Mercedes GL im Autotest: Zu groß für alles
Deutsches Auto, made in the USA: Der GL wird wie schon sein Vorgänger im US-amerikanischen Werk Tuscaloosa gefertigt und dann nach Deutschland importiert.
Foto: Sebastian SchaalDüsseldorf/Dortmund. Fünf Meter lang, zwei Meter dreißig breit. Mindestens so groß muss ein Stellplatz in Nordrhein-Westfalen sein, festgeschrieben in der „Verordnung über Bau und Betrieb von Sonderbauten“ aus dem Jahr 2009. Für die allermeisten Autos ist das genug Platz. Sicher in die Parklücke rein und der Fahrer bekommt die Türe gerade noch so weit auf, dass er einigermaßen bequem aussteigen kann.
Das gilt aber nicht für die Fahrer eines Mercedes GL. Mit Maßen von 5,12 Metern Länge und einer Breite von 2,14 Metern mit Außenspiegeln reicht eine Standard-Parklücke in den seltensten Fällen aus.
In der Praxis sieht das dann beispielsweise so aus: An einem sonnigen Sonntagmorgen stellen Sie den GL auf dem Parkplatz vor dem Schiffshebewerk Henrichenburg bei Waltrop ab, Familienausflug. Der Wagen steht exakt auf dem Stellplatz, dank der Mithilfe der aufwändigen Surround-Kamera – die 1.654,10 Euro Aufpreis sollten Sie wirklich investieren. Es ist kurz vor halb elf, der Parkplatz ist größtenteils leer. Kein Wunder, schließlich beginnt die erste Führung des Tages durch das Industriemuseum erst in einer halben Stunde.
Ein paar Zeigerumdrehungen später sieht das Bild anders aus. Die Parkfläche ist bis auf den letzten Stellplatz gefüllt, rechts und links des grauen Kingsize-SUV haben Familienväter ihre Mittelklasse-Autos abgestellt. Gerade so können Sie noch auf den Fahrersitz klettern.
Jetzt kommt wieder die Umfeld-Kamera und auch die klassischen Parksensoren ausführlich zum Einsatz. Zentimeterweise vor- und zurücksetzen, insgesamt sieben Mal, dann kann der GL rückwärts von dem Parkplatz rollen. Vorwärts geht es nicht, wenden ist auf dem engen Parkplatz nicht drin. So sah es zumindest bei mir aus.
Zu groß für die Stadt: In engen Wohngebieten fühlt sich der GL nicht wohl, zwischen den parkenden Autos und dem GL bleiben nur wenige Zentimeter Platz. Von der Suche nach einem geeigneten Stellplatz wollen wir gar nicht erst reden.
Foto: HandelsblattSchade: Die Tagfahrlichter sind im GL nicht das geschwungene Leuchtband in den Scheinwerfern – wie etwa bei der A-Klasse oder dem SL – sondern die geraden LED-Streifen unterhalb des Scheinwerfers.
Foto: HandelsblattGut, Mercedes hat den Siebensitzer zum Fahren und nicht zum Parken gebaut, aber selbst nach der längsten Fahrt muss ich den Wagen irgendwann irgendwo abstellen. Das sollte aber möglichst in der Hofeinfahrt oder der großen Doppelgarage ein.
So sehr die Parkmanöver die Schweißperlen auf die Stirn des GL-Fahrers treiben, umso stressfreier ist die Fahrt selbst.
Auch in dem großen SUV kann die bewährte Mercedes-Kombination des 258 PS starken V6-Diesel mit der 7-Gang-Automatik ihre Qualitäten ausspielen. Ein für den gemütlichen Gleiter schon fast übertrieben wirkender Antritt beim Ampelstart (620 Newtonmetern sei Dank), ein souveräner Durchzug auf Autobahn und Landstraße sowie ein erträglicher Verbrauch zeichnen den Selbstzünder aus.
Im Schnitt unserer rund 1.200 Kilometer langen Testfahrt gönnte sich der GL 10,5 Liter auf 100 Kilometer. Bei gleichmäßiger Schleichfahrt auf den verstopften Autobahnen im Berufsverkehr waren es sogar einmal 8,7 Liter. Weniger ging aber nicht. Seine Abgase reinigt der GL 350 Bluetec zusätzlich mit einem speziell entwickelten Harnstoff, „AdBlue“ genannt. Hinter der Tankklappe befindet sich ein zweiter Einfüllstutzen. Keine Sorge, Sie müssen nicht noch zusätzlich AdBlue tanken. Das füllt die Werkstatt bei den regulären Wartungen wieder auf.
