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Sexismus-VorwürfeBrüderle schweigt eisern

„Stern“-Chefredakteur Thomas Osterkorn hat den Artikel über angebliche anzügliche Äußerungen von Rainer Brüderle verteidigt. Der FDP-Fraktionschef selbst schweigt. Längst geht es in der Debatte nicht mehr nur um ihn. 28.01.2013 - 07:29 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Äußert sich nicht zu den Sexismus-Vorwürfen: Rainer Brüderle.

Foto: Reuters

Berlin. Die angeblichen anzüglichen Äußerungen von FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle zu einer „Stern“-Mitarbeiterin waren nach Darstellung des Blattes kein Einzelfall. Die Autorin Laura Himmelreich habe den FDP-Politiker ein Jahr lang immer wieder begleitet und dabei die Erfahrung gemacht, dass Brüderle fast bei jeder Begegnung ähnliche Bemerkungen gemacht habe, sagte „Stern“-Chefredakteur Thomas Osterkorn am Sonntag in der ARD-Sendung „Günther Jauch“. „Sie hat ein Bild eines Mannes gezeichnet, der ein Problem im Umgang mit Frauen hat, mindestens verbal.“

Osterkorn verteidigte die Veröffentlichung des Artikels genau nach der Ernennung Brüderles zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl, obwohl die darin beschriebenen Vorgänge schon gut ein Jahr zurücklagen. „Das, finde ich, ist ein richtiger Anlass, so einen Artikel, das Substrat aus einer einjährigen Begleitung, dann zu veröffentlichen.“

Rainer Brüderle selbst schweigt weiterhin eisern zu den Sexismus-Vorwürfen. Beim Neujahrsempfang der NRW-FDP am Sonntag in Düsseldorf erwähnte er die Affäre mit keinem Wort. Zugleich erhält der 67-Jährige immer mehr Rückendeckung von Parteifreunden. Auch im Internet ist die Debatte über Sexismus in der Gesellschaft in vollem Gange. Dort wird Brüderle für seine angeblichen anzüglichen Äußerungen zu einer „Stern“-Mitarbeiterin auch attackiert.

Die Hamburger FDP-Fraktionschefin Katja Suding sieht FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle nach den Sexismus-Vorwürfen einer Journalistin nicht unter Zugzwang. Eine öffentliche Entschuldigung sei unnötig, sagte sie dem Hamburger Abendblatt (Montagausgabe). "Überall, wo Menschen aufeinandertreffen, wird nun einmal auch geflirtet", sagte sie. Trotz der anhaltenden Debatte halte sie den Ruf des FDP-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag für "nicht beschädigt".

Der tiefe Fall der FDP
Die FDP mit ihrem Spitzenkandidaten Guido Westerwelle erzielt bei der Bundestagswahl mit 14,6 Prozent ihr bislang bestes Ergebnis auf Bundesebene.
Die FDP setzt kurz nach Regierungsantritt die Senkung der Mehrwertsteuer auf Hotelübernachtungen durch. Den Liberalen wird fortan Klientelpolitik vorgeworfen.
In Umfragen sackt die FDP deutlich ab. Westerwelle löst mit folgender Äußerung in der Hartz-IV-Debatte heftige Kritik aus: "Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein."
Bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen verliert die schwarz-gelbe Landesregierung ihre Mehrheit. Einen Tag nach der Wahlschlappe rückt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) von Steuersenkungsplänen ab, einem zentralen Wahlversprechen der FDP.
Eine Serie von Landtagswahlen wird zum Fiasko: Weder in Sachsen-Anhalt noch in Rheinland-Pfalz schafft es die FDP ins Parlament. In Baden-Württemberg erreicht sie magere 5,3 Prozent.
Angesichts wachsender parteiinterner Kritik kündigt Westerwelle den Rückzug vom Parteivorsitz an, will aber Außenminister bleiben. Kurz darauf einigen sich die FDP-Gremien auf Gesundheitsminister Philipp Rösler als neuen FDP-Chef.
Rösler wechselt vom Gesundheits- ins Wirtschaftsministerium, der bisherige Ressortchef Rainer Brüderle wird Fraktionschef. Rösler gelingt es bei seiner Wahl auf dem Parteitag in Rostock, Aufbruchstimmung zu erzeugen.
Die Schwäche der FDP hält an: Bei der Wahl in Berlin stürzt sie auf 1,8 Prozent ab.
Eine Gruppe um den FDP-Abgeordneten Frank Schäffler sammelt mehr als 3500 Unterschriften von Parteimitgliedern und erzwingt damit einen Mitgliederentscheid zur Europapolitik. Schäffler will die FDP in dem Entscheid gegen den Willen der Parteiführung auf ein Nein zum geplanten Euro-Rettungsfonds ESM festlegen.
Der Euro-Entscheid stiftet Unruhe in der Partei. Die Initiatoren werfen der Parteispitze Behinderung vor. Am Tag nach Einsendeschluss für die Stimmunterlagen erklärt Generalsekretär Christian Lindner seinen Rücktritt. Der bisherige Bundesschatzmeister Patrick Döring wird sein Nachfolger.
Lindner kehrt nach dreimonatiger Auszeit als FDP-Spitzenkandidat für Nordrhein-Westfalen auf die politische Bühne zurück.
In Schleswig-Holstein kommt die FDP mit Landeschef Wolfgang Kubicki trotz Einbußen mit 8,2 Prozent sicher in den Landtag. Bei den vorgezogenen Landtagswahlen in NRW verbessern sich die Liberalen um fast zwei Punkte auf 8,6 Prozent. Lindner hatte zuvor noch den FDP-Landesvorsitz übernommen.
Kubicki drängt auf die Ablösung Röslers und wirbt für Lindner als neuen FDP-Bundesvorsitzenden. Eine offene Personaldebatte tritt er damit aber nicht los. Bis zur Landtagswahl in Röslers Heimatland Niedersachsen im Januar 2013, so die Hoffnung vieler Spitzenliberaler, soll die Partei still halten.
Die FDP setzt in der Koalition ihre Forderung nach Abschaffung der Praxisgebühr durch - ein Erfolg auch für Rösler. Allerdings muss sie dafür dem ungeliebten Betreuungsgeld zustimmen.
Entwicklungsminister Dirk Niebel regt an, Parteivorsitz und Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl zu trennen. Seine Ideen sorgen für Unruhe. Die parteiinterne Kritik an Rösler wird lauter.
Die FDP geht nervös ins entscheidende Wahljahr. Rösler lässt offen, ob er im Frühjahr erneut für den Parteivorsitz kandidiert. Die Partei diskutiert offen über seine Führungsqualitäten. Röslers politisches Überleben, so die allgemeine Einschätzung, ist eng mit dem Abschneiden der FDP bei der Niedersachsen-Wahl am 20. Januar verknüpft.Doch dann gewinnt die FDP in Niedersachsen knapp zehn Prozent - und Rösler fordert eine Entscheidung. Er sei bereit auf den Vorsitz zu verzichten, wenn Rainer Brüderle übernimmt. Doch der zuckt zurück - und am Ende steht eine Zwitterlösung: Die FDP will mit dem Parteivorsitzenden Rösler und dem "Spitzenmann" Brüderle als Tandem in den Bundestagswahlkampf ziehen.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) forderte seine Partei zu Solidarität mit ihrem Frontmann auf. Für den Mann an der Spitze gebe es bei den politischen Konkurrenten und „in einigen Redaktionsstuben kein Pardon mehr“. Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel kritisierte die „Stern“-Journalistin Laura Himmelreich, die den Artikel geschrieben hatte. „Ich halte es für eine ziemliche Unverschämtheit von der Dame vom "Stern", die nach einem Jahr, nachdem sie sich belästigt gefühlt hat, dann, wenn jemand eine neue politische Funktion übernimmt, dieses Ereignis verarbeitet“, sagte er in der ZDF-Sendung „Berlin direkt“. „Das hat nichts mit gutem Journalismus zu tun.“ Ein Jahr zu warten und dann zu skandalisieren, spreche für sich.

