1. Startseite
  2. Politik
  3. International
  4. Demos in Russland: Kriegsgegner zwischen Protest und Angst

Einmarsch in die UkraineRussische Kriegsgegner zwischen Protest und Angst: „Das ist politischer Terror von Putin“

Viele Russen lehnen die Invasion in der Ukraine ab, Tausende demonstrieren unter großem persönlichen Risiko dagegen. Fünf Russen erzählen, was der Krieg mit ihnen macht.Alexander Kauschanski 27.02.2022 - 13:59 Uhr Quelle: TagesspiegelArtikel anhören

Die Polizei nimmt eine Frau in Gewahrsam.

Foto: imago images/SNA

Berlin. Sie rufen „Nein zum Krieg!“ und halten Plakate mit Solidaritätsbekundungen für die Ukraine in die Luft. In zahlreichen russischen Städten haben am Donnerstag Menschen gegen den Überfall Russlands auf sein Nachbarland demonstriert. Nach Angaben von Bürgerrechtsgruppen gab es in gut 40 Städten Proteste, auf dem zentralen Puschkin-Platz in Moskau versammelten sich etwa 1000 Menschen.

Bislang wurden im Zusammenhang mit derartigen Kundgebungen nach Angaben von Bürgerrechtsorganisationen mehr als 1700 Menschen festgenommen. Uniformierte Sicherheitskräfte gingen Augenzeugenberichten zufolge brutal gegen die Demonstrierenden vor und schlugen sie teilweise ohne erkennbaren Grund.

Die Demonstrationen sind offiziell verboten, Teilnehmenden drohen harte Strafen. Der Tagesspiegel hat mit Russen und Russinnen gesprochen, die gegen Putins Krieg in der Ukraine sind. Zum Schutz ihrer Identität werden nur ihre Vornamen genannt.

Ich schäme mich für Russland.
Evgenia, Moskau

Evgenia, 25, Personalmanagerin, Moskau: „Gestern haben mein Bruder, unsere Freunde und ich an einer Demonstration in Moskau teilgenommen. Es war schrecklich, wie leicht Menschen von der Polizei verhaftet wurden. Unser Freund war einer von ihnen, ihn erwartet jetzt einen Prozess vor Gericht. Aber wir werden nicht aufhören, denn wir haben weder für diesen Präsidenten noch für diesen Krieg gestimmt.

Wir wollen allen Menschen auf der Welt zeigen, dass es falsch ist, alle Russen für die Aggression verantwortlich zu machen. Wir wollen nicht, dass Menschen wegen der Ambitionen des Präsidenten sterben. Zugleich habe ich Angst, für all das selbst ins Gefängnis gesteckt zu werden.

Eine Teilnehmerin wird von Polizisten abgeführt.

Foto: imago images/SNA

Ich arbeite im Personalbereich und bin 25 Jahre alt. In meinem Umfeld kenne ich keine Person, die für den Krieg eintreten würde. Zu den Kundgebungen kommen jedoch nur wenige Menschen, da das jetzt auch unter Strafe steht. So viel zur Demokratie.

Bei dem gestrigen Protest war es schwierig zu sagen, wie viele Menschen da waren. Die Teilnehmenden wurden von der Polizei in unterschiedliche Richtungen gejagt. Wahrscheinlich waren wir mehrere Hunderte, aber soweit ich weiß, sind auch am Wochenende noch Kundgebungen geplant. Im ganzen Land sind mehr als 1000 Menschen gerade inhaftiert.

Alle meine Bekannten und Verwandten sind gegen den Krieg, aber aus Angst vor den Strafen trauen sie sich nicht, auf die Straßen zu gehen. Solange die Regierung uns nicht isoliert, das Internet abschaltet und nichts mehr zu essen da ist, wird die Mehrheit wohl zu Hause bleiben. Manche haben Angst, andere ist es egal. Und dann gibt es noch diejenigen, die diesen Krieg unterstützen.

