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Beatrix von StorchDas Meinungs-Imperium der AfD

An der Spitze der AfD rumort es, doch eine der Strippenzieherinnen ist davon unberührt: Beatrix von Storch steht mit ihrem Ehemann hinter einem riesigen Netzwerk aus Initiativen. Der Kitt ihres Imperiums: das „Dagegen!“.Désirée Linde 24.11.2014 - 12:54 Uhr Artikel anhören

Europaabgeordnete und Aktivistin: Beatrix von Storch.

Foto: Imago

Düsseldorf. Von dem Streit in der Spitze der AfD bleibt eine Frau offenbar unbedrührt. Eine Parteigröße, die seit den Europawahlen im Mai für die AfD im EU-Parlament sitzt: Beatrix von Storch. Für die AfD und deren Anhänger ist die 43-Jährige deshalb aber nicht minder wichtig – von Storch, ehemals FDP-Mitglied und seit 2013 bei der AfD – verfügt über ein beachtliches Initiativen- und Kampagnennetzwerk. Für eine noch so junge Organisation wie die AfD ist das Gold wert.

Die Europapolitikerin serviert gemeinsam mit ihrem Ehemann Sven von Storch den Bürgern Politik häppchenweise, genau zugeschnitten auf das jeweilige Interesse, und greift so teils ganz verschiedene Strömungen auf – von marktradikalen und europakritischen Positionen bis hin zu einer christlich-konservativen Familienpolitik. Seit ihrer Studentenzeit kämpft von Storch gegen Abtreibung, für Bodenreformen in der DDR, gegen die Gleichstellung von Mann und Frau und neuerdings auch gegen Finanzhilfen für Griechenland. Eine mächtige Waffe ist dabei ihr Netzwerk.

Die AfD – neue Volkspartei oder kurze Protestepisode?
Es steckt einiges von der Union früherer Zeiten in der Alternative für Deutschland (AfD). Nur in der Europapolitik grenzt sich die AfD klar von dem ab, was Helmut Kohl zu seinen Kanzlerzeiten wichtig war. Die AfD besetzt aber andere zentrale Themen der Union wie Familie, Kriminalität und Zuwanderung. Die Warnungen der AfD vor einer Überlastung der Sozialsysteme durch Asylbewerber erinnern an die aufgeheizte Das-Boot-ist-voll-Debatte Anfang der 90er Jahre. Die AfD knüpft zudem an die konservative Gedankenwelt von Bundesministern wie Manfred Kanther (CDU) und Theo Waigel (CSU) an.
Doch. Auch heute sind das Schwerpunkte der Union. Doch die CSU war im Europa-Wahlkampf mit ihrer auf Ausländer gemünzten Parole „Wer betrügt, der fliegt“ und dem Herziehen über die EU-Kommission nicht erfolgreich. Und CDU und CSU bekamen unter Angela Merkel und Horst Seehofer bei der Bundestagswahl 41,5 Prozent - mit einer liberaleren Einstellung zu Homosexuellen, mit einer neuen Definition von Familie, aber ohne einen Law-and-Order-Mann als Bundesinnenminister. So machte die Union die Erfahrung, dass ein Kurs der Mitte mehr Stimmen bringt als das Beharren auf konservativen Positionen.
Die AfD setzt sich für mehr Basisdemokratie ein – und steht damit im Kontrast zur CDU. Einige ihrer Mitglieder stammen außerdem aus der Konkursmasse kleinerer rechter, liberaler und konservativer Parteien. Ehemalige Angehörige von NPD und DVU können dagegen nicht Mitglied der AfD werden. Im Osten wirbt die Partei um DDR-Nostalgiker, die zwar den Sozialismus nicht zurückhaben wollen, aber zum Beispiel Elemente des alten Bildungssystems gut finden.
Ja - auch wenn die CDU in Brandenburg und Thüringen trotz Stimmenverlusten an die AfD zulegen konnte. Erstens hat die Union durch ihren Wandel hin zu einer modernen, urbanen Partei eine Flanke an ihrem rechten Rand aufgemacht und könnte weiter Konservative, die in der Union keine Heimat mehr sehen, verlieren. Und zweitens wirbelt die AfD die Parteienlandschaft so durcheinander, dass die Machtoptionen für die Union schwinden. Eine Koalition mit der AfD schließt die CDU genauso aus wie mit der Linken, und auf die FDP kann sie nicht mehr zählen. Unabhängig davon, dass Schwarz-Grün im Bund ein Novum wäre, könnte es mit den Grünen knapp werden - wenn die AfD denn 2017 in den Bundestag einzöge. Bliebe ein Bündnis mit der SPD - das sollte aber aus Sicht beider Parteien kein Dauerzustand sein.
Nicht einheitlich. CDU-Generalsekretär Peter Tauber sagt: „Wir wollen die Wähler zurückgewinnen.“ Fraktionschef Volker Kauder (CDU) will die AfD ignorieren und sich mit ihren Politikern nicht einmal in eine Talkshow setzen. Wolfgang Bosbach vom konservativen „Berliner Kreis“ der CDU hält das für falsch. Viele Unionspolitiker raten inzwischen, sich intensiv mit der AfD auseinanderzusetzen. Parteichefin und Kanzlerin Angela Merkel ging im Brandenburger Wahlkampf deutlich auf die Grenzkriminalität ein, nachdem die AfD bei der Sachsen-Wahl damit punktete. Koalitionen mit der AfD schließt sie aber aus.
Die AfD stellt sich als Partei der braven Sparer und Steuerzahler dar, deren Wohlstand durch die Rettung maroder Banken und überschuldeter Euro-Länder gefährdet ist. Sie fordert, dass außer Flüchtlingen nur noch „qualifizierte und integrationswillige“ Ausländer nach Deutschland kommen dürfen und bemüht dafür gerne das Beispiel des Einwanderungslandes Kanada. Die AfD, die sich seit ihrem guten Abschneiden bei drei Landtagswahlen als „kleine Volkspartei„ bezeichnet, wettert gegen die in Deutschland inzwischen weit verbreitete Kultur der „politischen Korrektheit“. Ihrer Führungsriege gehören etliche Ex-Mitglieder von CDU und FDP an. Deshalb finden einige wertkonservative Wähler die Strategie der CDU, die AfD wie eine nicht-salonfähige Randgruppe zu behandeln, wenig glaubwürdig.
Nein. „Eintagsfliege“, „Protestpartei“ – diese Etiketten wurden der AfD in den ersten Monaten oft aufgeklebt. Doch im Gegensatz zu den Piraten, die sich lange vor allem der Selbstzerfleischung widmeten, halten sich die internen Streitereien noch im Rahmen. Außerdem hat sich die AfD rasch von einer Ein-Thema-Partei (Eurorettung) zu einer gemausert, die verschiedene Politikfelder besetzt.

