Morning Briefing: Einbruch: Die Berliner Republik, ein Land am Limit
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
das derzeitige Lebensgefühl der Republik bringt unser Wochenendtitel gut auf den Punkt: „Land am Limit.“ Noch immer gibt es die Pandemie, aber immerhin keinen Lockdown, die unheilvolle Korrespondenz zwischen Dürre und Flut häuft sich, Wirtschaftskriege hat erst der unselige Donald Trump so richtig hoffähig gemacht. Dann kam die Wiederentdeckung des Hitler-Angriffskriegs durch Diktator Wladimir Putin mit seinen Rohstoffmonopolen als Waffe.
Und das drückt sich heute eben bei uns in galoppierenden Energiepreisen, Wachstumsschwund und gravierenden Existenzsorgen aus. Und, natürlich, auch Europa ist am Limit: „Der Energiekonflikt droht, die europäische Einheit zu zerstören“, sagt Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur IEA.
Auf einer Reportagereise durch die deutsche Ökonomie sammeln wir Szenen der Bedrohung. Da ist der Bäckermeister aus Beelitz, der 48 Cent pro Kilowattstunde Strom zahlt, 1300 Prozent mehr als vorher. Da ist der Maschinenbauer Trumpf, der das Verlegen von zwei Hauptleitungen ins Werk, die zu unterschiedlichen Umspannwerken führen, selbst bezahlt hat. Da ist der Waschpark in Cottbus, in dem die meisten Kunden nur noch die billige Standardwäsche ordern. Da ist die Douglas-Kette mit CEO Tina Müller, die von manchen Großherstellern nur noch 60 Prozent des vereinbarten Volumens bekommt, da Rohstoffe und Vorprodukte aus Asien fehlen.
Und da sind Politiker, die von Treffen mit Handwerksbetrieben ernüchtert zurückkehren: „Da findet gefühlt gerade eine Radikalisierung von Leuten statt, von denen ich das nie gedacht hatte“, sagt einer. Minister Robert Habeck verspricht dem Mittelstand Hilfe: „Der Energiekostenzuschuss kommt.“ Doch es kommt auch eine Extralast namens Gasumlage.
Die Kritik aus Unternehmerkreisen artikuliert Ulrich Dietz, Gründer des Stuttgarter IT-Unternehmens GFT, in einem Gespräch mit meinem Kollegen Martin Buchenau. Er kritisiert, Deutschland sei zu einer „Scheißegal-Nation“ geworden, gewissermaßen nach einem alten, abgewandelten Sponti-Spruch: „funktional, dysfunktional, scheißegal“.
Dietz findet, wir fänden uns mit untragbaren Zuständen einfach so ab: „Ob man im Flugzeug sitzt und zwei Stunden keine Information bekommt, warum man auf der Landebahn steht. Ob Züge einfach ausfallen oder es auf den Straßen Dauerbaustellen gibt, an denen wochenlang nicht gearbeitet wird: Irgendwie funktioniert nichts mehr so richtig in diesem Land.“
Die Gleichgültigkeit sei „unerträglich“, so der Unternehmer, der auch sagt: „Made in Germany wird immer weniger wert.“
Die Digitalisierung der Verwaltung komme nicht voran, wir seien gefangen in politischem „Aktionismus“ und „in einer föderalen Struktur, einer schiebt die Schuld auf den anderen“. Sein Vorschlag: notfalls eine Gaspreisdeckelung durch den Staat.
Es sind die angesprochenen Schwächen, die geopolitische Großwetterlage, aber auch das sich verstärkende Stimmungstief, die zu düsteren Wachstumsaussichten fürs „Land am Limit“ führen. Das Handelsblatt Research Institute (HRI) geht davon aus, dass die Republik am Beginn einer Rezession steht, mit drei schwachen Quartalen in Folge. Wegen des guten ersten Halbjahres werde die Wirtschaft 2022 zwar noch um 1,4 Prozent wachsen, 2023 aber drohe ein Rückgang um 0,4 Prozent. Handelsblatt-Chefökonom und HRI-Präsident Bert Rürup: „Diese Krise macht die große Mehrheit der Einwohner ärmer.“
Diese Krise macht aber auch einige Unternehmen reicher, und zwar in Branchen wie Mineralöl, Reederei, Baustoff oder Software. Hier agieren groß gewordene Oligopole, die Wettbewerb nur vom Hörensagen kennen und als Trittbrettfahrer mit Net-Profit-Philosophie die allgemeine Inflation nutzen, um selbst ein Schippchen daraufzulegen, was die Preissteigerungen weiter anheizt. Die Beispiele für die Softwarebranche nennen wir in einem Report.
Auffällig ist etwa der Microsoft-Konzern, der den Preis fürs Officepaket 365 um bis zu 25 Prozent erhöht hat. „Ich komme nicht von Outlook oder Teams weg, deswegen kann Microsoft leichter die Preise erhöhen als andere Anbieter“, sagt uns der Chief Information Officer (CIO) eines deutschen Industriekonzerns. „On the record“ geht Stephanie Riesebeck vom IT-Anwenderverband Voice: „Ich habe den Eindruck, dass die Inflation den Anbietern als Begründung für deutliche Aufschläge gelegen kommt.“
Das Bundeswirtschaftsministerium reagiert auf den allgegenwärtigen Monopolismus mit dem Entwurf eines „Wettbewerbsdurchsetzungsgesetz“, über das Staatssekretär Sven Giegold jetzt informiert. So soll künftig das Bundeskartellamt nach Sektoruntersuchungen Abhilfemaßnahmen fixieren können, etwa verpflichtende offene Standards, ein wirksames Beschwerdemanagement oder die organisatorische Trennung von Firmenbereichen, bis hin zur Entflechtung.
