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Der Tag nach den Explosionen Libanon: Ein Land am Abgrund

Nach der Katastrophe im Hafen von Beirut muss sich das Land neu erfinden. Dafür braucht es internationale Hilfen – insbesondere von Amerika und Europa.
05.08.2020 Update: 05.08.2020 - 17:15 Uhr 3 Kommentare

Mehr als 100 Tote bei schwerer Explosion in Beirut

Tel Aviv Als die Sonne am Mittwoch wieder über Beirut aufging, zeigte sich auch dem letzten Beobachter das wahre Ausmaß und die ganze Dimension der Zerstörungen vom Vorabend: Mindestens 135 Menschen haben ihr Leben verloren. Mehr als 5000 wurden verletzt. Weite Teile der ökonomisch bedeutenden Hafenanlagen sind zerstört. Das gesamte Zentrum der Hauptstadt gleicht einem Trümmerfeld, Hunderttausende sind obdachlos. Der ohnehin schon seit Jahren politisch und ökonomisch instabile Libanon steht nun vor einem neuen existenziellen Problem – und noch immer sind die Ursachen der Explosion unklar.

Kurzfristig geht es jetzt erst mal darum, die Verwundeten zu pflegen, deren Zahl die Kapazitäten der Krankenhäuser übersteigt. Dann muss das Land trotz leerer Kassen sehr schnell die schwer verwüstete Stadt wieder aufbauen und den Hafen instandsetzen. Die Anlage ist die Hauptschlagader der Wirtschaft insgesamt. Von ihr hängt die Versorgung des Landes ab. Die Explosion hat zudem Getreidesilos aufgerissen, in denen Schätzungen zufolge etwa 85 Prozent des Getreides im Land gelagert werden.

Die Zerstörung dürfte sich unmittelbar auf die Lebenshaltungskosten der Bürger auswirken. Besonders stark betroffen von dem bevorstehenden Nahrungsmittel-Preisschock werden die ärmeren Bevölkerungsschichten sein sowie die syrischen Flüchtlinge, deren Zahl auf über eine Million geschätzt wird, sagt Hans Bederski, Direktor der Entwicklungshilfe-Organisation World Vision Libanon.

Bereits jetzt leben nach offiziellen Angaben rund 45 Prozent der Libanesen im hyperinflationsgeplagten Land unterhalb der Armutsgrenze. Die Ökonomin Sumru Guler Altug, die an der American University Beirut (AUB) lehrt, geht davon aus, dass die libanesische Regierung nun Druck bekomme, ihr Reformpaket umzusetzen. Bislang sei ihr das nicht gelungen.

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    Allerdings verfüge die Gesellschaft nicht über genügend Ressourcen, um sich aus eigener Kraft zu retten. Die EU und die USA sollten sich deshalb zusammentun und ein „Multi-Millionen-Paket für den Aufbau und die Hilfe an die Armen schnüren“, fordert die AUB-Professorin.

    Beirut nach dem Inferno: Bilder einer zerstörten Stadt
    Autos unter Trümmern
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    Beiruts Hafen liegt zentral in der Stadt. Innenstadt und Ausgehviertel sind kaum 1,5 Kilometer entfernt, viele Wohnviertel befinden sich in unmittelbarer Umgebung der Explosion.

    (Foto: AP)
    Explosionen in Beirut
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    Der verheerenden Explosion gingen Brände und mehrere kleine Explosionen voraus. Um 18 Uhr, als die großen Explosionen erfolgten, waren somit bereits viele Kameras auf den Hafen von Beirut gerichtet.

    (Foto: TALAL TRABOULSI via REUTERS)
    Rettungswägen im Hafen von Beirut
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    Die ganze Nacht brannte es im Hafen, neben vielen Toten wurden Tausende Menschen verletzt. Krankenwagen aus dem ganzen Land kamen, um die Verwundeten zu versorgen.

    (Foto: AP)
    Ein Löschhubschrauber über den Trümmern des Hafens in Beirut
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    Am Morgen nach der Katastrophe löscht ein Hubschrauber der Armee letzte Flammen in Beiruts Hafen. Als der Rauch sich legt, wird das Ausmaß der Zerstörung sichtbar.

