Landtagswahlen: Die AfD zieht zunehmend junge Wähler an
Parteichefin Alice Weidel – Erfolgreich ist die AfD vor allem mit der Ablehnung von Migration.
Foto: dpaBerlin. Nach den Landtagswahlen in Bayern und Hessen feiert sich die AfD als großer Gewinner. Parteichefin Alice Weidel schrieb auf der Plattform X (früher Twitter): „Unsere Rekordergebnisse geben unserer Politik recht!“ Sie fügte ein „Bereit für mehr“ hinzu – ein Slogan, den die Partei seit dem Sommer nutzt, um klarzumachen, dass sie irgendwann mitregieren will.
Die AfD landete in Hessen mit 18,4 Prozent (plus 5,3 Prozentpunkte) auf Platz zwei und wird damit Oppositionsführerin. In Bayern legte sie um 4,4 Punkte auf 14,6 Prozent zu, so stark wie keine andere Partei und rangiert auf Platz drei hinter den Freien Wählern. Die Wahlerfolge zeigen, dass sich die AfD nun auch in westlichen Flächenländern etabliert hat. Was sind die Gründe dafür?
Viele junge Wähler neigen zur AfD
Schon bei Landtagswahlen im Osten hat sich gezeigt, dass viele jüngere Menschen die AfD wählen. In Bayern und Hessen setzte sich diese Entwicklung nun fort.
In der Wählerschicht der 18- bis 24-Jährigen rangiert die AfD in Hessen laut infratest dimap auf Platz zwei hinter der CDU. In Bayern können sich auf diesem Platz die Grünen noch knapp behaupten. Bei Erstwählern fallen die Befunde ähnlich aus.
Vor diesem Hintergrund liegt die Frage nahe, warum Jungwähler einer Partei zuneigen, vor der selbst viele Wirtschaftsvertreter warnen, weil sie die AfD als ein Risiko für den Wirtschaftsstandort Deutschland sehen.
„Viele Menschen wählen Parteien nicht aufgrund ihrer Wirtschaftskompetenz“, sagt der Kölner Politologe und Extremismusforscher Marcel Lewandowsky dem Handelsblatt. Daher spielten solche Bewertungen auch für junge Menschen kaum eine Rolle.
„Hinzu kommt, dass es gerade im AfD-Milieu die weit verbreitete Vorstellung gibt, dass „die da oben“ sowieso lügen – und dazu gehören dann auch Wirtschaftsvertreter.“
Populismus gegen Zuwanderung und Flüchtlinge
Erfolgreich ist die AfD vor allem mit der Ablehnung von Migration. Damit besetzt die Partei aktuell ein Thema, mit dem sie über das eigene Lager hinaus punkten kann. „Das ist etwas überraschend, weil die Zahl der ankommenden Geflüchteten viel geringer ist als 2015 und 2016“, sagt Lewandowsky.
Andererseits habe das Migrationsthema in den Medien und den Wahlkämpfen der Parteien eine große Rolle gespielt. „Zuträglich war es vor allem der AfD“, erklärt der Experte. Das zeigen auch Umfragen, die das Meinungsforschungsinstitut infratest dimap für die ARD jeweils am Wahltag beziehungsweise den Tagen davor durchgeführt hat.
In Hessen zum Beispiel loben von den AfD-Anhängern 95 Prozent, dass ihre Partei den Zuzug von Ausländern stärker begrenzen will. Das schlägt sich auch in den Wahlergebnissen nieder und sei „kein temporäres Phänomen“, betont Lewandowsky. „Die Partei bindet Menschen an sich, die das wollen, wofür sie steht.“
Dass die AfD in Teilen als rechtsextrem gilt und etwa in Bayern vom Verfassungsschutz beobachtet wird, fällt bei der Wahlentscheidung kaum ins Gewicht. „Die Leute wissen sehr genau, was sie tun“, erklärt Lewandowsky. Er zieht daraus den Schluss: „Die extreme Rechte ist in Deutschland im Mainstream angekommen.“
AfD jagt anderen Parteien Stimmen ab
Die AfD konnte in Bayern und in Hessen nicht nur viele Menschen, die noch 2018 den Wahlen ferngeblieben waren, zur Wahl motivieren. Sie profitierte auch von den Stimmen anderer Parteien. In Hessen wanderten die meisten Wählerinnen und Wähler laut infratest dimap von der SPD zur AfD – rund 29.000. Auch von der FDP gingen rund 24.000 Stimmen zur AfD, von der CDU kamen gut 17.000.
In fast allen Parteien gebe es Menschen mit rechtem und populistischem Einstellungsprofil, erklärt dazu Politikwissenschaftler Lewandowsky. „Die wählten bislang aber nicht die AfD“, sagt er. In einem Klima der Unzufriedenheit könne die Partei diese Wähler für sich gewinnen.
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Umso bemerkenswerter ist der Befund für Bayern. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) führte einen stark polarisierenden Wahlkampf und plädierte etwa für einen schärferen Kurs in der Migrationspolitik. Doch CSU-Wähler überzeugte das offenbar wenig, rund 80.000 von ihnen wanderten zur AfD.
Denkzettel für die Bundesregierung
Auch von den anderen Parteien entschieden sich etliche Wahlberechtigte für die Rechtspopulisten. Aus Lewandowskys Sicht greifen für diese Entwicklung „monokausale Erklärungen“ zu kurz. „Die AfD ist momentan in fast ganz Deutschland im Aufwind.“
Viele Menschen nutzen Landtagswahlen auch, um der Bundesregierung ein Zwischenzeugnis auszustellen. In Hessen tat dies laut infratest dimap gut die Hälfte der Wähler, in Bayern gaben 54 Prozent an, mit ihrer Stimme der Ampelkoalition im Bund einen Denkzettel zu verpassen. Hier sticht vor allem die AfD-Wählerschaft hervor.
Die Unzufriedenheit mit der Ampel spiele „mit Sicherheit eine Rolle“, sagt der Politikexperte Lewandowsky. „Auf der anderen Seite wissen wir aber auch, dass Menschen, die rechtspopulistische Parteien wie die AfD wählen, auch in der Regel deren Ideologie teilen“, fügt er hinzu. „Man wählt eine Partei wie die AfD nicht allein aus Protest, ohne für ihre Positionen nicht wenigstens offen zu sein.“
Fazit
Politikwissenschaftler Lewandowsky hält die Möglichkeiten, dem Erstarken der AfD entgegenzuwirken, für begrenzt. „Die Ampel ist in einem Sog schlechter Berichterstattung“, sagt er. Aus dem werde sie so schnell nicht herauskommen.
„Sie braucht nicht nur vorzeigbare politische Erfolge – da steht sie gar nicht so schlecht da –, sondern vor allem ein anderes Auftreten“, erklärt der Experte. Er vermute aber, dass vor allem die FDP auf Konfrontation setzen werde. Dies sei aus deren Sicht nachvollziehbar, aber für die Ampel insgesamt eher schädlich.
Unabhängig davon scheint die AfD ein relativ stabiles Wählerpotenzial zu haben. „Da geht es um ganz grundsätzliche Einstellungen vieler Wähler zur Migration und zur Demokratie, die diese Partei bedient“, sagt Lewandowsky. „Die Unterstützung für die AfD ist inzwischen so stark verankert, dass ich mittelfristig keinen Rückgang sehe.“
Erstpublikation: 09.10.2023, 16:50 Uhr.