Landtagswahlen: Warum die AfD bei jungen Wählern so erfolgreich ist
Bernau, Berlin, Wandlitz. Aus dem Autoradio dröhnt ein Song von Nina Chuba, es geht zum Flyer-Verteilen ins brandenburgische Wandlitz. Johannes Höhr, 21, sitzt am Steuer. Seine Parteifreunde Zyon Braun und Laura Iden hat er eben am Bahnhof Bernau eingesammelt. Der Kofferraum quillt über mit Flugblättern, Plakaten und Postkarten.
Braun ist FDP-Landesvorsitzender, Iden Chefin der Jungen Liberalen. Und Höhr ist Social-Media-Stratege des Landesvorstands und Social-Media-Manager für Christian Dürr, den Chef der FDP-Bundestagsfraktion. Die drei jungen Politiker haben ein Ziel: den Einzug in den Brandenburger Landtag.
Seit zehn Jahren ist die Partei nicht mehr im Landesparlament vertreten, aber bei den Wahlen am 22. September will sie es erneut versuchen. Kein leichtes Unterfangen. In aktuellen Umfragen liegt sie in Brandenburg bei zwei bis drei Prozent, und der immer wieder aufflammende Ampelstreit auf Bundesebene macht es nicht einfacher, die Wähler zu erreichen.
Und noch etwas fällt den liberalen Nachwuchskräften auf: Viele ihrer Altersgenossen wenden sich von den etablierten Parteien ab, sympathisieren offen mit der AfD.
„Wir haben in jüngerer Zeit allgemein eine politische Tendenz nach rechts erlebt“, sagt Politikwissenschaftler Christoph Schulze von der Universität Potsdam dem Handelsblatt. Das mache auch vor der Jugend nicht halt, so der Mitarbeiter der Emil Julius Gumbel Forschungsstelle für Antisemitismus und Rechtsextremismus. „In den ostdeutschen Bundesländern tritt dieser Trend noch einmal verstärkt auf.“
Diesen Befund bestätigt eine neue Erstwählerstudie des Instituts für Generationenforschung. Erstwähler in Ost- und Westdeutschland wurden gefragt, für welche Partei sie stimmen würden, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre. Das Ergebnis: Bei den Erstwählern in Westdeutschland ist die CDU die stärkste Kraft, gefolgt von den Grünen. Nur neun Prozent würden die AfD wählen.
Ganz anders in den neuen Bundesländern. Dort würde die Rechtsaußenpartei bei den Erstwählern mit 19 Prozent stärkste Kraft, es folgen die CDU (13 Prozent) und die Linke (12 Prozent).
Die inoffiziellen U-18-Wahlen in Sachsen und Thüringen, die traditionell neun Tage vor den Landtagswahlen stattfinden, bestätigen den Trend: Die AfD wird in dieser Probe-Abstimmung für Menschen unter 18 Jahren stärkste Kraft. Bei den Erwachsenen sieht es tendenziell nicht viel anders aus. Am Sonntag wird in Sachsen und Thüringen gewählt – in beiden Bundesländern sieht es nach Umfragen nach einem Triumph für die AfD aus.
Dabei ist die Partei im Osten noch radikaler als im Westen, der Verfassungsschutz stuft die Landesverbände in Thüringen und Sachsen als „gesichert rechtsextrem“ ein. Warum folgen immer mehr junge Menschen ihren radikalen Parolen?
Erfahrene, etablierte rechte Organisationen
„Generell sind die Wahlergebnisse und der Zuspruch für die AfD im Osten höher“, sagt Politikwissenschaftler Schulze. „Das kann man analog bei den Jugendlichen sehen.“ Inzwischen gebe es eine sehr erfahrene, handlungsfähige und kampagnenfähige extreme Rechte, die sich in den ostdeutschen Bundesländern etabliert habe, zurzeit mit der AfD im Zentrum.
Torsten Faas, Politikwissenschaftler am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin, warnt davor, allein auf die ostdeutsche Jugend zu blicken. Zum einen weil die AfD auch bei den Landtagswahlen in Bayern und Hessen im vergangenen Jahr Wahlerfolge unter den jungen Wählern einfuhr. Zum anderen weil die größte Unterstützung immer noch von älteren Gruppen komme. „Kennzeichnend für die jungen Menschen ist vielmehr eine extreme Vielfalt im Wahlverhalten“, betont Faas.
Denn laut der Jugendstudie des Instituts für Generationenforschung werden rechte Parteien nicht immer rechts verortet. Die traditionelle Links-rechts-Einteilung sei bei jungen Wählern überholt, wovon Parteien wie das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) und die AfD profitierten. Die Generation Z ist zudem im Dauerkrisenmodus, wie auch die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2024“ zeigt. Die junge Generation ist demnach so pessimistisch wie selten zuvor, eine Spätfolge der Coronapandemie.
