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Libanon 16 Hafenmitarbeiter nach Explosion in Beirut festgenommen – Deutsche Diplomatin unter den Opfern

Nach dem Inferno in Beirut macht sich Ärger in der Bevölkerung breit. Wieso lagerte im Hafen jahrelang hochexplosives Material? Die EU-Spitzen fordern die Staaten zu zusätzlicher Hilfe auf.
06.08.2020 Update: 06.08.2020 - 21:29 Uhr Kommentieren
Die Aufnahmen aus der Vogelperspektive – links vor, rechts nach der Explosion – machen das Ausmaß der Zerstörung allein unmittelbar am Explosionsort sichtbar. Quelle: AP
Hafengebiet von Beirut

Die Aufnahmen aus der Vogelperspektive – links vor, rechts nach der Explosion – machen das Ausmaß der Zerstörung allein unmittelbar am Explosionsort sichtbar.

(Foto: AP)

Beirut Nach der verheerenden Explosion in der libanesischen Hauptstadt Beirut sind 16 Hafenmitarbeiter festgenommen worden. Das meldete die staatliche libanesische Nachrichtenagentur am Donnerstag unter Berufung auf einen Richter. 18 Personen seien bislang verhört worden, sagte Richter Fadi Akiki, der als Regierungsbeauftragter am Militärgericht zuständig ist.

Bei den Befragten handele es sich um Hafen- und Zollbeamte sowie um Angestellte, die für die Wartung des Hangars verantwortlich gewesen seien, wo 2750 Tonnen Ammoniumnitrat jahrelang gelagert wurden. Die Ermittlung sei kurz nach der Explosion am Dienstagabend eingeleitet worden, sagte Akiki und sie werde weiterhin alle Verdächtigen in dem Fall berücksichtigen.

Bei der Explosion am Dienstag waren nach Angaben des Gesundheitsministeriums 135 Menschen getötet und etwa 5000 verletzt worden. Auch eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft ist bei der Explosion getötet worden. Darüber unterrichtete das Auswärtige Amt am Donnerstag die Obleute des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags, wie die Deutsche Presse-Agentur erfuhr.

Teile der Stadt wurden zerstört. In der Bevölkerung brach sich Wut gegen die herrschende Elite Bahn, die für chronisches Missmanagement und Sorglosigkeit verantwortlich gemacht wird.

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    Der Hafen von Beirut und die Zollbehörde gelten als einige der korruptesten und lukrativsten Institutionen des Libanons. Zahlreiche Gruppierungen, Politiker und selbst die radikalislamische Hisbollah haben dort Einfluss.

    Die Explosion im Hafen gilt als die heftigste Detonation, die in der libanesischen Hauptstadt je vorgekommen ist. Dort wurde die Chemikalienladung verwahrt, seitdem sie 2013 von einem Frachtschiff beschlagnahmt wurde. Sprengstoffexperten und Videomaterial legten nahe, dass der Stoff in Verbindung mit einem Feuer hochgegangen sein könnte, das in einer nahen Lagerhalle mit Feuerwerkskörpern ausbrach.

    Erste internationale Hilfslieferungen trafen per Flugzeug ein. Die Weltgesundheitsorganisation hatte am Mittwoch die Lieferung von medizinischen Hilfsgütern angekündigt, die für Tausende Behandlungen von Opfern reichen sollten, teilte WHO-Sprecher Tarik Jasarevic mit. Etliche Länder waren den Hilferufen der Regierung gefolgt und hatten zugesagt, Flugzeuge mit Rettungs- und Fachkräften sowie medizinischen Gütern und Geld zu schicken.

    Europäischer Koordinierungsmechanismus

    EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident Charles Michel riefen zu einer verstärkten Unterstützung des Libanon. „Das dramatische Ereignis wird erhebliche wirtschaftliche Folgen für ein Land haben, das bereits zuvor vor vielen Herausforderungen stand, die durch die Covid-19-Pandemie noch einmal verschärft wurden“, schrieben sie in einem am Donnerstagabend veröffentlichten Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und die anderen Staats- und Regierungschefs der EU-Staaten.

