Carola Reimann: „Ich glaube, dass sich niemand grundlos krankmeldet“
Frau Reimann, wie erklären Sie sich den rekordhohen Krankenstand?
Es gibt medizinische und technische Gründe. Wir sehen in den letzten zwei Jahren einen starken Anstieg bei Atemwegserkrankungen – Erkältung, Grippe, Covid –, aber seit längerer Zeit auch eine stetige Zunahme bei Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen. Und technisch: Wir haben mit der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung eine vollständigere Aufzeichnung der Situation.
Was ist dadurch anders als früher?
In der Vergangenheit haben vermutlich nicht alle Versicherten ihre Krankmeldungen bei ihrer Kasse eingereicht, besonders bei kürzeren Erkrankungen. Das hat sich mit der elektronischen Übermittlung geändert, wir haben jetzt ein vollständigeres Bild der Situation.
Die durchschnittlichen Krankheitstage sind im Zeitverlauf gestiegen, die Erkrankungen dauern also länger. Wie erklären Sie sich das?
Eine Erklärung ist, dass psychische Erkrankungen mit zum Teil sehr langen Verläufen zunehmen. Bei diesen Erkrankungen sehen wir einen Anstieg um 47 Prozent in den zurückliegenden zehn Jahren. Hier stechen vor allem die Sozialberufe hervor, wo die Beschäftigten viel menschlichen Kontakt haben.