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Bentley Continental GTC Speed im TestWenn der Earl in Eile ist

Ein wahrer Gentleman rennt nicht. Wenn Sir es eilig hat, nimmt er den Bentley. Und zwar ohne Chauffeur. Denn im offenen Cabrio liegen die besseren Plätze ausnahmsweise vorne.Frank G. Heide 10.09.2015 - 08:07 Uhr Artikel anhören

Der offene Gran Turismo ist eine imposante, aber keine aufdringliche Erscheinung. Krawall und Protz sind ihm fremd, er eignet sich perfekt für Cruiser-Touren und große Reisen, allerdings mit kleinem Gepäck.

Foto: Frank G. Heide

Düsseldorf. Diesem Fahrzeug fehlt komplett die Mitte. Es gibt hier einfach nichts durchschnittliches, normales. Alles ist extrem, vom Gewicht über die PS-Zahl und den Preis bis hin zum Aschenbecher und den Lüftungsdüsen. Dennoch überwiegt beim Bentley Continental GTC Speed, eines der schnellsten und edelsten Cabrios der Welt, das Understatement, die feine britische Art der Zurückhaltung.

Dabei ist der Continental, den es als Basismodell bereits für rund 200.000 Euro gibt, nur das Einstiegsmodell für die etwas ärmeren, chauffeurlosen Bentley-Kunden, die noch selber fahren.

Aber wie selbstverständlich löst die 1919 gegründete Traditionsmarke auch bei dem offenen Selbstfahrermodell den selbstbewussten Claim ein, mit dem man auf den Umschlagcovern teurer Hochglanzmagazine um neureiche Kunden à la Robert Geiss wirbt: „Guten Stil kann man kaufen.“

In puncto Stil stechen bei unserem in „Beluga Solid“ lackierten Testwagen aus einer wahren Flut bemerkenswerter Details drei Dinge heraus: Der Wagen hat ein Facelift hinter sich, und außer Bentley-Fachverkäufern wird es niemand auffallen. Er ist mit der Top-Motorisierung unterwegs, dem sechs Liter Hubraum großen Zwölfzylinder-Biturbo, und man möchte doch meist nur cruisen. Last but not least hat er einen der besten Innenräume, die man für Geld kaufen kann, aber er wirkt nicht besonders protzig.

 

Für genau diese Wirkung scheinbar anstrengungslos erreichter Eleganz und eines „sophisticated luxury“, der fast beiläufig wirkt, stecken sie in Crewe aber auch einige hundert Stunden Handarbeit in jedes Modell. Danach zeigen etwa hochglanzpolierte, filigrane Luftmengenregler, die an Orgel-Registerzüge erinnern, das hier wirklich alles aus Metall ist, was glänzt.

Große Liebe zum Detail beweisen unzählige aufwändig geriffelte Metalloberflächen – beispielsweise am Gang-Wahlhebel, hinten(!) an den Schaltpaddles, auf der Innenseite der Türgriffe oder am schweren Funkschlüssel.

Wohin das Auge auch blickt, entdeckt es feine Details, die jeden Bentley geradezu selbstverständlich royal wirken lassen. So tragen je nach Modell zwischen acht und 14 Rindviecher ihre Haut zu Markte, damit der großzügigst belederte Innenraum in Handarbeit entstehen kann. Ziernähte werden hier sparsam aber wirkungsvoll gesetzt, und sogar das in unserem Testwagen großflächig eingesetzte Karbon wirkt dank vornehmem Graustich eher wie ein dezent lifestyliges Furnier.

Edelstes Leder und feine Rautenmuster, wohin das Auge blickt. Viele Ziernähte werden noch von Hand gesetzt, und alles was hier glänzt, ist auch wirklich aus schwerem Metall.

Foto: Frank G. Heide

Passagiere, die man mitnimmt, lieben den dezenten Lederduft, wie in einer vornehmen Taschen- und Schuh-Boutique. Nachdem die tresorschwere Tür hinter ihnen angenehm hörbar ins Schloss klickt und ein Motor sie leise surrend zuzieht, können sie gar nicht mehr aufhören, alles anzufassen und als luxuriös-solide zu loben während sie sich auf im Rautenmuster abgesteppten und perforierten Ledersesseln räkeln, die sowohl beheizt als auch gekühlt sind, und sanft den Rücken massieren. Jeder spürt es: Hier steht absoluter Komfortanspruch über allem anderen.

