Konjunktur: Griechenlands Wirtschaft verliert an Schwung
Athen. Der griechische Wirtschafts- und Finanzminister Kyriakos Pierrakakis bewirbt sich um den Vorsitz der Euro-Gruppe. Seine Kandidatur gab er am Freitagabend bekannt. Die Finanzminister der Euro-Staaten wählen am 11. Dezember einen Nachfolger für den früheren Amtsinhaber Paschal Donohoe, der zur Weltbank wechselte. Außer Pierrakakis bewirbt sich auch der Belgier Vincent van Peteghem.
Eine Wahl des Griechen wäre bemerkenswert – schließlich war das Land noch 2015 zahlungsunfähig. Zehn Jahre später erzielt Griechenland Haushaltsüberschüsse und wächst überdurchschnittlich. Für 2025 rechnet die Regierung beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) mit einem Plus von 2,2 Prozent, für 2026 sogar mit 2,4 Prozent – doppelt so viel wie der von der EU-Kommission erwartete Durchschnitt der Euro-Zone.
Doch nach 2026 wird die Wirtschaft spürbar an Tempo verlieren. Das zeigt der Finanzplan 2026–2029, den Pierrakakis vergangene Woche im Kabinett vorstellte. Für die Jahre 2027 bis 2029 erwartet er Wachstumsraten von 1,7, 1,6 und 1,3 Prozent. Hauptgrund ist das Auslaufen der europäischen Aufbau- und Resilienzfazilität (RRF) Ende 2026.
Das Programm sollte die Pandemiefolgen abfedern und die grüne sowie digitale Transformation unterstützen. Griechenland gehört zu den größten Nutznießern. Es kann über Zuschüsse und Kredite in Höhe von 35,9 Milliarden Euro verfügen. Bisher wurden jedoch erst 23,4 Milliarden abgerufen – vor allem wegen langsamer Planungs- und Genehmigungsverfahren.
Investitionsdynamik schwächt sich ab
Trotzdem leisten die RRF-Mittel einen erheblichen Wachstumsbeitrag. Die öffentlichen Investitionen werden sich in diesem Jahr auf 14,6 Milliarden Euro belaufen. Davon kommen 4,9 Milliarden aus der RRF. 2026 sollen es sogar 7,2 Milliarden sein.
Für kommendes Jahr rechnet die Regierung mit einem Investitionswachstum von 10,2 Prozent. Mit dem Auslaufen der Mittel dürfte sich die Dynamik jedoch deutlich abschwächen. Für 2028 und 2029 setzt Pierrakakis nur ein Plus von 0,9 und 0,8 Prozent an. Dabei braucht das Land dringend mehr Investitionen: Sie liegen mit 16,6 Prozent des BIP deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 21,2 Prozent.
Seit Jahren verfehlt Griechenland seine Investitionsziele. 2023 lag das Plus bei 6,6 statt erwarteter 15,5 Prozent; 2024 bei 4,5 statt prognostizierter 15,1 Prozent. Hemmnisse bleiben die geringe Arbeitsproduktivität, umfangreiche Bürokratie und Rechtsunsicherheit.
Trotz des absehbar schwächeren Wachstums will Pierrakakis an seinem Kurs der fiskalischen Stabilisierung festhalten und die Staatsschulden deutlich reduzieren. Die Schuldenquote soll von 145,9 Prozent in diesem Jahr bis 2029 auf 119 Prozent des BIP sinken.
Ökonomen fordern Strukturreformen
Der neue Finanzplan bestätigt jedoch die Skepsis vieler Ökonomen hinsichtlich der Nachhaltigkeit des griechischen „Wirtschaftswunders“. Der griechische Finanzrat (EDS), eine unabhängige Behörde zur Überwachung der Haushaltsregeln, sieht das Land „vor erheblichen strukturellen Herausforderungen“. Sowohl die Arbeitsproduktivität pro Stunde als auch die Reallöhne zählen weiterhin zu den niedrigsten in der EU, das Pro-Kopf-BIP erreicht nur 70 Prozent des europäischen Durchschnitts.
Der Finanzrat empfiehlt deshalb „strukturelle Maßnahmen auf der Angebotsseite, um die Produktivität zu steigern, die Exportbasis zu verbreitern, die Widerstandsfähigkeit der Unternehmen zu stärken und die Wachstumsdynamik der griechischen Wirtschaft aufrechtzuerhalten.“
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Erstpublikation: 01.12.2025, 02:49 Uhr.