmen, die mit Amazon Web Services (AWS), Microsoft und den vielen anderen Dienstleistern aus Übersee zusammenarbeiten, nun mit Bußgeldern. Es ist das Prinzip Abschreckung.
Dass sich dadurch die Machtverhältnisse verschieben, ist allerdings kaum zu erwarten. Die Cloud-Spezialisten bieten eine Produktpalette, auf die große Unternehmen bei der Digitalisierung kaum verzichten können, zumal wenn sie eine internationale Präsenz haben. Die Politik muss daher die rechtliche Unsicherheit beseitigen – zum Schutz der hiesigen Wirtschaft.
Der Vorsprung der großen Cloud-Konzerne lässt sich schon an der Bezeichnung ablesen: Hyperscaler werden sie genannt, weil sie mit ihren Netzwerken von Rechenzentren ein Maximum an Leistung auf Abruf bieten, und zwar in aller Welt. Und gerade AWS bringt jeden Monat neue Funktionen heraus, um immer mehr Bereiche der IT in die Cloud zu bewegen.
Kurz: Die großen vier haben sich mit Milliardeninvestitionen einen Vorsprung erarbeitet, den kein europäisches Unternehmen auf absehbare Zeit aufholen kann. Weder bei den Funktionen noch beim Preis, noch bei der geografischen Abdeckung. Die Marktanteile bei der Infrastruktur aus der Cloud dokumentieren diese Dominanz.
Die Verhältnisse werden derzeit zementiert. Die Coronakrise zeigt die Bedeutung der Digitalisierung, ob für die Arbeit im Homeoffice, die Steuerung der Lieferkette oder den Verkauf von Produkten über den eigenen Onlineshop. In vielen dieser Projekte kommt die Infrastruktur von AWS, Microsoft und Google, international auch Alibaba zum Einsatz. Selbst bei Banken übrigens, in denen Datenschutz höchste Priorität hat.
Die Bedenken der Datenschützer sind berechtigt. Aber sie dürfen nicht dazu führen, dass Unternehmen Investitionen, die sie im Vertrauen auf eine gültige Rechtslage getätigt haben, wieder abwickeln müssen. Und auch nicht dazu, dass sie von jetzt auf gleich die leistungsfähige Cloud-Technologie nicht mehr nutzen dürfen. Der Schaden wäre massiv, wie Wirtschaftsverbände zu Recht warnen.
Insofern ist jetzt die Politik gefragt, die rechtliche Unsicherheit zu klären und eine langfristige Regelung zu finden. Der Druck von Aufsichtsbehörden und Gerichten hilft dabei sicher. Die Cloud-Konzerne jedenfalls dürften zu einem weiten Entgegenkommen bereit sein.
Wollen europäische IT-Anbieter wie T-Systems, OVH und Ionos an Relevanz gewinnen, dürfen sie sich nicht auf den Datenschutz als Verkaufsargument verlassen, sie brauchen leistungsfähige Plattformen, zeitgemäße Produkte und einen starken Vertrieb. Im Cloud-Markt gibt es viele attraktive Nischen – übrigens auch für Unternehmen, die die Technik der großen vier den europäischen Verhältnissen anpassen.