Ich bin wütend, ich wollte keinen Krieg und habe für diesen Präsidenten nicht gewählt. Die Ukrainer sind unser Brudervolk, wie kann man ihnen nur so etwas antun? Ich schäme mich für Russland. Es tut weh, dass man uns nun für den Krieg als Bürger Russlands auf der Welt noch mehr hasst.“

Ich hoffe auf die härtesten Sanktionen.
Boris, Moskau

Boris, 33, Jurist, aus Kiew, wohnt in Moskau: „Ich bin 2011 nach Moskau gezogen, um hier Jura zu studieren. Ich fühle mich schon seit langem hier zu Hause. Das erste Mal darüber nachgedacht, Russland zu verlassen, habe ich 2014, als der Krieg in der Ukraine ausbrach. Mein meiner russischen Freundin haben wir damals schon besprochen, ob wir auswandern sollten.

Die aktuelle Situation ist – dafür gibt es kein anderes Wort – beschissen. Ich möchte dieses Land verlassen, nicht wegen der Arbeit oder meiner Freunde, sondern wegen der Politik. Ich hoffe auf die härtesten Sanktionen. Solange wie diese Regierung hier in Russland an der Macht ist, kann ich hier nicht leben.

Zahlreiche russische Kriegsgegner wurden am Donnerstag festgenommen.

Foto: imago images/SNA

Ich will jetzt ausreisen, meine Freundin, mit der ich inzwischen verheiratet bin, ist da solidarisch. Wie das passieren soll, weiß ich noch nicht. Ich würde mir wünschen, dass wir irgendwohin auswandern können, wo wir mit unserer Arbeit weitermachen könnten, ein Leben in Würde führen. Vielleicht sogar in die Ukraine, wenn das alles vorbei sein wird. Jetzt aber geht es nicht, denn ich würde als Soldat eingezogen werden. Ich kann bei diesem Krieg nicht mitkämpfen. Dieser Gedanke geht nicht in meinen Kopf rein.

Ich war auf verschiedenen Protesten, aber das passieren unmögliche Dinge. Die Gewalt, die Festnahmen erinnern an die Sowjetunion, an das vergangene Jahrhundert. Früher, als es noch Meinungsfreiheit in Russland gab, hätte man protestieren müssen, man hätte schon damals etwas gegen diese Regierung tun müssen. Jetzt haben wir ein absolut kaputtgetretenes System der Willensäußerung in Russland. Alle meine Bekannten in Moskau sind gegen den Krieg. Die Mehrheit der Menschen in Russland ist, meinem Gefühl nach, jetzt gegen das Regime, aber sie schweigen, sie haben Angst.

Ich habe hier zu viel Zeit verbracht, das macht mich zu einem halben Russen, mein Vater kommt sowieso aus Russland. Jetzt muss ich weg, es gibt keinen anderen Weg. Das ist das Ende meiner Beziehungen mit der Russischen Föderation.“

Putin hat alles dafür getan, dass sich alle anderen für immer fürchten.
Ekaterine, Moskau

Ekaterina, 28, Aktivistin und Autorin, Moskau: „In Russland gibt es ein Sprichwort, dass die Jugend alles verzeihen wird. Aber ich werde unserer Regierung, unserem Präsidenten nie verzeihen, was er getan hat. Wir befinden uns an einem Punkt der Geschichte, wo diesem Menschen nichts mehr verziehen wird. Diesen Krieg werde ich ihnen nie vergeben bis zum Tag, an dem sie vor den Strafgerichtshof in Den Haag müssen.

Ich habe keine Angst, meine Meinung zu sagen, ich weder Angst vor Putin noch vor anderen Dingen. Schon seit vielen Jahren bin ich innerlich tot und ich habe nichts zu verlieren.

Für mich war es selbstverständlich, auf den Protest zu gehen. Ich konnte nicht anders, als daran teilzunehmen. Es liegt nicht in meiner Natur, zu Hause rumzusitzen, während Unrecht in der Welt passiert. Ich habe keine Angst vor Putin, sondern vor mir selbst, dass wenn ich nicht auf die Straße gehe, ich nachts nicht schlafen kann. Wenn ich nicht protestiere, nichts tue, schweige, dann werde ich wahrscheinlich auch nicht mit dem Knüppel geschlagen.

