Lars Klingbeil: Lieber Vizekanzler als Finanzminister? Das Dilemma des SPD-Chefs
Berlin, Washington, Frankfurt. Lars Klingbeil sitzt in der ersten Reihe im Otto-Wels-Saal, als plötzlich die Hütte brennt. Im Raum der SPD-Fraktion im Bundestag gehen Abgeordnete am Dienstagnachmittag gegen das Wehrpflicht-Modell auf die Barrikaden, es kommt zu einer harten Konfrontation zwischen Verteidigungsminister Boris Pistorius und Fraktionsvizin Siemtje Möller.
Eigentlich wäre es jetzt an Parteichef Klingbeil, den Streit zu schlichten. Doch der muss los. In Schönefeld wartet der Regierungsflieger, der den Finanzminister Klingbeil nach Washington zur Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) bringen soll. Der SPD-Chef muss seine Krisenkommunikation aus der Dienstlimousine führen, unentwegt ist er auf dem Weg zum Flughafen am Telefon. Auch auf dem Flug nach Washington hat er das Handy wieder am Ohr.
Der Dienstag war für Klingbeil besonders chaotisch, aber auch symptomatisch: Seit dem Start der schwarz-roten Bundesregierung gibt es Lars Klingbeil drei Mal. Da ist der SPD-Vorsitzende, der seine Partei aus der Existenzkrise führen soll. Da ist der Vizekanzler, der eine instabile Koalition zusammenhalten muss. Und dann ist da noch der Finanzminister, der das größte Haushaltsloch zu stopfen hat, das dieses Land je gesehen hat.
Die erste Befürchtung ist: Das ist zu viel für einen Menschen. Die zweite ist: Es wird die Finanzpolitik sein, die auf der Strecke bleibt, obwohl die eigentlich Klingbeils ganzen Einsatz erfordert. Und tatsächlich, klagen manche im Finanzministerium, setze der 47-Jährige Prioritäten bislang entsprechend von Befürchtung zwei. Klingbeil ist lieber Vizekanzler und Parteichef als Finanzminister.
Die Frage ist: Kann die noch immer viertgrößte Volkswirtschaft der Welt sich einen Teilzeit-Finanzminister leisten?