Der große Multiplikator im Imperium der von Storchs ist das Onlinemedium „Die freie Welt“. In der „Internet- & Blogzeitung für die Zivilgesellschaft“ entsteht durch Nachrichten – das, was Journalisten Agenturmeldungen nennen – der Eindruck, es handele sich um eine klassische Nachrichtenseite: Dort findet sich Meldungen unter Überschriften wie „Brüssel will Plastiktüten-Verbrauch reglementieren“, der Mindestlohn bedrohe das Bäckerhandwerk oder Gewerkschaften in Italien haben Streiks angekündigt.

Gleichwohl überwiegen stark meinungsgefärbte Beiträge: Als Topthema präsentierte die Seite jüngst etwa ein Interview mit dem ehemaligen slowakischen Minister Vladimir Palko, der erklärt, die Kommunisten aus dem Kalten Krieg säßen jetzt in Brüssel. Ein weiterer Artikel auf der Seite steht unter der Dachzeile „Lob für Hedwig von Beverfoerde“ und befasst sich mit dem Kampf gegen „Gender Mainstreaming“, das nach konservativer Lesart „den Unterschied zwischen Mann und Frau leugnet“. In der Berichterstattung unter anderem des NDR sieht ein weiterer Artikel „subtile Stimmungsmache“ gegen eine Demo gegen den niedersächsischen Bildungsplan, der die Akzeptanz sexueller Vielfalt im Schulgesetz verankern will.

AfD

Die Angstpartei

Es sind oftmals eins zu eins die Positionen der AfD, die sich dort gehäuft wiederfinden. Gegensätzliche Sichtweisen: Fehlanzeige. Im Impressum positionieren die von Storchs den Blog als von Parteiinteressen unabhängiges Medium: „Die FreieWelt.net will dem aktiven Bürger die Möglichkeit geben, sich schnell, 24 Stunden am Tag (...) über das aktuelle Geschehen in Deutschland und der Welt zu informieren“, heißt es da. Durch die „Auswertung von vielfältigen nationalen wie internationalen Quellen“ wolle man ein „möglichst objektives Bild des Gesamtgeschehens geben“.

