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What's Right?Schützt endlich unsere Grenzen

Die Migrationskrise weitet sich zum historischen Drama aus. Es kommen immer gewaltigere Massen an Zuwanderern. Am Wochenende soll ein EU-Sondergipfel Notmaßnahmen beraten. Es wird Zeit, die Grenzen wieder zu sichern. 23.10.2015 - 12:55 Uhr Artikel anhören

Ungarische Soldaten riegeln die ungarisch-serbische Grenze mit einen Zaun ab. Viele Länder sehen sich zunehmen mit den Flüchtlingsströmen

Foto: dpa

Berlin. Nun sind es mehr als 10.000 Migranten pro Tag. Der Massenansturm auf Mitteleuropa nimmt nicht bloß dramatische, er nimmt historische Dimensionen an. Griechenland, Mazedonien, Serbien, Slowenien, Kroatien, Ungarn, Österreich – ein Land nach dem anderen meldet katastrophale Zustände; man werde der Massen einfach nicht mehr Herr.

Die Wirklichkeit überholt alle Zahlen und Prognosen im Stunden-Rhythmus. Beim derzeitigen Ansturm werden eine Million Menschen in nur einem Quartal kommen. Und sie kommen längst nicht mehr nur aus Kriegsgebieten. In immer mehr Ländern Afrikas und Asiens machen sich Migranten mit der Aussicht auf ein besseres Leben in Deutschland auf den Weg. Es handelt sich nicht mehr um eine Flüchtlingsbewegung, sondern um eine Völkerwanderung.

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Foto: Handelsblatt

In den Ländern Europas wachsen daher Ärger und Angst über Angela Merkels Politik radikal offener Grenzen. „Sie hat eigenmächtig eine Völkerwanderung befördert. Wir wurden nicht gefragt, aber wir alle müssen darunter leiden“, heißt es bei südosteuropäischen Diplomaten in Brüssel. Es würden hunderttausende, vorwiegend muslimische Männer in unkontrollierter Massenzuwanderung nach Europa drängen. Dafür gäbe es schlichtweg keine Akzeptanz in der Bevölkerung. Ein kontinentaler Rechtsruck und schwere innenpolitische Spannungen seien absehbar.

Was macht die EU in der Flüchtlingskrise?
Bei einem Spitzentreffen in Brüssel wird es am Sonntag wieder um die Flüchtlingskrise gehen. EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker wird mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und acht weiteren EU-Staats- und Regierungschefs beraten. In Mittelpunkt steht dabei die Balkan-Route, über die tausende Menschen kommen. Bei bisherigen Treffen aller EU-Staaten ging es bisher um folgende Themen:Grenzschutz: Die EU-Grenzschutzagentur Frontex und das Europäische Asyl-Unterstützungsbüro EASO sollen mehr Mitarbeiter bekommen, um die Außengrenzen des Schengen-Raums besser zu sichern. Auch Teams, die im Ernstfall sofort einsatzbereit sind, werden verstärkt. Das beschloss der EU-Gipfel Mitte Oktober. (Quelle: dpa)
Die EU-Staaten einigten sich nach langen Debatten auf die Verteilung von 160.000 Flüchtlingen. Vor allem Deutschland und Schweden – in beide Länder strömen sehr viele Menschen – fordern einen langfristigen Verteilmechanismus. Dagegen gibt es in der EU aber deutlichen Widerstand.
Die EU und das Kandidatenland Türkei wollen enger zusammenarbeiten. Laut eines gemeinsamen Aktionsplans soll Ankara die Situation der Flüchtlinge im Land verbessern und Grenzen besser kontrollieren. Die EU will ihrerseits Visa-Erleichterungen beschleunigen und die Verhandlungen über einen Beitritt der Türkei zur Union intensivieren. Ankara fordert drei Milliarden Euro für Flüchtlingshilfen – darüber fehlt noch eine Vereinbarung.
Um schneller über das Bleiberecht von Flüchtlingen zu entscheiden, sollen mehr Registrierungszentren – „Hotspots“ – eingerichtet werden.

Auch in Deutschland fällt Merkels Beliebtheit wie nasses Herbstlaub. Die Umfragen signalisieren einen spektakulären Wetterumschlag in ihrer zehnjährigen Kanzlerschaft. Die Stimmung in Deutschland verdüstert sich und wird zusehends aggressiv – von Pegida-Demonstrationen bis zum Kölner Attentat auf die Politikerin Henriette Reker. Die Kommunen sind völlig überfordert, erschöpfte Hilfsdienste schlagen Alarm. Hunderte von Bürgermeistern und Landräten schreiben der Kanzlerin verzweifelte Briefe nach Berlin – man könne nicht noch mehr aufnehmen.

