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Die Bundestagsabgeordneten Tim Wagner, Angela Hohmann und Franziska Krumwiede-Steiner (v. l.) Foto: picture alliance, PR (3)

Bundestagswahl 2025Abgeordnete für ein Jahr – „Nicht einmal in die Kantine geschafft“

Für einige Nachrücker könnte das Abenteuer Bundestag wegen der vorgezogenen Neuwahlen schnell wieder vorbei sein. Wir haben drei Abgeordnete gefragt, ob es sich trotzdem gelohnt hat.Sebastian Dalkowski 21.02.2025 - 13:41 Uhr Artikel anhören

Düsseldorf. Wenn am 23. Februar der Bundestag vorzeitig neu gewählt wird, kommen Angela Hohmann (SPD), Franziska Krumwiede-Steiner (Grüne) und Tim Wagner (FDP) gerade mal auf ein Jahr im Bundestag. Dann endet ihre Mandatszeit schon wieder. Alle treten noch mal an.

Wagner rückte am 1. Januar 2024 für einen Parteikollegen nach, der in den Ruhestand gegangen war. Die beiden anderen folgten wenige Wochen später Anfang März für Abgeordnete der eigenen Partei aufgrund der Wiederholungswahl in Teilen Berlins.

Nach dem Ampel-Aus stand fest, dass ihr Ausflug in den Bundestag noch kürzer dauern könnte als angenommen. Kann man in einem Jahr überhaupt etwas erreichen?

Frau Krumwiede-Steiner, Frau Hohmann, Herr Wagner vielleicht ist es mir entgangen, aber in die Tagesschau hat es keiner von Ihnen im vergangenen Jahr geschafft, oder?
Tim Wagner: Nur in meiner Vorzeit, als ich 2015 bei den Erzieherdemos als Landeselternsprecher in Leipzig vor 50.000 Erziehern gesprochen habe.

Kennen Sie sich denn untereinander?
Franziska Krumwiede-Steiner: Persönlich kennengelernt haben wir uns noch nicht, aber gesehen bestimmt mal.

Hätte ja sein können, dass die Neuen sich zu Beginn zusammenschließen.
Krumwiede-Steiner: Nein, aber man wird in der ersten Plenarsitzung namentlich begrüßt.

Herr Wagner, Sie kamen ungefähr zwei Monate vor Ihren Kolleginnen in den Bundestag. Sie dürften nicht ganz so überrascht von Ihrem Mandat gewesen sein.
Wagner: Formal habe ich am Nikolaustag 2023 von meinem Vorgänger erfahren, dass er sich zurückzieht. Ich wusste allerdings schon länger, dass er nicht die ganze Legislaturperiode machen wollte.

Und Sie waren der Nächste auf der Landesliste der FDP Thüringen. Sie haben nicht lange überlegt?
Wagner: Schon, ich hatte als Geschäftsführer der FDP Thüringen eine Landtagswahl zu organisieren. Da habe ich mich mit meiner Frau ausgetauscht, wir haben vier Kinder, von fünf bis 15. Lasse ich mich darauf ein oder nicht? Ich bin Finanzberater, arbeite also nicht in einem Beruf mit Rückkehrrecht. Ich musste einen Großteil meiner Kunden abgeben.

Frau Hohmann, Frau Krumwiede-Steiner, Sie sind aufgrund der Wiederholungswahl in Berlin nachgerückt. Es ist etwas kompliziert, aber statt der Landeslisten Ihrer Parteien in Berlin zogen nun die Landeslisten in Niedersachsen beziehungsweise NRW. Haben Sie damit gerechnet?
Angela Hohmann: Es war fast absehbar, dass ich nachrücken würde, weil die Zustimmung zu den Ampelparteien sank und die Wahlbeteiligung in Berlin geringer sein würde. Kolleginnen und Kollegen riefen mich am Morgen der Wahl an und fragten, wann am Abend die Wahlparty stattfinde. Ich sagte, lasst mich bitte damit in Ruhe. Wir saßen dann mit sechs, sieben Leuten zusammen und haben das beobachtet. Irgendwann war klar, dass ich im Bundestag war. Dabei war das nie mein Ziel. Ich war im Vorruhestand und hatte auf dieser Landesliste schon immer irgendwo hinten draufgestanden. Das machen alle Parteien so, damit die Liste voll ist.