    Man müsse auch daran denken, dass der Libanon ein Land von strategischer Bedeutung sei, das die meisten Flüchtlinge pro Kopf aufnehme. „Wir haben ein gemeinsames Interesse daran, jetzt zu handeln, um die Folgen dieser Tragödie einzudämmen“, schrieben von der Leyen und Michel.

    Um die Effizienz und schnelle Umsetzung von Hilfen zu gewährleisten, schlugen die EU-Spitzen vor, einen europäischen Koordinierungsmechanismus einzurichten. Man sei bereit, die möglichen Synergien sicherzustellen, heißt es in dem Brief.

    Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron reiste am Donnerstag bereits nach Beirut. Nach seiner Ankunft sprach er von einer „historischen Verantwortung“ für die politische Führung im Libanon .

    Der französische Präsident verspricht Hilfe. Quelle: AFP
    Macron in Beirut

    Der französische Präsident verspricht Hilfe.

    (Foto: AFP)

    „Es handelt sich um eine politische, moralische, wirtschaftliche und finanzielle Krise, deren erstes Opfer das libanesische Volk ist, und sie erfordert extrem schnelle Reaktionen“, sagte Macron.

    Bei einer Tour durch eine zerstörte Gegend im Zentrum von Beirut wurde der Staatschef von wütenden Anwohnern empfangen. „Warum sind Sie gekommen?“, riefen einige von Balkons herunter. „Ihr seid alles Mörder“, schrie eine Frau unter Tränen. „Wo waren Sie gestern? Wo waren Sie am Vortag? Wo waren Sie, als diese Bomben im Hafen gelagert wurden?“ Andere beschimpften den libanesischen Präsidenten Michel Aoun als „Terrorist“. Die lauten Rufe hallten über die Straße.

    Weitere Polizei- und Ermittlungsteams

    Vor Journalisten sagte Macron, die Unterstützung und Solidarität Frankreichs seien selbstverständlich. Er sei gekommen, um den Libanesen Frankreichs Freundschaft und Brüderlichkeit zu bringen. Man müsse zusätzliche französische und europäische Unterstützung organisieren. Frankreich wolle dies „in den kommenden Stunden“ organisieren. Macron kündigte die Ankunft weiterer französischer Polizei- und Ermittlungsteams im Libanon an.

    „Heute steht die Hilfe, die Unterstützung für die Bevölkerung im Vordergrund. Bedingungslos.“ Frankreich dringe aber bereits seit Jahren auf Reformen in den Bereichen Energie oder Korruptionsbekämpfung. „Wenn diese Reformen nicht durchgeführt werden, wird es mit dem Libanon weiter abwärts gehen“, mahnte Macron. Dies sei ein weiterer Dialog, den man führen müsse.

    Deutschland stellte nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur den Transport Schwerverletzter ausgerüstete Luftwaffen-Airbus A310 „MedEvac“ bereitgestellt. Geprüft wurde am Donnerstag, ob das Luftlanderettungszentrum der Bundeswehr – eine mobile Sanitätseinrichtung – aufgebaut werden kann. Ein Erkundungsteam des Sanitätswesens der Bundeswehr soll die Lage in Beirut kurzfristig vor Ort prüfen und eingeflogen werden.

    Deutsches Technisches Hilfswerk sendet Unterstützung in den Libanon

    Geplant ist auch, die Korvette „Ludwigshafen am Rhein“ aus dem laufenden Einsatz der UN-Libanon-Truppe (Unifil) von Zypern aus nach Beirut zu verlegen. Geprüft wird aber noch, ob dies von libanesischer Seite gewünscht ist.

    Die finanzielle Schäden durch die Explosion betrügen zwischen zehn und 15 Milliarden Dollar (8,4 bis 12,6 Milliarden Euro), sagte der Gouverneur von Beirut, Marwan Abboud, dem saudischen Fernsehsender Al-Hadath. Beinahe 300.000 Menschen hätten ihr Zuhause verloren.

