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GewerkschaftenDGB verliert rund 130.000 Mitglieder

Die Pandemie erschwert den Gewerkschaften in Deutschland die Mitgliederwerbung. Die Neueintritte können die Abgänge bei Weitem nicht ausgleichen.Frank Specht 01.02.2022 - 17:35 Uhr Artikel anhören

Straßenaktionen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Verankerung der Gewerkschaften in den Betrieben abnimmt.

Foto: imago images/aal.photo

Berlin. Wenn Verdi-Chef Frank Werneke gefragt wird, warum jemand Mitglied seiner Gewerkschaft werden sollte, dann kann er auf Plakatflächen in Berlin verweisen. Der landeseigene Klinikkonzern Vivantes wirbt dort um Pflegekräfte – mit Verweis auf Leistungen aus einem Tarifvertrag, den Verdi erst kürzlich mit Streiks durchgesetzt hat. Gewerkschaftliches Engagement, so Wernekes Botschaft, zahlt sich aus.

Tatsächlich konnte die zweitgrößte deutsche Gewerkschaft im Gesundheitswesen, aber auch im Versandhandel oder bei den Paketdiensten neue Mitglieder gewinnen. Doch die Neuzugänge reichten bei Weitem nicht aus, um die Abgänge und Sterbefälle zu kompensieren.

Verdi steht nicht allein. Wie das Handelsblatt aus Gewerkschaftskreisen erfuhr, haben die acht im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) zusammengeschlossenen Einzelgewerkschaften im vergangenen Jahr unter dem Strich rund 130.000 Mitglieder verloren. Demnach gehörten Ende 2021 nur noch gut 5,7 Millionen Menschen einer DGB-Gewerkschaft an.

Der Schrumpfkurs hat sich damit gegenüber dem Vorjahr weiter beschleunigt. Zur Jahrtausendwende zählte der DGB noch 7,7 Millionen Mitglieder. Genaue Zahlen will der Dachverband kommende Woche präsentieren.

Für die Entwicklung sei vor allem die Pandemie verantwortlich, sagte Werneke am Montagabend vor Journalisten: „Corona ist der Feind der Mitgliederwerbung.“ Die Restriktionen erschwerten die Kontaktaufnahme zu Beschäftigten in Unternehmen oder Ausbildungsstätten wie den Pflegeschulen. Die Mitgliederzahl von Verdi ist unter die Marke von 1,9 Millionen gerutscht – ein Rückgang von 2,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gut 93.000 Menschen entschieden sich im vergangenen Jahr neu für eine Mitgliedschaft – rund 30.000 weniger als im langjährigen Durchschnitt.

Die Krise des Luftverkehrs bescherte Verdi besonders viele Austritte

Besonders viele Austritte hat es aus den Bereichen Flugverkehr und Bodendienste gegeben, weil laut Werneke krisenbedingt mehr als 30 Prozent der Beschäftigten der Branche mittlerweile den Rücken gekehrt haben. Insgesamt verzeichnete Verdi 141.000 Abgänge.

Auch die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) und die IG Metall haben bereits Zahlen vorgelegt – und ebenfalls große Mitgliederverluste zu verzeichnen. Die IG Metall als größte deutsche Gewerkschaft hatte Ende vergangenen Jahres noch 2.169.183 Mitglieder – rund 45500 weniger als im Vorjahr. Abgesehen vom ersten Pandemiejahr, als der Rückgang noch größer ausfiel, muss man laut Gewerkschaftschef Jörg Hofmann schon bis in die Zeit der Finanzkrise zurückgehen, um auf Mitgliederverluste in ähnlicher Größenordnung zu kommen.

Hofmann hält sich aber zugute, dass das prozentuale Minus „nur“ 2,1 Prozent beträgt, während der Stellenabbau in der Metall- und Elektroindustrie mit 2,4 Prozent höher ausgefallen sei. Kurzarbeit, Kontaktbeschränkungen, die Homeoffice-Pflicht und ein fehlendes digitales Zugangsrecht machten es den Gewerkschaften aber schwer, neue Mitglieder zu gewinnen, sagte auch der IG-Metall-Chef.

Die IG BCE, die angesichts der Energiewende ihre starke Basis im Braunkohletagebau oder bei den Energieversorgern zu verlieren droht, konnte sich dem Abwärtstrend ebenfalls nicht entgegenstemmen. Sie zählte Ende vergangenen Jahres noch rund 591.000 Mitglieder – 15.000 weniger als ein Jahr zuvor.

Während die Beschäftigung um zwölf Prozent zulegte, sank die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder um ein Viertel

Die schrumpfende Basis der Arbeitnehmervertretung fällt noch mehr ins Gewicht, wenn man sie mit der Beschäftigungsentwicklung vergleicht. Während die Zahl der Erwerbstätigen in den Jahren 2000 bis 2020 um gut zwölf Prozent zulegte, sank die Zahl der Mitglieder von DGB-Gewerkschaften im gleichen Zeitraum um rund ein Viertel.

Trotz der Rückgänge haben sich die Einnahmen der großen Gewerkschaften zuletzt aber stabilisiert. Der IG Metall brachten die Mitgliedsbeiträge im vergangenen Jahr 592 Millionen Euro ein. Das war zwar etwas mehr als im ersten Coronajahr, allerdings wurde das Vorkrisenniveau von 598 Millionen Euro aus dem Jahr 2019 noch nicht wieder erreicht.

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Verdi verzeichnete – dank gestiegener Löhne und damit höheren Beiträgen – im vergangenen Jahr mit 483,3 Millionen Euro sogar einen neuen Höchststand bei den Beitragseinnahmen. Laut Transparenzbericht gibt die Gewerkschaft von jedem Beitrags-Euro 35 Cent für die Betreuung und Beratung vor Ort, drei Cent für die gewerkschaftliche Bildungsarbeit und 14 Cent für die politische Lobbyarbeit, also beispielsweise Kampagnen zum Mindestlohn, aus. Der Rest fließt in den Rechtsschutz, die Gremienarbeit, in Information und Kommunikation und in die internationale Gewerkschaftsarbeit.

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