Frau Krumwiede-Steiner, wie war das bei Ihnen? Sie waren Lehrerin an einer Gesamtschule.
Krumwiede-Steiner: Ich habe nicht damit gerechnet. Nachts wurde ich vom Landesvorstand aus dem Bett geklingelt, dass ich nachrücke. Für mich war aber völlig klar, dass ich das mache. Meine Vorgängerin hat Bildungspolitik gemacht, ich mache Bildungspolitik. Seit dem Nachrücken übernimmt mein Mann in den Sitzungswochen das Bringen und Abholen der Kinder. Wir teilen uns die Care-Arbeit mehr als vorher, und das ist für alle ein Gewinn.

Zu den Personen
Hohmann (61) arbeitete bis zum Vorruhestand 2018 für die Krankenkasse DAK. Seit 2006 sitzt sie als SPD-Abgeordnete im Kreistag des Landkreises Celle (Niedersachsen). Am 4. März 2024 rückte sie für Ana-Maria Trasnea (SPD) in den Bundestag. Sie hat einen erwachsenen Sohn.
Krumwiede-Steiner (39) arbeitete als Lehrerin an einer Gesamtschule in Mühlheim an der Ruhr. Am 4. März 2024 rückte sie für Nina Stahr (Grüne) in den Bundestag. Vorher saß sie zehn Jahre im Stadtrat von Mülheim. Mit ihrem Mann hat sie zwei Töchter.
Wagner (43) leitete nach seinem Abitur mehrere Kampfkunstschulen und arbeitete als Vermögensberater und Geschäftsführer der FDP-Gruppe im Thüringer Landtag. Am 1. Januar 2024 rückte er aufgrund des Ruhestands von Reginald Hanke (FDP) in den Bundestag nach. Wagner lebt mit seiner Frau und den vier Kindern in Jena.

Wie organisiert man mitten in der Legislaturperiode seinen Einzug in den Bundestag?
Hohmann: Ich war schon am Montagabend nach der Nachwahl in Berlin fix und alle. Wo übernachte ich da? Woher bekomme ich Mitarbeiter? Für die Sitzungswochen habe ich mich in einem Hotel in der Nähe der Bundestagsgebäude eingenistet. Der Sprecher der SPD-Landesgruppe Niedersachsen-Bremen hat mir gleich seine Hilfe angeboten. So habe ich Empfehlungen für Mitarbeiter bekommen. Zack, hatte ich ein paar Bewerbungen.
Wagner: Das Büro meines Vorgängers konnte ich voll übernehmen, aber viele Angestellte waren gegangen. Das ist wie in einer klassischen Durchlauf-Uni. Ich bin in den Sitzungswochen im Hotel, sonst versuche ich, bei meiner Familie in Thüringen zu sein. Es ist praktisch, mit einer 15-jährigen Tochter keine Wohnung in Berlin zu haben. Dann fragt sie nicht: Kann ich mal den Schüssel haben?
Krumwiede-Steiner: Ich hatte aus familiären Gründen die Möglichkeit, am Anfang zwischen einem Dorf in Brandenburg und Berlin zu pendeln. Das war abenteuerlich, weil die Sitzungen teilweise bis ein Uhr nachts gehen. Dann mit dem Regionalexpress zurück und auf dem Fahrrad bei Regen durch den Wald. Seit Juli habe ich eine Abgeordnetenwohnung in Berlin in Reichstagsnähe.

Meine erste Sitzungswoche war wirklich heftig.
Angela Hohmann
SPD-Abgeordnete

Wie war denn der erste Arbeitstag?
Wagner: An meinem ersten Tag, zweiter oder dritter Januar, bin ich nach Berlin gefahren und durfte mir erst mal Ausweis und Büroschlüssel abholen. Sich in so einem riesigen Gebäude seinen Büroschlüssel organisieren zu dürfen … Das müsste anders laufen. Aber ich hatte einen Büroleiter, der mir helfen konnte. Zu meiner ersten Ausschusssitzung kam ich zu spät, weil ich eine Schülergruppe da hatte, die mir wichtiger war. Da standen meine Mitarbeiter in der Tür und sagten: Du musst aber in den Ausschuss. Da sagte ich: Die können auch zehn Minuten warten.
Hohmann: Ich bin als Erstes in die Referatsverwaltung gegangen. Die haben mir zentnerweise Papier auf den Tisch gelegt, mit Regeln hier, Regeln da. Ich habe da nur gesessen und gefragt: Gibt es das auch alles digital im Intranet? Ja ja, natürlich. Da habe ich es ihnen gleich zurückgeschoben. Meine erste Sitzungswoche war wirklich heftig. Ich bin mit Wissen vollgestopft worden und fühlte mich wie eine Mastgans. Am Donnerstagabend ging nichts mehr. Man springt auf einen fahrenden ICE auf, während alle anderen seit zwei, drei Jahren voll drin sind.
Krumwiede-Steiner: Ich erinnere mich an den Moment, in dem ich zum ersten Mal in dem Saal mit den blauen Stühlen gesessen habe. Da war ich sehr ehrfürchtig und bin es immer noch. Ich habe gleich in der ersten Sitzungswoche eine Rede gehalten mit Zwischenfrage der CDU. Dabei gibt es eine goldene Regel, dass man das eigentlich nicht macht in der ersten Sitzungswoche eines Abgeordneten.

