Export: Weihnachtsstimmung, made in China
Shanghai. In Taizhou wird Weihnachten gemacht. Die chinesische Stadt mit knapp sieben Millionen Einwohnern liegt rund zwei Zugstunden südlich der chinesischen Wirtschaftsmetropole Shanghai. Sie ist eine der Schmieden für Nussknacker, Christbaumkugeln und Adventskalender, die in diesen Tagen deutsche, europäische und amerikanische Wohnzimmer schmücken.
Der Familienbetrieb von Frau Lin liegt in einem Industriegebiet am Rande der Stadt. Frau Lin heißt eigentlich anders, aber sie möchte nicht erkannt werden. Gespräche mit ausländischen Reportern bedürfen der Genehmigung der lokalen Behörden und der Kommunistischen Partei – selbst bei auf den ersten Blick unproblematischen Themen wie Weihnachten.
Doch seit die nationalistische Führung um Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping versucht, westliche Einflüsse auf die Gesellschaft zurückzudrängen, ist auch das Geschäft mit den unpolitischen Weihnachtsbäumen politisch geworden.
In den Ausstellungsräumen von Frau Lin stapeln sich rote und goldene Weihnachtskugeln auf meterlangen Regalen. Sie führt den Reporter herum: „Alles, was das Herz begehrt“, sagt sie lachend. In einem Nebenraum stehen Hunderte von Nussknackern, manche traditionell in Blau und Rot angemalt, andere in Grün und im Football-Outfit für den amerikanischen Markt.
Ein Stockwerk höher betritt man ein künstliches Winterwunderland mit Girlanden, Lichterketten und Hunderten von Plastikweihnachtsbäumen, manche weiß gepudert, andere grün und beleuchtet, täuschend echt den natürlichen Originalen nachempfunden. Es weihnachtet sehr in Taizhou, rund 10.000 Kilometer von Deutschlands warmen Weihnachtsstuben entfernt.
Fotokulisse und Exportfaktor
Die Stadt in der Provinz Zheijiang gehört zu den chinesischen Wirtschaftsstandorten, die nach offiziellen Angaben für rund 80 Prozent der weltweiten Weihnachtsartikelproduktion verantwortlich sind. Neben Taizhou ist dies Yiwu, ebenfalls wenige Stunden von Shanghai entfernt, sowie Ningbo, Xiamen im Süden – und einige wenige andere Städte.
Mehr als 20.000 verschiedene Weihnachtsprodukte werden allein aus Yiwu jährlich ausgeführt. Verschifft werden sie über den nahe gelegenen Riesenhafen Ningbo. Nach Angaben der örtlichen Zollbehörde belief sich der Exportwert in diesem Jahr von Januar bis August auf 3,35 Milliarden Yuan, umgerechnet knapp 440 Millionen Euro.
Die Hunderte, zum Teil hochautomatisierten Familienbetriebe in Yiwu und Taizhou funktionieren wie gut geölte Weihnachtsmaschinen in einem wenig weihnachtlichen Umfeld. Denn die Chinesinnen und Chinesen selbst haben kaum Bezug zu dem christlichen Fest.
Sie kennen es vor allem aus dem Internet, dem Fernsehen oder von Auslandsreisen. In Shanghai gibt es trotzdem Weihnachtsmärkte. Die gut verdienende Mittelschicht kauft hier Glühwein und Spekulatius, die Jüngeren kommen wegen der Fotos, die sie in den sozialen Medien posten. Das westliche Fest ist in China ein kommerzielles Ereignis, erzeugt aber keine warmen Kindheitserinnerungen.
In der Hochsaison, wenn die Weihnachtsartikel hergestellt werden, beschäftigt ihre Fabrik rund 1200 Mitarbeiter, sagt Lin. Die Entwürfe für Christbaumschmuck oder Kerzenständer stammen meist von europäischen Designern und ihren chinesischen Mitarbeitern. Im Spätsommer ist die Produktionsphase abgeschlossen, spätestens dann müssen die Artikel auf die Schiffe nach Europa und in die USA.
Doch die Verschiffung ins Ausland werde immer schwieriger, berichten Geschäftsleute aus der Branche und auch Frau Lin. Die Containerpreise seien gestiegen. Und der Zeitplan ist wegen der politischen Risiken auf den Handelsrouten im Roten Meer knapper. Einige Exporteure berichten, dass sie ihre Waren in diesem Jahr einen Monat früher als sonst auf den Weg gebracht haben, um Verzögerungen zu vermeiden.
Regierung beobachtet westliche Feste kritisch
Die Frage, ob sie sich sorgt, dass Donald Trump bald wieder US-Präsident sein wird, lässt Lin lächeln. Er sei zwar etwas seltsam, aber ein „Geschäftsmann“, mit dem man verhandeln könne. Eine Meinung, die man in Chinas Unternehmerschaft häufig hört. Selbst wenn er auch chinesische Weihnachtsprodukte mit seinen angekündigten Sonderzöllen belegen sollte, seien ihre Produkte immer noch „sehr konkurrenzfähig“, sagt Frau Lin. Sprich: billig. Sie bleibt gelassen.
Frau Lin und ihr Mann stehen kurz vor der Rente. Ihr Sohn studiert derzeit in Großbritannien und könnte das Geschäft danach übernehmen, so ist es ihr Wunsch. Doch neben den Risiken für Transport und Lieferketten entscheidet darüber auch die innenpolitische Stimmung in China: Die Staats- und Parteiführung kämpft seit Jahren – mehr oder weniger deutlich – gegen den Einfluss westlicher Feste.
Vor allem Halloween steht unter besonderer Beobachtung. Im vergangenen Jahr wurde es in Shanghai von Jugendlichen als Anlass für Kritik an der Führung genutzt. In diesem Jahr war das Polizeiaufgebot in der Metropole daher besonders groß, Polizisten kontrollierten in den U-Bahnhöfen, ob Jugendliche regierungskritische Parolen oder Kostüme trugen. In den sozialen Medien wurden die Videos der Kontrollen geteilt, manche Jugendliche feierten stattdessen im nahe gelegenen Hangzhou, wo weniger stark kontrolliert wurde.
2017 veröffentlichte die Kommunistische Partei ein Dokument, in dem sie dazu aufrief, die nationale Kultur zu stärken. Chinesische Rituale wie das Drachenbootfest sollen gefördert werden. Obwohl das Dokument nicht explizit zum Boykott westlicher Feste aufrief, kam die Botschaft an.
Eifrige Parteifunktionäre in den Provinzen setzten sie sogleich in Maßnahmen um. So heißt es in öffentlich zugänglichen Dokumenten etwa der Universität Hunan Institute of Technology: „Es ist Parteimitgliedern und Kadern sowie ihren [...] Familien streng verboten, an religiösen Aktivitäten mit westlichem Hintergrund teilzunehmen.“
Die Kader der University of South China in derselben Provinz sind ebenfalls deutlich: „Es ist streng verboten, an Heiligabend und Weihnachten an Versammlungen teilzunehmen [...].“ Die Regeln sollen die „hervorragende traditionelle chinesische Kultur“ stärken, heißt es in einem der Dokumente weiter.
Als Anlass für Exportwachstum nimmt man Weihnachten in China aber gern. In diesen Tagen läuft schon die Planung für das Weihnachtssortiment 2025. Wie es kommendes Jahr im Dezember in Chinas Weihnachtsartikel-Hauptstädten aussieht, lässt sich allerdings angesichts von Xi Jinpings Nationalismus kaum vorhersehen.