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Autobahn GmbH des Bundes So chaotisch lief die Suche nach den Chefs der deutschen Autobahnen

15.000 Mitarbeiter, zehn Milliarden Euro Investitionen im Jahr: Wer wird die neue Autobahn GmbH des Bundes aufbauen? Die schwierige Suche ist endlich abgeschlossen.
13.12.2018 - 11:42 Uhr Kommentieren
Das abgesackte Autobahnteilstück der A20 symbolisiert den Zustand des Bundesprojekts, die Autobahngesellschaften der Länder zu zentralisieren. Quelle: dpa
Autobahn GmbH

Das abgesackte Autobahnteilstück der A20 symbolisiert den Zustand des Bundesprojekts, die Autobahngesellschaften der Länder zu zentralisieren.

(Foto: dpa)

Berlin Die Suche nach zwei Geschäftsführern für die neue Autobahn GmbH des Bundes hat ein Ende: Nachdem sich der Bund bereits auf Abellio-Chef Stephan Krenz festgelegt hatte, steht seit Mittwochabend die zweite Person fest: Anne Rethmann, Geschäftsführerin bei der Cerner Health Services Deutschland GmbH. Der Wirtschaftsingenieur und die Betriebswirtin werden federführend die neue Verwaltung für die Bundesfernstraßen aufbauen. Das erfuhr das Handelsblatt aus Regierungs- und Branchenkreisen. Doch die Suche verlief alles andere als geordnet.

Es hätte ein ganz normales, nahezu langweiliges Auswahlverfahren werden können, als die Beamten von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) im Frühjahr die Personalberater von Odgers Berndtson beauftragten. Zwei Geschäftsführer galt es zu finden. Technisch sowie kaufmännisch sollten sie in der Lage sein, eine der größten Gesellschaften des Bundes aufzubauen: die Autobahn GmbH mit 15.000 Mitarbeitern und einem jährlichen Budget von gut zehn Milliarden Euro.

Noch arbeiten Planer, Ingenieure, Juristen, Schlosser, Straßenreiniger und viele Berufsgruppen mehr allesamt für die Bundesländer und bauen sowie verwalten dort im Auftrag des Bundes die rund 13.000 Kilometer Autobahnen. Ab 2021 wird der Bund die Verantwortung allein in die Hand nehmen. Zentralisiert sei alles effizienter und günstiger, hatten der Bund und die Ministerpräsidenten der Länder zumindest vor eineinhalb Jahren beschlossen und entsprechend das Grundgesetz geändert. Seitdem spricht Minister Scheuer von der „größten Reform in der Geschichte der Autobahnen“.

Das wäre sie in der Tat – wenn sie nicht zum Rohrkrepierer wird. Bislang gibt es keinerlei Strukturen für die erhoffte Mammutbehörde. Und auch bei der Suche nach den Geschäftsführern knirschte es kräftig im Gebälk des zuständigen Verkehrsministeriums.

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    Dabei sollten die wichtigen Vorarbeiten zwei erfahrene Manager gemeinsam mit den ebenfalls vom Ministerium engagierten Beratern von Roland Berger, Ernst & Young, Bearing Point und Beiten Burkhardt (Auftragswert: 24 Millionen Euro) leisten. Doch bislang wurden allein ein paar Geschäftsräume in der Voßstraße in Berlin-Mitte angemietet, in denen übergangsweise die Chefs einer anderen Bundesgesellschaft bis Ende Februar die Stellung halten. Dann aber sollen endlich zwei neu bestellte Geschäftsführer übernehmen.

    Bisher war sie Geschäftsführerin bei der Cerner Health Services. Quelle: Cerner Health Services
    Anne Rethmann

    Bisher war sie Geschäftsführerin bei der Cerner Health Services.

    (Foto: Cerner Health Services)

    Landauf, landab hatten deshalb die Personalberater von Odgers Berndtson seit April nach geeigneten Kandidaten für diese nicht nur organisatorisch, sondern auch politisch heikle Mission gesucht. Geschäftsführer einer Autobahn GmbH müssen eine Organisation aufbauen, IT-Systeme aus 16 Bundesländern angleichen, ein Bilanzsystem aufstellen, den Einkauf und das Controlling implementieren und nebenbei die vielen Mitarbeiter in den Bundesländern motivieren, auch nach dem Aus der Landesverwaltungen für den Bund zu arbeiten und nicht ihr Heil in der freien Wirtschaft zu suchen oder sich in Zukunft um die Landstraßen zu kümmern.

    Die Headhunter annoncierten und sprachen ihnen bekannte Köpfe an. Es dauerte gut acht Wochen und sie hatten 24 Profile zusammengestellt, zwölf für die technische und zwölf die kaufmännische Geschäftsführung. Das berichten Insider.

