Verteidigungsausgaben: Wie die Rüstungsmilliarden zu Wachstum führen können
Düsseldorf. Durch die angepeilten Milliardeninvestitionen in die Verteidigung hat Deutschland die Chance, unabhängiger von den USA zu werden – doch der Bund muss gezielt Start-ups fördern und nicht nur Bestellungen bei etablierten Konzernen in Auftrag geben.
Das betonten die Ökonomen Johannes Binder vom Institut für Weltwirtschaft Kiel und Patrick Kaczmarczyk von der Universität Mannheim im Handelsblatt Live-Gespräch über das Potenzial der Verteidigungsindustrie.
„Besonders bei Kampfjets und Transporthubschraubern geben die Europäer viel Geld für US-Güter aus“, sagte Binder mit Blick auf die Abhängigkeit des Rüstungssektors. Das sei aber durchaus eine politische Entscheidung, gab er im Gespräch zu bedenken. „Wir könnten auch französische Kampfjets kaufen“, sagte Binder.
Europäische Zusammenarbeit stärken
Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine rüstet Deutschland auf. Bis 2029 soll der Verteidigungshaushalt schrittweise auf mehr als 150 Milliarden Euro pro Jahr steigen. Durch eine Änderung der Schuldenbremse im Grundgesetz wurden die Voraussetzungen für die höheren Verteidigungsausgaben bereits geschaffen.
Von den Verteidigungsinvestitionen des Bundes dürfte die gesamte europäische Wirtschaft profitieren – ein einheitlicherer europäischer Markt für Rüstungsgüter wäre ein großer Schritt, waren sich Kaczmarczyk und Binder einig.
Für den Mannheimer Ökonomen läge der Vorteil darin, dass so eine bessere Wettbewerbssituation geschaffen werden könne. „Man wird es innerhalb der einzelnen Nationalstaaten nicht schaffen, einen so optimalen Wettbewerb zu schaffen, der zu niedrigen Preisen und Innovationen führt“, sagte er.
Denn auf den inländischen Märkten würde dieser Wettbewerb fehlen, bemängelten die beiden Experten im Gespräch mit Handelsblatt-Verteidigungsreporter Markus Fasse. Vielmehr würden große, bereits etablierte Unternehmen Aufträge bekommen.
Kaczmarczyk sagte, dass „vor allem die etablierten Konzerne“ bisher von den Rüstungsinvestitionen profitierten, während die innovativen Start-ups oft von Großunternehmen aufgekauft werden, bevor sie sich durchsetzen können. 50 Prozent des Sondervermögens gingen ihm zufolge bereits an Rheinmetall, einen der großen deutschen Rüstungskonzerne.
Weg von den alten Mustern
Um positive Wachstumseffekte durch die Rüstungsmilliarden zu erzielen, fordern die Ökonomen, eher in Start-ups zu investieren als in Unternehmen, die schon lange am Markt sind.
So gebe es zahlreiche innovative Start-ups in Deutschland. Besonders gelte das für junge Firmen in Bereichen wie Künstlicher Intelligenz und Drohnen oder in Satellitentechnologie und Raumfahrt, sagte Binder. „Verteidigungsausgaben sind mehr als Panzer und Kaliber, die trotzdem sehr wichtig bleiben“, sagte der Ökonom.
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Binder betonte: „Man hat zumindest den Eindruck, dass die gleichen Güter gekauft werden, die immer gekauft wurden. Und dass mit den gleichen Partnern verhandelt wird, mit denen immer verhandelt wurde. Diese Muster müssen wir aufbrechen.“ Dann könnten die Investitionen auch zu mehr Wirtschaftswachstum führen.
Sowohl Binder als auch Kaczmarczyk haben an ihren Instituten mit ihren Kollegen berechnet, zu wie viel Wachstum ein in die Rüstungsindustrie investierter Euro führt.
Kaczmarczyk geht im Mittel von 50 Cent pro investiertem Euro aus, Binder von einer Spanne von 60 Cent bis knapp unter einem Euro. Große Effekte lassen sich den beiden zufolge vor allem dann erzielen, wenn die Investitionen in kleine Firmen fließen, die Innovation fördern und miteinander im Wettbewerb stehen.
Kann die Rüstungsindustrie den Strukturwandel abfedern?
Die Rüstungsindustrie ist dabei wichtig für die deutsche Wirtschaft. „Man wird mit ihr jedoch nicht das auffangen können, was in der Autobranche wegfällt“, sagte Fasse. Denn die Industrie sei auf den Bau von Autos ausgelegt.
Dennoch sehen viele Unternehmen Chancen. Volkswagen etwa stellt sein Werk in Osnabrück für Rheinmetall zur Verfügung. Unternehmen wie MTU und Renk produzieren bereits zivil und militärisch. Auch Salzgitter liebäugelt wieder mit der Fertigung von Panzerstahl. Das Unternehmen müsste jedoch erst die nötige Qualifizierung erwerben.
Binder ist derweil skeptisch. „Die Umstellung benötigt viel Zeit und Kapital“, sagt er. Durch eine langfristige staatliche Planung seien zwar mehr Umschwenkungen möglich, „aber man wird VW nicht komplett in den Verteidigungssektor integrieren können“. Zudem gebe es Hürden, wie die Sicherheitsprüfungen des Personals.