Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Pandemie Corona-Schnelltest: Chancen und Grenzen des Hoffnungsträgers

Einige Länder wollen die komplette Bevölkerung mit Antigentests auf das Coronavirus testen. Doch Experten warnen davor, in den Schnelltests ein Allheilmittel zu sehen.
02.12.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
In der Alpenrepublik hilft auch das Militär bei der Bekämpfung der Pandemie. Quelle: Reuters
Massentests in Österreich

In der Alpenrepublik hilft auch das Militär bei der Bekämpfung der Pandemie.

(Foto: Reuters)

Wien, Paris, Rom, Madrid, London, Berlin, Düsseldorf Es wird ein logistischer Kraftakt: Bis Weihnachten will Österreich die komplette Bevölkerung in einem Massentest auf das Coronavirus prüfen. Am Freitag legen Tirol und Vorarlberg los. Die Alpenrepublik gehört derzeit zu den Ländern mit den meisten Neuinfektionen in Europa, bis zum 7. Dezember gilt noch ein Lockdown. Bundeskanzler Sebastian Kurz hat die neuen Antigen-Schnelltests als Weg zurück in die Normalität angepriesen.

Auch Experten knüpfen große Hoffnungen an die neuen Tests, warnen aber davor, sie in der Coronakrise als Allheilmittel zu sehen. Antigentests seien „ein wichtiges neues Werkzeug in der Bekämpfung der Pandemie“, sagt etwa Christian Drosten, der Leiter der Virologie der Berliner Charité, dem NDR. Schnell die gesamte Bevölkerung auf das Coronavirus durchtesten zu lassen, das klinge nach einer verlockenden Idee. In Deutschland sei das aber „beim zweiten Hinsehen unmöglich“.

Dabei bieten die sogenannten Antigentests einen entscheidenden Vorteil: Sie sind fast so einfach wie ein Schwangerschaftstest. Das Ergebnis liegt schon nach rund 20 Minuten vor, während überlastete Labore oft Tage für die Auswertung eines PCR-Abstrichs brauchen.

Bei den PCR-Tests wird die genetische Erbsubstanz des Virus im Labor nachgewiesen. Die Methode gilt als extrem genau, braucht jedoch relativ viel Zeit. Die Antigentests weisen dagegen binnen weniger Minuten Eiweißfragmente des Virus nach.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Der Haken: Antigen-Schnelltests sind dabei weniger zuverlässig als der PCR-Nachweis. Trotzdem versuchen Österreich, die Slowakei und Südtirol, damit sämtliche Einwohner zu testen. Und Spanien und England kontrollierten damit besonders betroffene Gebiete.

    Die Erfahrung aus dem Ausland zeigt die Chancen und Grenzen der Methode. Vor allem die Freiwilligkeit der Tests erwies sich dabei als Knackpunkt. So lud die Slowakei etwa Ende Oktober alle Menschen, die älter als zehn Jahre sind, zum Corona-Schnelltest. Die Tests galten zwar als freiwillig.

    Doch wer sich nicht testen lassen wollte, musste für eine Woche in Heimquarantäne. Bei Verstößen drohte eine Strafe von 1600 Euro. Immerhin 3,6 der insgesamt 5,5 Millionen Einwohner nahmen teil – die gesamte Bevölkerung zu testen, das gelang der Slowakei also nicht.

    Trotzdem konnte das Land die Corona-Neuinfektionen senken. Doch noch sei unklar, welchen Anteil an diesem Erfolg die Antigentests hatten, sagt Virologe Drosten. Denn gerade ältere Menschen seien lieber zu Hause geblieben, als sich testen zu lassen. „Bei so einer kleinen Bevölkerung wie in der Slowakei kann man sich vorstellen, dass allein das natürlich auch schon diese Inzidenz zum Erliegen gebracht hat.“

    Hoffnung und Wirklichkeit

    Auch Österreichs Kanzler Sebastian Kurz weiß, dass die Tests kein Allheilmittel sind. Kurz schwärmt aber von einer „guten Chance, um Infektionen zu lokalisieren und weitere Ansteckungen zu verhindern“. Er will die 8,9 Millionen Einwohner mehrmals testen lassen und dafür 100 Testzentren bauen – mehrere Tausend Soldaten sind dafür im Einsatz.