Mit diesem Schild nahm Ekaterina am Donnerstag an den Antikriegsprotesten in Moskau teil.

Foto: Privat

Aber ich habe nicht vor den Schlagstöcken der Polizei Angst, sondern davor, ob ich später meinen Kindern in die Augen schauen werden kann. Ich habe vor viel fürchterlicheren Dingen Angst als physische Bestrafung oder in Untersuchungshaft zu sitzen. Das sind für mich weltliche Kleinigkeiten in Anbetracht dessen, wie wir überhaupt weiterleben sollen nach all dem, was passieren wird. Daher hat sich die Frage für mich nicht gestellt, ob ich auf den Protest gehen soll.

Ich gehe schon viele Jahre auf Demonstrationen, die Entscheidungen Wladimir Putins betreffen. Mal ging es darum, die Verfassung zu ändern, um noch länger im Präsidentensessel zu sitzen und sich für eine dritte Amtszeit aufzustellen. Mal ging es darum, den einzigen Oppositionspolitiker zu vergiften und ihn dann dafür ins Gefängnis zu bringen, dass er es gewagt hat, einer Giftattacke zu überleben.

Jetzt hat das russische Militär die Ukraine angegriffen. Viele Menschen hatten vorher Angst zu demonstrieren, mit dem Angriff ist der Damm bei ihnen gebrochen, sie sind zum ersten Mal auf die Straße gegangen. So bin ich nicht, für mich war das keine lebensverändernde Entscheidung.

Ich würde aber auch nicht sagen, dass es Alltag für mich ist, zu protestieren. Jedes Mal habe ich Angst, ich bin immer noch ein Mensch. Jedes Mal bereite ich mich moralisch darauf vor, dass es Folgen geben könnte, Gewalt, Verhaftungen. Ich habe Angst, aber ich kann nicht anders, als auf die Straße zu gehen.

Viele Jahre beobachten wir, wie unsere Regierung eine aggressive Rhetorik und Politik fährt. Dieser Macho-Kult, Gewalt, die Methoden von Sicherheitsdiensten, Polizei halten die Leute hier für die einzig richtigen, und niemand schämt sich, sie einzusetzen. Unser Präsident spricht auf Fernsehbildschirmen in einem Gefängnisjargon, sagt, dass man zuerst schlagen muss, wenn der Streit unausweichlich ist. Wobei nur er selbst entscheidet, wann er zuschlagen will. Mit seiner Paranoia stellt er sich selbst wahrscheinlich als irgendeinen starken, russischen Kriegshelden vor, der allein gegen die ganze Welt kämpft. In all den Jahren hat Wladimir Putin seine Menschlichkeit verloren.

„Ukraine – Frieden, Russland - Freiheit“ steht auf dem Transparent, das Menschen durch die Straßen tragen.

Foto: dpa

Jetzt sind seine imperialen Ambitionen in diesen Krieg gemündet, den nur er will. Denn nur Hooligans wollen Streit. Es ist unmöglich, dabei weiter zuzuschauen, weil das nicht nur uns Bewohner eines Landes betrifft, das sowieso schon leidet, sondern auch unsere Nachbarn in der Ukraine, mit denen wir in vielem eine Kultur teilen. Die Ukraine ist ein anderes Land – egal, was Putin für fragwürdige Geschichtsstunden über die Ukraine halten möchte. Die Ukraine war schon immer und wird auch immer ein anderes, unabhängiges Land sein. Wir sind zwar unterschiedlich, aber wir sind auch Bruderländer.

Mich schockiert das, es macht mich wütend und zerdrückt mich moralisch. Was ich fühle? Ich schäme mich, nicht für mich selbst, denn ich weiß, dass ich diesen Präsidenten nicht gewählt habe. Ich habe alles, was ich konnte, dafür getan, damit er nicht weiter an der Macht bleibt. Ich habe immer gegen ihn, gegen seine Partei gestimmt. Ich war Wahlbeobachterin. Ich bin auf alle Protestaktionen gegangen. Wahrscheinlich sind die Leute, die vorher geschwiegen haben, nun voller Scham. Sie schreiben viel darüber. Aber das ist ihr Fehler, dass sie nicht gegen Putin gestimmt haben, nicht gegen ihn protestiert haben. Ich fühle mich anders.

