Morning Briefing: SAP-Kehrtwende drei Monate vor dem Wachwechsel – und wieder stellt sich die alte Frage
Drei Monate vor dem Wachwechsel: SAP tauscht Plattner-Nachfolger aus
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
in der Softwarebranche fragen sich viele, wie sich Hasso Plattner bei SAP jemals ersetzen lassen soll. Jetzt stellt sich heraus: Der 80-jährige SAP-Aufsichtsratsvorsitzende und Firmen-Mitgründer, gegen dessen Willen bei Deutschlands einzigem Softwarekonzern von Weltgeltung bis heute wenig läuft, hat auf diese Frage offenbar auch keine klare Antwort.
Am Sonntagabend verkündete SAP die Trennung vom designierten Plattner-Nachfolger, dem langjährigen Deloitte-Chef Punit Renjen. Stattdessen soll nun der frühere Nokia-Vorstand Pekka Ala-Pietilä auf SAP-Mitgründer Plattner folgen. Er saß bereits von 2002 bis 2021 im Aufsichtsrat des Softwareherstellers. Falls die Hauptversammlung ihn am 15. Mai wähle, sei er als Vorsitzender des Kontrollgremiums vorgesehen, erklärte der Konzern.
Grund für die Trennung von Renjen seien „die unterschiedlichen Vorstellungen über die Rolle als künftiger Aufsichtsratsvorsitzender“. Der indisch-amerikanische Manager habe beschlossen, sein Mandat mit der Hauptversammlung niederzulegen.
Renjen habe sich an vielen Stellen ins operative Geschäft eingemischt, heißt es in Konzernkreisen – deutlich über das hinaus, was das in Deutschland übliche duale Modell mit Vorstand und Aufsichtsrat vorsehe.
Wobei man es sich auch nicht so vorstellen sollte, als sei Plattner in seinen 21 Jahren als Aufsichtsratsvorsitzender jeden Morgen mit dem Corporate-Governance-Kodex unterm Arm ins Büro gekommen, um seinen Vorständen bloß nicht ins operative Geschäft reinzureden.
Bei der Nominierung vor einem Jahr hatte Plattner im Handelsblatt-Interview noch von seinem designierten Nachfolger Renjen geschwärmt:
Im Management gelten solche Wahrheiten bekanntlich exakt so lange, bis sie nicht mehr gelten.
Am vergangenen Freitag hatten wir in unserer Titelgeschichte über „Europas Bombe“ geschrieben, dass sich die deutsche Rüstungsindustrie auf die Option einer eigenen europäischen Nuklear-Streitmacht mit deutscher Beteiligung vorbereite. Nun bestätigt der Vorstandschef von Rheinmetall, Armin Papperger, diese Planspiele im Handelsblatt-Interview:
Der wichtigste Rüstungsboss der Republik stellt allerdings auch klar:
Genau diese Unterstützung steht immer mehr in Frage. Trump hatte am Samstag bei einer Wahlkampfveranstaltung gesagt, er würde in einer zweiten Amtszeit als US-Präsident Nato-Partnern, die ihren finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen, keinen Schutz vor Russland gewähren. Dabei ging es Trump offenbar um das Nato-Ziel, dass jedes Mitgliedsland mindestens zwei Prozent seiner Wirtschaftsleistung in die Verteidigung investieren soll. Eine Vorgabe, die Deutschland dank des Rüstungs-Sondervermögens mittlerweile knapp erfüllt.
Wo das nicht der Fall sei, sagte Trump weiter, würde er die Russen „sogar dazu ermutigen zu tun, was auch immer zur Hölle sie wollen“.
Ein Präsidentschaftskandidat ermuntert Russland zum Angriff auf Nato-Staaten: Jahrzehntelang hätte solch eine Aussage gereicht, um in den USA jede politische Karriere sofort zu beenden. Doch wie bei so vielen anderen Themen – von sexueller Belästigung über Rechtsbeugung bis zu Wahlmanipulation – scheint Trump auch in diesem Fall längst außerhalb aller Regeln zu spielen.
