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Morning BriefingDer Zeitpunkt von Assads Absetzung ist kein Zufall

Die Entwicklungen in Syrien werfen ein Schlaglicht auf die internationale Gemengelage. Es verändert sich etwas – nicht nur im Nahen Osten.Teresa Stiens 09.12.2024 - 06:48 Uhr
Handelsblatt Morning Briefing

Die Angst vor dem unerklärten globalen Krieg

09.12.2024
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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

die fast zwei Jahrzehnte andauernde Herrschaft des syrischen Diktators Baschar al-Assad ist Geschichte. Rebellentruppen haben am frühen Sonntagmorgen deutscher Zeit die Kontrolle in der Hauptstadt Damaskus übernommen, Assad selbst ist aus Syrien geflohen und hält sich laut russischen Medienberichten mittlerweile in Moskau auf. Russland habe ihm und seiner Familie Asyl gewährt, berichten mehrere Nachrichtenagenturen.

Islamistische Gruppen unter Führung der Hajat Tahrir al-Scham (HTS) hatten in den vergangenen Tagen weite Teile Syriens eingenommen. Viele Syrer und Exil-Oppositionelle, zeigten sich erleichtert über den Sturz Assads, der im syrischen Bürgerkrieg brutal gegen die eigene Bevölkerung vorgegangen war. Bundeskanzler Olaf Scholz bezeichnete den Sturz des syrischen Machthabers als „gute Nachricht“. Wie genau die Machtübernahme der islamistischen Gruppen und die Zukunft Syriens aussehen wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch unklar. HTS hatte einst Verbindungen zur Terrororganisation Al-Qaida, sagte sich später aber öffentlich von dieser los.

Das Nachrichtenteam des Handelsblatts hält Sie in unserem Live-Blog über die aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Dass der Sturz des syrischen Regimes nach einem jahrelangen Bürgerkrieg genau jetzt gelang, ist kein Zufall. Denn geopolitisch hängt in der aktuellen Lage alles mit allem zusammen. Die russischen Streitkräfte, die Assads Regierung bisher geschützt und militärisch unterstützt hatten, sind in der Ukraine gebunden. Wladimir Putins Prioritäten liegen in seiner unmittelbaren Umgebung, auch wenn Russland durch die Entwicklungen in Syrien seine Marinebasis im Mittelmeer verloren haben sollte.

Anhänger der Rebellen feiern in Damaskus das Ende des Regimes. Foto: AP

Auch die schiitische Hisbollah-Miliz, die eng mit dem Iran kooperiert, war gerade selbst in einen Krieg mit Israel verwickelt. Der Iran wiederum wurde durch israelische Angriffe auf sein Luftabwehrsystem im Oktober militärisch geschwächt. Ein klarer Sieger der Entwicklungen hingegen ist der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. Özgür Ünlühisarcikli, Direktor des German Marshall Fund in Ankara, erklärt:

Ohne die Türkei hätte die Opposition es nicht geschafft, in einer Woche den Sieg davonzutragen.

Wer über die Neuordnung Syriens verhandelt, wird daher an der Türkei künftig wohl nicht vorbeikommen. Die Machtbalance im Nahen Osten verschiebt sich gerade massiv – wie diese Verschiebung enden wird, ist momentan allerdings noch nicht abzusehen.

Die geopolitischen Veränderungen zeigen sich nicht nur im Nahen Osten. Der Beweis dafür ist rot und schwarz lackiert, 225 Meter lang und liegt in der Meerenge zwischen Schweden und Dänemark vor Anker. Der Massengutfrachter „Yi Peng 3“, unterwegs unter chinesischer Flagge, gesteuert von einem russischen Kapitän, steht im Verdacht, mutwillig europäische Internetkabel zerrissen zu haben. Meine Handelsblatt-Kollegen Moritz Koch und Dana Heide stellen die These auf, die Vorkommnisse in der Ostsee und die Revolution in Syrien seien Teil eines unerklärten globalen Krieges, der immer weiter eskaliert.

