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KonsumSinkende Kaufkraft – Frankreichs Verbraucher senken Ausgaben

Insbesondere die Tourismusbranche spürt die Zurückhaltung bei den Ausgaben. Hotels und Restaurants melden sinkende Auslastung – selbst in der Hochsaison. Den Grund sehen viele in Paris.Tanja Kuchenbecker 16.08.2025 - 15:04 Uhr Artikel anhören
Café im Süden Frankreichs: Deutlich weniger Gäste vielerorts in der  Gastronomie. Foto: mauritius images / Hemis.fr

Paris. In diesem Sommer erlebt Frankreich einen verhaltenen Start in die Hochsaison. Zwar flanieren Urlauber nach wie vor an den Stränden von Nizza und Cannes, doch in den Restaurants entlang der Mittelmeerküste bleibt der große Ansturm aus. Die Gründe sind offensichtlich: Die gestiegenen Preise in Hotels und Restaurants sind für viele kaum noch tragbar. Gastronomen zeigen sich enttäuscht, denn im Juli und August sind die Tische sonst dicht besetzt, Reservierungen kaum zu bekommen.

Doch was früher selbstverständlich war, ist heute Luxus: Ein Drei-Gänge-Menü gönnen sich heute nur noch wenige. Viele teilen ihr Essen, trinken weniger im Restaurant oder kaufen im Supermarkt, um Picknick zu machen oder in ihren Airbnb-Wohnungen selbst zu kochen. Und in den Touristenbüros steigt die Nachfrage nach kostenlosen Aktivitäten deutlich.

„Die Kosten für Transport, Hotel und Restaurant haben eine Grenze erreicht, die für die Mittelklasse kaum noch akzeptabel ist“, sagte Vanguelis Panayotis, Chef der auf Tourismus spezialisierten Unternehmensberatung MKG-Consulting, der Zeitung „Le Figaro“. Laut der Beratungsgesellschaft Protourisme sind die Kosten im französischen Tourismus in den letzten vier Jahren um rund 27 Prozent gestiegen.

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Der Hotellerie-Verband UMIH an der Côte d'Azur bestätigt: „Wir sind weit unter den Zahlen vom vergangenen Jahr.“ Die Auslastung der Hotels sei um drei bis vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken.

Weitaus deutlicher ist der Rückgang in der Region Marseille: Dort liegen die Einbußen in vielen Häusern bei 20 bis 35 Prozent. Ein Grund dafür ist der außergewöhnliche Besucherandrang im Vorjahr – damals fanden in Marseille die Segelwettbewerbe der Olympischen Spiele statt.

Weniger Restaurantbesuche

Nicht nur am Mittelmeer läuft die Saison schlecht an – auch anderswo in Frankreich sieht es kaum besser aus. Laut UMIH liegt die Auslastung der Restaurants diesen Sommer 15 bis 20 Prozent unter dem Vorjahr, in vielen Regionen sogar um 30 Prozent niedriger.

Die Gründe für die Entwicklung sind offensichtlich: Das wirtschaftliche Umfeld belastet die Verbraucher. Die Inflation lag zuletzt zwar nur noch bei rund einem Prozent, doch über die vergangene Jahre haben die Franzosen deutlich an Kaufkraft eingebüßt. Hinzu kommt die belastende geopolitische Lage unter anderem mit Kriegen in der Ukraine und im Gazastreifen, die die Stimmung zusätzlich trübt.

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UMIH-Experte Alexandre Thiébaud an der Atlantikküste nennt den  Sparplan der französischen Regierung als weiteren wichtigen Belastungsfaktor: „Die Ankündigungen des Premierministers haben eine negative Botschaft vermittelt. Und wenn die Franzosen Angst haben, gehen sie weniger aus und sparen.“

Frankreichs Ministerpräsident François Bayrou hatte Mitte Juli ein Sparpaket von fast 44 Milliarden Euro angekündigt. Frankreich müsse schnell handeln, um nicht von seiner Schuldenlast „erdrückt“ zu werden, sagte Bayrou damals in Paris.

Über den Sparplan wird in der Politik seit mehr als einem Jahr verhandelt. Die Menschen rechnen mit Kaufkraftverlusten durch höhere Steuern und geringere Renten und bereiten sich auf harte Einschnitte vor.

