Interview: Garri Kasparow: „Kommt Putin mit der Invasion der Ukraine davon, gibt es keine Grenzen mehr“
Seit Jahren warnt der Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow aus dem Exil heraus vor Russlands Präsident Wladimir Putin.
Foto: dpaDüsseldorf. Seit Jahren warnt der Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow in Vorträgen, Interviews und Büchern aus dem Exil heraus vor Russlands Präsident Wladimir Putin. „Es ist ziemlich tragisch, recht gehabt zu haben“, sagt er im Interview mit dem Handelsblatt.
Kasparow macht kaum eine Atempause beim Sprechen, denn er hat viel zu sagen. Ex-Kanzler Gerhard Schröder sollte seiner Ansicht nach „als Komplize von Kriegsverbrechern“ behandelt werden, wenn er seine Posten in russischen Unternehmen nicht niederlege beziehungsweise das Aufsichtsratsmandat beim russischen Gazprom-Konzern noch annehme. Dem Westen wirft er vor, Putin viel zu lange ermutigt und stark gemacht zu haben.
„Es ist möglich, sich Putin entgegenzustellen, aber jeder Tag Verzögerung, erhöht den Preis dafür“, sagt der ehemalige Schach-Weltmeister. Kasparow war nach seiner Schachkarriere ab 2005 in der russischen Opposition aktiv. 2013 verließ er Russland ins Exil.
Deutschland müsse ebenso wie Frankreich dringend Waffen an die Ukraine liefern, das sei eine „moralische Verpflichtung“, sagt Kasparow. Er fordert zudem als Teil der Sanktionen gegen Russland die Abkopplung des Landes vom internationalen Swift-Zahlungsverkehrssystem sowie den Rauswurf aus internationalen Organisationen wie Interpol.
„Die Sanktionen müssen sicherstellen, dass Putin wirklich keine Finanzmittel mehr hat, den Krieg fortzusetzen. Selbst wenn er zeitweilig in der Ukraine erfolgreich ist, wird der Bankrott der russischen Wirtschaft die Leute um ihn dazu bringen, nach anderen Lösungen zu suchen“, so Kasparow.
Lesen Sie hier das ganze Interview:
Herr Kasparow, wird Putin in der Ukraine stoppen?
Für Putin gibt es kein Ende. Diktatoren stoppen nie von selbst, man muss sie stoppen. Ich hoffe, die Ukraine wird das Ende sein, weil wir Putin entschlossen entgegentreten und sicherstellen, dass sein Regime bankrottgeht. Putin sitzt auf Hunderten Milliarden Dollar und hat sich das ausgeklügeltste Netzwerk an Agenten und Lobbyisten weltweit aufgebaut. Wenn Ihnen vor 20 Jahren jemand gesagt hätte, dass ein KGB-Agent an der Spitze Russlands in der Lage wäre, einen deutschen Ex-Kanzler und einen französischen Ex-Premier anzustellen, um für ihn zu arbeiten, Sie hätten doch gesagt: Komm, das wird nie passieren.
Sie meinen Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder und Ex-Premier Fillon – wobei Letzterer gerade angekündigt hat, seine Posten zu räumen …
Putin hat Geld angesammelt und klug eingesetzt, um sich Entgegenkommen zu kaufen und sein Netzwerk rund um die Welt wachsen zu lassen. Wenn er mit der Invasion der Ukraine davonkommt, gibt es keine Grenzen mehr.
Wie müssen die Grenzen für ihn aussehen?
Er muss am Ende unterliegen. Dazu sollte wirklich jede Maßnahme ergriffen werden außer ein Einmarsch von Nato-Truppen in der Ukraine. Die Ukraine hat ihre eigene Armee. Aber es ist eine Schande, dass Frankreich und Deutschland sich weigern, Waffen in die Ukraine zu liefern. Denn die ukrainische Armee könnte Putins militärischem Schutzschild schwere Schäden zufügen mit der richtigen militärischen Ausrüstung. Aber es ist nicht zu spät.
Deutschland sollte jetzt Waffen liefern?