    (Foto: AP)
    Der Hafen raucht noch
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    Die Explosion war selbst im 200 Kilometer entfernten Zypern zu hören und zu spüren.

    (Foto: AP)
    Dem Erdboden gleich: Beiruts Hafen in Trümmern
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    Vom Hafen Beiruts blieb fast nichts übrig. Die ganze Stadt wurde zum Katastrophengebiet erklärt.

    (Foto: Reuters)
    Zerstörte Häuser
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    Noch in 20 Kilometer Entfernung gingen Scheiben zu Bruch. Gebäude in der Nähe der Explosion wurden fast komplett entkernt.

    (Foto: Reuters)

    Um den kompletten Zerfall des Libanons abzuwenden, ist ein Wandel in vielen Bereichen nötig. Dem Staat, der bereits vor der Katastrophe bankrott war, fehlt das Geld für den Aufbau. Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF), um die Staatskasse wieder aufzufüllen, waren im Juli gescheitert. Die Begründung aus Washington war klipp und klar: Solange sich die Regierung nicht über die Ursache der Staatskrise einig sei, wäre eine Finanzhilfe schlecht investiertes Geld.

    Weil sich Beirut auf den internationalen Märkten keine Dollar leihen kann, setzt die Zentralbank die Druckpresse in Gang, um das Defizit zu decken. Allein in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres ist das Defizit im Staatshaushalt um 27 Prozent in die Höhe geschossen.

    Das Versagen der politischen Elite

    Es sind vor allem politische Konflikte, die die Handlungsfähigkeit der Regierung blockieren. Die islamistisch-schiitische Hisbollah, die Teil der Regierung ist, habe sich bisher geweigert, Reformen umzusetzen, so Wirtschaftswissenschaftlerin Guler Altug.

    Marcel Ghanem, einer der einflussreichsten Journalisten im Libanon, beschuldigte die Regierung bereits wenige Stunden nach der Katastrophe auf dem TV-Sender MTV, für den Tod und das Unglück verantwortlich zu sein. „Ihr seid schlimmer als Israel“, wütete er live. „Ihr seid korrupt, und eure Vernachlässigung des Landes hat zu dieser Katastrophe geführt.“ Eine dermaßen harte und schonungslose Kritik an der Regierung habe es noch nie gegeben, sagen Beobachter in Beirut.

    Vor allem junge Libanesen misstrauen der politischen Führung und beschuldigen sie, in die eigene Tasche zu wirtschaften, statt die Gelder im Land zu investieren. Nun wird auch die Hisbollah Position beziehen müssen, ob sie für einen friedlichen Aufbau eintritt oder sich weiterhin als Teil der Widerstandsachse sieht, die vom Iran geführt und alimentiert wird. Die Hisbollah ist im Libanon politisch wie militärisch die stärkste Kraft.

    Immerhin: Das eigentlich von Sanktionen betroffene, international ins Abseits geratene Land wird mit Hilfsangeboten überhäuft. Spontan haben mehrere Regierungen Hilfe zugesagt: neben arabischen Staaten und US-Präsident Donald Trump auch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Hoffnung auf deutsche Unterstützung ist groß: So sagte Entwicklungshelfer Bederski von World Vision: „Deutschland kann mit medizinischen Hilfsgütern zur Behandlung der Verwundeten, mobilen medizinischen Einheiten, Lufttransport von Hilfsgütern und finanzieller Unterstützung für die am stärksten gefährdeten Menschen bei der Reparatur ihrer beschädigten Häuser helfen.“


    Schwere Explosion erschüttert Beirut – Rauchwolke über der Stadt

    Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kündigte die Lieferung „mehrerer Tonnen“ medizinischen Hilfsmaterials an. Zypern, Tschechien und der Iran zeigen sich mit dem Libanon ebenfalls solidarisch.

    Die Europäische Union will jede weitere Destabilisierung des arabischen Landes vermeiden – allein schon, um weitere Flüchtlingszahlen Richtung Europa zu verhindern. Kein Land hat so viele syrische Flüchtlinge aufgenommen; sie machen mittlerweile etwa ein Viertel der libanesischen Bevölkerung aus, es gibt mehr syrische als libanesische Schulkinder in dem Land.