Hohe Sparrate der Haushalte

Im ersten Quartal 2025 lag die Sparrate der französischen Haushalte bei 18,8 Prozent des verfügbaren Einkommens – laut Zahlen des Statistikinstituts INSEE der höchste Wert seit 1979, abgesehen von der Pandemiezeit. Laut der INSEE-Studie gaben 89 Prozent der Haushalte an, ihren Konsum verringern zu wollen. Die Befragten erklärten, vor allem für Notfälle Rücklagen zu bilden, etwa bei Jobverlust.

„Der wirtschaftliche, politische und geopolitische Kontext macht die Franzosen vorsichtig“, sagt der Ökonom Philippe Crevel, Direktor des Forschungszentrums Cercle de l´Épargne, in französischen Medien.

Damit die Franzosen wieder mehr Geld ausgeben, müsse der Staat  Vertrauen in die Zukunft schaffen. Aber das zeichne sich derzeit nicht ab, so Crevel.

Premierminister Bayrou will das Haushaltsdefizit Frankreichs im laufenden Jahr auf 5,4 Prozent der Wirtschaftsleistung senken. 2024 lag dieser Wert bei 5,8 Prozent. Für 2029 liegt der Zielwert bei 2,8 Prozent. Damit würde Frankreich wieder die in der EU geltenden Regeln einhalten.

Haushaltsdefizit soll sinken

Die Staatsausgaben – mit Ausnahme des Verteidigungshaushalts – werden 2026 auf dem Niveau von 2025 eingefroren. Sozialleistungen und die Einkommensteuertarife bleiben unverändert und werden 2026 nicht an die Inflation angepasst, was eine Steuererhöhung und Leistungskürzung gleichkommt. Steuererleichterungen will die Regierung begrenzen, Stellen im öffentlichen Dienst nicht wieder besetzen. Zwei Feiertage sollen ohne Entschädigung wegfallen, Rentenabschläge erhöht werden.

Frankreichs Premierminister Bayrou: „Jede Sekunde wachsen Frankreichs Schulden um 5000 Euro.“ Foto: Bertrand Guay/AFP/dpa

Der Haushaltsplan stößt in Frankreich auf heftige Kritik. Sowohl die linke Partei La France Insoumise (LFI) als auch das rechtsnationale Rassemblement National (RN) von Marine Le Pen drohen mit einem Misstrauensantrag im Herbst, wenn der Haushalt im Parlament diskutiert wird. Die Gewerkschaften kündigten Demonstrationen an.

Die Kritik am Haushaltsplan spiegelt die Stimmung in der Bevölkerung wider. Laut einer Odoxa-Umfrage fürchten 87 Prozent der Franzosen, dass der Haushaltsplan ihrer Kaufkraft schadet. Eine Ifop-Umfrage zeigt: 72 Prozent halten die Sparpolitik für sozial ungerecht – aus ihrer Sicht werden die Reichen zu wenig belastet. Und laut CSA-Umfrage wünschen sich 90 Prozent Einsparungen vor allem im Staatsapparat – beim Präsidenten, bei der Regierung und beim Parlament – statt im Sozial- oder Gesundheitssystem.

Bürger auf weitere Sparanstrengungen vorbereitet

„Die Frage der Defizite ist sicher wichtig, aber das interessiert die Franzosen weniger, weil keine Hoffnung damit verbunden ist“, analysierte Brice Teinturier, der stellvertretende Direktor des Umfrage-Institutes Ipsos. Für die Franzosen zähle vor allem die Kaufkraft, wie Umfragen seit Jahrzehnten zeigen, noch vor Umwelt- oder Sicherheitsfragen. Die Steuermaßnahmen und der Wegfall der zwei Feiertage kommen besonders schlecht an.

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In einer neuen Youtube-Videoreihe zeichnet Bayrou ein düsteres Bild der Finanzlage in Frankreich und bereitet die Bürger auf weitere Sparanstrengungen vor. „Wir können die Anstrengungen nicht auf morgen verschieben, sie müssen heute gemacht werden. Jede Sekunde wachsen Frankreichs Schulden um 5000 Euro.“

Damit überraschte er die Franzosen während der französischen Sommerferien. Die Regierung befürchtet, dass die öffentliche Meinung der parlamentarischen Opposition folgt und einen Misstrauensantrag als das geringere Übel sieht, um die Auswirkungen des Sparplans nicht sofort zu spüren. „Es ist wichtig, dass der Premierminister sich einsetzt. Wir müssen alles aufs Spiel setzen“, sagte ein Berater des Premierministers.

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