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Internationale Presseschau„Syrien zeigt, dass Putin erschöpft ist“

Der Sturz des syrischen Diktators Baschar Al-Assad sorgt weltweit für Schlagzeilen. Die internationale Presse zeigt sich erleichtert, warnt aber auch vor zu viel Euphorie. 09.12.2024 - 13:31 Uhr Artikel anhören
Russland hatte stets enge Beziehungen zum syrischen Diktator Baschar al-Assad gepflegt. Foto: AP

Mit dem Sturz von Baschar al-Assad in Syrien verschieben sich die Machtverhältnisse im Nahen Osten. Insbesondere für den russischen Präsidenten Wladimir Putin sei die Entwicklung ein massiver Machtverlust. Wie die Weltpresse auf den historischen Moment blickt:

„Washington Post“: Vorsicht vor Euphorie in Syrien

Für die US-Hauptstadtzeitung „Washington Post“ ist der Sturz Assad vor allem überraschend: „Wenn das Leben voller Überraschungen ist, so ist das Leben im Nahen Osten voller Schocks. Selbst nach diesem Maßstab übertrifft der Fall von Damaskus alles. Bis vor zwei Wochen schien nichts in der Region dauerhafter als das verhasste Regime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad.

Und doch, am Sonntag krönten regierungsfeindliche Milizen eine Blitzoffensive durch das Land, indem sie Syriens Hauptstadt einnahmen, während Assads Armee dahinschmolz. Assad floh aus dem Land und beendete so die brutale, ein halbes Jahrhundert lange Dynastie seiner Familie.

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Zu Assad sagen wir: Gott sei Dank. Die Geschwindigkeit seines Sturzes bezeugt die Illegitimität seiner fürchterlichen Herrschaft, die durch Massenexekutionen, Folter und Unterstützung von Terrorismus gekennzeichnet war (...) Für die Syrer ist der Alptraum der schlechten Regierung Assads endlich vorbei. Aber die Euphorie über seinen Sturz sollte gezügelt werden angesichts der Fragen, was als Nächstes kommt.“

„NZZ“: Eine Zeitenwende im Nahen Osten

Die „Neue Zürcher Zeitung“ aus der Schweiz sieht im Umsturz eine Chance für einen Neubeginn. „Der Untergang des Hauses Assad ist nicht nur für Millionen von Syrern eine Erleichterung, die unter den Schergen des Diktators unermesslich gelitten haben. Auch viele Libanesen, die sich für ihr Land eine andere Zukunft wünschen als ein ewiges Schattendasein im Orbit Irans, schöpfen Hoffnung. Nicht zuletzt sind die Nachrichten aus Syrien eine frohe Kunde für all jene, die Putins Russland geschwächt sehen wollen. Moskau war ebenfalls ein Verbündeter des gestürzten Assad.

Der Fall von Damaskus bedeutet eine Zeitenwende im Nahen Osten. Das kann eine Chance sein. Doch dazu muss in Syrien jetzt ein neuer Staat entstehen, der seinen Bürgern nicht nur Freiheit, sondern auch wirtschaftliche Stabilität bietet. Nicht nur die Rebellen, sondern auch die oft zerstrittenen regionalen Mächte am Golf und am Bosporus sind gefragt. Der Westen muss sie dabei unterstützen, ohne in missionarische Hybris oder Gleichgültigkeit zu verfallen.

Ob das gelingt, ist fraglich. Denn der Rebellenführer Abu Mohammed al-Dschulani, der neue starke Mann Syriens, ist nicht nur ein strammer Islamist. Er regierte in Idlib auch wie ein Autokrat. Und er ist nicht allein. In dem kaputten Land streben weitere Milizen nach einem Platz an der Sonne: Kurden, die türkischen Vasallen von der Syrischen Nationalen Armee und die Überreste des Islamischen Staats. Sie drohen schon jetzt aufeinander loszugehen.“

„De Telegraaf“: Kurs der HTS-Rebellen ist noch unklar

Die niederländische Zeitung „De Telegraaf“ mahnt zur Zurückhaltung: „Die Flucht von Assad war gerade erst bekanntgeworden, da begrüßten europäische Regierungen schon den Sturz des Tyrannen, der sogar Giftgas gegen sein eigenes Volk eingesetzt hatte. Deutschland bezeichnete den Fall des Regimes als große Erleichterung für Millionen von Syrern, während die Franzosen auf eine friedliche Machtübergabe drängten.