„Wir sind mit einer neuen Art der Bedrohung konfrontiert“, sagt auch die US-Historikerin Anne Applebaum. Ein „autokratisches Netzwerk“ arbeite zusammen, „um Krieg, Gewalt, Instabilität und Unruhe in der demokratischen Welt zu schüren“. Der Text meiner Kollegen erklärt die Dynamiken dieser neuen Bedrohungslage von Skandinavien über Russland, China und Syrien bis nach Nordkorea.

Yi Peng 3: Das Schiff liegt in der Meerenge zwischen Schweden und Dänemark. Foto: Mikkel Berg Pedersen/Ritzau Scan

Von den geopolitischen Krisen nun zu einer ganz anderen Form der Bedrohung, die den obskuren Namen „Dunkelflauten“ trägt. Gemeint sind damit Momente, in denen Windräder und Solaranlagen kaum Strom liefern und die Strompreise dadurch kurzfristig sehr stark steigen. RWE-Chef Markus Krebber warnt im Interview vor der Gefahr eben jener „Dunkelflauten“ und rät:

Das Energiesystem sollte nicht auf Kante genäht sein.

Konkret schlägt Krebber vor, sogenannte „Kapazitätsmärkte“ aufzubauen. In Polen, Belgien und Großbritannien würden Versorger vergütet, wenn sie Kraftwerke betreiben, die nur im Notfall einspringen. Dafür müsse die Politik den entsprechenden Investitionsrahmen schaffen, der bisher gefehlt habe. Der RWE-Chef will das eigene Ziel, bis 2030 aus der Kohleverstromung ausgestiegen zu sein, weiterhin erreichen. Ein ambitioniertes Ziel, denn zwei Drittel des produzierten Stroms stammen noch aus fossilen Energien.

Nach so viel Dunkelheit und Krise kommt hier noch eine gute Nachricht. Zumindest für all jene unter Ihnen, die einen der begehrten Plätze im Aufsichtsrat eines Dax-Konzerns ergattern konnten. Denn die Gehälter der obersten Kontrolleure haben 2023 ein neues Rekordhoch erreicht. Das zeigt eine Auswertung der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), die meine Kollegin Tanja Kewes exklusiv einsehen konnte. Insgesamt stiegen die Vergütungen für die Dax-40-Aufsichtsräte um 5,4 Prozent auf gut 123,7 Millionen Euro. Wenn Sie sich fragen, was das für die einzelnen Mitglieder bedeutet: Die Einzelgehälter sind sechsstellig, variieren in der Höhe aber stark.

Michael Wolff, Professor für Management und Controlling an der Universität Göttingen, warnt: Auch wenn es sich um die Gehaltssteigerungen des vergangenen Jahres handle, seien sie in der aktuellen angespannten wirtschaftlichen Lage nur schwer zu vermitteln. Wenn Sie wissen möchten, wie hoch die Gehälter im Einzelnen sind und welche Konzerne die Liste anführen, empfehle ich Ihnen die große Auswertung meiner Kollegin.

Zum Abschluss möchte ich Ihnen noch eine gute Nachricht aus der Albatros-Welt präsentieren. Die älteste bekannte Albatros-Dame hat jetzt mit 74 Jahren nochmal ein Ei gelegt. Das schreibt das Wissenschaftsmagazin „Nature“. Wenn es schlüpft, wäre es das 31. Junge der rüstigen Albatros-Frau. Wie viele verschiedene Väter dabei eine Rolle spielen, ist nicht bekannt, aber Albatrosse feiern des Öfteren ihre goldene Hochzeit und bleiben über 50 Jahre zusammen. Außerdem führen sie eine äußerst gleichberechtigte Beziehung und teilen sich die Care-Arbeit für die Eier 50:50 untereinander auf.

Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, an dem Sie sich nicht von Ihrem Alter zurückhalten lassen.

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Es grüßt Sie herzlich

Ihre

Teresa Stiens

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