Hunderttausende von Flüchtlingen werden dieses Jahr in Deutschland Asyl beantragen. Was denken sie? Was wollen sie? Weil die Neuankömmlinge noch immer vielsprachig sprachlos sind, will das Handelsblatt ihnen eine Stimme geben: Auf 50 Seiten sprechen und schreiben Künstler und Unternehmer, Schriftsteller, Ärzte und Ingenieure, Männer und Frauen aus Afghanistan, Iran und und Irak, Syrien, Eritrea aber auch dem Kosovo über Merkel und Europa, Heidenau und das Schleppergeschäft – aber auch die Sorgen der Deutschen, mit denen sie nun konfrontiert werden. Das komplette Dossier als PDF zum Download. Foto: Handelsblatt

In Berlin vertreten inzwischen auch die meisten Verantwortlichen in SPD und Union die Meinung, der unkontrollierte Massenansturm müsse dringend gedrosselt werden – nur wie?
Die politische Klasse ahnt, dass man in irgendeiner Form die Grenzen schützen, vielleicht sogar schließen muss, damit die Lage in Deutschland nicht aus den Fugen gerät.
Das allerdings bedeutet für Angela Merkel und die Willkommensaktivisten des Sommers eine völlige Kehrtwende ihrer Politik. Darum werden fieberhaft Grenzsicherungen gesucht, die nicht so aussehen wie Grenzsicherungen. Drei Varianten stehen zur Debatte.

1. Variante: Türkische Grenzpolizei

Angela Merkel versucht, mit viel Geld und allerlei diplomatischen Zugeständnissen die Türkei als Grenzpolizei für Europa zu engagieren. Das Kalkül: Man zahlt Ankara einige Milliarden dafür, dass die Türken ihre Grenzen nach Europa schließen, weil man das selber nicht machen möchte. Der Vorteil dieser Strategie - der Gesichtsverlust der Kanzlerin würde vermieden, man verlagert die Konflikte an ferne Grenzen und spart sich schwere Integrationsprobleme in Europa. Der Nachteil: Man schließt einen moralisch zweifelhaften Bund mit einem Despoten und Krieger. Erdogan kann damit Europa auf Jahre hinaus erpressen. Obendrein opfert man die Kurden und die Menschenrechte und die eigene Integrität.

Beschlagnahme – Her mit der Immobilie!
Die Zahl der in der Hansestadt ankommenden Flüchtlinge steigt derzeit in einer Geschwindigkeit, die es der Stadt nicht ermöglicht, das übliche Verwaltungsverfahren anzuwenden, heißt es auf der Website des Senats. Der Ausweg an der Elbe: Leer stehende Gewerbeimmobilien können für die Unterbringung von Flüchtlingen beschlagnahmt werden. Die mit den Stimmen von SPD, Grünen und Linken beschlossene Regelung ist vorläufig bis März 2017 befristet. Sie soll nicht für Privatwohnungen gelten, sondern für Hallen, in denen viele Menschen unterkommen können.
Nach Hamburger Vorbild soll auch in Bremen eine rechtliche Grundlage für die Sicherstellung ungenutzter Immobilien zur Unterbringung von Flüchtlingen geschaffen werden. "Wir können es uns in diesen Tagen nicht mehr erlauben, Immobilien dauerhaft leer stehen zu lassen, während wir gleichzeitig in den Turnhallen die Solidarität der Sportvereine in Anspruch nehmen und über 1 000 Menschen in Zelten unterbringen", sagt Sozialsenatorin Anja Stahmann. Im Fokus stehen Gebäude ab 300 Quadratmetern. Die Hansestadt muss dazu ihr Polizeigesetz ändern.
Hier gibt es unter anderem Gezerre um die Luxusimmobilie Riehmers Hofgarten in Kreuzberg. Das schmucke Gründerzeit-Karree könnte auf Basis des Allgemeinen Sicherheits-und Ordnungsgesetzes (ASOG) für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt werden. Die Bezirksverordnetenversammlung will Ende Oktober einen Beschluss fassen.

2. Variante: Europäische Grenzsicherung

Die Außengrenzen der EU sollen besser gesichert werden, heißt die Strategie im Diplomatendeutsch. Im Klartext meint das: Man lässt in Griechenland keine Migranten mehr an Land. Was Spanien seit Jahren erfolgreich schafft, soll auch Griechenland wieder in Angriff nehmen – Grenzen mit militärischer Gewalt schützen. Der Vorteil für Berlin läge darin, dass man auch in dieser Variante die unangenehmen Aktionen auf andere – vor allem Griechen und Italiener – abschiebt. Der Nachteil: Es entstünde eine Stacheldraht-Ägäis, und Griechenland dürfte – wie die Türkei – dafür jede Menge Geld verlangen.

