Morning Briefing: Strom aus der Wüste – kommt jetzt der zweite Anlauf?
Desertec 2.0: Strom aus Marokko für die Energiewende
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser!
Seit geraumer Zeit schon beschleicht mich der Verdacht, dass ganz Deutschland per Zeitkapsel in die frühen Nullerjahre zurückversetzt wurde. Indiz eins: die allgegenwärtige Klage über den Niedergang unseres Landes („Kranker Mann Europas“). Indiz zwei: die mäßigen Leistungen der Fußball-Nationalmannschaft (Vorrunden-Aus bei der EM 2004).
Und nun Indiz drei: die Rückkehr der Desertec-Initiative.
Schon seit 2003 gab es bei Desertec beziehungsweise der Vorläuferorganisation Pläne, Solarstrom aus Nordafrika per Kabel im großen Stil nach Europa zu leiten. Doch es zeigte sich, dass selbst im sonnenreichen Maghreb Solarkraftwerke nicht mit fossiler Stromerzeugung konkurrieren konnten.
Nun wagt ein anderes Konsortium einen neuen Anlauf. Wie unsere Energie-Reporter Kathrin Witsch und Klaus Stratmann erfahren haben, wollen die Initiatoren des Projekts „Sila Atlantik“ große Mengen Strom aus erneuerbaren Quellen von Marokko nach Deutschland bringen.
Die Eckdaten des Projekts beeindrucken. Im sonnen- und windreichen Marokko sollen Photovoltaikanlagen und Windräder pro Jahr bis zu 26 Terawattstunden Strom erzeugen. Das entspricht rund fünf Prozent des deutschen Stromverbrauchs. Der Strom soll über ein 4800 Kilometer langes Unterseekabel rund um Westeuropa zu Einspeisepunkten in Deutschland geleitet werden. Energiekonzerne wie Eon und Uniper unterstützen das Projekt. Eine finale Investitionsentscheidung haben sie allerdings bislang nicht getroffen.
Was sich seit den Desertec-Zeiten geändert hat? Vor allem sind die Kosten für die Erzeugung von Solar- und Windstrom drastisch gesunken und könnten das Projekt nun rentabel machen. Ein schönes Zeichen, dass wir doch nicht ins Jahr 2003 zurückversetzt wurden.
US-Notenbank senkt Zinsen
Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) hat gestern den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Damit reagiert die Notenbank auf den schwächelnden Arbeitsmarkt. Die Zinssenkung war von Analysten erwartet worden. Der US-Leitzins liegt nun in der Spanne von 4,0 bis 4,25 Prozent.
Donald Trumps Wirtschaftsberater Stephen Miran, der erst seit Dienstag dem Führungsgremium der Fed angehört, hätte die Zinsen lieber direkt um einen halben Prozentpunkt gesenkt. Dass es nur einen Abweichler gab, sieht David Kelly, Chefstratege von JP Morgan Asset Management, als positives Zeichen der Geschlossenheit. Bei der vergangenen Sitzung hatte es noch zwei Gegenstimmen gegeben.
Über den weiteren Zinskurs sind die Geldpolitiker der Fed allerdings ungewöhnlich uneins. Im Mittel erwarten sie zwei weitere Zinssenkungen um je einen Viertelprozentpunkt in diesem Jahr. Sechs Mitglieder des Offenmarktausschusses, der über die Zinsen entscheidet, wollen die Zinsen in diesem Jahr gar nicht mehr senken. Und ein Mitglied will sie gar um 1,25 Prozentpunkte senken. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich dabei um den Trump-Vertrauten Miran handelt.
Israel führt Laserwaffe ein
Israel hat nach Angaben des Verteidigungsministeriums den Bau einer Laser-Abwehrwaffe erfolgreich abgeschlossen. Tests über mehrere Wochen hätten ergeben, dass das System Raketen, Mörsergranaten, Luftfahrzeuge und Drohnen in verschiedenen Einsatzszenarien zuverlässig abfangen könne, hieß es in der Mitteilung. Die ersten Systeme sollten bis Ende des Jahres in die israelische Luftabwehr aufgenommen werden. Das kosteneffektive Lasersystem soll Ziele wie Drohnen für etwa vier Dollar pro Einsatz abschießen.