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Sie haben in diesem Jahr 14 Reden gehalten, Herr Wagner eine. Wie kommt das?
Wagner: Das lag an meinen Themen. Ich sitze im Petitionsausschuss und im Ausschuss für Tourismus. Davon kam 2024 wenig ins Plenum.
Krumwiede-Steiner: Es gibt bestimmte Themen, da kann aus unserer Bundestagsfraktion nur ich zu sprechen. Themen wie Kindergrundsicherung. Es gab Anträge der CDU zur Flexibilisierung der Arbeitszeiten, also zu deren völliger Entgrenzung, da musste ich als Familienpolitikerin gegenhalten. Das ist das Privileg, wenn man im Bundestag ist: endlich reden zu dürfen.

Hat Ihnen Ihre Erfahrung als Klassenlehrerin geholfen?
Krumwiede-Steiner: Mir hat geholfen, dass ich Fraktionssprecherin im Stadtrat von Mülheim war, trotzdem war ich furchtbar nervös. Die einen sagen, man solle das Adrenalin genießen, die anderen sagen, man solle sich erst mal im Saal umsehen.
Hohmann: Vor meiner ersten Rede bekam ich zu hören: Toll, Angela, auch noch in der Kernzeit. Die Kernzeit ist, das lernte ich, wenn Phoenix live überträgt. Also schauten noch ein paar Tausend mehr zu. Man muss wissen, worüber man redet, dann läuft das auch. Das habe ich aus meinen Berufsjahren in der Aus- und Weiterbildung mitgenommen.

Recherchieren Sie Ihre Reden selbst? Oder gilt Mut zur Lücke?
Krumwiede-Steiner: Mut zur Lücke? Niemals. Meine Reden schreibe ich selbst, mein Team kürzt sie. Man muss sich aber von seinen Mitarbeitern was sagen lassen. Wissenschaftliche Mitarbeiter wissen Details oft besser als man selbst.
Wagner: Früher habe ich gerne den Abgeordneten geschrieben, was sie da für einen Schwachsinn erzählt haben. Deshalb will ich selbst die Themen kennen, über die ich rede. Es macht keinen Spaß, wenn die eigenen Fehler aufgedeckt werden.

Ampel-Aus

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Welche Dinge mussten Sie schnell lernen?
Wagner: Ich habe selbst als sachkundiger Bürger in einem Ausschuss manchmal mehr bewegen können, als ich es als Bundestagsabgeordneter kann, wo ich auf ein spezielles Thema festgelegt bin. In einem städtischen Ausschuss oder Rat hast du ein Thema, dann suchst du dir die Mehrheiten, und wenn du gut argumentierst, hast du wesentlich mehr Chancen.
Krumwiede-Steiner: Ich habe die Wochen, bevor ich im Amt war, genutzt, um mich in alle Unterlagen einzulesen, vor allem für die Verhandlungen um die Kindergrundsicherung. Es ging aber zu bestimmten Zeitpunkten weniger um Inhalte, sondern zwischen den Fraktionschefs innerhalb der Ampel darum, Pakete zu schnüren, das eine mit dem anderen zu verknüpfen. In der Rückschau waren diese Verhandlungen zum Scheitern verurteilt. Aber das war nicht immer so. Beim Kita-Qualitätsgesetz ging es um die Sache. Eines habe ich aber bis heute nicht verstanden: wann man sich in der Fraktionssitzung mit einem oder mit zwei Fingern melden muss. Ich zeige deshalb immer so auf, dass es beides sein könnte.
Hohmann: Es werden viel zu viele Gesetze gemacht. Dann will der was mit reinhaben und der … am Ende sagen dann alle: Was ist das denn für ein Ding? Der Bundestag ist eine Gesetzproduktionsmaschine, dass ich denke: Brauchen wir alle ein Arbeitszeugnis oder können wir uns mal mit einer Sache intensiver befassen, damit am Ende was Gutes dabei herauskommt? Dann geht es noch um die Umsetzung. Wie können wir es in den Kommunen umsetzen? Wie bekommen Menschen Informationen darüber, was ihnen eigentlich zusteht?

