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Griechenland In den Flüchtlingslagern tickt die Corona-Zeitbombe

In den überfüllten Camps auf den griechischen Inseln droht der Virusausbruch. Fachleute fordern eine Evakuierung. Aber die Regierung weiß nicht, wohin mit den Menschen.
28.03.2020 - 13:25 Uhr Kommentieren
Fachleute fürchten, dass das Coronavirus längst in Moria und den anderen griechischen Lagern grassiert, auch wenn man es bisher nicht nachgewiesen hat. Quelle: obs
Griechische Inseln

Fachleute fürchten, dass das Coronavirus längst in Moria und den anderen griechischen Lagern grassiert, auch wenn man es bisher nicht nachgewiesen hat.

(Foto: obs)

Athen Der Nordostwind trieb am Freitag dunkle Wolken von der türkischen Küste über die Insel Lesbos. Schauer gingen nieder. Wie immer, wenn es regnet, verwandelten sich die Trampelpfade im Flüchtlingslager Moria in Schlammwüsten. Das Wasser spült den Abfall zu Tal, sickert in die Zelte, durchnässt Decken und Matratzen. „Wir müssen handeln, bevor es zu spät ist“, sagt Fotini Kokkinaki von der Hilfsorganisation „HumanRights360“.

Seit Jahren machen Helfer auf die furchtbaren Bedingungen aufmerksam, unter denen Zehntausende Menschen in den Migrantencamps auf den griechischen Ägäisinseln leben müssen. Ärzte warnten immer wieder vor Seuchengefahr. Jetzt geht in den Camps die Angst vor dem Coronavirus um. „Wenn das Virus in den überfüllten Lagern ankommt, werden die Konsequenzen verheerend sein“, warnt Kokkinaki.
Ausgangssperren, geschlossene Schulen, Geschäfte und Gaststätten: Seit Wochen kämpft die griechische Regierung mit immer neuen Verboten gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Aber der Situation in den überfüllten Migrantenlagern widmeten die Behörden anfangs wenig Aufmerksamkeit. Dabei ist dort die Ansteckungsfahr wegen der großen räumlichen Enge, in der die Menschen leben, besonders groß.

Bisher gibt es, so die offizielle Darstellung der Regierung in Athen, in den Migrantenlagern auf den Inseln keinen bekannten Infektionsfall. Das sagt aber wenig, denn es finden gar keine systematischen Tests statt.

Nur bei Neuankömmlingen wird jetzt die Temperatur gemessen. In den fünf sogenannten Hotspots, den Erstaufnahmelagern auf den Ägäisinseln Samos, Lesbos, Leros, Chios und Kos, hausen nach offiziellen Angaben vom Ende dieser Woche 40 703 Bewohner – eingepfercht in Camps, die für die Unterbringung von 8896 Menschen ausgelegt sind.

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    Im berüchtigten Lager Moria auf Lesbos mit Platz für 2757 Bewohner leben 19 283 Migranten. Weil das aus Wohncontainern gebaute offizielle Lager seit Jahren überfüllt ist, hausen geschätzt 15 000 Menschen, darunter viele Familien mit Kindern, in den angrenzenden Olivenhainen. Sie haben dort Campingzelte aufgeschlagen oder Verschläge aus Latten, Pappe und Plastikplanen gezimmert.

    Fachleute fürchten, dass das Virus längst in Moria und den anderen Lagern grassiert, auch wenn man es bisher nicht nachgewiesen hat. Das griechische Ministerium für Migration und Asyl versucht mit einem Zwölf-Punkte-Plan, die drohende Gefahr zu bannen.

    Besuchsverbote in den Camps

    Dazu gehören Besuchsverbote in den Camps. Sie gelten auch für Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen, die früher für die Versorgung der Menschen eine wichtige Rolle spielten. Die Bewegungsfreiheit der Lagerbewohner wird ebenfalls eingeschränkt.

    Bisher konnten sie sich auf den Inseln frei bewegen. Jetzt dürfen sie die Camps nur noch in kleinen Gruppen zwischen 7.00 Uhr morgens und 19.00 Uhr abends zum Einkaufen verlassen, jedoch nur eine Person pro Familie.

    Sportveranstaltungen und der Schulunterricht in den Camps werden eingestellt. Die sanitären Einrichtungen und Gemeinschaftsräume sollen regelmäßig desinfiziert werden. Auch die Einrichtung von Isolierstationen ist geplant. Aber es ist schwer vorstellbar, wie das in den chaotischen Camps umgesetzt werden soll.

    Mit mehrsprachigen Flugblättern und Lautsprecherdurchsagen werden die Lagerbewohner informiert, mit welchen Vorsichtsmaßnahmen sie die Ansteckungsgefahr reduzieren können. Aber die Empfehlung, Abstand voneinander zu halten und Menschenansammlungen zu meiden, muss für die Lagerbewohner wie ein Hohn klingen.

    Sie können einander nicht aus dem Weg gehen. Das Camp Vathy auf Samos wurde für 648 Bewohner gebaut, beherbergt aber aktuell 7264 Menschen. Im Lager auf Kos gibt es 816 Plätze, aber 2969 Bewohner. Das Camp auf Chios ist mit 5363 Bewohnern fünffach überbelegt.