Allerdings ist bei aller Euphorie über den Umbruch in Syrien eine gewisse Zurückhaltung geboten. Nach dem Sturz des Schahs von Persien (Iran) und Jahre später des irakischen Despoten Saddam Hussein war der Jubel ebenfalls groß. Im Iran terrorisieren heute die Ajatollahs die Bürger und finanzieren den Kampf gegen Israel. Und im Irak hat sich die Lage der Bevölkerung auch nicht verbessert.

Abgesehen von einem Flüchtlingsstrom, der bereits im Gange ist, ist noch unklar, was der Kurs der dschihadistischen HTS-Rebellen für das syrische Volk bedeutet. Allein die Tatsache, dass diese Gruppierung einst aus der Terrorbewegung Al-Kaida hervorgegangen ist, sollte allzu viel Optimismus dämpfen.“

„El País“: Schnell dialogbereite Rebellenführer in Syrien finden

Auch die spanische Zeitung „El País“ hat Zweifel an den neuen Machthabern: „Die westlichen Regierungen waren schnell dabei, den Sturz des Diktators zu feiern, aber in Wirklichkeit ist sich niemand sicher, dass das, was als Nächstes kommt, ein geordneter oder sogar friedlicher Prozess sein wird.

Wir werden in den kommenden Tagen sehen, wie weitreichend - wenn überhaupt - es ist, dass der syrische Ministerpräsident gestern den Rebellen die Hand zur Bildung einer neuen Regierung gereicht hat.

Syrien

Der Sturz von Assad stärkt Erdogan

Es wäre nicht das erste Mal, dass die Welt den Sturz eines arabischen Despoten feiert, ohne dass ein Plan vorliegt, der den Frieden sichert und dem Volk eine echte Stimme gibt. Die Unklarheit, die Libyen oder den Irak ins Chaos gestürzt hat, darf sich nicht wiederholen. Wenn es unter den Rebellen Führungspersönlichkeiten gibt, die zu einem konstruktiven Dialog bereit sind, um ein Machtvakuum zu vermeiden, müssen sie umgehend ausfindig gemacht werden. Und wer auch immer über die Fähigkeit zum Dialog verfügt, vor allem die Türkei und Katar, muss sie bald entsprechend nutzen, damit das Ende von Assads Diktatur wirklich der Beginn des Wiederaufbaus Syriens ist.“

„The Telegraph“: Kämpfe in Syrien könnten weitergehen

Die britische Zeitung „The Telegraph“ sieht dagegen Spielraum für Verhandlungen: „Die HTS-Rebellen gelten vielen Analysten heute nicht mehr als die Hardliner-Islamisten, als die sie anfänglich auftraten. Aber es gibt immer noch viele Gruppen in der syrischen Opposition, die kein vernünftiger westlicher Politiker als Teil einer nationalen Regierung sehen möchte.

Es ist auch nicht klar, ob die verschiedenen Gruppierungen in der Lage sein werden, sich zu etwas zusammenzuschließen, was tatsächlich einer Regierung ähnlich sieht: Kriegführung und Zersplitterung könnten sich also fortsetzen, während sie in den kommenden Monaten und Jahren ihre Differenzen austragen.