Ich fühle mich innerlich niedergeschlagen, dass die ukrainisch-russischen Beziehungen gestorben sind. Da war schon vorher eine Wunde, die jetzt weit aufgerissen ist.

Auf den Protesten haben die Sicherheitsdienste nicht zugelassen, dass alle auf dem Platz stehen. Sie haben versucht, den Platz zu räumen, zu bewirken, dass wir uns auf der Straße verteilen, damit wir nicht als zu viele erscheinen. Das Hauptziel seit langem ist, dass wir nicht so aussehen dürfen, wie ein echter Protest, wo der Wille der Demonstrierenden ausgedrückt wird. Es ist eine große Masse an Menschen, die von einer Seite zur anderen bewegen. Die Leute haben gerufen, skandiert „Nein zum Krieg“, und auch Putin beschimpft.

Dann begannen die Festnahmen. Die Menge muss sich verstreuen, um nicht in einen Polizeiwagen abgefahren zu werden. Die Leute gehen dann in Richtung der Metro, sie verstecken sich im Café oder gehen in Nebenstraßen. Die Atmosphäre bei der Versammlung war traurig. Ich bin stolz, dass diese Menschen trotz aller Unterdrückung auf die Straßen gehen. Aber wir sind in Moskau, selbst hier und auch in anderen russischen Städten, gemessen an der Bevölkerung, sind wir wenige.

Nach dem Protest gestern bin ich sehr traurig nach Hause gefahren, denn die russischen Menschen haben immer noch nicht verstanden, dass sie sich an nichts festhalten können, als an ihren Ketten. Die Russen haben Angst, die meisten sind nicht auf die Straßen gegangen. Die Menschen auf den Protesten hier in Moskau sind die besten der Stadt, leider sind es nicht so viele, und ich sehe ständig dieselben Gesichter. Das sind die Bekannten und Freunde, die auch schon vorher demonstriert haben. Sie haben geschrien, geweint, waren wütend.

Die Sicherheitsdienste, die Polizei haben viele mitgenommen. Egal, ob du ein Plakat gegen den Krieg mitgebracht hast, ob du rufst „Nein zum Krieg“ oder daneben steht und ein Foto machst, das war egal, das System nimmt die Leute willkürlich fest. Jedes Mal, wenn ich auf einen Protest in Moskau gehe, weiß ich nicht, ob ich festgenommen werde oder nicht. Es gibt keine Regeln, das ist absolut willkürlich. Und dieser irrationale Teil erschreckt die Menschen, daher gehen sie nicht hin. Das ist die psychologische Gewalt, welche die Regierung schon viele Jahre gegen uns benutzt.

Das ist ein Teil der Gesellschaft, der keine Angst hat. Putin hat alles dafür getan, dass sich alle anderen für immer fürchten. Politischer Terror - und er funktioniert. Die Menschen glauben nicht daran, dass sie etwas verändern können, aber vor allem haben sie Angst. Innerhalb von 20 Jahren wurde der politische Wille der meisten Menschen amputiert.

Viele meiner Freunde wurden festgenommen, haben ihre Nacht bei der Polizei verbracht und während wir hier am Morgen miteinander sprechen, werden sie ins Gericht gefahren. Dort werden sie wahrscheinlich schuldig gesprochen. Dafür, dass sie sich friedlich ohne Waffen versammelt haben und ihr Grundrecht der Meinungsfreiheit nach der russischen Verfassung genutzt haben. Aber seit langem existieren hier Gesetze nur auf dem Papier. Ich bin darauf stolz, dass wir trotz des Wissens, was uns passieren kann, immer wieder auf die Straßen gehen.

An die Regierung habe ich keine Forderungen, ich erwarte nichts von ihr. Das wäre wie ein Gespräch mit der Wand. Das sind Menschen, die von der Realität abgekapselt sind, die wahnsinnig geworden sind an ihrer politischen Macht. Ich bin müde. Ich kann nur alles dafür tun, dass diese Leute nicht mehr über Russland regieren.