3. Variante: Dominoeffekt

Deutschland verschärft seine Grenzkontrollen und bremst die Zuwanderung – zum Beispiel mit Transitzonen. Das würde Österreich und im Gefolge die Balkanstaaten sowie Griechenland dazu zwingen, nach und nach das gleiche zu tun. Ein Domino-Effekt entstünde, der den Balkan-Korridor schließen würde. Der Nachteil dieser Strategie liegt darin, dass zahlreiche Staaten und Tausende von Migranten in chaotische Verhältnisse gestürzt würden. Es würden in Südosteuropa Bilder der Gewalt entstehen – so wie das bei der Grenzschließung Ungarns geschehen ist.

Das Asylgesetz-Reformpaket
Albanien, Kosovo und Montenegro werden nach drei anderen Balkan-Staaten als weitere „sichere Herkunftsländer“ eingestuft, um Asylbewerber von dort schneller in ihre Heimat zurückzuschicken. Schutzsuchende aus diesen Ländern sollen bis zum Abschluss des Asylverfahrens in Erstaufnahmeeinrichtungen bleiben.
Asylbewerber müssen insgesamt länger (bis zu sechs statt bis zu drei Monate) in den Erstaufnahmestellen wohnen und sollen dort möglichst nur Sachleistungen bekommen. Geld soll künftig nur noch höchstens einen Monat im Voraus ausgezahlt werden.
Abgelehnte Asylbewerber, die ausreisen müssen, dieser Pflicht aber nicht fristgerecht nachkommen, bekommen nur noch eingeschränkte Leistungen.
Asylbewerber mit guten Aussichten auf ein Bleiberecht erhalten Zugang zu Integrationskursen.
Der Abbau bürokratischer Hürden soll die Einrichtung neuer Asylunterkünfte erleichtern.
Der Bund schafft die Voraussetzungen dafür, dass die Länder auf freiwilliger Basis eine Gesundheitskarte einführen können, mit der Asylbewerber direkt zum Arzt gehen können.
Asylsuchende mit Arztausbildung können die Erlaubnis bekommen, bei der medizinischen Versorgung in Flüchtlingsunterkünften zu helfen.

Die ehrlichste Politik zur Bewältigung der Migrationskrise wäre es daher, die Grenzsicherung nicht an andere abzuschieben. Die Völkerwanderung zielt nicht auf Balkanstaaten oder Ost- oder Westeuropa. Sie zielt auf Deutschland, weil hier eine einmalig großzügige Willkommenskultur-Wir-Schaffen-das-Jeder-kann-ohne-Pass-herein-und-wird-umfänglich-versorgt-Politik ausgerufen wurde.

Darum gilt: Deutschland sollte diese Politik radikal offener Tore offiziell revidieren. Dazu bräuchte es eine eindeutige Erklärung Berlins an die Weltöffentlichkeit, dass man für einige Monate – ein Wintermoratorium zum Beispiel – keine weiteren Migranten mehr aufnehmen könne. Und dass man geltendes Europa-Recht – insbesondere das Dublin-Abkommen – wieder zur Geltung verhilft, also den massenhaften Grenzsturm durch sechs sichere Staaten Europas unterbindet.

Nur wenn Deutschland erklärt und verfährt wie jeder normale Staat der Welt, nämlich die eigenen Grenzen zu schützen und die illegale Einwanderung mit polizeilichen Maßnahmen zu beenden, dann wird man diese Migrationskrise wieder unter Kontrolle bekommen. Nur wenn Deutschland selber wieder Grenzen respektiert, kann man Nachbarn, EU-Partner oder die Türkei glaubwürdig einbinden in ein neues Grenzschutzreglement. Schon die offizielle Verkündung eines Aufnahmestopps würde Hunderttausende davon abhalten, sich im Winter auf den Weg zu machen. Der Massenansturm würde schlagartig gebremst.

Die Vorstellung, dass das 21. Jahrhundert eine Ära ohne Grenzen sei, ist weltfremd, naiv und gefährlich. Gerade in unruhigen Terror-Zeiten bewegter Konflikte wird der Schutz der eigenen Grenzen wieder wichtiger. Sie ist sogar Voraussetzung für die Sicherheit der eigenen Bürger, ja für die Existenz des Staates. Der Staatsrechtler Ruper Scholz mahnt dieser Tage zurecht: „Zu einem Staat gehört wesensgemäß Staatsgebiet, Staatsvolk, Staatsregierung. Das sind die drei Elemente, die einen Staat ausmachen und auch auszeichnen. Staatsgebiet ist definiert durch Grenzhoheit. Wenn ein Staat seine Grenzen aufgibt, gibt er ein Stück der eigenen Staatlichkeit insgesamt auf.“ Es wird Zeit, nach der Willkommenskultur auch die Wahrheitskultur zu leben, und nach dem „Wir schaffen das“ auch an das „Wir schützen das“ zu denken.

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