Die etwas skurrilen Highlights der Ausstattung sind ein Brillenetui aus Carbon über dem Cupholder in der Mittelkonsole, ein von Bentley beigelegtes Mobiltelefon, in das man seine Sim-(Zweit)-Card einlegt, ein sechsfach-CD-Wechsler, der das halbe Handschuhfach füllt und ein Aschenbecher aus einem Pfund mattgebürsteten Aluminium, der in einem Inspector-Jury-Krimi als feine Mordwaffe taugen würde.

All das gibt es bei anderen Anbietern moderner und schlichter, gar nicht mehr oder besser integriert. Aber wer würde das schon wollen? Beim genießerischen Blick auf die ins feine Leder eingelassene Breitling-Analog-Uhr vergeht die Zeit ja auch irgendwie souveräner, stilvoller.

Zugunsten des eigenen Stils stellt Bentley schnelllebige Modernität und allzu Zeitgeistiges eben lieber hinten an, zeigt sich dafür kompromisslos beim scheinbar selbstverständlichen Erreichen der Ziele Luxus, Komfort, Handwerkskunst.

Vornehme Zurückhaltung ist auch beim wahlweise per Zündschlüssel oder per Startknopf zum Leben erweckten Zwölfzylinder das oberste Prinzip. Auf dem Papier mögen die Leitungsdaten des etwas antiquierten W12-Triebwerks aus dem Volkswagen-Konzern atemberaubend sein: 635 Pferdestärken, 825 Newtonmeter Drehmoment, Beschleunigung von Null auf 100 km/h: 4,4 Sekunden, Spitze: 327 km/h, das sind Werte, die auch Sportwagenenthusiasten aufhorchen lassen.

Diese Kombination löst nicht nur bei Betrachtern Befremden aus. Wer einen Wocheneinkauf in den Bentley einladen möchte, wird vom knappen Gepäckraum enttäuscht sein.

Foto: Frank G. Heide

Aber bei unseren Ausfahrten begeistert der schwarz glänzende Gleiter durch andere Qualitäten: Die Leichtigkeit und Souveränität, mit der sich das fast drei Tonnen schwere Fahrzeug bewegt, ist die feine englische Art.

Selbst wenn ihre Lordschaft auf dem Weg nach Ascot geruht, den Gasfuß mit Nachdruck zu senken, gerät auf den umliegenden Sitzen keinem Haupt die Krone oder der Designerhut ins Schwanken. Denn die von ZF beigesteuerte Achtgang-Automatik wechselt im Komfortmodus so schnell und ruckfrei die Gänge, dass man es kaum mitbekommt.

Und während die maximale PS-Zahl erst im oberen Drehzahlbereich anliegt, steht das unglaubliche Drehmoment schon bei 2.000 Touren zur Verfügung, was Lust am beschaulichen Langsamfahren fördert.

Der gewaltige Schalthebel ist ein Handschmeichler mit fein geschliffenem Rautenmuster. Das in die breite Mittelkonsole integrierte Brillenetui, das zwei Cupholder verdeckt, zählt zu den eher skurrilen Extras. Trotz Einsatz leichten Karbons wiegt es etwa ein Pfund.

Foto: Frank G. Heide

 

Wird etwas mehr Adrenalin gewünscht, steuert man eine beliebige Kurve mit einer Spur zuviel Optimismus an. Alle Insassen werden danach erleichtert sein, dass einem nicht der Asphalt unter den gewaltigen Pneus ausgegangen ist. Verantwortlich für die nachhaltigen Fliehkräfte in Kurven ist das hohe Gewicht, das man jederzeit auch beim Bremsen aus hohen Geschwindigkeiten spürt. Annähernd drei Tonnen Gewicht kann der Bentley in einigen, aber nicht in allen Fahrsituationen kaschieren. Dass seine Wankneigung dabei sehr gering bleibt. ist auch ein Verdienst des hervorragenden Luftfeder-Fahrwerks mit stufenloser Niveauregulierung.

