Investitionen: Diese Probleme lassen deutsche Firmen am Standort Türkei zweifeln
Der Bundeswirtschaftsminister in einem Elektrobus in Ankara: Die deutsche Wirtschaft schaut zwiegespalten auf die Türkei.
Foto: dpaAnkara. Einen Redezettel hat Robert Habeck wie immer dabei, als er am Freitag beim Deutsch-Türkischen Energieforum die Bühne betritt. Wie immer schenkt der Bundeswirtschaftsminister dem Zettel aber wenig Beachtung. Vielmehr dreht er den mehreren Hundert Energieunternehmerinnen und -unternehmern sowie dem türkischen Energieminister Alparslan Bayraktar im Publikum gleich zu Beginn den Rücken zu.
Habeck deutet auf ein Transparent hinter ihm. Ein Kartenausschnitt von Europa, Asien und Afrika ist dort zu sehen, mit der Türkei im Zentrum. Eingezeichnet sind allerhand nicht näher definierte Handelsrouten.
Habeck zeigt auf eine der Linien: „Das könnte der Korridor sein, über den chinesische Solarpaneele in die Türkei und in die EU kommen.“ Viel besser wäre es doch, so Habeck, wenn der Korridor daneben mehr genutzt werde. Der zwischen Deutschland und der Türkei.
Dem Vizekanzler geht es nicht nur um Solar. Es geht um die wirtschaftlichen Beziehungen generell. Habeck hat nicht umsonst bei seiner zweieinhalbtägigen Reise in die türkische Hauptstadt rund 30 deutsche Wirtschaftsvertreter dabei. So viele sind es bei solchen Reisen selten.
Die Türkei soll nach Ansicht der Bundesregierung eine gewichtige Rolle dabei spielen, die deutsche Wirtschaft resilienter aufzustellen und die Abhängigkeiten von China zu lösen. Durch verstärkten Handel, vor allem aber auch als Standort für neue Fabriken.
Beim Deutsch-Türkischen Energieforum erklärte Habeck, welche Rolle die Türkei haben kann, um unabhängiger von China zu werden.
Foto: dpaDie Türkei wirbt mit einem ähnlich niedrigen Lohnniveau wie China. Beide Länder locken Betriebe mit Steuervergünstigungen. Die Türkei hat das Potenzial, China als Werkbank Europas abzulösen.
Die Exportbedingungen für Außenstandorte deutscher Firmen sind gut, die Türkei ist die Handelsdrehscheibe zwischen westlicher, arabischer und asiatischer Welt. „Wir können ein wichtiger Partner und eine Alternative zu China sein“, sagt Kivanc Zaimler, CEO des türkischen Energieunternehmens Sabanci. Aber so leicht ist es nicht.
Die Ausgangslage: Deutsche Firmen vor Ort machen Hoffnung
Insgesamt gibt es rund 8000 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung in der Türkei. Seit 2002 betrug das Investitionsvolumen 11,5 Milliarden US-Dollar. Während Habecks Reise wurden mehrere Partnerschaften zwischen deutschen und türkischen Unternehmen unterschrieben. Das deutsche Unternehmen Enercon etwa vereinbarte mit Kalyon Enerji die Lieferung von 64 Windturbinen.
Die Firmen, die schon vor Ort sind, berichten vornehmlich Positives. Zwei Drittel der deutschen Unternehmen in der Türkei bewerten ihre Lage als gut, zeigt eine Umfrage der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer (AHK), die dem Handelsblatt vorliegt. Nur eine einstellige Prozentzahl sieht ihre Lage als schlecht an.
Auch die Geschäftserwartungen für die kommenden zwölf Monate sind mehrheitlich positiv: Fast die Hälfte rechnet mit besseren Geschäften. Das hängt auch damit zusammen, dass in der Türkei im Gegensatz zu Deutschland genügend Arbeitskräfte zur Verfügung stehen.