Der amtierende US-Präsident Joe Biden und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sind sich politisch gar nicht grün. Umso interessanter, wie sich Israels Premierminister nun über Bidens angebliche Aussetzer geäußert hat. „Ich habe mehr als ein Dutzend längere Telefongespräche mit Präsident Biden geführt“, sagte Netanjahu am Sonntag auf Nachfrage in einem Interview des US-Senders ABC News. „Ich fand ihn sehr klar und sehr konzentriert.“
Aus der Demokratischen Partei sind derzeit keine Bestrebungen bekannt, Biden als Kandidaten für die Präsidentschaftswahl im November auszutauschen. Doch in US-Medien hat die Debatte begonnen, wer Biden kurzfristig ersetzen könnte. Das spannendste und zugleich unglaubwürdigste Gerücht hat die Boulevardzeitung „New York Post“ in die Welt gesetzt: Angeblich bereitet die ehemalige First Lady Michelle Obama eine Überraschungskandidatur vor.
In Bezug auf Wladimir Putin und sein Bedrohungspotenzial scheint mir eine Faustregel zu gelten: Je näher ein demokratischer Staat an Russland liegt, desto kleiner ist dort die Fraktion, die auf die Kreml-Propaganda hereinfällt. Das gilt auch im Fall des Nato-Neumitglieds Finnland (1340 Kilometer Grenze zu Russland).
Bei der gestrigen Stichwahl um das Präsidentenamt hatten die finnischen Wählerinnen und Wähler die Wahl zwischen zwei Kandidaten, die sich in ihrer Unterstützung der Ukraine und der Nato-Mitgliedschaft kaum nachstehen. Am Ende setzte sich der ehemalige konservative Regierungschef und Außenminister Alexander Stubb mit 51,6 Prozent gegen den Grünen Pekka Haavisto durch, der auf 48,4 Prozent der Stimmen kam.
Vorbildlich: Der unterlegene Haavisto besuchte die Wahlparty seines Konkurrenten, bedankte sich für einen fairen Wahlkampf und gratulierte ihm:
„Was für ein Loser!“ würde Trump vermutlich denken, der mental und geografisch sehr weit entfernt von Finnland lebt.
Zugewinne für CDU und AfD, Verluste für die Ampel-Parteien SPD und FDP und ein kleines Minus bei den Grünen: Bei der teilweisen Wiederholung der Bundestagswahl in Berlin hat der Bundestrend durchgeschlagen. Bei den zwölf Bundestags-Direktmandaten, die in der Hauptstadt zu vergeben sind, gab es gegenüber 2021 keine Veränderungen.
Für die Wiederholungswahl durften die Parteien keine neuen Kandidatinnen und Kandidaten aufstellen, der Stimmzettel hatte so auszusehen wie 2021. Deshalb trat formell auch die ehemalige AfD-Bundestagsabgeordnete Birgit Malsack-Winkemann erneut an, die es 2021 nicht ins Parlament geschafft hatte und seit Ende 2022 wegen Verdachts der Unterstützung einer (rechts-)terroristischen Vereinigung in Untersuchungshaft sitzt... Sie erinnern sich vielleicht: der mutmaßliche Putschversuch des Prinzen in Cordhose und Tweedjacket.
Malsack-Winkemann konnte ihr Erststimmenergebnis im Wahlkreis Steglitz-Zehlendorf laut Wahlleitung um 0,2 Punkte auf 5,5 Prozent steigern. Wie schön wäre es, ließe sich dieser Stimmenzuwachs allein auf die modische Nähe zurückführen, die man im gediegenen Berliner Westen womöglich zu Heinrich XIII. Prinz Reuß verspürt. Ich befürchte allerdings dunklere Motive.
Ich wünsche allen Bewohnern der Karnevalsregionen je nach Neigung einen gut gelaunten Rosenmontag – oder einen sicheren Fluchtkorridor.
Herzliche Grüße
Ihr
Christian Rickens
Textchef Handelsblatt