    Volle Befugnisse für das Militär

    Die libanesische Regierung rief nach einer Kabinettssitzung am Mittwoch einen zweiwöchigen Ausnahmezustand aus. Er gibt dem Militär in diesem Zeitraum volle Befugnisse. Die Ermittlung zu der Katastrophe werde transparent sein, versprach Präsident Michel Aoun vor der Kabinettssitzung. Die Verantwortlichen sollten zur Rechenschaft gezogen werden. „Es gibt keine Worte, um die Katastrophe zu beschreiben, die Beirut letzte Nacht getroffen hat.“

    Rund um den Explosionsort bot sich am Tag nach der Katastrophe ein Bild des Schreckens. Die Detonation riss einen Krater mit einem Durchmesser von rund 200 Metern in den Hafen, der sich mit Meerwasser füllte. Von dem Komplex stieg noch immer Rauch auf, weite Teile des Zentrums waren mit beschädigten Fahrzeugen und Schutt übersät, der von erschütterten Häuserfassaden herabgeregnet war.

    Beirut nach dem Inferno: Bilder einer zerstörten Stadt
    Autos unter Trümmern
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    Beiruts Hafen liegt zentral in der Stadt. Innenstadt und Ausgehviertel sind kaum 1,5 Kilometer entfernt, viele Wohnviertel befinden sich in unmittelbarer Umgebung der Explosion.

    (Foto: AP)
    Explosionen in Beirut
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    Der verheerenden Explosion gingen Brände und mehrere kleine Explosionen voraus. Um 18 Uhr, als die großen Explosionen erfolgten, waren somit bereits viele Kameras auf den Hafen von Beirut gerichtet.

    (Foto: TALAL TRABOULSI via REUTERS)
    Rettungswägen im Hafen von Beirut
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    Die ganze Nacht brannte es im Hafen, neben vielen Toten wurden Tausende Menschen verletzt. Krankenwagen aus dem ganzen Land kamen, um die Verwundeten zu versorgen.

    (Foto: AP)
    Ein Löschhubschrauber über den Trümmern des Hafens in Beirut
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    Am Morgen nach der Katastrophe löscht ein Hubschrauber der Armee letzte Flammen in Beiruts Hafen. Als der Rauch sich legt, wird das Ausmaß der Zerstörung sichtbar.

    (Foto: AP)
    Der Hafen raucht noch
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    Die Explosion war selbst im 200 Kilometer entfernten Zypern zu hören und zu spüren.

    (Foto: AP)
    Dem Erdboden gleich: Beiruts Hafen in Trümmern
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    Vom Hafen Beiruts blieb fast nichts übrig. Die ganze Stadt wurde zum Katastrophengebiet erklärt.

    (Foto: Reuters)
    Zerstörte Häuser
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    Noch in 20 Kilometer Entfernung gingen Scheiben zu Bruch. Gebäude in der Nähe der Explosion wurden fast komplett entkernt.

    (Foto: Reuters)

    Zahlreiche Menschen wurden nach der Explosion vermisst. Angehörige baten über soziale Medien verzweifelt um Hilfe bei der Suche nach ihren Verwandten. Auf Instagram tauchte die Seite mit Vermissten auf, Radiomoderatoren verlasen die Namen von Verschwundenen und Opfern. Viele Bewohner Beiruts zogen bei Freunden oder Verwandten ein, weil ihre Wohnungen zerstört wurden. Verletzte behandelten sich selbst, weil die Krankenhäuser überlastet waren. Ärzte baten die Bevölkerung um Blutspenden und Generatoren für Strom.

    Mit der Zerstörung seines wichtigsten Hafens stellt sich auch die Frage, wie der von einer schweren Wirtschaftskrise gebeutelte Libanon künftig versorgt wird, der mehr als eine Million Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem benachbarten Syrien aufgenommen hat. Das Land befindet sich in einer massiven Währungskrise, hinzu kommt die Corona-Pandemie. Viele Menschen hatten bereits ihren Job verloren, Ersparnisse schrumpften aufgrund der Inflation.

    Mehr: Libanon – ein Land am Abgrund.

    • ap
    • dpa
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