Die Ereignisse der letzten Tage zeigen, dass die Türkei ihre Hand im Spiel hat: Präsident Erdogan hat die Rebellion öffentlich unterstützt. Ihm geht es wohl vor allem darum, die Kurden, die von Ankara als Terroristen betrachtet werden, in Schach zu halten. Allerdings will die Türkei auch, dass die Millionen von syrischen Flüchtlingen, die sie derzeit beherbergt, in ihre Heimat zurückkehren. Daher ist sie an echter Stabilität in Syrien interessiert. Der Sturz von Assad ist zu begrüßen, aber die Zukunft Syriens und der gesamten Region ist ungewiss, denn bösartige Kräfte stehen bereit, die Situation für sich auszunutzen.“

„Corriere della Sera“: Putin hat Syrien fallengelassen

Der Sturz von Assad sei vor allem eine Entscheidung des russischen Präsidenten Wladimir Putin, kommentiert dagegen die italienische „Corriere della Sera“: „Vor die Wahl zwischen Syrien und der Ukraine gestellt, hat sich Wladimir Putin für die Ukraine entschieden. Ein Dilemma, das die extreme Schwäche des russischen Präsidenten offenbart: Er strebt danach, sein Land wieder zur Supermacht zu machen, die auf Augenhöhe mit den USA und China konkurrieren kann, ist aber nicht einmal in der Lage, an zwei Fronten gleichzeitig zu kämpfen. Kiew nimmt die Nachricht mit Genugtuung auf. (...)

Aber es gibt auch eine Kehrseite der Medaille, denn ein in die Enge getriebener Diktator riskiert, noch gefährlicher zu werden als zuvor. Zuletzt hatte Putin keine Männer und Mittel, um sie Assad zu Hilfe zu schicken. Und er ist in einer so schlechten Verfassung, dass er nun sogar nordkoreanische Soldaten für die Kämpfe um Kursk braucht. Und dennoch wird dies ein weiterer Grund für Moskau sein, das Gaspedal im Krieg gegen die Ukraine durchzudrücken.“

„Sme“: Syrien zeigt, wie sehr die Ukraine Putin erschöpft

Ähnlich sieht es die slowakische Tageszeitung „Sme“: „Mit dem Sturz von Baschar al-Assad endet eine der blutigsten Diktaturen der Welt. (...) Er ist wahrscheinlich schon in Russland. Wer denn sonst sollte geeigneter und seinem Herzen näher sein, um ihn zu sich zu nehmen, als sein Freund Wladimir Putin.

Einen eindeutigeren Beweis, dass die Ukraine die Russen so erschöpft, dass sie in Syrien nichts anderes mehr schaffen, als die eigene Haut aus ihren Militärbasen auf dem Land und im Meer zu retten, hätte Putin nicht mehr liefern können. Die Ausrichtung des künftigen Regimes ist vollkommen unklar. Wahrscheinlich ist aber, dass Europa eine neue Migrationswelle erreichen wird. Vor allem, wenn die neuen Machthaber hart gegen die Gefolgsleute des Assad-Regimes vorgehen, was sich diese in vollem Ausmaß verdienen würden.“

„Komsomolskaja Prawda“: Der syrische Kessel ist explodiert

Die kremlnahe Boulevardzeitung „Komsomolskaja Prawda“ spielt dagegen Moskaus Bedeutung als langjährige Stütze Assads herunter:
„Der bis zum Äußersten überhitzte syrische Kessel hat schlussendlich dem ständig steigenden Innendruck nicht standgehalten und ist explodiert. Die am 27. November von der nicht von Damaskus kontrollierten Provinz Idlib aus gestartete Offensive verschiedenster Gruppierungen der bewaffneten syrischen Opposition hat sich zu einem für die Regierungskräfte katastrophalen Blitzkrieg entwickelt.

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Ja, Russland hat unter anderem mit Hilfe seiner Luftwaffe der Regierung von Assad geholfen, gegen die extremen terroristischen Kräfte im Land zu kämpfen. Aber wir haben niemals geplant, die regulären syrischen Kräfte auf dem Schlachtfeld zu ersetzen. Das ist ihr Land und sie müssen ihr Schicksal selbst entscheiden. Präsident Wladimir Putin hat seinerzeit dazu direkt gesagt: ‚Wir wollen keine größeren Syrer sein als die Syrer selbst.‘ Aber wofür Moskau von Anfang an immer eingetreten ist - das ist die Schaffung eines Dialogs und die Wiederaufnahme von Verhandlungen der Syrer untereinander unter Ägide der UN.“

dpa
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