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JobsWie können Betriebe mehr Auszubildende bekommen?

Dass die Zahl neuer Auszubildender historisch niedrig ist, verschärft den Fachkräftemangel in der Industrie. Mehrere Projekte zeigen jetzt, wie Betriebe Schulabgänger doch für sich begeistern können.Barbara Gillmann 16.04.2025 - 08:29 Uhr Artikel anhören
Auszubildende beim Autohersteller Ford: Seit der Coronapandemie agieren Jugendliche unsicherer bei der Berufswahl. Foto: Ford-Werke GmbH

Berlin. Berufsausbildung ist das zentrale Instrument gegen Facharbeitermangel – doch aktuelle Zahlen zeigen, wie schwierig es für viele Betriebe ist, genug junge Leute zu finden, um ihre Lehrstellen zu besetzen. 2024 wurden laut dem Bundesinstitut für Berufsbildung bundesweit rund 487.000 neue Auszubildende eingestellt, erneut weniger als im Vorjahr. 69.400 Ausbildungsstellen blieben demnach unbesetzt.

Zugleich fanden 70.400 Bewerberinnen und Bewerber keinen Ausbildungsplatz. Experten erwarten zudem, dass wie in den Vorjahren auch 2024 wieder bis zu 250.000 Schulabgänger zunächst im sogenannten „Übergangsbereich“ gelandet sind. Dort warten sie auf eine Lehre in ihrem Traumberuf, werden nachqualifiziert oder hoffen auf bessere Zeiten.

Die Zahl der jungen Menschen zwischen 20 und 34 ohne jegliche Ausbildung erreichte 2022 den Rekordwert von 2,9 Millionen. Neuere Daten gibt es nicht.

Dass es immer weniger gelingt, Betriebe und Interessenten zusammenzubringen, liegt teilweise daran, dass sie regional nicht zusammenkommen oder die Wünsche der Jugendlichen nicht erfüllbar sind. Schuld sei die mangelhafte Berufsorientierung in den Schulen, klagen Wirtschaftsverbände wie der DIHK und das Handwerk.

Einzelne Initiativen zeigen jedoch, dass es durchaus einen erfolgreichen Weg gibt, Jugendliche viel früher für eine Ausbildung zu interessieren: über einen direkten Kontakt mit Betrieben und längere Praktika.

Vier Berufe in zwölf Monaten

Zum Beispiel das Projekt „Tag in der Praxis“ in Nordthüringen: Hier verbringen die Schüler im zweiten Halbjahr der achten und im ersten Halbjahr der neunten Klasse jeweils einen Tag pro Woche in einem Betrieb. Über ein Jahr lernen sie so vier Berufsfelder in vier Unternehmen kennen.

Das Projekt startete vor zwei Jahren, mittlerweile machen 60 Prozent der Schulen der Region mit 1380 Schülern und 900 Betrieben mit, berichtet Karsten Froböse von der Agentur für Arbeit Thüringen-Nord. Sie hat es gemeinsam mit dem Schulamt organisiert.

Untersuchungen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) haben gezeigt, dass Jugendliche seit der Coronapandemie immer mehr dazu neigen, ihre Berufsentscheidung zu verschieben. Sie sind unsicher und halten das Angebot für unübersichtlich. „Es herrscht eine gewisse Lethargie, sie kommen einfach nicht mehr ins Machen“, berichtet BIBB-Experte Hubert Ertl.

Wenn jedoch die Praktika so zahlreich und vor allem verpflichtend seien wie in Nordthüringen, „entwickeln sie sich enorm, tauschen sich untereinander aus und lernen, dass zum Beispiel Mathe im Betrieb wirklich wichtig ist“, hat Froböse festgestellt. Weil sich die Eltern der Jugendlichen an die Tradition „Unterrichtstag in der Produktion“ in der ehemaligen DDR erinnerten, reagierten auch sie sehr positiv auf die Praktikumsinitiativen.

Ausbildungswerkstatt der Deutschen Bahn: Für Unternehmen lohnt sich der Aufwand mit Praktikanten, weil sie so frühzeitig Azubis gewinnen. Foto: picture alliance / SZ Photo

Schwieriger sei es für die Organisatoren gewesen, passende Betriebe zu finden: „Anfangs mussten wir sehr stark werben, damit genügend mitmachen, das war ein sehr großer Aufwand“, erzählt Froböse. Jetzt sei das Ganze ein Erfolg, weil die Unternehmen erfahren hätten, dass sich der Aufwand mit den Praktikantinnen und Praktikanten lohne, um später Azubis zu finden.

