Netto-Null-Emissionen: Speichertechnologien und Carbon Recycling: Wie die EU-Kommission das Klimagas CO2 loswerden will
Der Weltklimarat fordert die Nutzung von weniger fossile Energien.
Foto: imago images/photothekBrüssel. Die Politik weiß ganz genau: Das Klima lässt sich nicht allein durch CO2-Reduzierung schützen, sondern die Menschheit muss das Klimagas gezielt aus der Atmosphäre entfernen. So setzt die EU bei ihrem Klimaziel 2050 auf Netto-Null-Emissionen – also darauf, nicht vermeidbare Emissionen zu speichern. Ab 2050 visiert der Staatenverbund gar negative Emissionen an, ergo mehr Klimagase zu speichern als noch ausgestoßen werden.
Für die CO2-Speicherung kommen natürliche und technische Lösungen in Betracht. Zu den natürlichen Lösungen gehören zum Beispiel Aufforstung oder das Wiedervernässen von Mooren. Technische Lösungen setzen darauf, entstehendes CO2 abzufangen und unterirdisch zu lagern – das ist das „Carbon Capture and Storage“, kurz CCS.
Die EU-Kommission will, dass Europa bei seiner Klimapolitik auf beides setzt. Jeweils etwa zur Hälfte soll CO2 auf natürliche und technische Weise gespeichert werden. Das geht aus einem Leak der EU-Kohlenstoffstrategie hervor, die dem Handelsblatt vorliegt. Die Kommission will ihre Strategie am 15. Dezember vorstellen – zusammen mit zahlreichen anderen EU-Vorhaben im Bereich Klimapolitik.
Zunächst führt die Kommission in ihrem Papier „Carbon Farming“ als eines der Schlüsselelemente auf. Dabei werden Landwirte dafür belohnt, ihre Böden auf eine Weise zu beackern, bei der CO2 entweder gebunden oder dessen Freisetzung in die Atmosphäre verhindert wird. Zudem will sie die Verwendung von Holz im Bausektor fördern.
Der Bausektor kann nach aktuellem technischem Stand nicht emissionsfrei werden, da bei der Zementproduktion unvermeidlich CO2 entsteht. Gleiches gilt bei Prozessen in der Chemie- und Metallindustrie. In Deutschland macht ihr Anteil derzeit sieben Prozent an den Gesamtemissionen aus.
EU-Fördergelder in Milliardenhöhe für CCS-Forschung
Dementsprechend groß sind die Hoffnungen auf industrielle Lösungen zur Speicherung von CO2. Besonders CO2-intensive Wirtschaftszweige, zum Beispiel Öl- und Gasunternehmen, drängen darauf, denn dann können sie an ihrem Geschäftsmodell festhalten. Ein netter Nebeneffekt: Leere Gas- und Öllagerstätten eignen sich auch für die Lagerung von CO2.
So setzen auch die meisten Industriestaaten, allen voran die ölreichen Golfstaaten, in ihren Klimaplänen auf die zukünftigen Techniken. Auch die EU fördert bereits mit Geldern in Milliardenhöhe ihre Erforschung.
Eine besondere Rolle spielt dabei auch das Direct Air Capture, bei dem bereits freigesetztes Kohlenstoffdioxid aus der Luft gefiltert wird. Bis 2030 sollen jährlich EU-weit fünf Millionen Tonnen CO2 auf diese Weise aus der Atmosphäre entfernt werden, schreibt die Kommission in ihrem Papier.
Eine weitere Hoffnung liegt auf „Carbon Reuse“, dem Recyceln von CO2. Dabei soll das abgeschiedene CO2 nicht etwa verpresst unter der Erde gelagert werden, sondern als Rohstoff für die Herstellung von Chemikalien, Kunststoffen oder Kraftstoffen genutzt werden.
Hierfür sieht die Kommission einen Zielwert vor: Bis 2030 sollen Chemiewerke und Kunststoffhersteller mindestens 20 Prozent nichtfossiles CO2 bei ihrer Produktion verwenden. Zudem soll ein EU-Markt für Kohlenstoffentfernungen entstehen – ähnlich dem europäischen Emissionshandelssystem.
Die Grüne-Europaparlamentarierin Jutta Paulus bezeichnete den durchgesickerten Kommissionsentwurf als einen „richtigen Schritt“, da sich auch nach dem Ausstieg aus fossilen Brennstoffen Emissionen nicht komplett vermeiden lassen. „Aus meiner Sicht ist es sehr erfreulich, dass die Europäische Kommission naturbasierte Lösungen als Erstes nennt“, sagte sie dem Handelsblatt. „Zum einen wirkt Moor- und Waldschutz auch dem Artensterben entgegen, zum Zweiten besteht hier keine Gefahr tödlicher Freisetzungen konzentrierten Kohlendioxids, und überdies sind diese Lösungen auch noch am kostengünstigsten.“
Mit Blick auf „Direct Air Capture“ und „Carbon Reuse“ mahnte sie angesichts des hohen Preises zur Vorsicht. Das Entfernen von CO2 aus der Atmosphäre kostet je nach Verfahren momentan um die 500 bis 600 Dollar je Tonne – und die Kosten für die Lagerung sind dabei noch nicht berücksichtigt.
Es sei zwar klar, dass für die Einhaltung des Pariser Klimaziels, die globale Erwärmung auf bestenfalls 1,5 Grad zu begrenzen, die technische Entfernung der Klimagase aus der Luft nötig ist. „Allerdings hat die Kommission offenbar auch andere Möglichkeiten im Sinn, denn sie nennt explizit ein Projekt in einer Ölraffinerie als Beispiel. Die Nutzung fossiler Quellen kreiert Lock-in-Effekte und ist kein zukunftsfähiger Weg“, meint die Umweltpolitikerin.
Die Potenziale von Kohlenstoff-Recycling sind gar nicht so hoch
Der Ingenieur Karsten Smid von der Umweltschutzorganisation Greenpeace sieht den Kommissionsentwurf noch wesentlich kritischer. „Der Ansatz der Kommission greift zu kurz“, sagte er im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Hier haben sich die Lobbyinteressen ganz klar durchgesetzt. Dabei wurde beim Kohleausstieg auch behauptet, dass dies nur mit CCS-Technologien möglich sei. Heute redet davon keiner mehr.“
Er führt an, dass für den Transport von abgeschiedenem CO2 eine komplett neue Infrastruktur gebaut werden müsste. Auch das Lagerproblem sollte man nicht unterschätzen. Das in Gestein verpresste CO2 muss mehrere Tausend Jahre sicher verwahrt und überwacht werden. Keiner kann garantieren, dass das CO2 nicht versehentlich doch wieder freigesetzt wird. „Europa sollte sich lieber konzentrieren, bei erneuerbaren Energien führend zu werden als bei einer Risikotechnologie“, fordert Smid.
Auch das Recyceln von Kohlenstoff sei mit einem hohen Energieaufwand verbunden, zudem seien die Potenziale gar nicht so hoch. Der beste Weg sei nach wie vor, Emissionen an der Quelle zu reduzieren, zum Beispiel im Bausektor nicht Zement als Bindemittel zu verwenden, sondern andere, nicht kohlenstoffhaltige. Und ansonsten brauche es eben: Wälder, Wälder, Wälder und Moore.