Tourismus: Trotz Unruhen bleiben Urlauber der Türkei treu
Frankfurt. Vor einer Woche ist Ekrem Imamoglu, Oberbürgermeister von Istanbul und politischer Gegner von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, festgenommen worden. Seitdem gibt es heftige Proteste, die Polizei geht hart gegen Demonstranten vor. Die Touristen scheint das anders als bei früheren Staatskrisen in der Türkei kurz vor der ersten großen Reisewelle zu Ostern wenig zu interessieren.
„Wir sehen keinen Buchungsrückgang“, sagte Max Kownatzki, Chef der auf Türkeibesucher spezialisierten Fluggesellschaft Sunexpress, am Donnerstag in Frankfurt. Beim gescheiterten Militärputsch im Jahr 2016 oder dem schweren Erdbeben 2023 habe es eine temporäre Delle bei den Buchungen gegeben, sagte der Manager: „Jetzt gibt es noch nicht einmal den kleinsten Dip. Das ist überraschend.“
Aussagen von Reiseunternehmen bestätigen das. Aktuell sei eine spürbare Zurückhaltung bei den Buchungen nicht festzustellen, heißt es bei Schauinsland-Reisen.
„Auch vermehrte Anfragen von bereits gebuchten Kunden liegen uns derzeit nicht vor“, so ein Sprecher. Der Reiseberater Solamento hat nach eigenen Angaben ebenfalls keine Rückmeldungen, die auf eine Zurückhaltung schließen lassen.
Üblicherweise reagieren Urlauber sensibel auf aktuelle Entwicklungen. In den USA haben Berichte über die Zurückweisung einiger deutscher Touristen an Flughäfen dazu geführt, dass Reisende ihre Pläne überdenken und die Staaten vorerst meiden. Als im vergangenen Jahr die Wälder in Griechenland brannten, waren die Buchungen für rund zwei Wochen eingebrochen.
Das scheint in der Türkei dieses Mal anders zu sein. Zum einen beschränken sich die Proteste bislang auf die Metropolen. Urlaubsdestinationen wie etwa Antalya im Süden des Landes seien nicht betroffen, heißt es bei Tui. Zum anderen müssen Reisende nicht mit persönlichen Repressalien rechnen. Dennoch verfolgt die Branche die Entwicklung in der Türkei sehr genau. Sunexpress-Chef Kownatzki lässt sich jeden Morgen und Abend über die aktuelle Situation informieren.
Türkei erwartet für 2025 Besucherrekord
Die könnte sich rasch ändern. Die türkische Opposition will die Proteste auf weitere Städte und Regionen ausweiten. Die Regierungen in mehreren Ländern haben ihre Reisehinweise verschärft. So warnt das Auswärtige Amt: „Meiden Sie Demonstrationen und größere Menschenansammlungen und seien Sie in deren Umfeld äußerst vorsichtig.“
Und weiter: „Es ist weiterhin von einem erhöhten Risiko der Festnahme oder der Verhängung einer Ausreisesperre auszugehen.“ Ähnlich lauten die Hinweise der Regierung in Großbritannien.
Die Statistiken des türkischen Ministeriums für Kultur und Tourismus liefern noch keine Hinweise auf ein geändertes Reiseverhalten. Die Daten für den März liegen allerdings noch nicht vor. Im Januar und Februar kamen rund 330.000 Gäste aus Deutschland in die Türkei – ähnlich viele wie in den ersten beiden Monaten 2024.
Der Tourismus ist eine der wichtigsten Einnahmequellen in der Türkei. Die Branche rechnet im laufenden Jahr mit Rekordwerten. Die Zahl der Gäste soll auf 65 Millionen steigen. Der Umsatz soll von 61,1 auf 62,3 Milliarden Dollar zulegen.
Entsprechend ehrgeizig sind die Planungen von Sunexpress, ein Gemeinschaftsunternehmen von Lufthansa und Turkish Airlines. Die Zahl der Passagiere soll in diesem Jahr von 15 auf 16,8 Millionen steigen. „35 Prozent dieser Kapazität sind schon jetzt verkauft, das beruhigt mich“, sagte Kownatzki mit Blick auf die aktuelle Lage.
Die angebotenen Sitzplatzkilometer, also die Zahl der verfügbaren Sitze multipliziert mit der zurückgelegten Distanz der angebotenen Flüge, wird als typische Kapazitätskennzahl der Branche damit gut 190 Prozent über dem Wert des Vorkrisenjahres 2019 liegen. Anders als etwa Lufthansa fliegt die Airline, die auch gerne als Antalya-Express bezeichnet wird, längst mehr als vor der Pandemie.
Dabei greift Sunexpress immer stärker Touristen jenseits von Europa ab, um sie in die Türkei zu bringen. Nachdem das Unternehmen 2022 in Großbritannien gestartet ist, fliegt die Fluggesellschaft mittlerweile auch Bahrain, Beirut, Kairo, Dubai oder Amman an.
Parallel dazu wird die Reisesaison in der Türkei auf das ganze Jahr ausgedehnt – zum Beispiel für Golfer und Skifahrer. „Die Türkei hat das Potenzial für dieses Wachstum“, ist Kownatzki überzeugt.
Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz von Sunexpress von 1,8 auf 2,2 Milliarden Euro. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern lag bei 195 Millionen Euro, ein Plus von vier Prozent. Das Unternehmen muss für das geplante Wachstum kräftig investieren. 132 Flugzeuge hat die Airline auf ihrer Bestellliste.