Als nicht ganz so souverän wie der Antrieb hat sich das Luftfahrwerk des GL erwiesen. Der GL hat schließlich den Ruf, ein noch komfortableres Reiseauto zu sein als die S-Klasse. Doch gerade bei voller Beladung mit vier Erwachsenen und Gepäck im Kofferraum rollt der GL relativ hart ab - ganz anders, als man es von so einer Sänfte erwartet. Ist man alleine unterwegs, verschwindet das harte Einfedern auf den Bodenwellen wieder. Nur wer kauft ein 5,12 Meter langes SUV um darin größtenteils alleine zu fahren?
Langweilige Farbkombination, aber gute Verarbeitung: Der Innenraum des GL überzeugt eher mit den Funktionen als mit dem Design.
Foto: Sebastian Schaal
Zu dem ansonsten angenehmen Fahrerlebnis trägt unter anderem das sehr gut funktionierende Abstandsradar bei. Egal ob beim stundenlangen Dahinrollen mit Reisetempo 150 oder im Stop&Go des Berufsverkehrs: Das System hält den festgelegten Abstand zum Vordermann ein, bremst selbst bis zum Stillstand ab. Dann reicht ein leichter Druck aufs Gaspedal, und schon rollt der GL wieder im Verkehr mit.
Die neue S-Klasse wird hier noch einiges nachlegen, das Top-Modell von Mercedes wird künftig automatisch anfahren und sogar selbstständig im Stau lenken. Wirklich nötig scheint das nicht, schon der GL nimmt genügend der unschönen Aufgaben ab, um sich den schönen Seiten des Autos, beispielsweise der Soundanlage, voll widmen zu können. Leider ist der Abstands-Tempomat nur in einem Paket für 2.677,50 Euro zu haben, ist aber sein Geld wert.
Das gilt aber nicht für alle Assistenz-Systeme unseres Testwagens. Ein Beispiel sind die Sitze. Insgesamt kosten sie in unserem Testwagen 5.545,40 Euro Aufpreis. Für Sitze. Der Preis setzt sich zusammen aus dem Lederbezug in Alpaka-Grau (2.142 Euro), Sitzheizung vorne und hinten für jeweils 404,60 Euro, zudem können die Vordersitze noch gekühlt werden (1.285,20 Euro).
Fehlen noch 1.309 Euro für den Multikontursitz - die können Sie sich aber sparen. Die Einstellung der feinfühligen Lordosen-Stütze geht nur umständlich über das Multimedia-System, auch die Massage-Funktion kann nicht ganz überzeugen.
Ab Werk kommt der GL als Siebensitzer zu dem Kunden. Die beiden hinteren Sitze lassen sich per Knopfdruck im Kofferraumboden versenken.
Foto: Sebastian SchaalAuch das Geld für den Nachtsicht-Assistenten können Sie besser an einer anderen Stelle der ausführlichen Aufpreis-Liste ausgeben. Der Bildwinkel der nach vorne gerichteten Infrarot-Kamera ist viel zu klein. Wenn Sie bei Dunkelheit eine Person auf dem Bildschirm sehen können, steht diese quasi direkt vor dem Auto – mitten im Scheinwerferlicht.
Schlecht beleuchtete Straßenecken lässt das System außen vor. Da ist ein einfaches Abbiege-Licht deutlich effektiver. Auf der Landstraße reicht auch der Lichtkegel der guten Xenon-Scheinwerfer aus, der Blick auf das Display in der Mittelkonsole lenkt nur ab.
Es sind kleine Schwächen, die sich der GL leistet – und die der Kunde durch gezielte Kreuze auf der Optionsliste teilweise umgehen kann.
Der Kofferraum fasst zwischen 680 und 2.300 Liter. Nur lässt sich mangels Gepäcknetz nur ein kleiner Teil des mächtigen Laderaums wirklich nutzen.
Foto: Sebastian Schaal
Ist der GL in seinem angestammten Revier unterwegs, kann er seine Qualitäten voll ausspielen. Seien es die beiden vollwertigen Plätze in der dritten Sitzreihe, die prunkvoll-üppigen Platzverhältnisse auf den vorderen fünf Plätzen oder der 3,5 Tonnen schwere Anhänger am Haken. Mit dem Offroad-Paket (Sperre für das Mitteldifferenzial, Getriebeuntersetzung, Höhenregulierung der Luftfederung) sind sogar noch kurze Ausflüge ins Gelände möglich.
Steht das GL also doch für „Get Lucky“, das Auto, das rundum glücklich macht und keine Wünsche offen lässt? In den USA vielleicht, aber für europäische Straßen ist das Kingsize-SUV schlicht zu groß. Zumal der etwas kleinere ML fast dieselben Funktionen bietet, gibt es nur einen Schluss: Weniger ist manchmal doch mehr.