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Krieg in NahostDringt Israel in den Gazastreifen ein? – Was das bewirken würde

Israel hat 300.000 Reservisten mobilisiert. Nahostexperten halten die Offensive für alternativlos, rechnen aber mit vielen Opfern.Frank Specht 13.10.2023 - 17:48 Uhr Artikel anhören

Die Armee hat rund 300.000 Reservisten mobilisiert.

Foto: ddp/abaca press

Berlin. Aus Sicht von Nahostexperten führt an einer israelischen Bodenoffensive im Gazastreifen kein Weg vorbei – auch wenn sie viele Opfer fordern wird. „In Israel herrscht Einigkeit, dass sich das, was am 7. Oktober passiert ist, nie wiederholen darf“, betont Peter Lintl von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Und um dieses Ziel zu erreichen, müssten Hamas und Islamischer Dschihad unschädlich gemacht werden, sagte Lintl dem Handelsblatt.

Am 7. Oktober hatten Terroristen der radikalislamischen Hamas die Sperrzäune am Rand des Gazastreifens überwunden und in Israel wahllos Menschen getötet, auch Frauen und Kinder. Bei den Massakern gab es mehr als 1350 Todesopfer, rund 150 Menschen wurden als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt, darunter auch deutsche Staatsbürger.

Der Leiter der Politikabteilung der Universität Bar Ilan bei Tel Aviv, Jonathan Rynhold, rechnet ebenfalls mit einem baldigen Einmarsch. Es sei wichtig, auch dem Erzfeind Iran und der libanesischen Schiitenorganisation Hisbollah zu zeigen, „dass Israel bereit ist, das Leben seiner Soldaten zu riskieren, um die inakzeptable Bedrohung seiner Zivilisten zu beenden“, sagte Rynhold der Deutschen Presse-Agentur.

Israels Armee bereitet sich seit Tagen auf eine Bodenoffensive vor. So wurden 300.000 Reservisten für die Operation „Iron Swords“ („Eiserne Schwerter“) mobilisiert. Das Militär forderte die Bevölkerung von Gaza-Stadt auf, sich innerhalb von 24 Stunden in den Süden des Gazastreifens zu begeben, was auf eine unmittelbar bevorstehende Offensive hindeutete.

Das letzte Mal waren israelische Bodentruppen im Juli 2014 in den Gazastreifen vorgedrungen, nachdem das Gebiet zehn Tage lang massiv aus der Luft angegriffen worden war. Doch das, was jetzt bevorstehe, sei „präzedenzlos“ und mit dem Einsatz vor knapp zehn Jahren nicht vergleichbar, glaubt SWP-Experte Lintl.

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„Wir müssen uns auf einen sehr langen Häuserkampf einstellen, der einen sehr hohen Blutzoll auf israelischer, aber auch auf palästinensischer Seite fordern wird“, sagt er. Die einrückenden israelischen Soldaten können von allen Seiten angegriffen werden – auch aus dem Untergrund, da der Gazastreifen von einem weitverzweigten Tunnelsystem durchzogen ist.

Um die vorrückenden Soldaten zu schützen, wird Israels Armee sie aller Voraussicht nach mit Luftangriffen und massivem Artilleriefeuer unterstützen. Und das in einer der am dichtesten besiedelten Regionen der Welt, in der 2,3 Millionen Einwohner leben.

Augenzeugen: Hamas verschanzt sich hinter „menschlichen Schutzschilden“

Sollte die Bevölkerung nicht fliehen können, wird es auch in der Zivilbevölkerung viele Todesopfer geben. Augenzeugen berichten bereits, dass die Hamas Zivilisten an der Flucht hindert, um sie als „menschliche Schutzschilde“ einsetzen zu können.

Neben dem Ziel, die Herrschaft der Hamas zu brechen, solle mit der Bodenoffensive auch der Versuch unternommen werden, die in den Gazastreifen verschleppten Geiseln zu befreien, sagt Lintl – „auch wenn das sicher nicht in allen Fällen gelingen wird“.

Nach Angaben der Hamas, die sich nicht unabhängig überprüfen lassen, wurden bei israelischen Luftangriffen bereits 13 der insgesamt rund 150 Geiseln, die sich in der Hand der Terrororganisation befinden, getötet.

Das zynische Kalkül der Hamas könnte sein, die Kämpfe in die Länge zu ziehen und bewusst viele Opfer in Kauf zu nehmen. „Denn wenn die Zahl der Toten immer weiter steigt, wird der internationale Druck auf Israel wachsen, die Kampfhandlungen einzustellen“, sagt der SWP-Experte.

Ihre letzte große Bodenoffensive in Gaza, „Operation Protective Edge“ („Operation Schutzlinie“), hatte die israelische Armee am 8. Juli 2014 als Reaktion auf massiven Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen begonnen. Sie diente auch dem Ziel, das umfangreiche Tunnelsystem zu zerstören, über das Waffen in den abgeriegelten Küstenstreifen geschmuggelt wurden.

Schon damals sollen gefangen genommene Hamas-Anhänger von Plänen berichtet haben, über die unterirdischen Gänge mit Hunderten Kämpfern ins israelische Grenzgebiet vorzudringen und dort Massenattentate zu verüben. So, wie es am 7. Oktober passiert ist – nur, dass die Terroristen nicht nur über Tunnel kamen, sondern die Grenzanlagen an vielen Stellen durchbrachen.

„Operation Protective Edge“ endete am 26. August 2014 mit einer unbefristeten Waffenruhe. Nach Angaben der UN-Organisation Ocha wurden bei der Bodenoffensive mehr als 2200 Palästinenser getötet, darunter knapp 1500 Zivilisten.

Während der letzten Bodenoffensive im Gazastreifen im Juli und August 2014 feuerte die israelische Armee rund 35.000 Artilleriegeschosse ab.

Foto: Xinhua / eyevine / laif

18.000 Wohneinheiten wurden zerstört, zeitweise befanden sich eine halbe Million Menschen innerhalb des Gazastreifens auf der Flucht. Auf israelischer Seite starben sechs Zivilisten und 67 Soldaten. Die Armee flog mehr als 6000 Luftangriffe und feuerte rund 35.000 Artilleriegranaten ab.

Vier Szenarien für die Zeit nach dem Krieg

Dauerhaft befriedet hat die Operation den Gazastreifen nicht. Auch jetzt stellt sich natürlich die Frage, was nach einer erfolgreichen Bodenoffensive mit der Region passieren soll. Aktuell würden vier Szenarien diskutiert, sagt Nahostexperte Lintl.

Israel könnte den schmalen Küstenstreifen wieder dauerhaft besetzen, also eine Militärpräsenz dort aufrechterhalten. Eine Alternative wäre, nach erfolgreicher Bekämpfung der Hamas die Truppen abzuziehen und Gaza wieder sich selbst zu überlassen. Dies werde aber unweigerlich zu Chaos führen und neue „Warlords“ auf den Plan rufen, erwartet Lintl.

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Die dritte Möglichkeit wäre, die palästinensische Autonomiebehörde auch in Gaza zu installieren. Die von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas geführte Behörde regiert im Westjordanland, genießt dort aber kaum noch Autorität.

Als vierte Option gilt eine multinationale arabische Truppe, die die Kontrolle in Gaza übernimmt. Diese Variante kann sich der SWP-Forscher aber nur schwer vorstellen, weil unwahrscheinlich ist, dass Israel sie dulden würde und sich bisher kein Staat gefunden hat, der willens wäre, eine solche Truppe anzuführen.

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