Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Gerald Gaß im Interview Krankenhausgesellschafts-Chef warnt vor Klinikpleiten: „Es braut sich der perfekte Sturm zusammen“

Der DKG-Vorsitzende Gerald Gaß fordert Milliarden-Hilfen für Kliniken gegen die Belastungen durch die Preissteigerungen. Der Bund lasse die Krankenhäuser im Regen stehen.
19.07.2022 - 12:32 Uhr 1 Kommentar
Für Lockerungen sei es noch zu früh, sagt der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Durch die geltenden Maßnahmen steige die Omikron-Welle weniger stark an als in anderen Ländern. Quelle: imago images / Future Image
Gerald Gaß

Für Lockerungen sei es noch zu früh, sagt der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Durch die geltenden Maßnahmen steige die Omikron-Welle weniger stark an als in anderen Ländern.

(Foto: imago images / Future Image)

Berlin Angesichts der Belastungen durch die hohe Inflation fordern die Kliniken in Deutschland Milliarden-Hilfen vom Bund. „Hier braut sich der perfekte Sturm zusammen“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, dem Handelsblatt. Es gebe „massive Preissteigerungen bei Energie, Lebensmitteln und Medizinprodukten“. Gaß rechnet damit, dass sich beispielsweise die Gasrechnung für ein Krankenhaus mit 600 Betten von 800.000 auf 2,4 Millionen Euro verdreifache.

Er gehe davon aus, dass die Kliniken insgesamt vier bis sechs Milliarden Euro zusätzlich benötigen, um die höheren Kosten durch die Inflation auszugleichen. „Der Bund ist es ja auch, der angeschlagene Energiekonzerne wie Uniper mit vielen Milliarden stützen will. Und die Lage ist in den Kliniken ähnlich dramatisch.“

Krankenhauspleiten seien eine „ganz reale Bedrohung“. Dass die Coronahilfen für Kliniken am 30. Juni ausgelaufen sind, erschwere die Situation zusätzlich. „Die Bundesregierung lässt die Krankenhäuser im Regen stehen“, kritisierte Gaß.

Hinzu komme, dass durch die Infektionswelle viel Personal fehle. Fast jeder zehnte Angestellte in Kliniken falle derzeit krankheitsbedingt aus. „Und wir arbeiten bereits mit einer maximal dünnen Personaldecke.“ Dies führe dazu, dass planbare Eingriffe verschoben und die Wartezeiten länger würden.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Lesen Sie hier das ganze Interview:

    Handelsblatt: Herr Gaß, neben der Coronakrise trifft nun auch die Inflation den Gesundheitssektor. Energie und viele Produkte werden teurer. Wie gut sind die Kliniken darauf vorbereitet?
    Hier braut sich der perfekte Sturm zusammen. Die Kliniken sind durch die Personalausfälle wegen Corona und die steigenden Patientenzahlen ohnehin am Limit. Nun gibt es massive Preissteigerungen bei Energie, Lebensmitteln und Medizinprodukten.

    Haben Sie ein Beispiel?
    Ein Krankenhaus mit 600 Betten hat durchschnittlich eine Gasrechnung von fast 800.000 Euro. Wir müssen mit einer Verdreifachung des Preises auf 2,4 Millionen Euro rechnen. Zudem wirken die höheren Tarifabschlüsse. Das alles trifft auf staatlich reglementierte Preise. Eingeplant war für 2022 nur eine Steigerung von 2,32 Prozent. Damit können die Kliniken niemals die gestiegenen Kosten ausgleichen. Wir fordern deswegen einen Inflationsausgleich.

    Der Verlauf einer Infektion mit der Omikron-Variante wird als deutlich milder angesehen, was sich auch in den Krankenhäusern widerspiegele, berichtet Gerald Gaß. Quelle: dpa
    Corona-Intensivstation

    Der Verlauf einer Infektion mit der Omikron-Variante wird als deutlich milder angesehen, was sich auch in den Krankenhäusern widerspiegele, berichtet Gerald Gaß.

    (Foto: dpa)

    Um wie viele Milliarden geht es?
    Ich gehe davon aus, dass die Kliniken einen Zuschlag auf die Fallpauschalen von fünf bis sieben Prozent benötigen. Über die Fallpauschalen werden die Kosten in Krankenhäusern abgerechnet. Zurzeit liegen die Ausgaben der Krankenhäuser bei insgesamt 85 Milliarden Euro. Das bedeutet, dass wir zwischen vier und sechs Milliarden Euro zusätzlich benötigen, um die Belastung durch die Inflation auszugleichen. Und um Krankenhäuser energieeffizienter zu machen, wären über die nächsten zehn Jahre jährlich Sonderinvestitionen von rund zwei Milliarden Euro nötig, wie eine Studie des Deutschen Krankenhausinstituts zeigt. Dies würde auch die Treibhausgase deutlich reduzieren.