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Dass immer alles gut geht liegt auch am ausgezeichneten Allradantrieb, der die schiffsdieselähnlichen Kräfte des Triebwerks ohne jeglichen spürbaren Schlupf nun 60:40 zugunsten der Hinterachse verteilt. Und muss die Elektronik tatsächlich mal eingreifen, so geschieht auch das so dezent, dass niemand um seine Würde ringen muss.

Natürlich verzichtet Bentley auf unziemlichen Krawall, selbst wenn man die volle Leistung abruft, und obwohl die vierflutige Klappen-Auspuffanlage so gewaltige Dimensionen hat, wie scheinbar jedes andere Bauteil auch. Aber sie wird hinter zwei chicen elliptischen Chromblenden verborgen, und auch über den Sound wird sich kein Anwohner jemals beschweren.

Zehn Millimeter näher am Asphalt als der Vorgänger liegt der neue GTC Speed. Von 0 auf 100 km/h rennt der Brite in nur 4,4 Sekunden, und das bei fast drei Tonnen Gewicht. In der Spitze schafft der über 225.000 Euro teure Wagen 327 km/h. Aber das ist gar nicht das größte Vergnügen in dem stilvollen Gran Turismo ...

Foto: Frank G. Heide

Sehr satt klingt er, der GTC Speed, ein bisschen nach V8 im unteren Drehzahlbereich. Ab 3.000 Umdrehungen kann er sein Hubraumvolumen nicht mehr zu verleugnen, dann fliegen ihm alle Blicke zu, weil jeder glaubt, es nähere sich ein gewaltiges Gewitter.

Mein Lieblingssound ist das Umschalten auf Schubbetrieb, wenn man im mittleren Drehzahlbereich runterschaltet oder abrupt vom Gas geht. Dann brabbelt und grollt er so böse, dass der Hund von Baskerville den Schwanz einklemmen würde.

Zum würdevollen Umgang des Bentley mit seiner schieren Kraft gehört auch ein kleiner Gedenk-Sekunden-Bruchteil. Wann immer man auf den Gasfuß gegen jeglichen Widerstand voll durchtritt, hört man den Butler unter der Motorhaube. „Vollgas, Sir? Sind Sie sicher?“, fragt er, aber dann werden wir auch schon mit Nachdruck in die feinen Lederfauteuiles gedrückt.

Not amused stellen wir eine Zehntelsekunde später fest, dass uns bei solchen Sprints die Luft knapp wird. Denn der automatische Gurtstraffer hält uns nun unbritisch fest umklammert. Shocking! Das mag der Sicherheit dienen, aber da wünschen wir uns und dem Bentley etwas mehr Gelassenheit.

Eine ultimative Herausforderung für 2, 22 Meter breite und 4,81 Meter lange Schiff samt Steuermann sind Parkhäuser. Die Übersicht ist nach allen Seiten gleich schlecht, die Fahrspur scheinbar immer zu eng, der Ticketautomat stets eine Handbreit weiter weg, als mein Arm lang ist. Da die 21-Zoll-Felgen edel und teuer sind halte ich respektvoll Abstand. Andere Bentley-Besitzer werden vermutlich sagen: „Einparken? Dafür haben wir doch Personal.“

Bei mir sieht das etwas anders aus, freitags fahre ich mit dem Bentley selber zu Aldi, zum Fressnapf, zum Trinkgut-Getränkemarkt sowie zu Bauhaus und Hornbach. Die üblichen Besorgungen vor dem Wochenende stehen an. Und es zeigt sich, dass der Exot überwiegend wohlwollend betrachtet wird, wenn er sein natürliches Habitat verlässt.

Aber es wird auch neugierig und stumpf gegafft. „Helmut, mach den Mund zu,“ höre ich eine Frau ihren Begleiter anzischen, während ich auf dem Penny-Parkplatz das Dach öffne. Das dauert 23 Sekunden und man kann es entweder im Stand oder bis maximal Tempo 30 erledigen, was auf Helmut wohl fast erregend provokativ wirkte. Der GTC ist halt nichts für schüchterne Gemüter, die lieber im Verborgenen bleiben.