Absolut. Es ist eine moralische Verpflichtung, die Ukraine mit Waffen auszustatten. Auch mit Satellitentechnik, mit Cyberunterstützung. Außerdem ist es an der Zeit sicherzustellen, dass kein Bürger der freien Welt mit Putin arbeiten kann. Es muss enden, dass sich Ex-Politiker damit wohlfühlen, Geld von Putin zu bekommen.
Der deutsche Ex-Kanzler Schröder soll im Sommer in den Gazprom-Aufsichtsrat einziehen …
Dann sollte er als Komplize von Kriegsverbrechern behandelt werden. Denn was in der Ukraine passiert, sind Kriegsverbrechen. Es gibt so viel russisches Geld, das die deutsche Wirtschaft und Politik beeinflusst. Von Fußballklubs bis Wohltätigkeitsorganisationen. Großbritannien ist noch schlimmer. Lasst uns anfangen, das in ersten Schritten zu ändern. All das kann helfen, Putin von einigen der Oligarchen und Financiers zu separieren.
Ziemlich gute Freunde: Der Ex-Bundeskanzler steht wegen seines guten Kontakts zu Putin heftig in der Kritik.
Foto: dpaWenn wir Putin in den Bankrott treiben, können wir seine Kriegsaggression beenden. Denn die russische Wirtschaft ist in einer schrecklichen Lage. Der Lebensstandard sinkt. Putin ist extrem abhängig von seinem Militär und der Bürokratie. Sie stehen so lange hinter ihm, wie sie ihn als Garantiegeber sehen für die geschätzten ein bis zwei Billionen Dollar an russischen Assets, die auf der ganzen Welt verteilt liegen. Fangt an, das zu ändern!
Der Westen hat nach der Invasion eine ganze Reihe von Sanktionen beschlossen.
Die Sanktionen müssen sicherstellen, dass Putin wirklich keine Finanzmittel mehr hat, den Krieg fortzusetzen. Selbst wenn er zeitweilig in der Ukraine erfolgreich ist, wird der Bankrott der russischen Wirtschaft die Leute um ihn dazu bringen, nach anderen Lösungen zu suchen. Russland muss definitiv von allen Finanzinstitutionen abgeschnitten werden.
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Braucht es dafür die Abkopplung vom Zahlungssystem Swift?
Absolut. Russland sollte zudem aus internationalen Institutionen geworfen werden – Interpol eingeschlossen. Wenn die Politik des Westens sagt, Russland wird zum Pariastaat, sollte sie auch sicherstellen, dass Russland zum Pariastaat wird. Und es ist höchste Zeit, die Energiepolitik zu überdenken.
Europa diskutiert dies ja derzeit intensiv …
Europa muss sicherstellen, dass es alternative Öl- und Gasanbieter hat. Ich wünschte, wir könnten ohne Öl leben, aber jetzt haben wir erst einmal andere Prioritäten: Wir haben Krieg, und der Krieg endet womöglich nicht mit der Ukraine. Alle geopolitischen Abenteuer Putins sind verbunden mit seinem Ziel, Europa abhängig von russischem Gas zu halten. South Stream war ein großes Projekt, hätte Gas von Turkmenistan über Georgien und die Türkei nach Europa gebracht. Der Krieg in Georgien hat es beendet. Und im Syrienkrieg haben wenige Menschen darauf geachtet, dass ein Regimewechsel in Syrien den Weg für Gas aus Katar über Land nach Europa bereitet hätte. Putin füllte seine Kriegskasse – und er sah nichts als Kooperation. Die Regierung von Angela Merkel tat über 16 Jahre wirklich alles, um die Abhängigkeit Europas von russischem Gas zu erhöhen.
So berichtet das Handelsblatt über die Entwicklungen in der Ukrainekrise:
- Wie wehrhaft ist Europa? Die wichtigsten Antworten zu den Sanktionen gegen Russland
- Manager in russischen Diensten – Der Lockruf des zweifelhaften Geldes aus Moskau
- Europa, Großbritannien und die USA verhängen Sanktionen gegen Putin und Lawrow
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Der Westen hat Putin zu wenig entgegengesetzt?
