Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Morning Briefing Verbrenner-Aus auf Umwegen

15.07.2021 - 06:30 Uhr 2 Kommentare

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

Al Capone wurde einst nicht wegen Mordes verurteilt, sondern wegen Steuerhinterziehung – ins Gefängnis musste er trotzdem. Auch dem Verbrenner droht der Freiheitsentzug auf Umwegen. Die EU-Kommission verbietet Diesel- und Benzinmotoren nicht.

Aber sie verkündete gestern, dass sie ab 2035 das Emissionsziel für die Pkw- und Lieferwagenflotten der Autokonzerne auf null Gramm CO2 senken will. Die Vorgabe lässt sich faktisch nur mit Elektro- oder Wasserstoffantrieb erreichen. Eine Alternative könnten klimaneutral hergestellte synthetische Kraftstoffe sein, mit denen etwa Porsche seinen 911er auch nach 2035 röhren lassen will.

Doch Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans zeigt sich im Handelsblatt-Interview skeptisch:Einige in der Autoindustrie behaupten, dass auch Autos mit Verbrennungsmotoren emissionsfrei sein können. Ich halte das für eine ziemliche Herausforderung, um es sehr milde auszudrücken. Aber es wird kein formelles Verbot von Benzin- oder Dieselautos geben.“

Das Verbrenner-Aus ist Teil des gestern vorgestellten EU-Klimapakets. Das muss allerdings noch vom EU-Parlament und den Regierungen der Mitgliedsstaaten gebilligt werden. In diesem Prozess finden sich erfahrungsgemäß viele Punkte, an denen die Autolobbyisten ihre öligen Schraubenschlüssel ansetzen können.

EU-Kommission präsentiert Klimakonzept „Fit for 55“ für Wirtschaft und Verbraucher

Noch stärker als das Verbrenner-Aus wird die zweite Säule des Klimapakets die deutsche Wirtschaft umwälzen: die allmähliche Umstellung der kompletten Industrie auf klimaneutrale Energieträger. In den besonders betroffenen Branchen wie Stahl oder Chemie ist das Nervositätsniveau deutlich erhöht. Covestro-Vorstand Klaus Schäfer warnt: „Wenn es nicht gelingt, die Versorgung mit grünem Strom für die nächsten Jahrzehnte zu sichern, droht eine Deindustrialisierung.“

Das gilt besonders, weil der Schutzzoll, mit dem die Kommission klimaschädlich produzierte Importe in die EU künftig belegen will, bislang vor allem die Produktion von Fragezeichen fördert.

Sollte es das oberste Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) gewesen sein, dass möglichst wenige Menschen vom Vorhaben eines digitalen Euro Wind kriegen, dann hat sie die Präsentation ihrer Pläne genau auf den richtigen Tag gelegt. Schließlich schauten gestern alle angestrengt nach Brüssel und nicht nach Frankfurt.

Der digitale Euro soll es Bürgern erstmals ermöglichen, Zentralbankgeld in elektronischer Form zu halten. Bislang ist das nur als Bargeld möglich. Der Digitaleuro ließe sich zum Beispiel in einer elektronischen Geldbörse („Wallet“) auf dem Handy speichern und zum Bezahlen an der Supermarktkasse einsetzen.

„Wir wollen sicherstellen, dass Bürger und Unternehmen auch im digitalen Zeitalter Zugang zur sichersten Form des Geldes, dem Zentralbankgeld, haben,“ sagt EZB-Präsidentin Christine Lagarde.

Grafik

Gerade in Deutschland könnte das einiges verändern, hier lieben besonders viele Menschen das Bezahlen mit Bargeld. Sie wissen oder ahnen zumindest: Das Guthaben auf dem Girokonto ist lediglich ein Zahlungsversprechen der kontoführenden Geschäftsbank. Die kann pleitegehen – oder das Geld kann durch Negativzinsen entwertet werden.

Nicht umsonst neigen die Bürger dazu, in Krisenzeiten ihre Konten leer zu räumen. Mit dem digitalen Euro müsste man dazu noch nicht einmal mehr zum Bankschalter oder Geldautomaten. Ein Swipe auf dem Handy könnte genügen, um das Geld vom Girokonto in die elektronische Geldbörse zu überweisen. So einfach war der Bankrun noch nie.

Die meisten Experten prognostizieren daher, dass es eine Obergrenze von vielleicht einigen tausend Euro für das Guthaben geben wird. Damit verschwindet der leicht anarchische Nervenkitzel dieses Vorhabens komplett – wenn der digitale Euro denn überhaupt kommt. In den nächsten zwei Jahren will die Notenbank erst einmal prüfen, wie eine Digitalwährung ausgestaltet und umgesetzt werden kann. Danach muss erneut der EZB-Rat grünes Licht geben und die endgültige Umsetzung beschließen, die nochmals einige Jahre dauern kann.