Ich schäme mich nicht, auch mal einen Film im Zug zu schauen.
Tim Wagner
FDP-Abgeordneter

Immer wieder treten Politiker zurück, weil es zu viel wird, zuletzt Kevin Kühnert und Ricarda Lang. Kann ein Abgeordneter so ein Pensum eigentlich schaffen?
Wagner: Ich habe viele Jahre Leistungssport gemacht, aber das muss man erst mal schaffen. Deshalb habe ich mir ein paar Regeln gesetzt. Über den Tag blocke ich eine halbe Stunde für mich rein. Ich schäme mich auch nicht, mal einen Film im Zug zu schauen. Um sieben telefoniere ich mit meiner Tochter, da ist sie auf dem Weg zur Schule. Ich versuche auch, mit meinen Söhnen zu sprechen. Trotzdem hat der Tag in Berlin 16, 17 Stunden. Im Hotel bin ich nur zum Schlafen. Es überwiegt aber die Freude über die Tätigkeit.
Krumwiede-Steiner: Ich weiß, das darf man eigentlich nicht laut sagen, aber für mich ist eine Woche Vollzeit in einer Brennpunktgesamtschule manchmal anstrengender als eine Sitzungswoche.

Warum?
Krumwiede-Steiner: In der Schule muss man neben dem Unterrichten und den Korrekturen Probleme lösen, die existenzbedrohend für Schüler sein können. Ich genieße es, dass ich in Berlin das Leben eines Mannes führen darf, weil nicht ich morgens die Kinder wegbringe, sondern mein Mann sich um sie kümmert. Aber es ist etwas anderes, einfache Abgeordnete oder Generalsekretär zu sein. Da muss man andere Dinge aushalten. Kevin Kühnert und Ricarda Lang sind einem unfassbaren Hass ausgesetzt gewesen. Ich finde es schrecklich, dass wir nicht in der Lage sind, mit hochbegabten Politiker:innen, die unser Land besser machen können, besser umzugehen. Was wir Grünen für ein Bashing erleben! Meine Autoscheiben sind zweimal eingeschlagen worden, da war ich noch in der Kommunalpolitik.
Hohmann: Montagnachmittag fahre ich mal unter den Linden lang, setze mich in ein Café, trinke ganz entspannt einen Cappuccino, aber dann geht der Hype auch los. Dann ist bis Freitagabend nichts mehr möglich. Ich weiß, dass der ein oder andere damit nicht klarkommt und die Reißleine zieht. Dann halte ich es für die richtige Entscheidung zu sagen, das schaffe ich nicht, als wenn er oder sie Alkohol oder andere Aufputschmittel nimmt. Ich habe gehört, die Kantine im Bundestag soll sehr gut sein. Ich habe es nicht einmal geschafft, dort essen zu gehen.
Krumwiede-Steiner: Ich war zum ersten Mal dort, als nach dem Ampel-Aus einige Termine ausgefallen sind.

Politiker im Bundestag: Die Abgeordneten haben eine Menge zu tun. Foto: dpa

Sie kamen ausgerechnet in dem Jahr in den Bundestag, in dem für die Ampelkoalition nicht mehr so viel möglich schien. Kurz zuvor hatte das Bundesverfassungsgericht den Nachtragshaushalt für verfassungswidrig erklärt. Haben Sie 2024 auch als Stillstand empfunden?
Hohmann: Schwierig. Aber im Dezember haben wir es noch geschafft, das Kindergeld zu erhöhen. Wir haben es geschafft, das Grundgesetz zu ändern ...

… um das Verfassungsgericht stärker zu schützen gegen demokratiefeindliche Parteien. Haben Sie die Beziehungskrise schon gespürt, Frau Krumwiede-Steiner?
Krumwiede-Steiner: Bei der Kindergrundsicherung war die Beziehungskrise schon deutlich.

Vor der Vertrauensfrage

Haushalt und Wirtschaftspolitik: Deshalb ist die Ampel gescheitert

Das Projekt ist gescheitert.
Krumwiede-Steiner: Ansonsten gingen da noch einige Dinge voran, das Kita-Qualitätsgesetz, der gestaffelte Mutterschutz.
Wagner: Was mir in dieser Koalition gefallen hat, ist, dass wir wahnsinnig viel gesellschaftspolitisch verändert haben, was 40 Jahre liegen geblieben ist. Auch das Thema Migration und Straftaten aus dem Migrationsbereich haben wir vernünftig abgeräumt. Da möchte ich nicht wissen, wie andere Regierungen das populistisch aufbereitet hätten.