„Mit seiner jungen und gut ausgebildeten Bevölkerung, Infrastrukturprojekten und großem Potenzial für erneuerbare Energien bietet die Türkei viele Chancen für die deutsche Wirtschaft“, sagt Melanie Vogelbach, Leiterin Internationale Wirtschaftspolitik bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK).
Die Hoffnung: Türkischer Wasserstoff für die deutsche Industrie
Das Potenzial der Türkei mit ihren vielen Sonnenstunden und ihren ausgedehnten, windreichen Flächen ist groß, eine bedeutende Rolle bei der globalen Energiewende zu spielen. Die Erneuerbaren könnten vor allem der Produktion von grünem Wasserstoff dienen – den insbesondere die deutsche Industrie in großen Mengen für die Transformation benötigt.
Bis 2050 könnten in der Türkei 3,4 Millionen Tonnen grüner Wasserstoff hergestellt werden, zeigt eine Studie der Denkfabrik Shura. 1,5 bis 1,9 Millionen blieben schätzungsweise für den Export übrig.
>> Lesen Sie hier: Grüner Wasserstoff ist deutlich teurer als gedacht
„Die Türkei hat ganz besondere Voraussetzungen, die einmalig sind: Wind, Wasser, Sonne und eine existierende Pipeline nach Deutschland“, sagt Cetin Nazikkol, der beim Stahlhersteller Thyssen-Krupp das Geschäft im Mittleren Osten und Afrika leitet.
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck und der türkische Energieminister Alparslan Bayraktar unterzeichneten eine Kooperationserklärung.
Foto: dpaTatsächlich gibt es eine bestehende Pipelineverbindung aus der Türkei, die nach Deutschland führt. Auch Habeck sprach die Pipeline an und erklärte, die Umstellung auf Wasserstoff anzustreben: „Daran glaube ich fest.“ Der Minister unterzeichnete in Ankara eine Kooperationserklärung mit seinem türkischen Pendant Bayraktar.
Doch so rosig die Aussichten bis hierhin klingen: Es gibt mindestens genauso viele Probleme in der Türkei für deutsche Unternehmen. DIHK-Außenwirtschaftsexpertin Vogelbach sagt: „Trotz einiger positiver Signale bleiben viele Risiken bestehen.“ Auch Habeck gestand ein, dass deutsche Unternehmen zum Teil kein System vorfänden, „in dem man sich eingeladen fühlt zu investieren“.
Risiko 1: Inflation und Lira-Verfall
Am Freitagnachmittag besuchte Habeck in Ankara MAN. Der Truckhersteller hat seine gesamte Elektrobus-Entwicklung und -Fertigung in die türkische Hauptstadt verlegt. Als ihm der Werkschef in einer Halle eine Liste mit Aspekten zeigt, die für Ankara sprechen, grinst Habeck. Mit dem Finger zeigt er auf den dritten Punkt: die vergünstigte Unternehmensteuer.
Diese und weitere Steuergeschenke sind tatsächlich ein Lockmittel für viele Unternehmen. Sie sind aber auch Ausdruck dessen, wie Recep Tayyip Erdogan die türkische Wirtschaft an den Abgrund geführt hat. Der Präsident hat sich mit kurzsichtigen Maßnahmen Beliebtheit erkauft. Mittelfristig schlug das aber umso mehr zurück.
Neben der Steuer gilt das vor allem für die Zinsen. Über mehrere Jahre hatte Erdogan eine populistische Zinspolitik vorgegeben. Irrationale Niedrigzinsen erzeugten Wachstum, ließen aber zeitgleich der Inflation freien Lauf. Im vergangenen Jahr lag sie staatlichen Angaben zufolge bei rund 60 Prozent – in anderen Quellen ist von mehr als 100 die Rede.
Die türkische Lira hat das in enorme Turbulenzen gebracht. Sie musste lange staatlich gestützt werden, was die Verschuldung des Staates derart getrieben hat, dass die Türkei auf Finanzspritzen aus dem Ausland angewiesen ist.