1902 beorderte Kaiser Wilhelm II. den deutschen Botschafter in Washington zurück ins Reich. Seine Majestät waren zornig, dass bei der Taufe seiner neuen Jacht in New York gegen alle Absprachen französischer Champagner gegen den Bug geschleudert worden war, statt deutschem Söhnlein-Sekt.

Quelle: via REUTERS
Biden und Merkel beim G7-Gipfel 2021 in Großbritannien: Der US-Präsident war schon immer ein überzeugter Transatlantiker.
(Foto: via REUTERS)

Was ist angesichts solcher diplomatischer Kalamitäten schon der Streit um eine Pipeline? Dies als tröstender Zuruf gen Angela Merkel, die heute zum Antrittsbesuch bei US-Präsident Joe Biden weilt. Dies dürfte zugleich ihr Abschiedsbesuch als Bundeskanzlerin sein.

Biden war schon überzeugter Transatlantiker, als noch Helmut Schmidt im Bonner Kanzleramt regierte. Dementsprechend will Biden nicht, dass der Streit um die von den USA abgelehnte deutsch-russische Ostseepipeline Nord Stream 2 Merkels Besuch überschattet. Aber klein beigeben will Washington natürlich ebenso wenig. Zumal auch Merkel mit deutschen Wünschen anreist, etwa einer Aufhebung des Einreisestopps für Europäer in die USA.

Fazit: Schade, dass Joe Biden dem Alkohol gänzlich abhold ist, sonst könnte ein Pikkolöchen Söhnlein-Sekt sicher helfen, die Verhandlungen zu entspannen.

Börsenmäntel, besser unter dem Kürzel Spac bekannt, sind die Wunderkammer des modernen Kapitalismus: Man lässt eine Firma ohne operatives Geschäft an die Börse gehen, deren einziges Ziel es ist, mit dem an der Börse eingeworbenen Geld eine nicht börsennotierte Firma zu kaufen. Bislang spielte sich der Spac-Boom vor allem in den USA ab, spätestens seit gestern hat er auch Deutschland erreicht.

Die seit Februar an der Frankfurter Börse gelistete Mantelfirma Lakestar Spac I des Investors Klaus Hommels übernimmt den Ferienhausvermittler Hometogo. Das gaben die beiden Unternehmen am Abend per Ad-hoc-Meldung bekannt. Mit der Übernahme erhält das 2014 gegründete Berliner Start-up einen unmittelbaren Zugang zum Aktienmarkt.

Wobei unsere Start-up-Reporterin Larissa Holzki darauf hinweist, dass die Spacs in Deutschland einen unrühmlichen Vorreiter hatten: Vor zwölf Jahren starteten die Investoren Thomas Middelhoff, Florian Lahnstein und Roland Berger mit ihrem Börsenmantel „Germany 1“ einen ähnlichen Deal, der sich aber für die Investoren als Fiasko erwies. Die 2009 erworbene AEG Power Solutions ging 2017 in die Insolvenz.

Und dann ist da noch Rudolf Scharping, ehemaliger Kanzlerkandidat der SPD und heutiger Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer, der in einem Gastbeitrag für die „Zeit“ die Grünen auffordert: „Hört auf zu jammern“. Deren Spitzenkandidatin Annalena Baerbock wolle Kanzlerin werden – da müsse man sich vorher fragen, wie viel Stehvermögen sie habe und wie gut sie bei hartem Gegenwind führen könne. Scharping: „Auch mir sind – im Rückblick – unangenehme Fehler passiert.“ Aber Wahlkampf sei eben ein Kampf, für den „Mimosen“ nicht geeignet seien.

Scharpings Äußerung unterscheidet sich deutlich von der Bewertung des früheren SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel, der Baerbock beigesprungen war. „Der journalistische Schaum vor dem Mund verdeckt nur den Voyeurismus, endlich mal wieder eine Frau scheitern zu sehen“, schrieb Gabriel auf „Twitter“. Und auch SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz urteilte milde: Jeder mache Fehler, „trotzdem finde ich die Kritik im Fall von Frau Baerbock ein bisschen übertrieben“.

Ich wünsche Ihnen einen Tag, der Ihnen keinerlei Anlass zum Jammern bietet.

Herzliche Grüße
Ihr

Christian Rickens
Textchef Handelsblatt

Hier können Sie das Morning Briefing abonnieren:

Morning Briefing: Alexa
Startseite
2 Kommentare zu "Morning Briefing : Verbrenner-Aus auf Umwegen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Ich schätze das Handelsblatt und auch das Morning Briefing sehr. Ich würde mir im Zusammenhang künftiger Antriebsmodelle aber mehr Berichterstattung zur Technologieoffenheit wünschen. Zudem sollte Journalismus auch mit der Politik hierzu mehr in die offene Debatte gehen. Beispiele wie die Fa. Ineratec in Karlsruhe zeigen Lösungen. Herr Timmermanns darf sicherlich zu Besuch kommen. Herzliche Grüße

  • Das Morning Briefing von Herrn Rickens wirkt deutlich erfrischender. Ein echter (positiver) Unterschied zur Vorgängerversion. Glückwunsch! Weiter so!

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%