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EnergieFünf Grafiken zu Deutschlands Strom-Importen

Die deutschen Stromimporte sind 2023 deutlich höher als in den vergangenen Jahren. Wo der Strom herkommt – und wie viel davon aus Atomkraft und Erneuerbaren stammt.Catiana Krapp, Ben Mendelson 27.10.2023 - 07:30 Uhr Artikel anhören

Welchen Strom importiert Deutschland am meisten?

Foto: Handelsblatt

Düsseldorf. Erstmals seit 20 Jahren wird Deutschland in diesem Jahr zum Stromimportland. Von Januar bis September dieses Jahres hat die Bundesrepublik laut Bundesnetzagentur 12,8 Terawattstunden mehr Strom importiert als exportiert.

Eine klare Trendumkehr: In den Jahren vor der Coronapandemie lagen die Exportüberschüsse des deutschen Stroms noch teils bei über 50 Terawattstunden pro Jahr. Seit 2003 war Deutschland jedes Jahr Strom-Nettoexporteur.

Der hohe Importanteil des deutschen Stromverbrauchs liegt vor allem am Preis. Denn die europäischen Strombörsen sind über eine Marktkopplung verbunden, die der Nachfrage nach Strom jeweils das günstigste Angebot zuteilt. „Jedes Land produziert so viel Strom, wie der Algorithmus ausrechnet“, erklärt Bruno Burger, Senior Scientist am Fraunhofer-Institut für solare Energiesysteme (ISE). Ist der hohe Stromimport Deutschlands also kein Grund zur Sorge?

„Früher haben wir unsere Nachbarländer geflutet mit deutschem Strom, weil wir billigen Kohlestrom in das System gepresst haben“, so Burger. Inzwischen sei Kohlestrom aufgrund des höheren CO2-Preises teurer, bei Steinkohle komme der höhere Importpreis infolge des Ukrainekriegs hinzu.

Doch aus welchen Ländern importiert Deutschland aktuell den meisten Strom? Welchen Strom importiert Deutschland vor allem: Atomstrom oder erneuerbare Energie? Und inwiefern profitiert die Bundesrepublik vom europäischen Strommarktmodell? Antworten auf diese Fragen geben die folgenden Grafiken.

So viel Strom importiert Deutschland aktuell

Die folgende Übersicht zeigt den Wandel Deutschlands vom Stromexporteur zum Stromimporteur. Zwar hatte die Bundesrepublik in den vergangenen Jahren im Gegensatz zu 2023 noch einen hohen Exportüberschuss. Gleich bleibt aber das Phänomen, dass Deutschland im Winter eher Strom exportiert und im Sommer mehr importiert, wie die Monatsdaten der Bundesnetzagentur seit Januar 2021 zeigen.

Aktuell beträgt der Importüberschuss laut Bundesnetzagentur 12,86 Terawattstunden. Dieser Überschuss könnte im kommenden Winter allerdings noch schrumpfen. Im Jahr 2021 hatte der Exportüberschuss noch 17,8 Terawattstunden betragen, 2022 sogar 26,8 Terawattstunden.

Aus welchen Ländern der deutsche Strom kommt

Welche Länder 2023 besonders viel Strom nach Deutschland exportiert haben, zeigt eine Auswertung des Thinktanks Agora Energiewende. Dabei wurden die kommerziellen Lastflüsse zwischen den Ländern analysiert. Infolge des Atomausstiegs im April war auch eine Debatte darüber entstanden, ob Deutschland jetzt besonders viel französischen Atomstrom importiere, um dies auszugleichen.

Doch die aktuellen Daten zeigen: Deutschland exportiert mehr Strom nach Frankreich als umgekehrt. Den meisten Strom bekommt Deutschland indes aus einer anderen Region.

Vor allem die skandinavischen Länder Dänemark, Norwegen und Schweden beliefern Deutschland mit Strom. Dort sind Wasserkraft und Windenergie vorherrschend.

„Am häufigsten importieren wir Strom, wenn er günstig ist, also wenn in den Nachbarländern viel erneuerbarer Strom produziert wird“, erklärt Fabian Huneke, Projektleiter Energiewende im Stromsektor von Agora. Exportüberschüsse hat Deutschland in diesem Jahr indes mit Österreich, Belgien und Luxemburg.