 

Mehr Spaß macht die Landstraße, wo zusätzlich zum Sitz auch der Multimedia-Sound in die Massage eingreift. Die von der feinen britischen HiFi-Manufaktur Naim zugesteuerten Komponenten summieren sich auf unüberhörbare 900 Watt, wobei die staubtrockenen Subwoofer-Bässe ein besonderes Lob verdienen. Hat sich auf dem Verdeck oder der Echtglas-Heckscheibe etwas Staub niedergelassen, einfach mal ordentlich laut machen, schon ist das Problem wie weggeblasen.

Die Breitling-Analoguhr im Armaturenbrett gehört zum Bentley wie das geflügelte B im Logo des Traditionsunternehmens. Dass statt feinem Furnier mittlerweile auch Karbon zum Einsatz kommt lässt den Wagen eher zeitlos als wirklich modern wirken. Ein Highlight sind die Lüftungsdüsen und deren stufenlose Verstellung: Hier ist alles aus echtem Metall und so angenehm schwergängig, dass es super solide wirkt.

Foto: Frank G. Heide

Und weil die Anlage sowohl im offenen Zustand wie auch bei geschlossenen Stoffdach so sauber klingt, verzeihen wir dem Bentley großzügig, dass er keinen USB-Anschluss besitzt und das Display des Multimedia-Infotainments phlegmatisch bis gar nicht auf Touchscreen-Befehle reagiert. Genau wie beim typischen, ebenfalls nicht topmodernen Navi aus dem VW-Regal gilt: Für den aufgerufenen Preis darf man durchaus mehr erwarten.

Überhaupt, der Preis, das ist ja der Elefant im Raum, die immer zuerst gestellte Frage: „Was kostet der? Echt, 225.000? Wahnsinn!“ Dabei ist das nur eine Zahl, die für Bentley-Käufer noch nicht mal herausragende Bedeutung hat. Die Testfahrer-Kollegen denken weiter, sie fragen direkt: „Und was ist für Dich das Besondere daran?“

Die Antwort ist simpel, denn es gab definitiv schon einige Autos, die mehr Herzrasen und Adrenalinschub auslösten: Dass ich vieles könnte mit dem GTC, aber nichts muss. Dass er dem Fahrer schon nach Minuten das souveräne Gefühl vermittelt, sowieso einer der Schnellsten, Teuersten, Exotischen zu sein, aber nichts davon unter Beweis stellen muss.

Ein heißgemachter Alltagssportler, der den Bentley mit kurz aufheulendem Motor zum Ampelsprint herausfordert? Darüber lächelt der Fahrer eines 635 PS starken Zwölfzylinder-Biturbo mit Allradantrieb milde. Herausforderer wirken wie Dackel, die eine Eiche anbellen. Im GTC schwebt man über solcherlei Provokation einfach hinweg.

Selbst wenn der Namenszusatz Speed ein bisschen herausfordert, so ist es doch definitiv das größte Vergnügen im Cabrio einfach nur zu cruisen. Sein Potenzial nur hintergründig zu spüren, nicht tatsächlich abzurufen. Die Sonne scheint, die Audioanlage spielt Säusel-Soul, und zwischen 1.000 und 2.000 Umdrehungen schaltet die superbe Automatik ruckfrei bei Tempo 70in den siebten von acht Gängen. Sitzkühlung und Nackenheizung verschönern den Aufenthalt, dessen Stille auch nicht von einem einzigen nervenden Warnpieper oder übereifrigen Assistenten unterbrochen wird.

Schlechter Asphalt wird vom luftgefederten und niveauregulierten Fahrwerk komplett ausgebügelt. Die Lenkung ist ebenso präzise wie leicht und komfortabel. Und wer die doppelt verglasten Scheiben oben lässt und das Windschott aufbaut, fährt offen sogar bis circa 160 km/ ohne die Frisur völlig zu zerstören.

Ganz ehrlich: Diese unbeschwerte Reise im offenen Gran Turismo hätte ewig so weiter gehen dürfen. Sich von einer sanft bollernden Drehmomentwelle knapp über Standgasniveau einfach davontreiben lasse. Tja, hätte. In der Realität war nach wenigen hundert Kilometern Tankstopp angesagt. 90 Liter SuperPlus passen in den Tank. Was er davon auf 100 Kilometern verbraucht, darüber schweigen Gentlemen.

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