Schleswig-Holsteins FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki warf dem „Stern“ in der „Bild am Sonntag“ vor, Brüderle schaden zu wollen. Er habe ihm aber von einer Klage gegen das Magazin abgeraten. „Denn der Beitrag enthält, soweit ich das überblicken kann, keine falschen Tatsachenbehauptungen.“ Für sich selbst wolle er aus der Debatte Konsequenzen ziehen. Zum Beispiel werde er Gespräche an Hotelbars vermeiden, wenn Journalistinnen dabei seien. „Denn natürlich rutscht einem da schon mal eine lockere und nicht gelungene Bemerkung heraus. Jetzt muss ich damit rechnen, dass das gegen mich verwendet wird.“

Nach einer repräsentativen Emnid-Umfrage für die „Bild am Sonntag“ halten 90 Prozent der Bürger eine Entschuldigung Brüderles für angemessen, sollten sich die Vorwürfe als wahr herausstellen.

Die Vorsitzende des Journalistinnenbundes in Bonn, Andrea Ernst, findet die Sexismus-Debatte dringend notwendig. Dank des „Stern“-Berichts werde endlich über alltäglichen Sexismus gesprochen. Vor allem junge Frauen, Praktikantinnen und Jungredakteurinnen kämen nun zu Wort. Dem ohnehin schon sehr nahen Verhältnis zwischen Presse und Politik tue die Diskussion zudem sehr gut und professionalisiere die Beziehung wieder.

Aus Sicht von SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier ist die Nähe zwischen Medien und Politik unvermeidbar. „Ich glaube indes nicht, dass sie wirklich größer geworden ist“, sagte er der „Leipziger Volkszeitung“ (Samstag). Linke-Fraktionschef Gregor Gysi hält die Debatte um Brüderle für überzogen. „Und dann noch ein Jahr später, finde ich auch ein bisschen sehr spät, ehrlich gesagt“, sagte er in der ARD-Sendung „Bericht aus Berlin“.

Grünen-Parteichefin Claudia Roth kritisierte, Frauen würden in der Debatte „mehr und mehr zu Tätern gemacht“, damit die „männlichen Machtverhältnisse“ erhalten blieben. Im Sender NDR Info forderte sie Brüderle zum Handeln auf. „Es wäre nicht schlecht, wenn er sich erklären würde, wenn er sich entschuldigen würde, denn ganz offensichtlich hat die junge Journalistin sich angemacht gefühlt“, sagte sie. „Es ist sehr traurig, dass ganz offensichtlich immer noch Männer meinen, Sexismus sei eine Lappalie oder sogar ihr gutes Recht (...).“

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Auch Roths Parteikollegin Renate Künast kritisierte einige Reaktionen auf die Sexismus-Vorwürfe: „Die Frau melde sich nun zu spät, sie hätte doch bitte gleich anders reagieren müssen. Da fehlt nur noch, ein: "Sie habe es selbst verursacht".“ Das alles seien Abwehrmechanismen, „die den Spieß umdrehen sollen“.

Abseits vom politischen Parkett ging die Debatte im Kurzmitteilungsdienst Twitter am Wochenende weiter. Seit Beginn der Diskussion erschienen dort zehntausende Tweets unter dem Schlagwort (Hashtag) #Aufschrei. Am Wochenende flossen pro Minute bis zu zehn Tweets zu dem Thema ein.

dpa, dapd, afp
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