Sonderfall Polen: Ringflüsse nach Süddeutschland

Ein besonderes Phänomen ist der Stromhandel mit Polen: Da das deutsche Stromnetz zwischen Nord- und Süddeutschland nicht ausreichend ausgebaut ist, wird ein Teil des deutschen Windstroms über Polen und Tschechien nach Bayern umgeleitet. Fabian Huneke meint: „Das Problem muss behoben werden, aktuell treibt es die Netzentgelte zum Beispiel in Polen nach oben. Andere Länder bezahlen dafür, dass Deutschland mit dem Netzausbau hinterherhinkt.“

Um die Belastung des eigenen Netzes zu reduzieren, hat die polnische Regierung seit 2018 an den Grenzkoppelstellen zu Deutschland sogenannte Phasenschieber im Einsatz, die die Übertragungskapazität vom einen zum anderen Land reduzieren können. Auch Tschechien hat solche Phasenschieber installiert.

Bruno Burger sagt angesichts dieser Reaktion auf die Stromtrasse Südlink zwischen Nord- und Süddeutschland, deren Bau nach jahrelanger Blockade durch bayerische Landesregierungen im September begonnen hat: „Wenn wir Südlink schon hätten, hätte Polen weniger Probleme mit deutschem Transitstrom.“

Welchen Strom importiert Deutschland vor allem?

Eine Auswertung der stündlichen Stromerzeugung und der deutschen Importdaten von Agora Energiewende zeigt, welche Energieform in diesem Jahr am häufigsten nach Deutschland geschickt wurde. Demnach wurde mit 12,6 Terawattstunden am meisten Atomkraft importiert, gefolgt von Wasserkraft (11,2 Terawattstunden) und Windenergie Onshore (6,9).

Dass Deutschland am meisten Atomstrom importiert hat, lässt sich aber nur feststellen, wenn die erneuerbaren Energien separat analysiert werden. Fasst man alle regenerativen Energien zusammen, ergibt sich ein völlig anderes Bild: Demnach war mehr als die Hälfte des importierten Stroms erneuerbar – und nur weniger als ein Viertel kam aus Atomkraftwerken.

Für die deutsche Energiewende ist der Stromhandel mit den Nachbarländern indes ein Vorteil, aufgrund fehlender Speicherkapazitäten im Inland. „Wir nutzen das Ausland als Stromspeicher“, sagt Forscher Burger. Denn Wind- und vor allem Solarstrom würden nicht unbedingt dann produziert, wenn der Bedarf am höchsten sei, nämlich morgens und abends.

„Mittags erzeugt die Solarspitze mehr Strom als verbraucht wird, den müssen wir zum Abendessen retten. Nachts müssen wir günstigen Windstrom bis zum Frühstück retten“, so Burger weiter. Strom zu „retten“, heißt aktuell, den Strom zu exportieren und zu Nachfragepeaks entsprechende Ressourcen aus dem Ausland zu importieren. Perspektivisch müssten aber deutlich mehr Speicher gebaut werden: „Für die Energiewende braucht Deutschland bis 2045 Speicherkapazitäten von 500 Gigawattstunden, zehn Mal so viel wie aktuell vorhanden.“

Wann wurde 2023 welche Energie importiert?

Dass die Importe nach Deutschland auch 2023 im Sommer ihren Höchststand erreichten, zeigt die folgende Grafik im Detail. Hier können Sie nachvollziehen, wann wie viel erneuerbare Energie und Atomstrom aus dem Ausland nach Deutschland importiert wurden.

Diese Grafik widerlegt einmal mehr die These, Deutschland importiere seit dem Atomausstieg vor allem Nuklearstrom aus dem Ausland. Gleichwohl dürfte in den kommenden Wintermonaten der Anteil erneuerbarer Energie an den deutschen Stromimporten noch leicht sinken. Dass Deutschland aber in diesem Jahr erstmals seit 20 Jahren zum Nettostromimporteur wird, daran hegen Experten keine Zweifel.

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Erstpublikation: 23.10.2023, 13:37 Uhr.

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