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NahostIran bombardiert erstmals selbst Ziele im Irak

Als Reaktion auf den Gaza-Krieg haben sich Huthi, Hisbollah und Iran gegen Israel verschworen. Nun feuert Teheran Raketen auf Ziele im Irak ab – und sorgt für neue Gefahren.Pierre Heumann, Christoph Lumme, Dana Heide 16.01.2024 - 18:10 Uhr

Tel Aviv. Seit Monaten greifen Huthi-Rebellen Handelsschiffe im Roten Meer an, attackieren die Hisbollah-Milizen israelische Stellungen an der Grenze zum Libanon: In der Nacht zu Dienstag feuerten Irans Revolutionswächter Raketen auf Ziele im Irak und in Syrien ab – und weiteten den Gazakrieg damit noch einmal aus.

Im Fadenkreuz stand eine Spionagezentrale des israelischen Geheimdienstes Mossad in der nordirakischen Stadt Erbil. In der Nähe eines im Bau befindlichen US-Konsulats schlugen Augenzeugen zufolge mehrere Raketen ein, vier Zivilisten sollen dabei ums Leben gekommen sein. Der Angriff in Syrien galt nach iranischen Angaben der Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Der Feind habe sich verrechnet, als er die Islamische Republik ins Visier genommen habe, sagte Nasser Kanaani, der Sprecher des iranischen Außenministeriums. Darauf habe der Iran „mit einer präzisen und gezielten Operation gegen das Hauptquartier der Täter“ reagiert. Die Revolutionsgarden sprachen von Vergeltung: „Als Reaktion auf die Gräueltaten des zionistischen Regimes, bei denen Kommandeure der Achse des Widerstands getötet wurden, wurde eines der wichtigsten Spionagehauptquartiere des Mossads zerstört.“

Das irakische Außenministerium rief aus Protest gegen den Angriff seinen Botschafter in Teheran zu Konsultationen zurück und bestellte den iranischen Geschäftsträger in Bagdad ein. Der Angriff sei ein eklatanter Verstoß gegen die Souveränität der Republik Irak und widerspreche dem Völkerrecht, hieß es in einer Erklärung des Ministeriums.

Angriffe aus US-Streitkräfte

Seit Beginn des Kriegs am 7. Oktober haben vom Iran unterstützte Milizen im Irak fast täglich Drohnenangriffe auf Stützpunkte der US-Streitkräfte im Irak und in Syrien geflogen. Bei dem aktuellen Bombardement handelte es sich vor allem aber auch um eine militärische Machtdemonstration des Mullah-Regimes. Die Raketen legten 1200 Kilometer zurück – und könnten auch Tel Aviv oder Jerusalem erreichen.

Seit Langem strebt die Regionalmacht Iran nach größerem Einfluss, das Regime in Teheran führt die gegen Israel und den Westen gerichtete „Achse des Widerstandes“ an. Zu ihr gehören die Hamas im Gazastreifen, die Hisbollah-Miliz im Libanon und die Huthi-Rebellen im Jemen.

Irans Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei lobte am Dienstag deren Kampf gegen Israel: „Die Nation des Jemen und Ansar Allah (Huthi) haben große Arbeit geleistet“, sagte der 84-Jährige.

Seit Ausbruch des Gazakrieges zwischen Israel und der islamistischen Hamas greift die Huthi-Miliz immer wieder Schiffe mit angeblich israelischer Verbindung im Roten Meer an. Große Reedereien meiden zunehmend die Route. Wegen des Vorgehens der Huthi attackierten die USA und Großbritannien zuletzt Stellungen der Gruppe im Jemen.

Somit gerät der Westen im Nahost-Konflikt zunehmend in eine aktive Rolle. Der britische Premierminister Rishi Sunak etwa drohte am Dienstag mit neuen Aktionen, sollten weiterhin Schiffe im Roten Meer angegriffen werden.

Warnung vor einer Ausweitung

UN-Chef António Guterres warnte bereits vor dem iranischen Raketenangriff vor einer Ausweitung des Gazakriegs. Ihn treiben vor allem die Aggressionen der radikalislamischen Hisbollah-Miliz um. „Ich bin zutiefst besorgt über das, was sich da entfaltet“, sagte Guterres. „Es ist meine Pflicht, allen Seiten diese einfache und direkte Botschaft zu überbringen: Hört auf, an der blauen Linie mit dem Feuer zu spielen, deeskaliert und bringt die Gewalt zu einem Ende.“

Die blaue Linie markiert die Grenze zwischen Israel und dem Libanon. Seit Beginn des Gazakriegs kommt es dort immer wieder zu Konfrontationen zwischen der israelischen Armee und der vom Iran unterstützten Hisbollah. Sie ist mit der Hamas verbündet, gilt aber als deutlich schlagkräftiger. 100.000 Raketen umfasst das Waffenarsenal der Miliz, alle Ziele in Israel könnten damit erreicht werden. Experten warnen, dass Israels Luftabwehrsystem unter massivem Raketenbeschuss der Hisbollah kollabieren würde.

Hisbollah-Funktionär Ali Damusch drohte jetzt auf Telegram: „Unsere Operationen haben einen winzigen Teil unserer Fähigkeiten gezeigt. Wenn der Feind uns den Krieg aufzwingt, werden wir ihm unsere Macht zeigen.“

Die USA wissen: Als „Staat im Staat“ kontrolliert die Hisbollah den Libanon nicht nur militärisch, sondern über ihre Partei auch politisch. Dank des schwachen Staates konnte sich die Miliz zu einem Machtfaktor entwickeln, auch im politischen System des Landes. Sie hat dort mehr Einfluss als die Anzahl der Sitze im Parlament vermuten lässt.

Hisbollah mit eigenem Wirtschaftssystem

Die Hisbollah kontrolliert die Grenze zu Syrien und nutzt den Hafen von Beirut, um alle Arten von Gütern zu importieren oder zu exportieren. Mehr noch: Sie verfügt über ein komplexes Wirtschaftssystem für ihre überwiegend schiitischen Anhänger. Sie bietet über eigene Institutionen Bankdienstleistungen an, unterstützt Landwirte, betreibt Kliniken, führt Schmuggelwaren aus dem Iran und Syrien ein und stellt Spenden aus möglicherweise illegalen Aktivitäten bereit.

Für den wirtschaftlich am Boden liegenden Libanon selbst ist eine Ausweitung des Krieges auf sein Staatsgebiet eine Horrorvorstellung. Ökonomen in Beirut gehen davon aus, dass die libanesische Wirtschaft 2024 um 0,6 bis 0,9 Prozent schrumpfen wird – allerdings nur, wenn der derzeitige Konflikt auf die südliche Grenze des Landes beschränkt bleibt.

Sollte es zum Krieg kommen, sei der wirtschaftliche Schaden gar nicht mehr zu kalkulieren, betont Sumru Altug, Ökonomieprofessorin an der American University in Beirut.

Immer wieder fordern libanesische Politiker die Hisbollah auf, den Konflikt mit Israel nicht zu eskalieren. Dass es bisher noch nicht zum Äußersten gekommen ist, liege allerdings nicht an diesen warnenden Worten, sondern am Kalkül der Hisbollah selbst, meint Altug.

Tatsächlich sei der Libanon „ein fragiler Staat“, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin. Er sei daher immer neuen Interventionen aus Nachbarstaaten wie Israel, Iran und früher auch Syrien ausgesetzt.

Libanon ohne Einfluss

So verfügt der Libanon seit November 2022 nur noch über eine amtierende Regierung. Doch selbst eine reguläre Regierung hätte es wohl schwer, mäßigend auf die Hisbollah einzuwirken. Nötig sei eine „völlige Neuordnung des politischen Systems“. Versuche in dieser Richtung seien aber immer wieder gescheitert.

Dennoch setzen die USA und Europa auf den Libanon. Die Bundesregierung blickt mit Sorge auf die Situation an der israelisch-libanesischen Grenze und will Israel dabei unterstützen, dass der Konflikt nicht weiter eskaliert.

Außenministerin Annalena Baerbock versprach während ihrer Nahost-Reise vergangene Woche dem libanesischen Militär Finanzhilfen von 15 Millionen Euro. Das Geld soll es der Armee ermöglichen, an der Grenze im Süden des Landes für mehr Sicherheit zu sorgen.

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Ökonomin Altug jedoch warnt vor zu großem Optimismus und verweist auf den 2. Januar: An diesem Tag war der hochrangige Hamas-Militärkommandeur Saleh Arouri in einem südlichen Vorort von Beirut gezielt getötet worden, eine Provokation, die die Gefahr einer Eskalation wesentlich erhöhe. Zumal Israel bereits signalisiert habe, gegen die Hisbollah in den Krieg zu ziehen, sollte die Miliz das Land auf breiter Ebene angreifen.

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