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VerteidigungLuftwaffe in Indien mit Eurofightern auf Leistungs- und Verkaufsshow

Die Luftwaffe schließt ihre prestigeträchtige Weltumrundung ab. Die deutsche Industrie macht sich Hoffnungen auf Aufträge, denn Indien rüstet auf – wegen eines großen Nachbarn.Mathias Peer, Frank Specht 14.08.2024 - 14:49 Uhr Artikel anhören
Eurofighter im Formationsflug mit indischen Jets: Übung jenseits gewohnter Nato-Standards. Foto: Bundeswehr/Christian Timmig

Sulur, Bangkok. Hauptmann „Noble“ vom Taktischen Luftwaffengeschwader 74 aus Neuburg an der Donau lässt den Eurofighter steil in den indischen Himmel steigen. Er dreht einige Rollen, am Himmel hängen Monsunwolken. Das, was der Kampfjet über dem Luftwaffenstützpunkt Sulur zeigt, ist Leistungs- und Verkaufsshow zugleich.

Am Boden sitzen unter kleinen Pavillons, die gegen die Sonne, aber kaum gegen die tropische Schwüle helfen, die Ehrengäste. Sie sind in langen Wagenkolonnen vorgefahren und verfolgen die besondere Flugshow.

Mehr als 60 Jahre ist es her, dass die indische Luftwaffe zusammen mit mehreren anderen europäischen Nationen trainiert hat. Für die Bundeswehr ist das gemeinsame Manöver eine Premiere. Neben deutschen sind auch spanische Eurofighter, französische Rafale-Jets und britische Maschinen beteiligt.

Indien ist für die deutsche Luftwaffe die letzte Etappe ihrer gut zweimonatigen Weltumrundung „Pacific Skies“, die sie auch nach Alaska, Japan, Hawaii und Australien geführt hat. Mit einem Zwischenstopp in Abu Dhabi geht es von Indien zurück nach Deutschland.

Gerade der letzte Stopp zeigt, weshalb die Luftwaffe auf Welttournee gegangen ist: Es geht um strategische Beziehungen zu anderen Staaten – und um mögliche Partnerschaften für deutsche Unternehmen, denn gleichzeitig findet in Sulur eine Rüstungsmesse statt.

Die Luftwaffe demonstriert neues Selbstbewusstsein

Neben den Eurofightern sind auch Transportmaschinen des Typs Airbus A400M und Airbus-A330-Tankflugzeuge mit nach Indien gekommen. Im Rahmen von „Pacific Skies“ waren die Kampfjets so viele Stunden in der Luft wie im normalen Geschwaderalltag in Deutschland in einem ganzen Jahr. Insgesamt hätten die an der Großübung Indo-Pacific Deployment beteiligten deutschen Flugzeuge rund 1,3 Millionen Kilometer zurückgelegt, sagt Luftwaffeninspekteur Ingo Gerhartz.

Gut eine Woche haben sie nun zum Abschluss im Rahmen der Übung „Tarang Shakti“ im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu trainiert, gemeinsam mit der „Patchwork“-Luftwaffe Indiens, die französische Mirage-Jets genauso im Bestand hat wie Su-30 russischer Bauart und Eigenproduktionen wie den HAL Tejas.

Luftkämpfe eins zu eins, zwei zu eins und in größeren Gruppen gehörten zum Programm. Eine Herausforderung für die Piloten, weil Indien nicht den Nato-Standards folgt und beispielsweise ganz andere Datenlinksysteme nutzt.

Die erstmalige Verlegung einmal rund um die Welt ging auf eine deutsche Initiative zurück und war das Prestigeprojekt des Generalleutnants, der 2025 Befehlshaber des Allied Joint Forces Command der Nato im niederländischen Brunssum werden soll.

Gerhartz wollte zeigen, was die Luftwaffe leisten kann, die sonst eher durch eine niedrige Anzahl verfügbarer Maschinen oder fehlende Trainingsstunden von sich reden macht. Allein auf dem Weg von Japan nach Hawaii wurden die Eurofighter sieben Mal in der Luft aufgetankt, auch ein Ausdruck neuen Selbstbewusstseins.

Luftwaffeninspekteur Ingo Gerhartz: „Es ist gut für Indien zu zeigen, dass westliche Nationen an seiner Seite stehen.“ Foto: Kyodo News/Getty Images

Die Reiseroute und die gemeinsamen Übungen mit den Luftstreitkräften der Anrainerstaaten sollen aber auch demonstrieren, dass Deutschland bereit ist, mehr Verantwortung in der Indopazifikregion zu übernehmen, in der China zunehmend Machtansprüche erhebt.

Laut Bundesregierung werden im indopazifischen Raum bis zu 60 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts und zwei Drittel des globalen Wachstums generiert. Zudem verlaufen zentrale Schifffahrtswege in der Region.

Schon die schwarz-rote Bundesregierung hatte 2020 Leitlinien zur Politik Deutschlands im Indopazifikraum verabschiedet, die von der Ampel in der Nationalen Sicherheitsstrategie noch einmal bekräftigt wurden. „Der Indopazifik ist ganz zentral für Deutschland als Handelsnation“, sagt der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Marcus Faber (FDP), der mit anderen Parlamentariern in Sulur dabei ist.