    >>Lesen Sie hier: Versicherten drohen bei Gas-Stopp noch höhere Beiträge

    Wo soll das Geld herkommen? Im Bundeshaushalt sind solche Ausgaben derzeit nicht vorgesehen.
    Unsere Erwartung ist, dass die Ampelkoalition diese Kosten nicht den Krankenkassen aufbürdet, sondern aus Bundesmitteln zahlt. Der Bund ist es ja auch, der angeschlagene Energiekonzerne wie Uniper mit vielen Milliarden stützen will. Und die Lage ist in den Kliniken ähnlich dramatisch. Laut dem Krankenhaus-Rating-Report landen in diesem Jahr 60 Prozent der Krankenhäuser in den roten Zahlen, im kommenden Jahr sind es schon 80 Prozent. Solche negativen Szenarien hat es noch nie gegeben. Krankenhauspleiten sind also eine ganz reale Bedrohung.

    Gleichzeitig erhielten die Krankenhäuser 2020 und 2021 mehr staatliche Hilfen, als sie durch die Pandemie einbüßten. Reicht das nicht als Rücklage?
    Partielle Überschüsse sind vor allem durch die einheitlichen Freihaltepauschalen für Betten in den ersten Monaten der Pandemie entstanden, die dann schnell immer weiter abgeschmolzen wurden. Die Diskussion um mögliche Überzahlungen zu Beginn der Pandemie betrachtet ausschließlich die Einnahmen der Kliniken und blendet die mit der Pandemie verbundenen hohen Kosten regelhaft aus. Bei fast allen Trägern sind Rücklagen schon im Jahr 2021 und spätestens durch die Entwicklung im Jahr 2022 aufgezehrt worden. Reserven gibt es also keine mehr, um die jetzige Krise aufzufangen.

    Die Coronahilfen für Kliniken sind am 30. Juni ausgelaufen, für den Herbst ist keine Neuauflage geplant. Mit welchen Folgen?
    Die Bundesregierung lässt die Krankenhäuser im Regen stehen. Ohne die Rückendeckung der Coronahilfen in der sich weiter zuspitzenden Lage kämpft jeder Standort für sich ums Überleben. Das ist fatal in einer Situation, in der die Zusammenarbeit, der Austausch und regionale, kluge Unterstützungskonzepte gefragt sind. Niemand aus der Politik sollte im Herbst mit dem Finger auf die Kliniken zeigen, wenn die Versorgung nicht mehr sichergestellt werden kann. Die Gesundheitsministerinnen und -minister der Länder haben in der letzten Gesundheitsministerkonferenz Karl Lauterbach aufgefordert zu handeln. Doch es passiert nichts.

    Macht sich das bereits bemerkbar?
    Es gibt schon jetzt eine Mehrfachbelastung in den Kliniken. Die Zahl der Covid-Patienten in den Krankenhäusern hat sich in den vergangenen sechs Wochen fast verdreifacht – es sind mittlerweile 16.000. Auf Intensivstationen liegen doppelt so viele Covid-Patienten wie 2021. Hinzu kommt, dass durch die Infektionswelle deutlich mehr Personal ausfällt. Nach den Meldungen, die ich bekomme, ist die Quote 50 Prozent höher als sonst. Das bedeutet, dass fast jeder zehnte Angestellte in Kliniken derzeit krankheitsbedingt ausfällt. Und wir arbeiten bereits mit einer maximal dünnen Personaldecke.

    Was heißt das?
    Es ist eine höhere Arbeitsbelastung für die verbliebenen Mitarbeiter – ausgerechnet in einer Phase, in der die vielen Infektionspatienten hinzukommen. Die müssen von anderen Patienten isoliert und in voller Schutzmontur behandelt werden. Und Patienten erleben, dass die Wartezeiten wieder länger werden. Planbare Eingriffe müssen verschoben werden oder man wird auf andere Kliniken verwiesen. Das ist eine Situation, die wir so in Deutschland noch nie hatten. Noch haben wir aber keine englischen Verhältnisse, wo Patienten teilweise Jahre warten müssen, etwa auf eine künstliche Hüfte.

    >>Lesen Sie hier: Ärztebund-Chefin warnt wegen Corona-Ausfällen an Kliniken: „Gesundheitssystem kommt an seine Grenzen“

    Was erwarten Sie für den Herbst?
    Für den Coronaherbst sehe ich schwarz. Die nächste Pandemiewelle wird kommen. Es gibt kein valides Szenario, warum sie ausfallen sollte. Wir werden es bis dahin auch nicht schaffen, mit einem angepassten Impfstoff die breite Bevölkerung zu impfen. Das ist unrealistisch, da die Impfstoffe dafür erst relativ spät im Jahr zur Verfügung stehen.

