Morning Briefing: Unter Druck: Aktionärsattacke gegen Bayer-Chef Baumann
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser,
Bayer-Chef Werner Baumann stehen ungemütliche Wochen bevor. Der aktivistische Investor Bluebell sammelt Finanzkreisen zufolge nach dem Einstieg bei dem Chemie- und Pharmakonzern Verbündete, um seine Forderungen durchzusetzen. Ganz oben auf Bluebells To-Do-Liste: Baumann soll weg, und zwar schnell. Der Vertrag des Bayer-Vorstandsvorsitzenden läuft eigentlich noch bis April 2024. Zudem fordert der Investor offenbar Veränderungen im Aufsichtsrat sowie die Aufspaltung des Konzerns. Ein erster Schritt dazu soll die Abspaltung des Geschäfts mit nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten rund um die Marke Aspirin sein.
Bluebell kauft üblicherweise kleine Anteile und sucht verbündete Aktionäre. Die zu finden fällt bei Bayer angesichts des schwachen Aktienkurses nicht allzu schwer: Auch der neu eingestiegene US-Hedgefonds Inclusive favorisiert einen neuen Chef, der von außen kommen soll, sowie eine „Überprüfung der Strukturen“. Vertreter der deutschen Fondsgesellschaften Union Investment und Deka nannten im Handelsblatt-Gespräch ähnliche Forderungen. Hinter vorgehaltener Hand äußerten auch andere Fonds Kritik. Hauptgrund für die Unzufriedenheit: Seit der Übernahme des US-Agrochemiekonzerns Monsanto 2018 hat die Bayer-Aktie rund die Hälfte an Wert eingebüßt.
Und noch ein aktivistischer Investor, der für Unruhe sorgt: In der Finanzbranche wächst die Furcht, dass die Turbulenzen beim Firmenkonglomerat des Milliardärs Gautam Adani die gesamte indische Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen könnten. Charu Chanana, Analystin beim Wertpapierhändler Saxo kommentierte: „Die Sorge vor einer Ansteckungsgefahr nimmt zu.“
Nachdem die Kritik des US-Investors Hindenburg einen beispiellosen Kurssturz der Adani-Gruppe ausgelöst hat, rücken nun auch Adanis Geldgeber in den Fokus. Zu ihnen zählen neben indischen Banken und Versicherern unter anderem auch die Deutsche Bank, die Siemens Bank sowie der französische Energiekonzern Total.
Vor der erwarteten russischen Frühjahrsoffensive befördert der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski offenbar einen hochrangigen Militär zum neuen Verteidigungsminister. Militärgeheimdienst-Chef Kyrylo Budanow löse Olexij Resnikow an der Spitze des Ministeriums ab, teilte der Parlamentsabgeordnete und Selenski-Vertraute Dawyd Arachamija am Sonntag mit. Resnikow werde Minister für strategische Industrien – was nicht nach einer Beförderung klingt. Wann der Wechsel in Kraft tritt, blieb offen.
Selenski hatte zuletzt bereits eine Reihe hochrangiger Staatsbediensteter ausgewechselt und dies mit Korruptionsvorwürfen begründet. Auch das Verteidigungsministerium war betroffen. Der Präsident sprach am Sonntag von einer schwierigen Lage und erbitterten Kämpfen an der Front im Gebiet Donezk im Osten des Landes: „Aber wie schwierig es auch sein mag und wie groß der Druck dort auch ist, wir müssen aushalten. Wir haben keine Alternative, als uns zu verteidigen und zu gewinnen.“
Im Rennen um das Präsidentenamt des EU-Mitglieds Zypern geht neben dem konservativen Favoriten Nikos Christodoulidis überraschend der linke Politiker Andreas Mavrogiannis in die Stichwahl am 12. Februar. Während Ex-Außenminister Christodoulidis in der ersten Wahlrunde am Sonntag mit 32 Prozent der Stimmen erwartungsgemäß vorne lag, schnitt Mavrogiannis, der ebenfalls Diplomat ist, mit einem Anteil von 29,6 Prozent stärker ab als erwartet. Umfragen räumen dem konservativen Christodoulidis allerdings die größeren Chancen ein, die Stichwahl zu gewinnen.