    Noch sind die Hintergründe unklar

    Sogar Israel hat Hilfe angeboten, obwohl die beiden Länder offiziell miteinander verfeindet sind. Ein Krankenhaus im Norden Israels zeigte sich bereit, Verletzte aufzunehmen und „gesund wieder nach Hause zu schicken“. Über internationale Vermittler hätten Verteidigungsminister Benny Gantz und Außenminister Gabi Ashkenasi zudem „medizinische und humanitäre sowie sofortige Nothilfe angeboten“, heißt es in einer offiziellen Erklärung. Bis Mittwochmittag reagierte Beirut allerdings nicht auf die Angebote des südlichen Nachbarn.

    Noch sind die Hintergründe unklar, die zu der Katastrophe führten. Als ausgeschlossen gelten aufgrund der bisherigen Erkenntnisse ein Terroranschlag oder ein Angriff der israelischen Luftwaffe gegen Hisbollah-Ziele. Die Explosionen seien möglicherweise von hochexplosivem Material ausgelöst worden, das „vor einiger Zeit auf einem Schiff konfisziert und im Hafen gelagert wurde“, heißt es beim libanesischen Geheimdienst.

    Laut Innenminister Mohammed Fahmi handelt es sich um mehr als 2700 Tonnen Ammoniumnitrat, das seit sechs Jahren dort lagerte. Ammoniumnitrat ist ein Salz, das aus Ammoniak und Salpetersäure entsteht und vor allem zur Herstellung von Düngemitteln und Sprengstoffen verwendet wird

    Unklar ist bislang, wem die Lagerhallen mit dem Ammoniumnitrat gehören. Sollte sich herausstellen, dass sie im Eigentum der Hisbollah sind, hätte das sehr negative Konsequenzen für deren Stellung im Libanon, meint Amos Yadlin, Chef des israelischen Think Tanks INSS und ehemaliger Leiter des militärischen Geheimdienstes.

    Dann käme die Hisbollah massiv unter Druck, ihre militärische Präsenz im Libanon aufzugeben und die Waffen der libanesischen Armee zu übergeben. Zudem müsste die Hisbollah fortan darauf verzichten, ihre militärischen Einrichtungen in zivilen Zentren unterzubringen und zu verstecken. Weil das Ammoniumnitrat über Jahre am Hafen gelagert wurde, gibt es die Vermutung, dass es für militärische Zwecke bestimmt war.

    Galt der Libanon einst als aufstrebendes, fortschrittliches Land der Region, ist es mittlerweile zu einem Spielball der Supermächte geworden: USA, Russland, Iran – sie alle nutzen das Land für ihre Interessen und fördern damit seine Destabilisierung. Der öffentliche Ärger richtet sich aber vielfach gegen die Amerikaner und ihre Sanktionspolitik.

    Obwohl der Libanon auch von den EU-Sanktionen gegen Syrien negativ betroffen ist – und es außerdem ein EU-Waffenembargo gegen Libanon gibt –, sind die Beziehungen eng. Dies wird auch stark von Frankreich vorangetrieben: Der Libanon war früher Teil des französischen Mandatsgebiets im Nahen Osten, dementsprechend verbunden fühlt man sich noch.

    Als Land der EU-Nachbarschaftspolitik profitiert Beirut von Hilfsgeldern, die zur politischen und ökonomischen Stabilisierung und beim Kampf gegen Korruption beitragen sollen. Die EU bemüht sich zudem darum, ausländische Investoren an Land zu ziehen, und unterstützt bei der Versorgung von Flüchtlingen. Seit 2011 flossen hierfür Milliarden. Unmittelbar nach der Explosion sicherte Brüssel bereits seine Hilfe zu.

    Mitarbeit: Eva Fischer

    Mehr: Handelsblatt Morning Briefing: Die Katastrophe von Beirut

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    3 Kommentare zu "Der Tag nach den Explosionen: Libanon: Ein Land am Abgrund"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Wägen ist Pluralform in Süddeutschland und Österreich teilweise gebräuchlich, also korrekt in bestimmten Regionen; vielleicht nicht in überregionalen Zeitungen.

    • Entspann dich mal Harald..

    • "Rettungswägen" ???? Hallo? Lernt mal deutsch!

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