Google und PayPal kooperieren
Google und PayPal wollen gemeinsam die Bereiche Einkauf und Bezahlung auf Basis Künstlicher Intelligenz voranbringen. Dazu seien beide Unternehmen eine auf mehrere Jahre ausgelegte Partnerschaft eingegangen, teilten Google und PayPal am Mittwoch mit. PayPal-Lösungen für digitalen Zahlungsverkehr würden nun in eine Reihe von Google-Produkten integriert. PayPal werde Googles KI nutzen, um Dienstleistungen und Sicherheit zu verbessern, erklärte Sundar Pichai, Chef der Google-Mutter Alphabet.
Boom bei Seltenen Erden – und die Folgen
Seltene Erden sind unverzichtbar für Elektroautos, Windräder, Smartphones, Raketen und Hightech-Waffen. Und China kontrolliert fast die gesamte Wertschöpfungskette. Ein nur selten möglicher Besuch unserer Peking-Korrespondentin Sabine Gusbeth in der Abbauregion um die Stadt Longnan offenbart, wie groß die Eingriffe in die Umwelt sind, um die Seltenen Erden aus den Hügeln herauszupressen. Und der Artikel macht klar, wie die Menschen in dieser Region unter dem Technikhunger der westlichen Welt leiden.
Soll ich jetzt in chinesische Aktien investieren?
Noch einmal China: Für Privatanleger mit durchschnittlich ausgeprägtem Risikoappetit galt in der Vergangenheit stets die Faustregel: Finger weg von chinesischen Aktien! Zu undurchsichtig die Bilanzierung, zu unberechenbar der Einfluss der Kommunistischen Partei.
Doch wie alle Faustregeln lohnt es sich, auch diese gelegentlich zu hinterfragen. Zumal der MSCI China in diesem Jahr deutlich besser gelaufen ist als die entsprechenden Börsenindizes aus Europa und den USA. Aus Sicht von Aktienstrategen sprechen derzeit vier Argumente für den chinesischen Markt:
- China schlägt sich im Handelsstreit mit den USA erstaunlich gut.
- Vor allem im Vergleich mit US-Aktien sind chinesische Börsenkonzerne noch immer niedrig bewertet.
- Der Technologiefokus von Pekings Planwirtschaft treibt insbesondere die chinesischen Tech-Aktien nach oben.
- Niedrige Zinsen und fallende Immobilienpreise machen den Aktienmarkt für chinesische Anleger im Vergleich attraktiver.
Diesen Chancen stehen – zusätzlich zu den altbekannten – zwei neue Risiken entgegen: die noch immer nicht ausgestandene Immobilienkrise und die Gefahr eines militärischen Konflikts mit Taiwan. Was der für Anleger bedeuten könnte, zeigt sich am Beispiel des russischen Überfalls auf die Ukraine. Russische Aktien wurden vom westlichen Kapitalmarkt ausgeschlossen, für deutsche Anleger waren die Titel nicht mehr handelbar. Viele verloren ihr dort investiertes Vermögen vollständig.
Moskaus Antwort auf den ESC
Wem im Deutschland von heute längst alles zu bunt wird, dem möchte ich für den kommenden Samstag ein TV-Highlight ans Herz legen: Der Intervision Song Contest in Moskau soll Russlands Antwort auf den Eurovision Song Contest (ESC) werden, aus dem Russland wegen seines Überfalls auf die Ukraine ausgeschlossen ist.
Anders als beim ESC ist keine Publikumsabstimmung vorgesehen, über den Gewinner-Act entscheidet eine Jury. Das einzige Land, das beim ESC und auch in Moskau antritt, ist nach Angaben der Veranstalter Serbien. Weitere Teilnehmer sollen unter anderem aus Belarus, China, Indien und auch den USA kommen.
Der Intervision Song Contest biete allen Ländern die Chance, „ohne jede Zensur“ ihre besten musikalischen Traditionen vorzustellen, versprach Russlands Außenminister Sergej Lawrow bei einer Pressekonferenz. Um dann einzuschränken: „Ich garantiere, dass es dort keine Perversionen und Verhöhnungen der menschlichen Natur geben wird.“ Was Lawrow damit meint, machte er durch einen Vergleich mit der Konkurrenzveranstaltung deutlich:
„Wir bestreiten nicht das Recht der Jury und der Zuschauer beim ESC, für einen bärtigen Mann im Frauenkleid oder anderen Modifikationen seines Organismus zu stimmen.“
Was ist eigentlich aus dem schicken T-Shirt mit dem Namen des queeren US-Künstlers Jean-Michel Basquiat geworden, in dem Lawrow 2022 auf Bali gesichtet wurde?
Ich wünsche Ihnen einen modifikationsfreien Donnerstag.
Herzliche Grüße,
Ihr
Christian Rickens