Der Appetit eines jeden Diktators wächst immer weiter. Putins Geschichte ist ähnlich wie die Hitlers, die eines Diktators, der ermutigt wurde und so erstarkte. In den 30ern waren die Anführer der freien Welt naiv. In den vergangenen Jahrzehnten haben sie aus wirtschaftlichen Gründen so gehandelt. Ich glaube, Putin ist gestartet mit ziemlich niedrigen Erwartungen dazu, was er erreichen könnte. Als er 1999 an die Macht kam, verkündete er seine Philosophie: Der Kollaps der Sowjetunion war in seinen Augen die größte geopolitische Katastrophe. Als russischer Präsident setzte er als Erstes die Sowjet-Hymne wieder ein. Das war eine Botschaft. Aber in den ersten Jahren war er unsicher.
Was hat das geändert?
Er tastete sich vor. Er zerstörte unabhängige Territorien in Russland. Es interessierte niemanden. Er ruinierte das größte russische Privatunternehmen und ließ Michail Chodorkowski verhaften. Keine Reaktion. Der Tschechenienkrieg. Keine Antwort. Der Mord an Alexander Litwinenko in Großbritannien. Keine Antwort. 2007 in München wurde er kühn und sagte, er wolle zurück zur Welt der Einflusssphären, sprach den ehemaligen Sowjetrepubliken und Osteuropa grundsätzlich das Recht einer unabhängigen Außenpolitik ab. Und es wurde ignoriert. Im nächsten Jahr griff er die Republik Georgien an. Dann die Krimannexion. Die Reaktion: Nicht viel mehr als große Worte. Russland sollte zum Pariastaat werden. Und dann gab es die Fußballweltmeisterschaft in Russland 2018.
Kasparow war nach seiner Schachkarriere ab 2005 in der russischen Opposition aktiv.
Foto: dpaEs ist möglich, sich Putin entgegenzustellen, aber jeder Tag Verzögerung, erhöht den Preis dafür. Und wenn Russland die Nato-Grenze überschreitet, würden auch Europäer mit ihren Leben bezahlen. Und wenn China Taiwan attackiert, würden die USA vermutlich in diesen Krieg hineingezogen. Jetzt ist der letzte Moment, Putin noch zu stoppen, ohne zusätzliche Leben zu riskieren. Es geht ihm um mehr als die Ukraine.
Er bedroht unsere bisherige Sicherheitsordnung.
Putin will in einer Welt leben, in der größere Länder kleineren sagen, was sie zu tun haben. Deshalb will er auch vor allem mit den USA reden. Er will Macht ausüben, Gewalt einsetzen. Putin steuert zurück in die Zeit von Iwan dem Schrecklichen. Putin hat die Weltsicherheitsarchitektur zerstört. Alles, was wir seit 1945 aufgebaut haben, ist irrelevant. Wo sind die Vereinten Nationen? Russland sitzt dem UN-Sicherheitsrat gerade vor. Wir Demokratien waren 30 Jahre lang zu selbstzufrieden. Jetzt am Abgrund zum Desaster müssen wir dringend überlegen, wie wir die künftige Sicherheitsarchitektur organisieren wollen. Die freie Welt ist noch immer erfolgreich. Wir haben Covidimpfstoffe innerhalb von zehn Monaten entwickelt, Elon Musk erforscht das Weltall. Wir können uns nicht von einer Gruppe von Diktatoren diktieren lassen, wie wir zu leben haben.
Und Moskau und Peking sind im Schulterschluss die Gegenspieler?
Russland unter Putin kann nur eins werden: ein Energielieferant Chinas. Das ist kein gleichwertiges Verhältnis. Putins Krieg in der Ukraine, sein Krieg gegen die globale Weltordnung ist eine Gelegenheit für China. China hat seine eigene Agenda: Taiwan, der größte Preis für Xi Jinping. Mit der Okkupation Taiwans möchte er seine Amtszeit krönen. Umso wichtiger ist es für uns, jetzt sicherzustellen, dass Putin unterliegt.