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Inklusionsbarometer ArbeitMenschen mit Behinderung: Der Arbeitsmarkt vergisst eine Gruppe mit erheblichem Potenzial

Jeder neunte Erwachsene mit Behinderung sucht Arbeit. Fünf Jahre erfolgreicher Inklusionsbemühungen wurden durch die Pandemie zunichtegemacht. Hier muss die Politik ansetzen.Axel Schrinner 29.11.2021 - 18:29 Uhr Artikel anhören

Die Eingliederung von Menschen mit Handicap benötigt mehr Unterstützung der Unternehmen.

Foto: dpa

Düsseldorf. Deutschland ergraut rapide – und das wird sich schon bald auch auf dem Arbeitsmarkt widerspiegeln und nicht ohne Folgen für das Wirtschaftswachstum bleiben. Bereits 2023 dürfte der Zenit bei der Beschäftigung überschritten werden; fortan werden mehr Personen aus dem Erwerbsleben ausscheiden als neu hinzukommen.

Ab 2026 verliert Deutschland jährlich schätzungsweise 130.000 Personen im erwerbsfähigen Alter – und ein geringeres Arbeitsangebot schwächt das Produktionspotenzial. „Ende dieses Jahrzehnts könnte es sein, dass ein Wachstum der Volkswirtschaft nicht mehr selbstverständlich ist“, warnt Bert Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI).

Die üblichen Empfehlungen der Wissenschaft, um dieser Entwicklung entgegenzusteuern, lauten, die Zuwanderung und die Partizipationsrate zu erhöhen, also etwa über bessere Kinderbetreuungsmöglichkeiten, Ganztagsschulen und flexiblere Arbeitszeitmodelle insbesondere mehr Frauen eine Vollzeitbeschäftigung zu ermöglichen.

Ein Arbeitskräftereservoir, das dabei oft noch immer übersehen wird, sind Menschen mit Behinderung. Von den rund 1,45 Millionen Erwerbspersonen mit einer Behinderung, die dem ersten Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, sind derzeit 166.500 arbeitslos – also fast jeder Neunte, wie das neue Inklusionsbarometer Arbeit der Aktion Mensch und des HRI zeigt. Im Vergleich zum Vorjahr ging die Anzahl der Arbeitslosen damit zwar leicht um 7000 Personen zurück, gemessen am Vorkrisenjahr 2019 war die Arbeitslosigkeit jedoch um fast 13.000 Betroffene höher.

„Insgesamt liegt das Niveau der Inklusion auf dem Arbeitsmarkt auf dem Stand von 2016. Da sich die Situation in den Jahren vor Corona nahezu stetig verbesserte, bedeutet dies: Alle seither erreichten Fortschritte sind verloren“, betont HRI-Präsident Rürup.

Die Erfahrungen aus vergangenen Wirtschaftskrisen wiederholen sich

Tatsächlich hat der deutsche Arbeitsmarkt die Pandemie recht gut überstanden. Die Arbeitslosigkeit schnellte im Frühjahr 2020 zwar binnen weniger Wochen um gut 600.000 in die Höhe. Doch seitdem sinkt sie kontinuierlich, sodass sie nunmehr lediglich noch um 200.000 Personen über dem Vorkrisenniveau liegt.

Der Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung konnte ebenfalls von der Erholung profitieren, allerdings ging die Arbeitslosigkeit unter Schwerbehinderten deutlich langsamer zurück. Damit scheinen sich die Erfahrungen aus vergangenen Wirtschaftskrisen nun zu wiederholen, in denen die Anzahl langzeitarbeitsloser Menschen mit Behinderung merklich zunahm. „Um die Inklusion auf dem Arbeitsmarkt voranzutreiben, braucht es daher nicht nur einen Bewusstseinswandel, sondern eine noch stärkere Unterstützung der Unternehmen bei der Einrichtung behinderungsgerechter Arbeitsplätze“, sagte HRI-Studienautor Jörg Lichter.

Insbesondere mittelständische Unternehmen wüssten vielfach nicht, dass es zur Neu- und Umgestaltung der Arbeitsplätze fachliche Unterstützung gäbe. Zudem könnten Betriebe spezifische Investitionszuschüsse erhalten.

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Idealerweise sollten sich Unternehmen nicht erst aufgrund von Neueinstellungen um Barrierefreiheit bemühen, sondern bereits präventiv die strukturellen Rahmenbedingungen für die Einstellung von Menschen mit Behinderung verbessern, empfiehlt Christina Marx von der Aktion Mensch. So sollten etwa bauliche Barrierefreiheit bei Neu- oder Umbauten oder digitale Barrierefreiheit beim Erwerb von Hard- oder Software bereits mitbedacht werden.

Überdies schafft Barrierefreiheit nicht nur die Voraussetzung dafür, dass Menschen mit Behinderung in einem Betrieb arbeiten können. Angesichts immer älter werdender Belegschaften profitieren letztlich alle Beschäftigten von einer barrierefreien Arbeitsumgebung. „Außerdem kann Barrierefreiheit im Wettbewerb um älter werdende Kunden entscheidend sein, um sich von Konkurrenten abzuheben, beispielsweise im stationären Einzelhandel oder in der Gastronomie“, betont HRI-Experte Lichter. „Oftmals zahlt sich Barrierefreiheit also auch betriebswirtschaftlich aus.“

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