Landtagswahlen: AfD boomt, BSW stark – diese Grafiken zeigen die Hintergründe
Berlin. Platz eins für die AfD in Thüringen, Rang zwei in Sachsen. Viele Jahre schien es, als sei die Bundesrepublik immun gegen rechtspopulistische Tendenzen, wie sie in anderen westlichen Demokratien längst zu beobachten waren. Doch nun hat fast ein Drittel der Wähler und Wählerinnen in Thüringen die AfD gewählt.
Überraschend stark schnitt auch die neue Partei der Ex-Linkenpolitikerin Sahra Wagenknecht ab. Dem BSW gelang auf Anhieb der Einzug in die Landesparlamente in Erfurt und Dresden. Die Partei hat nun sogar eine realistische Aussicht, an den Landesregierungen beteiligt zu werden.
Wie ist der Boom für die AfD zu erklären? Und warum neigen viele Wählerinnen und Wähler dazu, dem neuen BSW ihre Stimme zu geben? Das Handelsblatt hat die Hintergründe auf Basis von Umfragedaten von Infratest Dimap und der Forschungsgruppe Wahlen analysiert.
Bei diesen Gruppen dominieren AfD und BSW
Die AfD konnte in Thüringen vor allem bei den unter 24-Jährigen punkten. Diese Tendenz hatte sich schon bei der Europawahl im Juni gezeigt. Besonders schwach schneidet die Partei hingegen bei älteren Wählerinnen und Wählern ab. In Sachsen dagegen wählen auch viele Ältere die AfD.
Das BSW wiederum kann bei Jüngeren kaum Stimmen abgreifen – dem Bündnis neigen eher ältere Wählergruppen zu. Das dürfte wohl auch damit zu tun haben, dass bei der Entscheidung, die Wagenknecht-Partei zu wählen, insbesondere das Thema soziale Gerechtigkeit ausschlaggebend war – anders als bei der AfD.
AfD überzeugt eher Männer als Frauen
Die AfD ist in allen sozialen Gruppen stark. Ihren Erfolg in Thüringen verdankt sie besonders den Männern. Das entspricht auch dem Image der Partei, die selbst von Männern dominiert wird. Im Bundesvorstand ist die Co-Parteivorsitzende Alice Weidel die einzige Frau.
AfD als neue Arbeiterpartei
Die SPD beansprucht stets für sich, die Partei der Arbeiter zu sein. Doch bei den Landtagswahlen punktet die AfD in dieser Gruppe mit Abstand am stärksten. Auch das BSW schneidet hier besser ab als die Sozialdemokraten.
AfD punktet in der Migrationspolitik
Von den AfD-Wählern entschieden sich viele für die Partei wegen ihrer politischen Forderungen. Insbesondere in der Migrationspolitik genießt die AfD laut einer Erhebung von Infratest Dimap deutlich mehr Vertrauen als alle anderen Parteien. In der Wirtschaftspolitik liegt die AfD auf Rang zwei hinter der CDU.
Der Befund überrascht, da Wirtschaftsvertreter vor der AfD warnen und wegen ihrer Stärke Standortnachteile befürchten. Für Aufsehen vor der Wahl sorgten Äußerungen von Thüringens AfD-Spitzenkandidat Björn Höcke.
Dieser hatte die von mehr als 40 deutschen Unternehmen initiierte Kampagne „Made in Germany – made by Vielfalt“ als Heuchelei bezeichnet und erklärt: „Ich hoffe, dass diese Unternehmen in schwere, schwere wirtschaftliche Turbulenzen kommen.“
Mischung aus Protest und Überzeugung
Bei den Landtagswahlen zeigt sich nun, was sich seit Jahren erahnen lässt: Die AfD wird im Osten zunehmend als „normale“ Partei wahrgenommen.
Sie werde nicht allein aus Protest gewählt, „sondern weil sie genau die Positionen vertritt, die viele Menschen erwarten“, sagt der Kölner Politikwissenschaftler Marcel Lewandowsky. „Das betrifft zum einen die Migrations- und Asylpolitik, zum anderen ihr Verhältnis zur Demokratie.“
Das BSW wiederum positioniert sich nach Einschätzung Lewandowskys „in einer Angebotslücke im Parteiensystem“. Die Partei ziehe Menschen an, die ökonomisch links stünden, aber gesellschaftlich eher rechts.
Höhere Wahlbeteiligung nutzt AfD und BSW
Eine Analyse zur saldierten Wählerwanderung von Infratest Dimap zeigt, woher die neuen Wähler von AfD und BSW kommen. Die Meinungsforscher ermitteln die Wanderung auf Grundlage eigener Befragungen, des vorläufigen Endergebnisses sowie weiterer amtlicher Statistiken.
Im Detail zeigt sich, dass die historisch hohe Wahlbeteiligung an den Landtagswahlen vor allem AfD und BSW genutzt hat. Die AfD konnte die meisten Nichtwähler mobilisieren, auch das BSW profitiert in diesem Bereich stark. Die Hoffnung, dass die Wagenknecht-Partei der AfD viele Stimmen abjagen könnte, hat sich nicht erfüllt.