Im Freudentaumel: AfD-Spitzenkandidat Bernd Lucke (rechts) und AfD-Kandidatin Beatrix von Storch bei der Wahlparty nach der Europawahl.

Foto: dpa
Netzwerk der AfD-Hardlinerin von Beatrix von Storch
Beatrix von Storch und ihr Mann Sven von Storch steuern die vielfach als rechts eingestufte Internet- und Blogzeitung FreieWelt.net und das Internetportal www.Abgordneten-Check.de, über die laut Lobbypedia für marktradikal-rechtspopulistische Positionen und eine christlich-konservative Familienpolitik geworben wird. Daher wird die Strömung auch als deutsche Tea-Party bezeichnet.Quellen: Konrad-Adenauer-Stiftung; FH Düsseldorf; Lobbypedia; Handelsblatt-Recherchen
Gründung 1966. Verantwortlich laut der Webseite: Beatrix von Storch. Initiierte die Kampagne der Studenten, die die Rückgabe der in der DDR beschlagnahmten Adelsgüter fordern sowie Aufklärung über den Verfassungsbruch der Regierung Kohl-Schäuble.
2004 gegründet. Im Vorstand sitzen Beatrix von Storch und ihr Mann Sven von Storch. Kritiker verweisen auf die „marktfundamentalistischen und erzkonservativen“ Positionen der „Zivilen Koalition“ und sprechen von einer „deutschen Tea-Party-Bewegung“.
Öffentlich bemerkbar macht sich die „Zivile Koalition“ vor allem als Netzwerk verschiedener Initiativen, die sie von ihrem Sitz in Berlin aus betreibt; Berichten zufolge mit insgesamt 14 Angestellten. Bedeutsam sind hierbei das Institut für Strategische Studien Berlin (ISSB), welches von Beatrix' Ehemann Sven von Storch geleitet wird, sowie „Die Freie Welt“.
Gründung 2003. Vorstand: Beatrix von Storch, Vera Lengsfeld, Klaus Peter Krause. Setzt sich als „Apo von rechts“ ein für die Rückführung des Staates auf Kernkompetenzen und den Abbau von Sozialleistungen zugunsten privater Vorsorge. Auf Politiker soll Druck in diese Richtung ausgeübt werden. Eingekaufte und professionelle Kampagnenpolitik, der so „von oben“ zum Protest aufruft. Die Strukturen sind intransparent und nicht demokratisch.
Verantwortlich laut der Webseite: Sven von Storch. Sprecherin: Vera Lengsfeld. Die Initiative „Bürgerrecht Direkte Demokratie“ ist eine Gemeinschaftsaktion von Lengsfeld und der der „Zivilen Koalition“ und startete im Januar 2013. Nach eigenen Angaben setzt sich die Initiative für die unmittelbare Beteiligung der Bürger an politischen Entscheidungen ein.
Die Initiative Familienschutz ist nach eigenen Angaben Teil einer organisierten bürgerlichen Basisbewegung der „Zivilen Koalition“. Eine zentrale Forderung an die Familienpolitik ist, dass die Ehe zwischen Mann und Frau Vorrang vor anderen Lebensgemeinschaften haben soll. Die Sprecherin der Initiative, Hedwig Freifrau von Beverfoerde, Initiatorin der Aktion „Staatliche Sexualisierung der Kindheit – Schützt uns davor!“, bemängelte einst in der „Freien Welt“, dass im Sexualkundeunterricht für sexuelle Selbstbestimmung geworben wird und nicht für sexuelle Enthaltsamkeit.

Herausgeber der Seite ist Sven von Storch – der Ehemann von Beatrix von Storch. Im fünfköpfigen Redaktionsbeirat sitzt unter anderem Hedwig von Beverfoerde, Vorkämpferin des klassischen Familienmodells. Von Beverfoerde hat die Initiative Familienschutz gegründet, die vornehmlich ebenfalls unter anderem gegen Gender Mainstreaming, einen modernen Sexualkundeunterricht an Schulen und die Ausweitung der Betreuung von Kindern in Kitas und Schulen mobil macht. Verantwortlich ist laut Impressum auch Sven von Storch.