    Jeweils sechs Kandidaten stellten sich kurz darauf der im Verkehrsministerium eingesetzten Personalfindungskommission vor: dem heutigen Aufsichtsratsvorsitzenden der Gesellschaft und Staatssekretär im Verkehrsministerium, Gerhard Schulz, sowie den Abteilungsleitern Astrid Freudenstein und Stefan Krause sowie der Referatsleiterin Tatjana Tegtbauer – allesamt auch Aufsichtsräte der Autobahn GmbH.

    „Speeddating“ zum Kennenlernen

    Es folgte eine weitere Runde und am Ende noch eine „Speeddating“, bei dem sich die Finalisten gegenseitig beschnupperten. Schließlich sollten der technische sowie der kaufmännische Geschäftsführer gut zusammenarbeiten. Dann fiel die Entscheidung, wie mit der Sache Betraute erzählen: Anfang Juli stellten sich die Sieger beim Minister persönlich vor – damit er auch wisse, wer in Zukunft die Geschäfte dieser bedeutenden Behörde leiten würde. Eine reine Formsache, hieß es, da der Minister nicht im Aufsichtsrat der Gesellschaft vertreten sei und deshalb auch nicht entscheide.

    Krenz war bisher Chef von Abellio. Quelle: Abellio
    Stephan Krenz

    Krenz war bisher Chef von Abellio.

    (Foto: Abellio)

    Doch ist die Besetzung der Stelle natürlich angesichts der Bedeutung zwangsläufig ein Politikum. Wie es hieß, erhielten die zwei Kandidaten die Zusage: Abellio-Deutschlandchef Stephan Krenz solle als Sprecher der Geschäftsführung fungieren, eine Unternehmensberaterin und erfahrene Managerin aus Süddeutschland die kaufmännischen Geschäfte führen. Zunächst.

    Zur zügigen Unterschrift kam es aber nicht. Ein Grund war das ohnehin schon bestehende Chaos bei der Gründung der Gesellschaft. So hatte das Ministerium versäumt, die Gewerkschaften einzubinden, womit der Gesellschaftervertrag und die Verhandlungen über einen Tarifvertrag auf der Kippe standen. Schließlich gilt es, die Arbeitsbedingungen von 15.000 Menschen und ihren Familien neu festzulegen. Erst im September gab es eine politische Grundsatzeinigung, die Gesellschaft wurde formal gegründet. Danach tobte aber noch der Landtagswahlkampf in Bayern, was CSU-Politiker Scheuer nachhaltig beschäftigte.

    Erst Ende November ging es mit der Besetzung der Geschäftsführerposten weiter, hieß es. Scheuer hielt sich offenkundig nicht heraus, im Gegenteil: Er soll darauf bestanden haben, dass nur Krenz als technischer Geschäftsführer zum Zug kommt, die Suche nach dem kaufmännischen Geschäftsführer sollte von neuem beginnen.

    Der Minister habe „andere Vorstellungen“, berichten Beteiligte. Damit war das bereits neun Monate andauernde Verfahren, dass den Steuerzahler viel Geld gekostet hatte, wieder auf Null gestellt. Auch wurden mit dem Veto etliche kompetente Persönlichkeiten verprellt, die sich am Auswahlverfahren beteiligt hatten. Anfang der Woche noch stand fest: Krenz werde am Freitag dem Aufsichtsrat vorgestellt, der seinen Arbeitsvertrag absegnen solle. Eine kaufmännische Geschäftsführerin des Auswahlverfahrens werde wohl nicht dabei sein. Von einer Sondersitzung des Aufsichtsrates im Januar war die Rede.

    Das Ministerium kolportierte, dass es wegen der unterschiedlichen Gehaltsvorstellungen mit der zunächst auserkorenen Geschäftsführerin nicht geklappt habe. Allerdings wurde der Gehaltsrahmen schon gleich zu Beginn der Gespräche mit den Personalberatern besprochen, bevor es irgendwelche Unterlagen gab. So berichteten es Insider und so ist es bei Personalrekrutierungen auch üblich. Ohnehin stecken Auftraggeber einen Gehaltsrahmen fest, auch ein Ministerium.

    Von einer möglichen „politischen Besetzung“ war seitdem die Rede. Es fiel der Name von Karolina Gernbauer, Amtschefin der Staatskanzlei in Bayern, die bereits unter Edmund Stoiber und Horst Seehofer gedient hatte und die Seehofer nur zu gern mit nach Berlin mitgenommen hätte, damit sie sein Super-Ministerium des Innern, für Heimat und Bau steuert. Gernbauer aber wollte schon im Frühjahr nicht nach Berlin wechseln, sondern blieb aus persönlichen Gründen in München und arbeitet seitdem unter Markus Söder weiter.

    Im Berliner Verkehrsministerium hieß es verteidigend, es habe nie eine finale Festlegung auf eine kaufmännische Geschäftsführerin gegeben. Einzig habe festgestanden, dass eine Frau die Position besetzen solle. Es seien „viele gute Frauen im Rennen“. Die Entscheidung falle womöglich bald. Am Ende würden alle „sehr zufrieden sein“.

    Berater waren „mehr als irritiert“

    Bei der Personalberatung Odgers Berndtson hieß es: „Kein Kommentar.“ Allerdings berichteten mit der Materie Betraute, dass die Berater „mehr als irritiert“ gewesen seien, als plötzlich alles wieder anders war. Klar war für sie nur: Obwohl sie bundesweit nach kompetenten Personen gesucht hatten, sollten sie nun in Windeseile noch einmal neue Kandidatinnen präsentieren, damit am Freitag bei der Aufsichtsratssitzung eventuell doch noch eine zweite Geschäftsführerin vorgestellt werden könne.

    In der Branche sorgte das Vorgehen hingegen einmal mehr für Kopfschütteln, hat das Ministerium doch bereits bei der Besetzung des Vorstands der Deutschen Bahn AG kein glückliches Händchen gehabt und etliche Top-Managerinnen bei der Suche nach einer kompetenten Frau verprellt. Bis zum Mittwoch drohte das ohnehin heikle Projekt der Zentralisierung der Autobahnverwaltung weiter im Chaos zu versinken. In Kreisen des Aufsichtsrates hieß es, ohne eine Geschäftsführung werde die Lage jeden Tag schlimmer. Längst rede niemand mehr positiv über die Entwicklung des Projekts.

    „Die Geschäftsführung steht vor einer Herkulesaufgabe: 16 regionale Strukturen sind bis 2021 zu integrieren, 500 Softwareversionen zu vereinheitlichen, Mitarbeiter zum Wechsel zu motivieren, Fachkräftelücken zu schließen“, mahnte deshalb auch Heike van Hoorn, Geschäftsführerin des Deutschen Verkehrsforums. So sollte etwa eigentlich bis zum Jahresende ein Tarifvertrag vereinbart sein, damit die 15.000 Landesbediensteten sich entscheiden können, ob sie zum Wechsel bereit sind. Doch der Vertrag steht noch lange nicht. Von einem möglichen Abschluss im April oder Mai ist die Rede.

    Beim Verkehrsforum, in dem sich Unternehmen aus dem Verkehrssektor organisieren, schwante den Fachleuten Schlimmes. Schließlich soll die Autobahn GmbH neue Fernstraßen bauen, Schlaglöcher stopfen und so die Mobilität auf der Straße im Transitland Deutschland wieder verbessern. Geschäftsführerin Hoorn forderte daher „eine kompetente Besetzung der Geschäftsführung, damit die Aufbauarbeit zügig und nahtlos vorangeht“.

    Ohne eine ordentliche Vorbereitung könne sonst die Straßenverwaltung zum Problem werden. „Angesichts des Zustands unserer Fernstraßen und des prognostizierten Verkehrswachstums können wir uns keine Brüche leisten“, sagte Hoorn.

    Kritik kam auch von der FDP. „Die späte und immer noch nicht vollständige Besetzung der Geschäftsführung ist ein weiteres Indiz für das Chaos, dass beim Aufbau der Autobahngesellschaft herrscht“, sagte der verkehrspolitische Sprecher Oliver Luksic. Das Bundesverkehrsministerium sei der Aufgabe nicht gewachsen.

    „Noch immer liegt kein Konzept vor, wie der Übergang der Auftragsverwaltung vor allem personell vonstattengehen soll“, kritisierte der Bundestagsabgeordnete. Dies lasse vermuten, dass der Zeitplan nicht gehalten werden könne. „Wir können uns weitere Verzögerungen angesichts maroder Brücken und Fahrbahnen und gleichzeitig steigender Verkehrszahlen nicht leisten“, mahnte Luksic.

    Am Mittwochabend dann gab es doch noch Entwarnung: Das Ministerium hatte eine Geschäftsführerin gefunden, die nun am Freitag neben Abellio-Chef Krenz dem Aufsichtsrat präsentiert wird: Anne Rethmann von Cerner Health Services Deutschland GmbH. Cerner ist IT-Dienstleister für Krankenhäuser. Die Betriebswirtin Rethmann war zuvor für Siemens Healthcare in Berlin verantwortlich. Ab März 2019 sollen die beiden Manager nun die Autobahn GmbH aufbauen.

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