Neben der Luftwaffe zeigt deshalb auch die Deutsche Marine im Indopazifik Präsenz. Die Fregatte „Baden-Württemberg“ und der Einsatzgruppenversorger „Frankfurt am Main“ haben sich unter anderem zusammen mit Schiffen aus zwei Dutzend Ländern am US-geführten Manöver „Rim of the Pacific“ (Rimpac) beteiligt. Aktuell sind sie auf dem Weg von Pearl Harbor nach Tokio.

Ihm sei es anfangs fast peinlich gewesen, die Verlegeübung anzukündigen, erzählt Luftwaffeninspekteur Gerhartz. Denn während Deutsche, Spanier und Franzosen ein paar Jets um die Welt schicken, sind die Amerikaner mit ihrer gewaltigen Flugzeugträgerflotte dauerhaft global präsent.

Doch als er das Projekt vor ein paar Monaten in Washington vorstellte, hätten ihm demokratische und republikanische Senatoren versichert, wie wichtig es sei, dass die Bundeswehr gemeinsam mit europäischen Partnern überhaupt Präsenz in der Region zeige. „Das ist das entscheidende Signal“, betont der Inspekteur.

Denn es geht darum, Gemeinschaft zu demonstrieren, neue Partnerschaften zu schließen und bestehende zu bekräftigen – auch als Gegengewicht zum Rivalen China.

Die unausgesprochene Bedrohung durch China schwingt immer mit

Zwar betont Gerhartz wie auch sein indischer Counterpart, Air Chief Marshal Vivek Ram Chaudhari, dass sich die gemeinsame Übung gegen niemanden richte. Aber unausgesprochen geht es eben auch darum, die Regierung in Peking zu beeindrucken. „Es ist gut für Indien zu zeigen, dass westliche Nationen an seiner Seite stehen“, sagt Gerhartz.

Denn die indischen Gastgeber fühlen sich durchaus von ihrem großen Nachbarn bedroht, dessen Armee deutlich schlagkräftiger ist. Nach Daten des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri steckte die Regierung in Peking im vergangenen Jahr mit umgerechnet 296 Milliarden Dollar mehr als dreimal so viel Geld in ihr Militär wie Indien mit 84 Milliarden Dollar.

Für Indien ist eine militärische Auseinandersetzung mit China keine bloße Theorie: Im Konflikt um die umstrittene Grenze zwischen den beiden Ländern im Himalaja kam es 2020 zu tödlichen Auseinandersetzungen zwischen den Streitkräften beider Länder. Zwei Jahre später wurden bei einer Konfrontation im indischen Bundesstaat Arunachal Pradesh, den China komplett für sich reklamiert, mehrere Soldaten verletzt.

Jet in der Luft: Erstmals in ihrer Geschichte trainiert die Bundesluftwaffe gemeinsam mit der indischen Luftwaffe. Foto: Bundeswehr/Daniel Redell

Auch im Indischen Ozean versucht China, strategisch wichtige Punkte zu besetzen. Anfang des Jahres schloss die Volksrepublik einen Militärpakt mit den Malediven – ein Inselstaat in Indiens unmittelbarer Nachbarschaft. Zudem hat China mehrere Hafenprojekte in der Region finanziert, darunter in Pakistan und Sri Lanka. Indien fürchtet, dass China die Infrastrukturprojekte im Konfliktfall auch für militärische Zwecke nutzen könnte – und sucht selbst nach neuen Partnern.

Auf Mauritius betreibt Indien seit diesem Jahr einen auch für Militärflugzeuge nutzbaren neuen Landeplatz und Schiffsanleger. Für Oktober plant Indiens Marine eine gemeinsame Militärübung mit den USA, Japan und Australien. Die vier Staaten bilden das Bündnis Quad, das sich besonders auf die militärische Bedrohung durch China fokussiert.

Stolz präsentieren die Gastgeber Jets aus eigener Produktion

Und Indien rüstet auf. Stolz präsentieren die Gastgeber den Gästen aus Europa einen selbst entwickelten Kampfhubschrauber und den Tejas-Jet. Traditionell sind die indischen Streitkräfte ein großer Kunde der russischen Rüstungsindustrie, am Rande der Basis werben Plakate mit russischen Mi-8-Hubschraubern und dem Slogan „Join the airforce“.

Auch im Westen kauft Indien aber immer wieder ein, was auch Erwartungen der deutschen Rüstungsindustrie weckt. Vertreter von Airbus, Hensoldt, Diehl Defence und Rohde & Schwarz sind auf der Messe in Sulur mit dabei.

Indien will etwa neue Tank- und Transportflugzeuge anschaffen – und wenn auch nicht mit dem Eurofighter, so hofft man bei Airbus doch mit dem A400M zum Zuge zu kommen. Auch ist es im Rahmen der Übung erstmals gelungen, eine Su-30 russischer Bauart, die in Indien in Lizenz gebaut wird, mit einem Airbus-A330-Tankflugzeug zu betanken.

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Das Interesse an der westlichen Technik sei da, berichten Wartungstechniker der Bundeswehr, die gerade einen Eurofighter für den nächsten Flug klarmachen. Manchmal vielleicht sogar etwas zu viel Interesse: Am Flügel des Jets hängt eine moderne Iris-T-Lenkwaffe des Herstellers Diehl Defence. Oft kämen indische Piloten vorbei, zeigten Interesse am Eurofighter und stellten ein paar allgemeine Fragen, berichten die Techniker. Aber dann wollten sie doch gerne wissen, wie weit die moderne Rakete denn fliegen könne.

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