Trotzdem wollte die FDP dann nicht mehr.
Wagner: Ich gehörte zu denen, die schon auf dem Bundesparteitag im April 2024 massiv Druck gemacht haben, unter welchen Bedingungen wir weiterarbeiten können und unter welchen nicht. Ich vergleiche das mit einem alten Auto. Du bringst das Auto in die Werkstatt, lässt es noch mal und noch mal reparieren. Du denkst, es fährt 10.000 Kilometer und dann sind es doch nur 1000. Irgendwann musst du dir den klaren Punkt setzen, an dem du es beendest. Deshalb hat mich das Ampel-Aus nicht überrascht, bloß der Zeitpunkt.

Ich hätte auch noch weiterarbeiten können.
Franziska Krumwiede-Steiner
Grünen-Abgeordnete

Warum?
Wagner: Wir standen kurz vorm G20-Gipfel, zu dem ein Kanzler mit ein bisschen Rückgrat hinfahren sollte, Trump war gewählt worden. Aber wir haben Christian Lindner und Marco Buschmann das Vertrauen mitgegeben. Wenn wir beim Thema Schuldenbremse gewackelt hätten, wenn Christian Lindner an dem Abend gesagt hätte, wir erklären die Haushalts-Notlage, hätte er am nächsten Tag einen Mitgliederantrag zum Austritt aus der Ampel gehabt – und der wäre durchgekommen.
Krumwiede-Steiner: Für uns hat es sich nicht erschlossen, weil wir in der Fraktionssitzung wenige Stunden vorher deutlich gemacht haben, dass wir wieder kompromissbereit gewesen wären. Viele feiern das Ampel-Aus, aber ich hätte auch noch weiterarbeiten können.

Sie treten alle erneut als Direktkandidaten an. Wie stehen Ihre Chancen auf Wiederwahl?
Krumwiede-Steiner: Ich müsste das erste grüne Direktmandat im Ruhrgebiet holen. Das geht standardmäßig an die SPD, egal, wen die SPD aufstellt. Ich habe auch keinen aussichtsreichen Listenplatz.

Also gehen Sie zurück an Ihre Schule?
Krumwiede-Steiner: Ich habe meinen Schulleiter schon informiert, dass ich wiederkomme.

In Ihrem Wahlkreis, Frau Hohmann, hat der Direktkandidat der SPD 2021 nur knapp verloren. Es ist nicht aussichtslos.
Hohmann: Das trifft es. Dieser Wahlkreis wurde sogar mal von der SPD geholt. Wenn ich Ihnen den Namen sage, wissen Sie auch, warum. Das war Dr. Peter Struck. Ich wollte ja zuerst gar nicht in den Bundestag, nun bin ich aber da und sehe, dass ich das kann, und trete wieder an, weil ich sagen muss: Ich bin da noch nicht fertig. Der Listenplatz ist nicht so aussichtsreich.

Ziehen Sie, Herr Wagner, über die Liste ein, wenn die FDP fünf Prozent schafft?
Wagner: Dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, weil ich in Thüringen Spitzenkandidat bin. Aber wir brauchen in unserem Bundesland dreieinhalb, vier Prozent, damit die Landesliste zieht.

Was ist, wenn Sie es nicht schaffen?
Wagner: Damit habe ich mich noch nicht beschäftigt. Ich gehe all-in.

Gut möglich, dass es für alle von Ihnen nach einem Jahr vorbei ist. Wie war’s denn?
Wagner: Ich habe gesehen, dass ich Dinge tatsächlich bewegen kann, auch wenn ich am Anfang gedacht habe, ich könnte mehr an einzelnen Gesetzen arbeiten. Wichtig war mir das Urteil meiner Frau und meiner Tochter. Sie haben mir angesehen, dass ich eine unglaubliche Freude an dem Beruf habe.
Hohmann: Obwohl mir viel Lebensqualität verloren gegangen ist, war’s ganz toll. Und es ist etwas anderes, mal live im Plenarsaal miterlebt zu haben, wie sich die Kollegen am rechten Außenrand teilweise verhalten.
Krumwiede-Steiner: Der schönste Beruf, den man machen darf.

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Krumwiede-Steiner: Doch, aber an der Schule muss man manche Schicksale auch mal laufen lassen und kann sie nicht besser machen. Das ist in Berlin anders. Ich hoffe, dass ich ein Stück dieser Wirksamkeit mit ins Klassenzimmer nehmen kann.

Erstpublikation: 13.02.2025, 12:51 Uhr.

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