Auch Politikwissenschaftler Schulze verweist auf den ausgeprägten Pessimismus der jungen Generation. „Wir leben in einer Zeit von Polykrisen“, sagt Schulze. „Klimawandel, Inflation, Krieg in Nahost und in der Ukraine, Wohnungsnot, Spaltung der Gesellschaft – es gibt auch objektiv Gründe, weshalb man besorgt sein kann.“ Auch Migration spiele eine Rolle. „Akteure wie die AfD arbeiten mit diesen Ängsten und befeuern gesellschaftliche Polarisierung.“
Dieser Angst vor der Zukunft, vor allem davor, dass das Aufstiegsversprechen nicht mehr gilt, will FDP-Politiker Johannes Höhr begegnen. Etwa mit einer höheren Ausbildungsvergütung, dem Führerschein ab 16 und einem weiteren S-Bahn-Ring um Berlin, der bis nach Brandenburg reicht. Mehr Wohnraum und schnellere Digitalisierung zählen ebenfalls zu seinen Themen. Und ja, auch solide Finanzpolitik.
Höhr ist zu Coronazeiten in die FDP eingetreten. Die Kritik der Partei an der Coronapolitik habe ihn angesprochen, sagt der 21-Jährige. Er politisierte sich – jenseits aller Verschwörungstheorien, wie sie etwa von den sogenannten Querdenkern formuliert wurden.
Politikwissenschaftler Schulze drückt es so aus: Die Pandemie habe in vielfacher Hinsicht Spuren hinterlassen. Eine davon sei die Empfänglichkeit für Verschwörungstheorien. Diese seien zu Coronazeiten auch unter Jugendlichen in Ostdeutschland stark präsent gewesen und hätten sich vor allem über Social-Media-Plattformen verbreitet. Dort also, wo sich insbesondere junge Menschen zu politischen Themen informieren, wie die Jugendwahlstudie des Instituts für Generationenforschung zeigt.
Der Brandenburger Höhr kennt sich mit der Jugendkultur im Netz gut aus. Trotzdem zeigt auch er sich machtlos gegen die extrem erfolgreichen Beiträge der populistischen Parteien. „Natürlich lassen sich populistische Forderungen in einem kurzen Video besser verkaufen, aber dazu lassen wir uns nicht hinreißen.“
Gewisse Mechanismen, die in den sozialen Medien funktionieren, kommen der AfD entgegen, erklärt Politologe Schulze. „Zuspitzung wird belohnt mit Aufmerksamkeit, Polarisierung wird belohnt mit Aufmerksamkeit und Erfolg.“ Es würden einfache Lösungen zu komplexen Themen präsentiert, denen man sich dann anschließen könne. Das werde auch technisch gut umgesetzt.
So ist die Junge Alternative (JA) im digitalen Raum eine ernst zu nehmende Kraft. Die JA in Brandenburg etwa hat deutlich mehr Follower auf Instagram als die Jugendorganisationen von CDU, SPD, FDP und Grünen. „Da haben sie sich wirklich einen Vorsprung erarbeitet“, sagt Schulze.
Dabei sind die JA-Landesverbände kleine Organisationen. In Brandenburg hat der JA-Jugendlandesverband circa 120 Mitglieder, in Sachsen und Thüringen rund 100. Zum Vergleich: Die jungen Liberalen in Brandenburg haben 325 Mitglieder.
AfD-Wähler und -Sympathisanten sind in den sozialen Medien besonders aktiv, heißt es in der neuen Studie „Social-Media-Atlas 2024“ im Auftrag von PER Agency und Toluna. Vor allem bei Tiktok sind die Wähler rechter Parteien deutlich in der Überzahl.
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Mangelnde Medienkompetenz
Schulze fordert eine Bildungsoffensive. Es gehe um politisches Wissen, auch im Sinne von Medienkompetenz. Fundamental wichtig seien die Fragen: „Wie gehe ich mit dem um, was mir begegnet? Und wie ordne ich das ein, was mir begegnet?“
Zurück nach Brandenburg. An diesem Tag bleibt keine Zeit, Plakate zu kleben. Der Stapel fährt unberührt mit den jungen FDP-Politikern in die Landeshauptstadt, wo ein Treffen des Kampagnenteams ansteht. Außerdem wollen Johannes Höhr, Zyon Braun und Laura Iden noch Videos für die Social-Media-Auftritte ihrer Partei drehen, denn die Onlinewelt wollen sie nicht den Populisten überlassen.
Sie wissen, wie schwierig das wird. Derzeit hat die Junge Alternative Brandenburg rund 21.100 Follower auf Instagram – die Jungen Liberalen gerade einmal 2300.
Erstpublikation: 30.08.2024, 09:49 Uhr.