Logistik: Wichtigste Landverbindung von Europa nach China bleibt blockiert
Zürich. Seit einer Woche sind auch die letzten Grenzübergänge zwischen Polen und Belarus geschlossen. Die Regierung in Warschau hatte die Maßnahme am Donnerstag vor einer Woche angeordnet und mit dem russisch-belarussischen Großmanöver „Sapad“ begründet, das an diesem Tag begann.
Zuvor waren etwa zwanzig russische Drohnen teilweise über belarussischem Territorium in den polnischen Luftraum eingedrungen. Das Militärmanöver ist seit Dienstag zu Ende. Doch die Grenze ist immer noch zu und bleibt es vorerst auch.
Innenminister Marcin Kierwinski erklärte bei einem Besuch an der Grenze, diese werde wieder geöffnet, wenn Gewissheit bestehe, dass die Sicherheit der polnischen Bevölkerung gewährleistet sei und Polen durch keinerlei Provokationen bedroht werde.
Das hat Auswirkungen bis nach Ostasien.
Denn der auf polnischem Gebiet gelegene Güterbahnhof Malaszewicze beim Grenzübergang zwischen Terespol und Brest ist der mit Abstand wichtigste Umschlagsplatz für den schienenbasierten Güterverkehr zwischen China und der Europäischen Union. Etwa 90 Prozent der Waren, die auf dem Landweg zwischen den beiden Wirtschaftsräumen transportiert werden, passieren Malaszewicze. Doch seit einer Woche läuft hier nichts mehr.
Die Eisenbahnverbindung nach Europa, der sogenannte „China Europe Railway Express“, ist ein wichtiger Bestandteil von Chinas Belt-and-Road-Initiative, mit der das Reich der Mitte seine Handelswege absichert. Zwar ist der Seeweg ungleich bedeutender. Nur knapp vier Prozent des Handels zwischen China und Europa werden über die Schiene abgewickelt. Das entspricht einem Warenwert von etwa 25 Milliarden Euro.
Doch vor allem für zeitkritische Transporte sei die Schiene eine interessante Option, erklärt Christopher Fuss, Polen-Experte der deutschen Wirtschaftsförderungsagentur GTAI. Der Landweg sei schneller als die Seeroute und günstiger als Luftfracht.
Polen als Tor zur EU
Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine gab es zwar anfänglich einen Einbruch der Lieferungen. Die schnellste Landverbindung von China nach Europa führt durch Russland, was für viele europäische Hersteller zurzeit keine Option ist. Die deutsche Autoindustrie etwa liefert kaum noch Waren auf der Schiene nach China.
Der Umschlagplatz Malaszewicze konnte sich aber rasch erholen. Das Volumen der abgefertigten Waren stieg laut dem Branchenverband ERAI im Jahr 2024 um mehr als 156 Prozent auf 280.000 Standard-Container-Einheiten. Dieses Wachstum geht laut dem Logistikberater Upply Fast ausschließlich auf chinesische Exporte zurück. Der Handel von West nach Ost verharrt aber auf niedrigem Niveau.
Polen setzte in den vergangenen Jahren trotz des Kriegs große Hoffnung auf seine Stellung als Tor zur EU. Dass Warschau 2021 die Grenze mit Belarus nicht komplett schloss, sondern auch drei Übergänge geöffnet hielt, nachdem Moskau und Minsk als Mittel der hybriden Kriegsführung Flüchtlinge über die grüne Grenze geschickt hatten, hing vor allem mit dem Güterverkehr zusammen.
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Bereits 2023 versprach die Regierung in Warschau knapp 800 Millionen Euro für den Ausbau des Güterbahnhofs. Erst vor anderthalb Wochen feierte die Logistiksparte der polnischen Eisenbahn die erste Fahrt eines Güterzugs von Warschau bis nach China. Nur zwei Tage später erfolgte der Beschluss zur Grenzschließung. Die Regierung erklärte, an die Stelle der „Logik des Handels“ trete nun die „Logik der Sicherheit“.
Verhandlungen mit Peking
In polnischen Medien wird darüber spekuliert, ob die Maßnahme auch Bedeutung für die Handelsgespräche mit China habe. Am Montag war der chinesische Außenminister Wang Yi zu einem seit Langem geplanten Arbeitsbesuch in Warschau. Dabei dürfte es auch um die Grenzschließung gegangen sein.
Tatsächlich gab es am Montag einen Durchbruch. Landwirtschaftsminister Stefan Krajewski verkündete am Montag, dass das chinesische Importverbot für polnisches Geflügelfleisch aufgehoben werde. Polen ist der wichtigste Geflügelproduzent in der EU und hat eines der größten Handelsbilanzdefizite mit China.
Dass China dazu bewogen werden könnte, auf Russlands Kriegspolitik einzuwirken, wie es mancherorts hieß, erscheint jedoch sehr optimistisch. Der Güterverkehr über Malaszewicze macht laut Jakub Jakobowski vom Zentrum für Oststudien in Warschau gerade einmal drei Promille des gesamten chinesischen Außenhandels aus. Als Argument für eine Justierung der Außenpolitik dürfte das kaum reichen.
Außerdem gibt es für China Alternativen zum Transport durch Polen. Neben dem Seeweg gehört dazu auch der sogenannte Mittlere Korridor, die Route über Zentralasien und die Türkei nach Europa, die seit dem russischen Überfall ohnehin einen Aufschwung erlebt. Ein Ziel der Belt-and-Road-Initiative ist für China, dank Ausweichrouten Abhängigkeiten zu vermeiden.
Polnische Logistikbranche ist besorgt
Laut dem Polen-Experten Christopher Fuss macht sich die Grenzschließung zurzeit vor allem in der unmittelbaren Grenzregion bemerkbar. Der Bahnhof Malaszewicze habe dort als wichtiger Arbeitgeber vorübergehend den Betrieb eingestellt.
Auch in der Logistikbranche macht man sich Sorgen. Die Logistiksparte der polnischen Eisenbahn, PKP-Cargo, erklärte vergangene Woche, dass eine vorübergehende Grenzschließung das Geschäft nur geringfügig beeinträchtige. Sollte der Zustand aber andauern, drohe eine Verlagerung des Geschäfts auf den Mittleren Korridor.
Milosz Witkowski weist zusätzlich auf die operativen Schwierigkeiten hin. Die Grenzschließung verursache bereits jetzt große Rückstaus, schreibt der Eisenbahnchef des Logistikunternehmens PFC. Die Maßnahme werde in jedem Fall beträchtliche Kosten verursachen. Das Innenministerium erklärte diese Woche, Unterstützungsleistungen für betroffene Sektoren zu prüfen.
Erstpublikation: 22.09.2025, 11:51 Uhr.