    Experten warnen vor unkontrollierbaren Zuständen, wenn sich das Virus in den Lagern ausbreitet. „Unter den gegebenen Umständen wäre es in den Hotspots unmöglich, einen Ausbruch der Epidemie zu kontrollieren – tausende Menschenleben wären in Gefahr“, sagt Antigone Lyberaki von der Hilfsorganisation Solidarity Now. „Es gibt ein Zeitfenster, mit der Situation umzugehen, aber dieses Fenster schließt sich schnell.“

    Regierung lehnt eine Auflösung der Lager ab

    Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch appellierte diese Woche an die Regierung, die Insellager sofort zu evakuieren. Die EU-Kommission forderte Griechenland auf, wenigstens besonders Schutzbedürftige wie Alte, Kranke und Familien mit Kindern aus den überfüllten Lagern zu holen und anderweitig auf den Inseln unterzubringen.

    Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF), die in den Camps auf Chios, Samos und Lesbos versucht, wenigstens eine medizinische Minimalversorgung zu leisten, vor allem für Kinder, fordert eine komplette Räumung: „Die entsetzlichen Lebensbedingungen in den überfüllten Hotspots auf den Inseln sind ein idealer Nährboden für Covid-19“, heißt es in dem Aufruf von MSF.

    Die Regierung lehnt eine Auflösung der Lager und die Verlegung der Migranten aufs Festland bisher ab. Die Begründung: Auf dem Festland grassiere das Virus bereits. Auf den Inseln seien die Migranten dagegen sicherer, da es dort bisher fast keine nachgewiesenen Infektionen gebe, bis auf zwei Fälle auf Lesbos, außerhalb des Lagers.

    Ein weiterer Grund, warum die Regierung mit einer Evakuierung zögert: Migrationsminister Notis Mitarakis steht vor einem kaum lösbaren Problem. Er weiß nicht, wohin mit den mehr als 40 000 Migranten auf den Inseln.

    Denn auch die 28 Migrantenlager auf dem Festland sind längst überfüllt. Der geplante Bau neuer Lager stößt in den betroffenen Gemeinden meist auf starken Widerstand der Bevölkerung und der Kommunalpolitiker.

    Flüchtlingsfrauen aus dem griechischen Migrantenlager Moria nähen Atemschutzmasken. Quelle: AFP
    Flüchtlinge Griechenland

    Flüchtlingsfrauen aus dem griechischen Migrantenlager Moria nähen Atemschutzmasken.

    (Foto: AFP)

    Auch gegen die Unterbringung von Migranten in Hotels und Pensionen, die jetzt leer stehen, gab es schon in der Vergangenheit örtlich heftige Proteste. Die Angst vor der Epidemie dürfte die vielerorts spürbaren Ressentiments gegen die Migranten weiter schüren.

    Seit Jahren fordert die Regierung in Athen eine Umverteilung von Asylsuchenden auf andere EU-Staaten – vergeblich. Angesichts der Corona-Epidemie ist daran jetzt wohl noch weniger zu denken als bisher.

    Immerhin gibt es einen kleinen Lichtblick: Die seit Wochen stockende Verlegung von 1600 unbegleiteten Minderjährigen aus den Lagern könnte endlich in Gang kommen, trotz Corona. EU-Innenkommissarin Ylva Johansson hofft, dass die Verlegung kommende Woche beginnen kann.

    Sieben EU-Länder haben sich zur Aufnahme der Minderjährigen bereiterklärt, darunter Deutschland. Insgesamt leben in Griechenland etwa 5500 unbegleitete Migranten unter 18 Jahren. Nach Angaben der UN-Flüchtlingsagentur UNHCR befinden sich davon etwa 2000 auf den Inseln.

    Die Bundesregierung ist ungeachtet der Coronakrise für eine schnelle Aufnahme Minderjähriger aus den Flüchtlingscamps auf den griechischen Inseln. Innenminister Horst Seehofer stehe zu seiner Zusage, sagte Ministeriumssprecher Steve Alter am Freitag in Berlin.

    Mit Blick auf die Organisation der EU-Kommission sagte er: „Nach unserer Erkenntnis kommt da Bewegung rein.“ Er könne nicht genau sagen, wann es so weit sein wird, aber „wir sehen da auch Fortschritte“.

    Ob Deutschland am Ende 250 oder 400 Minderjährige aufnehmen wird, ist allerdings bis heute ebenso ungeklärt wie die Frage, wann sie aus Griechenland abreisen werden. „Die Bundesregierung steht hierzu in intensivem Austausch mit den europäischen Partnern, um zeitnahe Übernahmen von den griechischen Inseln zu gewährleisten“, hieß es aus dem Innenministerium.

    Mehr: Griechen fliehen aus Angst vor dem Virus auf die Inseln: Immer mehr Griechen suchen Zuflucht auf einer der Inseln. Aber dort sind die Städter nicht willkommen.

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