Der Währungsverfall ist historisch, mit schweren Folgen für die Wirtschaft. Das Exportgeschäft wurde zwar besonders attraktiv. Insgesamt aber überwiegen die Schäden deutlich. Die hohe Inflation mache Geschäfte kaum planbar und erhöhe die Unsicherheit, erklärte ein Mitglied der deutschen Wirtschaftsdelegation. In der AHK-Umfrage unter den deutschen Unternehmen sehen drei Viertel die Wechselkurspolitik als größtes Risiko.
Zuletzt ist es zu einem Kurswechsel gekommen. Nach seinem Wahlsieg im Mai 2023 machte Erdogan mit Mehmet Simsek den Vertreter einer orthodoxen Finanz- und Wirtschaftspolitik zum neuen Finanzminister. Auf Simseks Wunsch wurde Hafize Gaye Erkan neue Chefin der türkischen Zentralbank. Das Duo hat damit begonnen, die Finanz- und Wirtschaftspolitik neu auszurichten. Erkan hat die Leitzinsen schrittweise von 8,5 auf zuletzt 35 Prozent erhöht.
>> Lesen Sie hier: Erdogan vollzieht Kehrtwende – „Strikte Geldpolitik“ soll Inflation drücken
Die Zinswende wiederum droht aber das Wachstum zu belasten. Noch sehen die Konjunkturaussichten der Türkei positiv aus. Doch das hängt zu einem großen Teil mit vorgezogenem Konsum der Bevölkerung zusammen. Die konjunkturellen Ausblicke könnten sich also noch deutlich eintrüben.
Risiko 2: Die Zollunion macht Ärger
Zwischen der Türkei und der EU besteht eine Zollunion. Diese gilt für fast alle gewerblichen Waren. Das macht das Land auch als wirtschaftlichen Partner für Deutschland attraktiv. Erdogan würde die Zollunion gern weiterentwickeln.
Allerdings gibt es in der aktuellen Form schon erhebliche Probleme. Aus Sicht der EU hält sich die Türkei nicht an eine Reihe von Abmachungen. Die Kommission erwartet dort zuerst einen Fortschritt, bevor über weitere Erleichterungen geredet werden kann. Unter anderem das führt dazu, dass Deutschland nur noch das drittgrößte Lieferland der Türkei im ersten Halbjahr 2023 war.
Deutsche Unternehmen werden sich gut überlegen, ob sie Werke in der Türkei bauen, wenn sie wichtige Kunden in der EU haben.
Risiko 3: Hohe politische Unsicherheit
Die internationale Hoffnung mit Blick auf Finanzminister Simsek ist groß. Allerdings auch die Gefahr, dass er seine Agenda nicht auf Dauer durchziehen kann. In der Türkei wird bereits spekuliert, Erdogan könnte seine Zinspolitik wieder zurücknehmen, wenn die Kommunalwahlen im März schlecht laufen. Das wäre auch für deutsche Unternehmen vor Ort ein Problem.
Hinzu kommt, dass die außenpolitischen Spannungen zunehmen. Erdogan hat sich inzwischen fest an der Seite der militanten Hamas positioniert, trotz des Blutbads, das die Terrorgruppe vor gut drei Wochen in Israel angerichtet hat.
Mehrere Faktoren sprechen wirtschaftlich gegen die Türkei, stellte Habeck fest.
Foto: dpaDie Türkei ist zudem Transitland für illegale Lieferungen nach Russland. Auch das belastet die Beziehungen zu Deutschland.
Und nicht zuletzt hat sich die Menschenrechtssituation in der Türkei kaum verbessert, ebenso wenig wie die Korruption und die fragwürdigen Methoden im Justizsystem. Und so konstatierte auch Habeck vor seinem Abflug zurück nach Berlin: „Für Unternehmen, die ganz neu auf dem Markt sind, stellt sich auch die Frage: In welches juristische Umfeld investieren wir eigentlich rein?“