In meiner Umgebung unterstützt niemand den Krieg – aber die Leute sind eingeschüchtert.
Kirill, St. Petersburg

Kirill, 35, St. Petersburg: „Ich fühle mich nicht gut. Ich mache mir Sorgen über die Zukunft, obwohl ich verstehe, dass es in Bezug auf banale Sicherheit wahrscheinlich in Moskau und St. Petersburg nichts zu befürchten gibt. Niemand wird uns bombardieren. Aber ich verstehe, dass die Entscheidung der Behörden weitreichende Konsequenzen hat. Wirtschaftlich werden wir ärmer. Jetzt hat der Preisanstieg begonnen. Russland wird immer mehr zum Ausgestoßenen. Ich habe große Angst, die üblichen Kommunikationskanäle zu verlieren, ich fürchte, dass die sozialen Netzwerke und Videodienste, an die ich mich gewöhnt habe, blockiert werden. Ich fürchte, es wird sehr schwierig sein, nach Europa zu reisen. Ich habe Angst vor dem neuen eisernen Vorhang.

Auf ihrem Schild steht „Ich bin gegen den Krieg“.

Foto: dpa

Ich habe nicht protestiert. In meiner Umgebung - unter Freunden und Bekannten - gibt es keine einzige Person, die den Krieg unterstützt. Aber die Leute sind eingeschüchtert. Diejenigen, die früher und zu anderen Anlässen, zum Beispiel nach der Verhaftung von Alexej Nawalny, protestiert hatten, wurden dafür bestraft. Und wenn die Leute nicht auf den Straßen festgenommen wurden, dann wurden viele von Videokameras erfasst und die Sicherheitsbehörden kamen später zu ihnen.

Umfragen zufolge sind in Russland bis zu ein Drittel der Menschen gegen diesen Krieg. In Moskau und St. Petersburg ist ihr Prozentsatz noch höher. Wenn alle auf die Straße gegangen wären, wären das mehrere Millionen Menschen, das würde den Mächtigen Angst machen. Aber die Angst der Menschen ist größer. Ich denke allerdings, wenn diese Maßnahmen zu einem Rückgang der Wirtschaft und Verarmung führen, könnten sich die Proteste verstärken.

Ich bin gegen den Krieg in der Ukraine, gegen die Anerkennung von Donezk und Luhansk. Dieser Krieg hat ein einziges Ziel: Präsident Wladimir Putin verwirklicht so seine Wünsche. Er hat wirklich Angst davor, Feinde zu haben. Und er will weiterhin auf unbestimmte Zeit an der Macht bleiben. Das ist sein großer historischer Fehler. Der Angriff Russlands auf die Ukraine wird dazu führen, dass sich EU und NATO konsolidieren, was zu einer Schwächung der Russischen Föderation führen wird.

Wladimir Putin fordert die Nato heraus Der Westen sollte besonnen reagieren – und kann trotzdem etwas tun
Es ist unmöglich, irgendetwas von einem Präsidenten zu fordern, der seit 22 Jahren irgendwie an der Macht ist. Demokratischer Übergang und freie Wahlen sind notwendig. Und ein langer Prozess der Rückkehr in ein normales Leben und gutnachbarliche Beziehungen. Obwohl ich fürchte, mit jeder abgeworfenen Bombe und mit jeder Bewegung für jeden Kilometer in Richtung Kiew wird das immer weniger möglich.

Es ärgert mich sehr, dass die internationale Gemeinschaft keinen Einfluss auf Putin hat. Je härter die Reaktion ist, desto besser. Wenn sie zu einem Schlag gegen die Bewohner des Landes führt, besteht die Hoffnung, dass die Menschen den Behörden und ihrer Propaganda kritischer gegenüberstehen.

Ich möchte nicht für den Tod anderer Menschen verantwortlich sein.
Artem, Moskau

Artem, 30, Moskau, Unternehmer, der Fleischersatz-Produkte herstellt: Nein, ich bin gestern nicht rausgegangen. Ich bin von 2011 bis 2020 zu vielen Demonstrationen gegangen, aber ich war gestern nicht beim Protest. Erstens weiß ich, wie sie normalerweise enden, zweitens weiß ich, dass sie in der gegenwärtigen Situation in Russland nichts mehr lösen. Das einzige, was einem die Teilnahme an der Kundgebung geben kann, ist eine Bestätigung sich selbst und seinem Gewissen gegenüber.