Weitere Säule in der von Storch’schen Initiativen-Politik ist der Verein Zivile Koalition, gegründet 2006, assoziierter Träger von „Die Freie Welt“. Im Vorstand: das Ehepaar von Storch (Sven von Storch als geschäftsführender Vorstand). Der Fokus dieses Projekts liegt auf der Ablehnung der europäischen Integration, insbesondere beinhaltet das eine Kritik an den europäischen Rettungsschirmen EFSF und ESM, an der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank und an der Haushaltspolitik Wolfgang Schäubles („Blockierer“).

Interview zum Download

Herzog verteidigt Deutschlands Euro-Politik

Der Verein Bürgerkonvent, gegründet 2003, in dessen dreiköpfigem Vorstand auch Beatrix von Storch sitzt, hat im Gegensatz zu ihren anderen Initiativen keinen speziellen inhaltlichen Fokus, sondern nimmt für sich in Anspruch, „das ganze Spektrum des politischen und gesellschaftlichen Lebens“ im Blick zu haben. Engagiert hatte sich dort unter anderem auch Ex-BDI-Chef und AfD-Vize Henkel, der jüngst durch Kritik an seiner eigenen Partei aufgefallen war.

Auch der Allianz für den Rechtsstaat, gegründet 1996, sitzt Sven von Storch vor. Proklamiertes Ziel: die Wiedergutmachung für die politisch Verfolgten zwischen 1945 und 1949. In einer Art Editorial wird vor „Bedrohungen für den Rechtsstaat und die schleichende Aushebelung von Bürger-, Freiheits- und Eigentumsrechten“ gewarnt. Autorin mit Profilbild und gleichzeitig verantwortlich: Beatrix von Storch. Auch dort unter „Wer wir sind“ wieder der Hinweis, es handele sich um eine „wirtschaftlich unabhängige, überparteiliche, nicht-staatliche Organisation, die den vielen engagierten Einzelnen aus der Zivilgesellschaft eine gemeinsame Stimme gibt“.

Weitere Säule ist das Institut für Strategische Studien Berlin (ISSB). Vorsitz: Beatrix von Storch, zweiter Vorsitzender und Direktor: Sven von Storch. Vom Namen her und mit dem Berliner Bär im Logo wirkt das „Institut“ wie eine wissenschaftliche Einrichtung, in seinem Editorial schreibt Sven von Storch allerdings offen, dass es sich um eine Lobbygruppe handelt: „Das ISSB erarbeitet (...) Konzepte, Studien und Argumente und trägt diese an die politischen Entscheidungsträger heran.“

Bei der Organisation Abgeordneten-Check.de (nicht zu verwechseln mit abgeordnetenwatch.de), dessen Träger ebenfalls das ISSB ist, war Beatrix von Storch bis Anfang 2014 Mitglied des Beirats. Assoziierte Träger für das vermeintliche Transparenzorgan sind der Bürgerkonvent und die Zivile Koalition. Im Vorstand sitzt Sven von Storch, im Beirat unter anderem Hedwig von Beverfoerde, ebenso wie Klaus Peter Krause, Vorsitzender des Bürgerkonvents.

Dort finden sich inhaltliche Überschneidungen mit den anderen Initiativen. Etwa dem Familien-Schutz: So rief Abgeordneten-Check etwa dazu auf, einen Vorstoß der niedersächsischen Landesregierung zu bekämpfen, der die Akzeptanz sexueller Vielfalt im Schulgesetz verankern sollte. Die geplante Reform des Sexualkundeunterrichts in Niedersachsen sieht vor, die Vermittlung von Toleranz im Bildungsplan zu verankern. Homosexualität, Bisexualität, Transsexualität und Intersexualität solle an Schulen „verbindlich thematisiert werden“.

Außerdem warnten die Macher von Abgeordneten-Check.de vor Inflation – mit dem Bild einer Eine-Billon-Euro-Note, die sich wiederum auf der Homepage der Zivilen Koalition findet. Und wieder Nachrichten im Stile von: „Protest in Stuttgart gegen neue Abtreibungsklinik: Linke attackieren Lebensschützer“.

Die AfD – neue Volkspartei oder kurze Protestepisode?
Es steckt einiges von der Union früherer Zeiten in der Alternative für Deutschland (AfD). Nur in der Europapolitik grenzt sich die AfD klar von dem ab, was Helmut Kohl zu seinen Kanzlerzeiten wichtig war. Die AfD besetzt aber andere zentrale Themen der Union wie Familie, Kriminalität und Zuwanderung. Die Warnungen der AfD vor einer Überlastung der Sozialsysteme durch Asylbewerber erinnern an die aufgeheizte Das-Boot-ist-voll-Debatte Anfang der 90er Jahre. Die AfD knüpft zudem an die konservative Gedankenwelt von Bundesministern wie Manfred Kanther (CDU) und Theo Waigel (CSU) an.
Doch. Auch heute sind das Schwerpunkte der Union. Doch die CSU war im Europa-Wahlkampf mit ihrer auf Ausländer gemünzten Parole „Wer betrügt, der fliegt“ und dem Herziehen über die EU-Kommission nicht erfolgreich. Und CDU und CSU bekamen unter Angela Merkel und Horst Seehofer bei der Bundestagswahl 41,5 Prozent - mit einer liberaleren Einstellung zu Homosexuellen, mit einer neuen Definition von Familie, aber ohne einen Law-and-Order-Mann als Bundesinnenminister. So machte die Union die Erfahrung, dass ein Kurs der Mitte mehr Stimmen bringt als das Beharren auf konservativen Positionen.
Die AfD setzt sich für mehr Basisdemokratie ein – und steht damit im Kontrast zur CDU. Einige ihrer Mitglieder stammen außerdem aus der Konkursmasse kleinerer rechter, liberaler und konservativer Parteien. Ehemalige Angehörige von NPD und DVU können dagegen nicht Mitglied der AfD werden. Im Osten wirbt die Partei um DDR-Nostalgiker, die zwar den Sozialismus nicht zurückhaben wollen, aber zum Beispiel Elemente des alten Bildungssystems gut finden.
Ja - auch wenn die CDU in Brandenburg und Thüringen trotz Stimmenverlusten an die AfD zulegen konnte. Erstens hat die Union durch ihren Wandel hin zu einer modernen, urbanen Partei eine Flanke an ihrem rechten Rand aufgemacht und könnte weiter Konservative, die in der Union keine Heimat mehr sehen, verlieren. Und zweitens wirbelt die AfD die Parteienlandschaft so durcheinander, dass die Machtoptionen für die Union schwinden. Eine Koalition mit der AfD schließt die CDU genauso aus wie mit der Linken, und auf die FDP kann sie nicht mehr zählen. Unabhängig davon, dass Schwarz-Grün im Bund ein Novum wäre, könnte es mit den Grünen knapp werden - wenn die AfD denn 2017 in den Bundestag einzöge. Bliebe ein Bündnis mit der SPD - das sollte aber aus Sicht beider Parteien kein Dauerzustand sein.
Nicht einheitlich. CDU-Generalsekretär Peter Tauber sagt: „Wir wollen die Wähler zurückgewinnen.“ Fraktionschef Volker Kauder (CDU) will die AfD ignorieren und sich mit ihren Politikern nicht einmal in eine Talkshow setzen. Wolfgang Bosbach vom konservativen „Berliner Kreis“ der CDU hält das für falsch. Viele Unionspolitiker raten inzwischen, sich intensiv mit der AfD auseinanderzusetzen. Parteichefin und Kanzlerin Angela Merkel ging im Brandenburger Wahlkampf deutlich auf die Grenzkriminalität ein, nachdem die AfD bei der Sachsen-Wahl damit punktete. Koalitionen mit der AfD schließt sie aber aus.
Die AfD stellt sich als Partei der braven Sparer und Steuerzahler dar, deren Wohlstand durch die Rettung maroder Banken und überschuldeter Euro-Länder gefährdet ist. Sie fordert, dass außer Flüchtlingen nur noch „qualifizierte und integrationswillige“ Ausländer nach Deutschland kommen dürfen und bemüht dafür gerne das Beispiel des Einwanderungslandes Kanada. Die AfD, die sich seit ihrem guten Abschneiden bei drei Landtagswahlen als „kleine Volkspartei„ bezeichnet, wettert gegen die in Deutschland inzwischen weit verbreitete Kultur der „politischen Korrektheit“. Ihrer Führungsriege gehören etliche Ex-Mitglieder von CDU und FDP an. Deshalb finden einige wertkonservative Wähler die Strategie der CDU, die AfD wie eine nicht-salonfähige Randgruppe zu behandeln, wenig glaubwürdig.
Nein. „Eintagsfliege“, „Protestpartei“ – diese Etiketten wurden der AfD in den ersten Monaten oft aufgeklebt. Doch im Gegensatz zu den Piraten, die sich lange vor allem der Selbstzerfleischung widmeten, halten sich die internen Streitereien noch im Rahmen. Außerdem hat sich die AfD rasch von einer Ein-Thema-Partei (Eurorettung) zu einer gemausert, die verschiedene Politikfelder besetzt.

