Arbeitsmarkt: Notwendig aber schmerzhaft – China plant die Rentenreform
Shanghai. Es scheint ein kleiner Schritt zu sein, für China ist er aber groß: Wenn die Volksrepublik zum 1. Januar 2025 in einer ersten Stufe das Renteneintrittsalter anhebt, mag das für Länder wie Deutschland, in denen bis zum 65. oder 67. Geburtstag gearbeitet wird, eine Lappalie sein. Für die chinesische Gesellschaft ist die Anhebung des gesetzlichen Rentenalters aber eine Art Mini-Revolution.
Für Frauen in Arbeiterinnenberufen steigt das Rentenalter von 50 auf 55 Jahre, für weibliche Angestellte von 55 auf 58 Jahre. Männer müssen dann nicht mehr nur bis 60, sondern bis 63 Jahre arbeiten.
Damit wird die größte Reform der Altersgrenze im chinesischen Rentensystem seit Ende der 1970er-Jahre umgesetzt. Chinas Premierminister Li Qiang hatte die Reform vor einigen Monaten als „bedeutenden Schritt“ bezeichnet – und damit wohl untertrieben. Ökonomen fordern seit Jahren eine Anpassung. Derzeit ist das Renteneintrittsalter in China eines der niedrigsten der Welt.
Der 1. Januar ist allerdings erst der Anfang der Reform. In den nächsten 15 Jahren soll die Anhebung schrittweise umgesetzt werden.
China reagiert damit auf die demografischen Herausforderungen der nach Indien zweitgrößten Bevölkerung der Welt. Die Gesellschaft altert rapide, gleichzeitig schrumpft das Budget, aus dem die Renten gezahlt werden. Chinas staatliche Akademie der Sozialwissenschaften hatte bereits vor sechs Jahren prognostiziert, dass dem wichtigsten staatlichen Rentenfonds bis 2035 das Geld ausgehen werde – und das war eine Schätzung vor der Coronapandemie, die Chinas Arbeitsmarkt und die gesamte Wirtschaft hart getroffen hat.
Die Lebenserwartung ist gestiegen
Für die chinesische Gesellschaft ist die Reform zugleich ein Weckruf. 2023 wird die Bevölkerung zum zweiten Mal in Folge schrumpfen. Die jahrzehntelange Ein-Kind-Politik hatte den Grundstein für die Bevölkerungsstagnation gelegt. Doch auch nach der Abschaffung der rigiden Regelung vor rund zehn Jahren bekommen die Chinesen nicht mehr Kinder: 2023 wurden nur noch 9,02 Millionen Babys geboren, nach 9,56 Millionen im Vorjahr.
Junge Paare warten lange mit dem Nachwuchs. Der Karrieredruck, drohende Arbeitslosigkeit und die hohen Kosten für die Erziehung wirken wie ein Hemmschuh für die Familienplanung.
Gleichzeitig steigt der Wohlstand und damit auch die Lebenserwartung. Im Durchschnitt werden heute geborene Chinesen ein Alter von 78,2 Jahren erreichen. Ein weiteres Problem: China will seinen Bevölkerungsschwund und die Alterung auch weiterhin nicht durch Zuwanderung abmildern. Das Thema Migration spielt keine Rolle im politischen Diskurs, der Anteil von Ausländern liegt bei unter einer Million Menschen. Bei einer Bevölkerung von 1,4 Milliarden ist das kaum der Rede wert.
Noch hat China mit einer Akademikerschwemme zu tun, in Zukunft droht jedoch Fachkräftemangel. Der Politik bleiben folglich Reformen der Sozialsysteme – und staatliche Kampagnen, die das Heiraten erleichtern und das Kinderkriegen wieder attraktiver machen sollen. Wegen der hohen Mieten gilt der Besitz einer Wohnung, möglichst in teurer, zentrumsnaher Lage, als hilfreiches Argument bei der Partnersuche.
Die Demografie ist nach Ansicht von Experten eines der größten Risiken für Chinas Entwicklung. Laut Weltgesundheitsorganisation wird 2040 fast ein Drittel der chinesischen Bevölkerung – das sind rund 402 Millionen Menschen – über 60 Jahre alt sein, 2019 waren es 254 Millionen. 300 Millionen Chinesen, die heute zwischen 50 und 60 Jahre alt sind, werden in den nächsten zehn Jahren in Rente gehen.
Wenig Urlaub und Arbeit am Wochenende
Aber wer wird für sie zahlen, wenn immer mehr junge Leute die Älteren finanzieren müssen? Experten halten die Rentenreform deshalb für eine wirtschaftliche Notwendigkeit. „Die Reformen sind überfällig”, sagte Erica Tay, Ökonomin bei der Investmentbank Maybank, dem US-Sender CNBC.
Politisch ist der Schritt gleichwohl ein Wagnis. Die Arbeitnehmer sollen perspektivisch mehr in die Sozialversicherung einzahlen, um eine Rente zu erhalten. Später müssen 20 Beitragsjahre statt 15 nachgewiesen werden.
Allerdings wirft das die Frage auf, ob ein Teil der Chinesen überhaupt so lange einzahlen kann, zum Beispiel, weil zunehmend Menschen als Freelancer arbeiten. Die Verlängerung der Beitragszeit „könnte es für viele Arbeitnehmer schwieriger machen, eine Rente zu bekommen, vor allem angesichts der aktuellen Situation der Gig- und informellen Wirtschaft“, sagte Stuart Gietel-Basten, Professor an der Hongkong University of Science and Technology, der Nachrichtenagentur Reuters.
Dabei sind die Renten vieler Chinesen ohnehin nicht üppig, gerade angesichts der hohen Mieten. Die monatlichen Renten in den Städten reichen von rund 3000 Yuan (393 Euro) in weniger entwickelten Provinzen bis zu rund 6000 Yuan (786 Euro) in Metropolen wie Peking oder Shanghai. Viele Ältere müssen weit über das Rentenalter hinaus arbeiten, um ihr Einkommen aufzubessern – zum Teil auch in körperlich anstrengenden Berufen auf dem Bau oder in der Gastronomie. Staatliche Jobs sind sicherer, aber oft schlechter bezahlt.
Zudem ist die Arbeitsbelastung der durchschnittlichen Chinesen sehr hoch. Berufsanfänger haben oft nur Anspruch auf fünf Urlaubstage im Jahr, erst ab zehn Jahren Betriebszugehörigkeit steigt der Urlaubsanspruch auf zehn Tage. Wochenendarbeit und zum Teil unbezahlte Überstunden werden in vielen Betrieben erwartet.
Eine Arbeitszeitverlängerung geht vielen angesichts dieser Umstände gegen den Strich, in den sozialen Medien machen Nutzer ihrem Unmut Luft: „Studenten, die keinen Job finden, 35-Jährige, die wegen ‚Optimierung‘ entlassen werden, und ältere Menschen, deren Rente verzögert wird … weiß auch nicht, was ich noch sagen soll“, schreibt ein User auf Chinas reichweitenstarker Plattform Weibo, die zwar zensiert wird, aber bestimmte Diskussionen noch erlaubt. Wie immer ist es schwer einzuordnen, wie viele Menschen in China so denken.