    Die Ampelkoalition ringt derweil noch um den richtigen Coronakurs für den Herbst. Zumindest über eine Maskenpflicht in Innenräumen herrscht offenbar Konsens. Reicht das?
    Die Maskenpflicht in Innenräumen ist eine wichtige Maßnahme, die sich ja auch in der Vergangenheit als nützlich erwiesen hat. Wichtig ist, dass möglichst viele Instrumente ermöglicht werden, um auf das Pandemiegeschehen angemessen zu reagieren. Gleichzeitig machen Lockdowns, Schulschließungen und Ausgangssperren wenig Sinn, wie der Corona-Evaluierungsbericht gezeigt hat. Diese Maßnahmen würde ich deswegen ganz hinten auf die Prioritätenliste setzen.

    >>Lesen Sie hier: Corona-Expertenrat hält „erhebliche Belastung des Gesundheitssystems“ ab Herbst für wahrscheinlich

    Minister Lauterbach empfiehlt bereits jetzt allen Erwachsenen in Absprache mit einem Arzt die vierte Impfung.
    Lauterbachs Vorgehen ist alles andere als glücklich. Die Empfehlung ist Aufgabe der Ständigen Impfkommission, Stiko. Sie hat die Expertise. Ich halte nichts davon, dass sich der Minister über die Stiko hinwegsetzt, nachdem er abends Studien gelesen hat. Dieses Empfehlungs-Chaos wird nicht dazu führen, dass die Impfbereitschaft steigt. Im Gegenteil.

    Die Ständige Impfkommission empfiehlt die Impfung aktuell nicht für die breite Bevölkerung. Quelle: dpa
    Coronavirus-Impfung

    Die Ständige Impfkommission empfiehlt die Impfung aktuell nicht für die breite Bevölkerung.

    (Foto: dpa)

    Warum?
    Wenn der Minister seine eigene Impfkommission öffentlich infrage stellt, schafft das kein Vertrauen, sondern verunsichert die Bevölkerung. Das ist brandgefährlich. Wer schon immer gegen die Impfung war, fühlt sich bestätigt in seinem Glauben, es gäbe keine validen Erkenntnisse für die Wirkung der Impfung. Da saugen alle Honig daraus, die das ganze System am liebsten kippen würden. Und wer sich impfen lassen will, nimmt eine Vielstimmigkeit wahr, aus der niemand schlau wird.

    Hat der Minister denn in der Sache einen Punkt? Vor allem mit Blick auf den Corona-Herbst.
    Ich bin der Überzeugung, dass sich die Impfempfehlung konsequent an der Risiko-Nutzen-Bewertung ausrichten muss. Ich sehe das ähnlich wie die Stiko: Es gibt derzeit keine validen Erkenntnisse darüber, dass die vierte Impfung für alle einen großen Nutzen hat. Vor allem Jüngere sind nach einer dritten Impfung derzeit gut geschützt. Besser wäre zu kommunizieren, dass die vierte Impfung für ältere Menschen und die Risikogruppen einen besonders großen Nutzen hat. Diese Gruppe muss erreicht werden. Darauf sollte sich der Minister konzentrieren.

    Hat sich die einrichtungsbezogene Impfpflicht bewährt?

    Sie ist mittlerweile ein Problem. Bei einigen läuft derzeit der vorhandene Impfschutz aus. Denen droht also eine Betretungsverbot, obwohl sie sich bereits haben impfen lassen. In der angespannten Personallage können wir das nicht gebrauchen. Zudem handhaben die Gesundheitsämter die einrichtungsbezogene Impfpflicht höchst unterschiedlich. Es gibt also keine Gleichbehandlung. Das ist rechtlich sehr schwierig. Hinzu kommt, dass die Impfung die Ansteckung in der Omikron-Welle nicht mehr verhindert. Das zentrale Argument für die einrichtungsbezogene Impfpflicht, der Schutz der Patienten vor Ansteckung durch das Personal, greift nicht mehr. Sie sollte deswegen ausgesetzt werden.

    Vielen Dank für das Gespräch.

    Mehr zum Thema: Hilft eine vierte Corona-Impfung auch Jüngeren? Gemischte Reaktionen auf Lauterbachs Vorstoß

    Startseite
    Mehr zu: Gerald Gaß im Interview - Krankenhausgesellschafts-Chef warnt vor Klinikpleiten: „Es braut sich der perfekte Sturm zusammen“
    1 Kommentar zu "Gerald Gaß im Interview: Krankenhausgesellschafts-Chef warnt vor Klinikpleiten: „Es braut sich der perfekte Sturm zusammen“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Steigende Energiepreise wirken sich natürlich auch hier aus. Wäre in den letzten Jahren vernünftige Wirtschafts- und Finanzpolitik betrieben worden, wären unsere Probleme heute wesentlich kleiner. Ich verweise nur immer auf die Schweiz

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%