Alle Vereine und Initiativen finden sich laut jeweiligem Impressum an der Zionskirchstraße 3 in Berlin, einem unscheinbaren gelben Wohnhaus in Berlin-Mitte in der Nähe des Bernauer Platzes – ohne jeglichen Hinweis darauf, dass dort einer der größten Thinktanks der AfD arbeitet. Nur der Bürgerkonvent residiert woanders: An der Albrechtstraße 14b. So finden sich überall in diesen Netzwerken Querverbindungen, personelle und inhaltliche Überschneidungen.

Gemein ist den Organisationen nicht nur teils das Personal – neben den von Storchs auch die CDU-Politikerin Vera Lengsfeld , die für den Bürgerkonvent und die Zivile Koalition aktiv ist – und die Adresse, sondern auch die Vermittlung von zwei Überzeugungen: „Deutschland steht an einer Wendemarke“, „Wir geben den unzufriedenen Konservativen eine Stimme, die eigentlich in der Mehrheit sind, aber vom links-liberalen Mainstream nicht gehört werden“ sowie dem Eindruck von Überparteilichkeit.

Gemein ist allen Ansätzen auch eine Betonung von Ängsten: vor dem Verfall der Familie, vor der Schuldenunion, vor der Inflation und vor der schrittweisen Unterminierung des Rechtsstaats. Der Kitt im von Storch’schen Imperium ist das „Dagegen!“.

In den offen einsehbaren Listen der Unterstützer sämtlicher Initiativen finden sich daher alle Unzufriedenen, von Euroskeptikern über Professoren und Journalisten bis hin zu enttäuschten CDU-Mitgliedern. Neu ist diese Art Graswurzel-Organisation freilich nicht: Linke Strömungen sind seit jeher so organisiert, seien es Antifa-Gruppen, Gewerkschaften oder Globalisierungskritiker. Neu ist nur, dass jetzt auch die Konservativen diese fortschrittliche Art von Kampagnenbildung nutzen.

„Ich warne davor, dieses Vorgehen allein auf das Ehepaar Storch zu reduzieren“, sagt deshalb Dieter Plehwe, Politikwissenschaftler beim Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und Mitgründer der Transparenzinitiative Lobbycontrol. Durch die zahlreichen Initiativen erscheine die Bewegung sehr breit – wie groß sie tatsächlich ist, sei jedoch von außen nicht ersichtlich.

Doch damit gelingt noch etwas ganz anderes: Diese Art der Mobilisierung holt all jene ins Boot, die sich genau mit einem Aspekt der AfD-Politik identifizieren können. „Wer sehr konservative Familienwerte hat, muss nicht unbedingt die Euro-Rettung ablehnen und umgekehrt“, sagt Plehwe. Wer für Marktliberalismus eintritt, wünsche sich vielleicht eine moderne Familienpolitik. Durch die verschieden zugeschnittenen Initiativen werde geschickt verschleiert, „welches rechte Gesamtkonzept, stark von oben kontrolliert, dahinter eigentlich steht“, so Plehwe.

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Gerne hätten wir mit Beatrix von Storch darüber und über ihr vielfältiges Engagement und der proklamierten Über- bzw. Unparteilichkeit der zahlreichen Initiativen, an denen sie beteiligt ist, gesprochen. Auf eine erste Anfrage antwortete das Büro der Abgeordneten zügig: Zwar habe Frau von Storch in den nächsten Wochen wegen Terminengpässen keine Möglichkeit für ein Gespräch, sie werde zu den Fragen aber gern schriftlich Stellung nehmen. Doch nachdem diese am 20. Oktober zugesendet waren, entschied sich von Storch offenbar anders. Auf keine der drei folgenden Nachfragen hat ihr Büro bis heute reagiert.

Gefragt hatten wir nach personellen Überschneidungen und Synergien, nach der Anzahl der ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiter und danach, wie viele von ihnen für mehrere der Organisationen tätig sind. Auch auf die Fragen, warum sie mehrere Initiativen für sinnvoller halte als das Engagement zu bündeln und wie sie ihre Arbeit als Vollzeitaktivistin und EU-Parlamentarierin zeitlich unter einen Hut bekommt, gab es keine Antworten.

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