Ich weiß nicht, wie ich mit dem umgehen soll, was gerade passiert. Um uns herum gibt es eine unglaubliche Menge an Lügen und Fake News, mit denen alle Konfliktparteien - nicht nur Russland und die Ukraine, sondern auch die EU- und NATO-Länder sowie die USA – zu arbeiten versuchen, von denen jeder seine eigenen Interessen verfolgt.

Ich bin mir sicher, dass man meine Meinung als schonungslos und negativ empfinden kann, weil alle hören wollen, dass man eine klare Position hat: schwarz oder weiß, ja oder nein. Aber ich denke, wer in der heutigen Realität eine eindeutige Sicht vertritt, zeigt damit entweder seine Inkompetenz oder ist ein Heuchler, der seine Position ausschließlich für „Likes“ auf sozialen Medien und den allgemeinen Beifall des Publikums vertritt.

Ich bin gegen den Krieg in allen seinen Erscheinungsformen. Ich habe auch auf Facebook geschrieben, dass unsere Länder schreckliche, blutige Jahre des Zweiten Weltkriegs durchgemacht haben. Und dann waren wir an den ebenso schrecklichen Ereignissen in Afghanistan, Tschetschenien und so weiter beteiligt, um politische Widersprüche erneut mit Gewalt zu lösen.

Wir, und wenn ich „wir“ sage, meine ich alle, haben keine Lehren aus der Vergangenheit gezogen. Der ganze so genannte Fortschritt, der erreicht wurde, ist eigentlich nichts wert, weil die Welt von verrückten, egoistischen, egozentrischen und falschen Menschen regiert wird. Dies gilt sowohl für russische als auch für ausländische Politiker, von denen jeder die Meinung der Bevölkerung seines Landes geschickt manipuliert und sich in den meisten Fällen an seinen eigenen Vorteilen und Wünschen orientiert.

Mehr zur Ukrainekrise

Verwandte Themen
Russland
Wladimir Putin
Ukraine
NATO
Alexej Nawalny
Metro

Ich bin sehr traurig, in einer Welt zu leben, in der es niemanden gibt, dem man glauben kann. Einer Welt, in der es keine moralischen Richtlinien gibt, in der ich als Russe wegen meiner Nationalität jetzt unter Unbehagen und Scham sowie unter Sanktionen leiden muss, nur weil die Herrscher unserer Länder sich nicht einigen können und ich als gewöhnlicher Bürger Russlands jetzt ein Feind von Ukrainern, Deutschen, Franzosen, Amerikanern oder Polen bin.

Vielleicht könnte ich es mir einfacher machen, diese Fragen nicht stellen und zu den patriotischen Melodien marschieren, die aus dem Lautsprecher des Fernsehers strömen – und allgemein finde ich Patriotismus als aufrichtiges Gefühl nicht falsch. Aber ich stelle diese Fragen, denn ich weiß nicht, was ich denken soll, wem ich glauben soll und wer Recht hat.

Das einzige, dessen ich mir sicher bin, ist, dass ich nicht für den Tod anderer verantwortlich sein möchte. Menschen wie ich, die nur ein paar hundert Kilometer von mir entfernt leben. Und ich möchte nicht all die Entbehrungen und Einschränkungen erfahren, die uns der Rest der Welt beschert, nur weil ich ein russischer Staatsbürger bin. Ich habe viele Freunde und Bekannte aus der Ukraine, ich war oft dort und hatte gehofft, sie noch viele Male zu besuchen, obwohl ich mir jetzt nicht mehr vorstellen kann, dass ich einmal überhaupt dort sein könnte.

Dieser Text ist zuerst im Tagesspiegel erschienen.

Mehr: „Ich habe die Angst der anderen gesehen“ – Moskaus Demonstranten leben gefährlich

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt