Muhammad Yunus: Der „Banker der Armen“ soll Bangladesch aus der Krise führen
Bangkok. Sein Lebenswerk als „Banker der Armen“ startete Muhammad Yunus mit einem Minidarlehen von 27 Dollar. Als Pionier der Mikrokredite half er später Millionen Menschen im Kampf gegen die Armut und erhielt dafür den Friedensnobelpreis. Nun steht der Wirtschaftswissenschaftler vor einer noch größeren Aufgabe: Nach einer wochenlangen Eskalation der Gewalt soll er ein ganzes Land aus einer schweren politischen und wirtschaftlichen Krise manövrieren.
Zu Hilfe gerufen wurde der 84-Jährige von den Anführern einer Studentenbewegung, deren wochenlangen Proteste die bisherige Regierungschefin Sheikh Hasina am Montag gestürzt hatten. Die Regierungsgegner machten dem verbliebenen politischen Establishment und dem Militär klar, dass sie keine andere Lösung akzeptieren würden – und setzten sich mit ihrer Forderung durch: In der Nacht auf Mittwoch teilte Präsident Mohammed Shahabuddin mit, dass Yunus die Übergangsregierung bis zu den nächsten Wahlen leiten werde.
Der Ökonomieprofessor, der sich während des Umsturzes in seiner Heimat für einen medizinischen Eingriff in Paris aufhielt, hatte sich schon zuvor bereit erklärt, Verantwortung zu übernehmen: „Wenn die Studenten, die so viel geopfert haben, mich bitten, in dieser schwierigen Phase einzuspringen, wie kann ich da ablehnen?“, teilte er mit. Seine Rückkehr nach Dhaka wird nun für Donnerstag erwartet.
Die Herausforderungen, vor denen er dann steht, sind immens. Kurzfristig geht es darum, das Land nach einem der tödlichsten Konflikte seiner Geschichte wieder zu befrieden. Rund 400 Menschen sind nach Zählung lokaler Medien in den vergangenen Wochen getötet worden. Erst gab es die meisten Opfer aufseiten der Demonstranten, gegen die die staatlichen Einsatzkräfte brutal vorgingen. Nach dem Abtritt von Autokratin Hasina, die in dem Land in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten die Macht hatte, richtete sich die tödliche Gewalt verstärkt auch gegen ihre bisherigen Verbündeten.
Weggefährten sehen Yunus als „riesige Chance“
Die Sorge vor einer weiteren Eskalation ist groß: „Wir wiederholen unseren Aufruf zur Deeskalation auf allen Seiten und zur Rückkehr zur Ruhe“, teilte das amerikanische Außenministerium mit. „Dies ist nicht der Zeitpunkt für Vergeltung oder Rache.“
Weggefährten trauen Yunus zu, einen Ausweg aus der prekären Situation zu finden: Er werde immer wieder den Frieden in den Mittelpunkt stellen, sagt der deutsche Unternehmer Hans Reitz, der jahrelang als Yunus’ Kreativberater tätig war und mit ihm gemeinsam die Beratungsfirma Grameen Creative Lab gründete, im Gespräch mit dem Handelsblatt.
In der Ernennung von Yunus zum Chef der Übergangsregierung sieht er „eine riesige Chance für das Land“: „In den 16 Jahren, die ich mit ihm reisen durfte, war ich immer wieder beeindruckt von seiner extrem hohen Selbstdisziplin“, sagt Reitz. Seine schnelle Auffassungsgabe ermögliche es Yunus, für jedes Problem die beste Lösung zu finden.
Die Menschen in Bangladesch können nur hoffen, dass das stimmt: Denn neben den heftigen politischen Konflikten in dem Land sieht sich die künftige Führung auch mit massiven wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert. Angesichts schwindender Devisenreserven kann Bangladesch seine Schulden nur noch mit großer Mühe bedienen – und ist auf die Hilfe des Internationalen Währungsfonds angewiesen.
Der ehemalige Bankchef musste sich zuletzt zahlreichen Gerichtsprozessen stellen
Als jahrzehntelanger Bankchef ist Yunus bei den Finanzproblemen immerhin in seinem Metier: In den 1970er-Jahren empörte er sich über die Wucherzinsen, die die verarmte Landbevölkerung in Bangladesch an Kredithaie bezahlen musste. Er wollte eine soziale Alternative schaffen und vergab seinen ersten 27-Dollar-Kredit an eine Gruppe von 42 Frauen in dem Dorf Jobra. Angesichts hoher Rückzahlungsquoten konnte er das Modell ausweiten und gründete wenige Jahre später die Grameen Bank, mit der er Mikrokredite in Bangladesch populär machte. Die Finanzinstitution, mit der Yunus 2006 den Friedensnobelpreis erhielt, hat seither insgesamt mehr als 38 Milliarden Dollar an Darlehen ausgezahlt – fast ausschließlich an Frauen, die das Geld zur Unternehmensgründung oder Bildungsfinanzierung verwenden können.
Yunus leitete die Bank bis 2011, als er auf Hasinas Druck den Chefposten verlor. Die damals noch mächtigste Frau des Landes sah ihn als potenziellen Rivalen, nachdem Yunus kurzzeitig politische Ambitionen gezeigt hatte. Hasina beschuldigte ihn, den Armen mehr zu schaden, als ihnen zu helfen, und bezeichnete ihn als „Blutsauger“. Die Feindschaft gipfelte in einer Reihe von Gerichtsprozessen, denen sich Yunus in den vergangenen Monaten stellen musste. Anfang des Jahres wurde er wegen angeblicher Verstöße gegen das Arbeitsrecht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, befand sich aber während des Berufungsverfahrens in Freiheit.
Mit Blick auf Bangladeschs politische Zukunft zeigte er sich noch vor wenigen Wochen resigniert: Bangladesch habe sich in einen Einparteienstaat verwandelt, nachdem Hasinas Regierungspartei die politische Konkurrenz ausgeschaltet habe, sagte er im Juni in einem Interview. Eine Wiederbelebung des demokratischen Wettstreits würde äußerst schwierig werden, prophezeite er damals: „Wir haben ihn an einen Punkt gebracht, an dem er völlig verschwunden ist.“