Authentische Erfahrung toppt Social-Media-Post

Bundesweit bricht gut ein Viertel der Auszubildenden die Lehre ab. Der frühe Kontakt mit der Praxis könne helfen, die Quote zu senken, heißt es sowohl beim BIBB als auch in Nordthüringen. Dort habe etwa eine Schülerin, die eigentlich zu einem Pflegeberuf neigte, durch die vier Praktika entdeckt, „dass ihr Ding die Physiotherapie ist“.

Ein Schüler habe eine Autowerkstatt, eine Kita und zwei Industriebetriebe kennengelernt – „er lernt jetzt in dem Industriebetrieb, in dem das Betriebsklima besser ist“, erzählt Froböse.

Dass die Jugendlichen sich selbst mehr für Praktika, Betriebsbesuche und Ferienjobs interessieren als für Beratung, Messen oder schulische Veranstaltungen, zeigt die Befragung „Be You“. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) führte sie unter 6000 Schülerinnen und Schülern in Abschlussklassen durch.

Noch weniger Wert legten sie demnach auf Informationen auf Social-Media-Plattformen oder auf Eignungstests am Computer. „Das Authentische, das Reale ist ihnen am wichtigsten“, sagt IAB-Experte Bernd Fitzenberger.

„Von Anfang an überlaufen“ sei das 2024 gestartete Freiwillige Handwerksjahr (FHJ) in Lübeck gewesen, berichten dessen Organisatoren. Hier lernen Ausbildungsinteressierte während eines Jahres vier Ausbildungsberufe in je dreimonatigen Praktika kennen.

Das Projekt sei mit 20 Anmeldungen gestartet, „mittlerweile können wir uns nicht mehr retten vor Anfragen“, berichtete Petra Gaede von der Handwerkskammer Lübeck bei einer Veranstaltung. Die Schulabgänger würden sich für August 2025 bewerben, „wenn sie die Schule fertig haben“.

Viele der Jugendlichen hätten erst während ihrer Praktika in den Betrieben verstanden, „wofür sie Flächenberechnung oder Dreisatz brauchen“, der in den Schulen zum Lernplan gehört, berichtet Gaede. Das Projekt bietet auch pädagogische Betreuung für Schulabgänger mit Sprachproblemen oder sozialen Problemen. Das lohne sich, denn unter ihnen gebe es viele Potenzial, das nicht gefördert werde.

Für die Betriebe sei das Angebot „die ideale Gelegenheit, angehende Azubis zu gewinnen“, ist die Expertin überzeugt. Dennoch täten sich viele noch schwer, beim Projekt mitzumachen – „vor allem weil sie die 450 Euro monatlich pro Praktikant nicht zahlen wollen“.

Praxisverständnis in der Schule lehren

Mecklenburg-Vorpommern hat die Praxiserfahrung bereits breit in die Schule integriert: Dort gehen die Jugendlichen in Klasse acht oder neun ein halbes Jahr lang einmal wöchentlich in einen Betrieb und lernen mindestens drei Berufe kennen.

Das zusätzliche Betriebspraktikum dauert jeweils 25 Tage, „das ist spitze in Deutschland“, sagt Kultusministerin Simone Oldenburg (Linke) im Handelsblatt-Interview.  Hinzu kommen fünf Tage, an denen die Jungen und Mädchen mit Lehrkräften Firmen besuchen oder Vertreter von Firmen in der Schule empfangen.

Das Problem der mangelnden Berufsorientierung von Schulabgängern beschäftigt nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Kultusminister. Deren Berater von der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) haben soeben ein Gutachten mit Empfehlungen vorgelegt, was sich ändern müsse, damit Schüler frühzeitig mit der Arbeitswelt in Kontakt kommen, die nötigen Fähigkeiten dafür mitbringen und möglichst die richtige Berufswahl treffen.

Sie fordern etwa, dass Schülerinnen und Schüler der Mittelstufe viel besser lernen müssten, wie sie das Schulwissen in der Praxis anwenden. Daneben verlangen sie von den Ländern, das unübersichtliche System des „Übergangsbereichs“ zu ordnen.

Diese Kurse, die meist an den Berufsschulen stattfinden, müssten viel stärker auf die tatsächlichen Bedürfnisse und Lücken der einzelnen Schüler ausgerichtet sein, so die SWK. Dadurch erhöhe man die Chance, dass sie den Sprung in eine Ausbildung schaffen.

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Erstpublikation: 14.04.2025, 20:12 Uhr.

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