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Morning BriefingDas China-Syndrom

Hans-Jürgen Jakobs 01.09.2020 - 06:00 Uhr

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

Chinas oberster Diplomat trat seine kleine Europa-Tournee als Kundschafter des Friedens an. Doch Außenminister Wang Yi leistete sich in Rom und Paris ein paar Kracher. Mal bezweifelte er, dass das Coronavirus aus China komme, mal drohte er, Tschechien werde einen „hohen Preis“ dafür zahlen, dass eine Delegation zu Besuch auf Taiwan weilt. Fragen nach Hongkong bügelte er aggressiv ab. Keine guten Voraussetzungen also für den Besuch von Wang Yi am heutigen Dienstag in Berlin. Das deutsch-chinesische Verhältnis hatte zuletzt arg unter dem Streit rund um Huawei sowie unter der Unterdrückung von Uiguren in Xinjiang gelitten. Der Sendbote aus Peking dürfte es da schwer haben. Typisch, was die Grünen-Abgeordnete Margarete Bause meinen Kollegen zum China-Syndrom sagt: „Die chinesische Führung disqualifiziert sich durch ihr immer aggressiveres Verhalten als strategischer Partner.“ Die alte Formel „Wandel durch Handel“ wird derzeit in aller Stille abgeräumt. Nun geht es um eine Grundsatzfrage: Demokratie oder Diktatur? Auch wenn die USA kaum eine lupenreine Demokratie sind und China kaum eine lupenreine Diktatur ist.

Foto: dpa

In einem Rundschlag-Interview mit meinen Kollegen äußert sich Spaniens Außenministerin Arancha González Laya, eine 51-jährige Juristin, freiweg zu den großen Problemfragen dieser Zeit: „Es gibt keinen Grund für einen weiteren Lockdown in Spanien, weil das Gesundheitssystem nicht überlastet ist und die Todesfälle nicht exponentiell steigen. 13 Prozent unserer Wirtschaftsleistung erzielen wir aber mit dem Tourismus. Deshalb leidet die spanische Wirtschaft stärker als andere.“ „Europa sollte sich weder auf die Seite der USA noch auf die Seite Chinas schlagen. Wir müssen mehr in eine europäische Autonomie investieren.“ „Ich sehe mit großer Sorge, dass Großbritannien die Verhandlungen um einen Brexit unglaublich in die Länge zieht. Wir werden kein Abkommen um jeden Preis unterzeichnen und die EU auch nicht“. Laya macht ganz den Eindruck, als wüsste sie, dass man auf einem Standpunkt stehen kann, man aber nicht auf ihm sitzen sollte.

Zunächst sah es so aus, als wolle der 77-jährige Joe Biden in den USA im Schlafwagen zur Macht rollen. So defensiv, so amorph wirkte der Präsidentschaftskandidat der Demokraten. Nun aber hat er Adrenalin im Blut. Bei einer Rede in Pittsburgh attackierte Biden den Amtsinhaber im Weißen Haus: „Dieser Präsident kann die Gewalt nicht beenden, weil er sie seit Jahren schürt.“ Donald Trumps Law-&-Order-Mantra regt den Herausforderer auf, weil es vom Corona-Versagen ablenke. Er diagnostiziert eine Politik der Angst: „Je mehr Chaos und Gewalt, desto besser ist es für Trumps Wiederwahl.“ Auch an der tödlichen Gewalt am Rande von Rassismus-Protesten habe Trump Mitschuld: „Es brennen Feuer, und wir haben einen Präsidenten, der die Flammen anfacht.“ Trump sei im Moment unfähig, so Biden, seine eigenen Anhänger dazu aufzurufen, „nicht weiter wie eine bewaffnete Miliz in diesem Land aufzutreten“. So etwas nennt man Feindbeobachtung.

In Wladimir Putins Russland gilt eine Maxime: Nur ein stummer Kritiker ist ein guter Kritiker. Diesen Zustand der Stummheit kann man durch hässliche Methoden wie Verprügeln oder Vergiften, Fenstersturz oder Fangschuss erreichen. Nachdem kürzlich der im Koma liegende Oppositionsführer Alexej Nawalny zwecks Lebensrettung nach Berlin überführt wurde, ist nun der Kremlkritiker Jegor Schukow brutal zusammengeschlagen worden. Der bekannte Blogger, der das Krankenhaus wieder verlassen hat, arbeitet für den Sender Echo of Moscow – und hat auch Nawalny interviewt. Der Kreml weiß, wie gehabt, nichts zu den Vorgängen, hofft aber auf Bestrafung der Verantwortlichen. Früher führte der KGB in solchen Fällen Regie, heute vermutlich der Inlandsgeheimdienst FSB

Foto: Thorsten Jochim für Handelsblatt

Man hat sich an der Börse ja an einiges gewöhnt. Zum Beispiel daran, dass der chronisch defizitäre Essen-Zusteller Delivery Hero ein Dax-Konzern sein soll. Fragen wirft auch ein dicker Brocken auf, der den IPO, den Börsengang, am 28. September anstrebt: Siemens Energy.

  • Offenbar ist die Firma nicht gerade im Wettkampfmodus. „Die Kostenbasis muss runter, Komplexität muss raus, und wir müssen unsere Produkte selektiver auswählen“, lautet das aktuelle Stakkato von CEO Christian Bruch.
  • Allem Anschein nach wird es nicht bei weltweit 75 Produktionsstandorten bleiben, Schließungen stehen an. Öffentliche Proteste wie 2017 beim damals beabsichtigten Aus für das Werk in Görlitz sind zu erwarten.
  • Erst mittelfristig will Siemens Energy aus der Kohle aussteigen, was den Streit mit Klimaaktivisten und „grünen“ Investoren anheizen dürfte.

Auf dem heutigen Kapitalmarkttag werden dem Konzern – Status: „under construction“ – keine Vorschusslorbeeren gereicht, umreißt unsere Titelgeschichte. Siemens Energy muss anders als zuletzt hohe Margen liefern – und damit auch zu einer Art „Delivery Hero“ werden.

Foto: dpa

Und dann ist da noch Weltklassemusiker Daniel Barenboim, der am heutigen Dienstag vor vergleichsweise vollen Rängen im Berliner Pierre-Boulez-Saal die neue Saison eröffnet. Man sitzt hier nicht so weit auseinander, wie die lokale Kulturbehörde das will – 1,50 Meter – sondern auf nur einen Meter Abstand. Das hatten die jüngst beendeten Salzburger Festspiele so vorexerziert. Die Barenboim-Said-Akademie, zu der der Boulez-Saal gehört, wird nämlich von der Kulturstaatsministerin und dem Bundesaußenministerium finanziert, nicht vom Berliner Senat. So werden heute 291 von 683 Plätzen besetzt sein, was der eigenen Autonomie genauso dient wie der Kassenlage. Pflicht ist, beim Konzert Maske zu tragen, wo unter anderem Schubert und Mozart gegeben wird. Letzterer nannte einmal als sein wichtigstes Motivationsmittel, „dass ich ein ehrlicher Teutscher bin“.

Ich wünsche Ihnen einen wohltemperierten Tag.

Es grüßt Sie herzlich
Ihr

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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