Thomas Sattelberger: Der Jung-Politiker
Der ehemalige Topmanager arbeitet inzwischen in der Politik. Davor trug er Vorstandsverantwortung bei der Lufthansa, Continental und zuletzt der Deutschen Telekom.
Foto: Marc-Steffen UngerMünchen. Die zweite Karriere des ehemaligen Topmanagers Thomas Sattelberger hat am Donnerstagabend begonnen. Im Wirtshaus „Schützenlust“ im Münchener Stadtteil Solln, in einem Schankraum mit Holzbänken und Hirschgeweihen an den Wänden. Hier tagen mitunter der örtliche Modelleisenbahnklub, die Junggesellen des Maivereins und beizeiten auch der Kreisverband München-Süd der FDP.
Ein paar Dutzend Parteimitglieder sind an diesem Spätsommertag gekommen, um der Nominierungsrede eines Neuliberalen zu lauschen. Denn Sattelberger macht Ernst. Der frühere Personalvorstand und Arbeitsdirektor der Deutschen Telekom, von Conti und der Lufthansa drängt in die Politik. Er sagt: „Ich habe mich auf diesen Abend so intensiv vorbereitet wie früher auf eine Aufsichtsratssitzung. Ich habe höchsten Respekt.“
Und das, obwohl es keinen Gegenkandidaten gibt. Sattelberger möchte für die FDP den Wahlkreis München-Süd übernehmen. Und hält eine feurige Rede, spricht 30 Minuten über die Innovationsfähigkeit des Mittelstands, über neue Arbeitszeitmodelle, Frauenförderung. Auch Bildung ist (s)ein Thema und, natürlich, der Umgang mit Flüchtlingen. „Wir brauchen mehr Integrationsanstrengung, auch in den großen Konzernen. Und wir brauchen endlich ein modernes Einwanderungsgesetz“, sagt Sattelberger.
Gegen 20.25 Uhr hat er sein erstes politisches Ziel erreicht. Der Jung-Politiker ist 67 Jahre alt und nun einstimmig als Bundestagskandidat nominiert, in einem Wahlkreis, der seit Ewigkeiten von Peter Gauweiler (CSU) beherrscht wurde und in dem die FDP 2014 bei der Kommunalwahl 3,2 Prozent der Stimmen einsammelte. Daniel Foest, FDP-Generalsekretär in Bayern, meint: „Thomas Sattelberger ist ein großer Gewinn. Seine Persönlichkeit und die Themen, für die er steht, passen bestens zur FDP.“
So weit, so gut erst mal. Aber was kommt jetzt? „Jetzt setze ich meinen Wahlkampf fort“, sagt der frisch gekürte Direktkandidat. Der benachbarte Kreisverband München-Ost will ihn kennen lernen, und die Frauenstadtgruppe hat ihn als Redner eingeladen. Es klingt nach der gewöhnlichen Ochsentour eines Lokalpolitikers, der viel vorhat, weil ihn die Energie in seinem bulligen Körper unentwegt antreibt. Sattelberger, gerade noch mittelgroß, mit wachen, runden Augen, gibt keine Ruhe.
Bei der Telekom führte er in seinem Vorstandsressort das Dreischichten-Sekretariat ein. 80-Stunden-Wochen waren damals für ihn typisch, und so ist es auch heute noch: Beiratsvorsitzender der Hochschulallianz für den Mittelstand, der MINT-Initiative der deutschen Wirtschaft, der Stiftung Next Society und so weiter und so weiter. Die vielen Ämter, die er unter der Signatur seiner E-Mail aufführt, übersteigt die Zahl der FDP-Regierungsbeteiligungen in den 16 Bundesländern bei weitem.
Dass Politiker immer mal wieder in die Wirtschaft wechseln, um als hochbezahlte Lobbyisten oder Berater zu dienen (der ehemalige EU-Kommissionschef José Manuel Barroso geht ja gerade zur Investmentbank Goldman Sachs), daran hat sich das Wahlvolk, meist mit einem Bauchgrimmen, fast schon gewöhnt. Aber umgekehrt? Manager in die Politik? Als trotzige Wahlkämpfer auf Marktplätzen und in Schützenhäusern? Ohne Vergütung und ohne Gewissheiten?
Sattelbergers enger Wegbegleiter Joschka Fischer, den er aus Schulzeiten kennt, sagt: Wie die Wirtschaft sei die Politik eine „große Schlangengrube“. Das passt schon. Hinzu kommt: Sattelberger war stets ein politisch denkender Manager. Er hat die Telekom als eine Art Außenminister vertreten und als Erster seinem damaligen Arbeitgeber eine Frauenquote für Vorstand und Aufsichtsrat verordnet. Sein früherer Vorstandschef René Obermann sagt: „Er ist ein Vordenker und Vorkämpfer für mehr Fairness und Ethik.“
Seine gesellschaftspolitische Erweckung indes fand schon mit 17 statt. Nach einem Jahr an einer Highschool in Oregon kam er zurück in die schwäbische Heimat. In Stuttgart besuchte er das Gymnasium, dort drückte ihm Edeltraud Fischer, Joschkas erste Frau, ein Flugblatt in die Hand, frei nach dem Motto: „Bürger, lasst das Gaffen sein, kommt herunter und reiht euch ein.“ Es ging damals um die ganz großen Freiheitsthemen, den Kampf der Schwarzen für Gleichberechtigung in den USA und natürlich den Krieg in Vietnam. So landete Sattelberger als Abiturient im Kommunistischen Arbeiterbund, aus dem er sich rasch wieder befreite, weil die Ideologie ihn zu sehr einengte.
„Es schließt sich jetzt ein Kreis für mich“, sagt Sattelberger. „Themen wie Bürgerrechte und die soziale Durchlässigkeit von Bildung – das alles passt zur FDP und zu mir.“ Obermann erinnert sich so an Sattelbergers Wirken bei der Telekom: „Er war nach außen immer ein harter Verhandler, zugleich aber im Herzen tief den Mitarbeitern verbunden.“
Die Lobpreisungen seien ihm gegönnt. Denn wenn die politische Karriere aus dem Münchener Süden heraus irgendwann auch bundesweit gedeihen soll, dann braucht es tüchtig Durchhaltevermögen. Sattelberger tritt ja nicht nur für seine Wahlheimatstadt an (er wohnt mit seinem Lebensgefährten in Schwabing), sondern er würde ganz gern auch nach Berlin – als Mitglied des Bundestags. Dazu muss er auf dem Landesparteitag der FDP im März unter die ersten sechs kommen, wenn die Delegierten über die Listenplätze abstimmen.
„Das ist komplett basisdemokratisch und unberechenbar, und jegliche Form von Prominenz schadet dort eher“, sagt er. Damit aber ja noch nicht genug der Unwägbarkeiten: Bei der Bundestagswahl im Herbst 2017 müssen die Freiheitlichen dann auch noch die Fünf-Prozent-Hürde nehmen. Sattelberger: „Das ist mein persönliches unternehmerisches Risiko“ – ein durchaus beachtliches: Bei der letzten Wahl 2013 holte die FDP in Bayern 5,1 Prozent. Aber es gibt auch Grund zur Hoffnung: Der CSU-Grande Gauweiler hat angekündigt, in Solln und auf Giesings Höhen, in München-Süd eben, nicht mehr zu kandidieren.