Der amtierende Präsident Nikos Anastasiadis durfte nach seiner fünfjährigen Amtszeit nicht mehr antreten. Die Wahl ist wichtig, weil der direkt vom Volk gewählte Präsident die Regierung bestellt und führt.
Auch in Berlin wird am 12. Februar nochmal gewählt, weil man es beim ersten Mal nicht richtig hingekriegt hat. Die CDU liegt einer neuen Umfrage zufolge deutlich vor Grünen und SPD. Laut der repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa für die „Berliner Zeitung“ kommen die Christdemokraten derzeit auf 26 Prozent. Dahinter folgen die Grünen (18 Prozent) knapp vor der SPD (17 Prozent). Die Linke landet in dieser Befragung bei 12 Prozent, die AfD bei 10 Prozent. Die FDP muss der Umfrage zufolge um den Einzug ins Abgeordnetenhaus zittern, sie steht bei 5 Prozent.
Berlins CDU-Chef Kai Wegner erteilte einer schwarz-grünen Zusammenarbeit am Wochenende im „Tagesspiegel“ quasi eine Absage. Er begründete das mit Plänen der Grünen, die Hälfte der Parkplätze in der Hauptstadt entfernen zu wollen – das sei „eine einseitige Politik gegen das Auto“. Wegner wünscht sich stattdessen eine Koalition mit der SPD.
Laut der Umfrage hätte die derzeitige rot-rot-grüne Regierung weiterhin eine absolute Mehrheit – allerdings künftig unter grüner Führung. Wenn Franziska Giffey (SPD) also Regierende Bürgermeisterin bleiben will, müsste sie voraussichtlich mit der CDU verhandeln.
Man braucht nur etwas machtpolitische und mediale Genügsamkeit, dann kann man das Amt des Bundesjustizministers jahrelang ausüben, ohne dass irgendjemand groß Notiz davon nimmt. Bestes Beispiel: Christine Lambrecht agierte zweieinhalb Jahre unfallfrei als Chefin des Justizressorts, bevor sie als Bundesministerin der Verteidigung sehr schnell an ihre Grenzen kam. Und wer erinnert sich nicht an die vielen Justizministerinnen und -minister vor ihr, an die sich niemand mehr erinnert?
Doch dieser Politikstil des „flach hinlegen und warten, bis es vorbei ist“ scheint dem derzeitigen Justizminister Marco Buschmann (FDP) nicht gegeben zu sein. Dementsprechend sorgt er derzeit für ordentlich Ärger in der Ampel. Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Johannes Fechner, sagt dem Handelsblatt in Bezug auf Buschmann: „Wir wünschen uns, dass er die Schlagzahl bei den Projekten erhöht, die im Koalitionsvertrag stehen. Da ist schon noch viel Luft nach oben bei ihm.“
Auch von den Grünen kommt Kritik. Allerdings scheint nicht unbedingt mangelnder Arbeitseifer Buschmanns Problem zu sein. Auffällig: Es sind vor allem Projekte, die der FDP-Klientel missfallen, bei denen Buschmann auf der Bremse steht. Etwa bei der Regulierung von Indexmieten oder bei der Vorratsdatenspeicherung. Je härter der Justizminister da von rot-grün kritisiert wird, desto heller strahlt vermutlich sein Stern bei der eigenen Wählerschaft.
Ich wünsche Ihnen einen Wochenauftakt, an dem Ihre Schlagzahl stimmt und Ihr Stern strahlt.
Herzliche Grüße
Ihr Christian Rickens
Textchef Handelsblatt
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