Auch sollen die Fusionskontrolle verstärkt, Vorteile aus Kartellvergehen einfacher abgeschöpft und der „Digital Markets Act“ der EU durchgesetzt werden. Es ist Zeit, das strategische Mittel des Wettbewerbs wiederzuentdecken, das diese Republik nach 1949 groß gemacht hat.
Das Einhegen von Monopolen und Quasimonopolen gehört zu einem Ruck-Programm, wie es Ex-Bundespräsident Roman Herzog vor 25 Jahren gefordert hat. Die nötige Hinwendung zu erneuerbaren Energien ist ein Ansatz, worauf die „Wirtschaftsweise“ Monika Schnitzer im Handelsblatt verweist: „Die gegenwärtige Krise wird zu einem deutlichen Effizienzschub der deutschen Wirtschaft führen.“
So hätten sich in Japan nach der Ölkrise 1973 und Fukushima 2011 plötzlich technische Einsparmaßnahmen gerechnet, die sich vorher nicht lohnten. Die Petrochemie schrumpfte, Elektro- und Autoindustrie boomten. Schnitzer sagt: „In Runden mit Unternehmern höre ich zwar regelmäßig, dass es unmöglich sei, noch mehr Energie einzusparen, aber das glaube ich nicht.“
Viel Aufmerksamkeit, auch Kritik, erhält in Israel eine Rede, die Regierungschef Jair Lapid vor den Vereinten Nationen in New York gehalten hat. Er plädierte für die Gründung eines unabhängigen Palästinenserstaates, unter der Bedingung, dass er friedlich sein müsse: „Frieden ist kein Kompromiss, es ist die mutigste Entscheidung, die wir treffen können.“
Eine Mehrheit der Israelis sei für eine Zwei-Staaten-Lösung, so der Regierungschef: „Ich bin einer von ihnen.“ Doch ein künftiger Palästinenserstaat dürfe „keine weitere Terrorbasis werden“.
Das sind neue Töne in einem Streit, der in den letzten Jahren immer weiter eskalierte, auch aufgrund der Hardliner-Politik des Langzeit-Regierungschefs Benjamin Netanjahu, der bei den Parlamentswahlen am 1. November ein Comeback anstrebt. Wir erinnern uns an Albert Einstein: „Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und zu hoffen, dass sich etwas ändert.“
Mein Kulturtipp zum Wochenende: „Wirtschaft für Kids“ von Alexander Hagelüken. Es ist eine verständliche Einführung in die Ökonomie durch einen verständigen Autor, der Kinder ab 13 über komplexe Dinge wie Geld, Arbeit, Handel, Unternehmen oder Klima aufklärt. Diese etwas andere Schulfibel steht auf der Shortlist zu unserem „Deutschen Wirtschaftsbuchpreis“, genauso wie „Die Wasserstoffwende“ von Monika Rößiger, die sorgfältige, grundsolide, aufschlussreiche Durchdringung eines Zukunftsmarkts durch eine Wissenschaftsjournalistin, die bereits in den 1990er-Jahren vor dem Klimawandel warnte.
Wir werden beim Wirtschaftsbuchpreis erstmals auch einen undotierten Publikumspreis vergeben, wobei Sie sich gerne beteiligen können. Alle Titel stellen wir in der jeweils aktuellen Wochenendausgabe, auf der Website und kurz im Morning Briefing vor. Also: Welches ist Ihrer Meinung nach das beste Wirtschaftsbuch des Jahres? Welcher Titel sollte den Leserpreis bekommen? Hier geht es direkt zur Abstimmung.
Und dann ist da noch SAP-Milliardär Hasso Plattner, 78, der am Wohnort Potsdam mit Immobilienprojekten, dem Museum Barberini und einem T-Institut als Mäzen und Stadtgestalter aufgefallen ist. Jahrelang übertraf sich Brandenburgs Hauptstadt in Preußenbarock-Neuinszenierungen. Und Bauten, die irgendwie an Realsozialismus erinnerten, wurden Baggerbeute. Das alte „Café Minsk“, einst in der DDR deutsch-weißrussisches Restaurant, ließ man 25 Jahre lang verrotten. Immerhin, es wurde nicht eliminiert wie die architektonisch kühne Schwimmhalle daneben.
Nun hat ausgerechnet Plattner die Café-Ruine als Museum „Das Minsk“ wiederbelebt. Die Bar kann das Volk auch ohne Ticketkauf nutzen, man blickt übers halbe Potsdam, und mancher wird sich sagen, dass eine Verwaltung manchmal einen Unternehmer braucht, der zeigt, wie es auch geht.
Vielleicht ist Plattner ja einer Idee des Literaturnobelpreisträgers Robert Allen Zimmerman alias Bob Dylan gefolgt: „Was bedeutet schon Geld? Ein Mensch ist erfolgreich, wenn er zwischen Aufstehen und Schlafengehen das tut, was ihm gefällt.“
Ich wünsche Ihnen ein erfolgreiches Wochenende, an dem Sie einfach nur tun, was Ihnen gefällt.
Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
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