    „Damit Testungen epidemiologisch sinnvoll sind, müssen diese mehrmals wiederholt werden“, erklärt auch Österreichs Gesundheitsminister Rudolf Anschober. Wer genau mehrmals getestet werden soll, ist jedoch noch unklar. Es dürfte sich unter anderem um Angestellte im Gesundheitswesen handeln.

    Grafik

    Südtirol hat vor zehn Tagen bereits seine Bewohner getestet. 70 Prozent der rund eine halbe Million Einwohner in der autonomen norditalienischen Provinz sind dem Aufruf gefolgt und haben sich mit den neuen Antigen-Schnelltests checken lassen.

    Das Ergebnis: 3615 asymptomatisch Infizierte, also weniger als ein Prozent der getesteten Bevölkerung. Sie sind jetzt in Quarantäne. „Hätten wir sie nicht aufgespürt bei einem aktuellen Reproduktionswert (R)-Wert von 1,5 in Südtirol, wären wir in wenigen Tagen bei 95.000 neuen Infizierten gewesen“, sagt Arno Kompatscher, der Gouverneur der Provinz.

    Ohne die Massentests hätte Südtirol einen Lockdown bis weit nach Weihnachten riskiert, sagt er. Nun könne man Schritt für Schritt Lockerungen einführen. Seit Wochenbeginn sind Grund- und Mittelschulen und die Geschäfte wieder geöffnet. Südtirol ist seit dem 8. November eine „rote Zone“, in der Bewohner das Haus nur verlassen dürfen, um zur Arbeit, zum Arzt oder zum Einkaufen zu gehen.

    Die Region möchte die Infektionszahlen auch senken, um den Winter-Skitourismus zu ermöglichen. Der Massentest war für die Bevölkerung kostenlos. Für die Provinz sind Kosten von 3,5 Millionen Euro entstanden – für die Testvorrichtungen und die 900 Ärzte und Pfleger, die drei Tage lang im Einsatz waren.

    Auch die Corona-Hotspots Madrid und Liverpool setzen auf Schnelltests

    In Spanien hat vor allem die Region Madrid, die im Sommer lange Europas Corona-Hotspot war, auf Schnell- und Massentests gesetzt. Die Regionalregierung hat schon früh fünf Millionen Antigen-Schnelltests gekauft und bislang 326.000 davon in Gesundheitszentren, Notfallaufnahmen und Altenheimen eingesetzt. Sie rief auch 1,4 Millionen Einwohner vor allem im ärmeren, stark infizierten Süden der Hauptstadt zum Massen-Schnelltest. Gekommen sind aber nur 400.000, weniger als ein Drittel.

    Eine ähnliche Erfahrung machte Liverpool in seinem Pilotprojekt, das regelmäßig sämtliche Einwohner mit den Schnelltests überprüft. In ärmeren Stadtvierteln lässt sich nur ein Bruchteil der Bewohner testen – aus Angst vor dem Verdienstausfall während der Quarantäne.

    Das Projekt soll dennoch auf alle Risikogebiete landesweit ausgeweitet werden. Mehr als 200.000 Menschen wurden in Liverpool bislang untersucht, davon waren rund 2000 infiziert. „Das sind 2000 weniger, die das Virus verbreiten können“, sagte Liverpools Bürgermeister Joe Anderson dem „Observer“.

    Massentest in Südtirol: Vor zehn Tagen rief die autonome süditalienische Provinz alle Einwohner zum freiwilligen Antigen-Schnelltest. 70 Prozent der Bevölkerung nahmen teil. Quelle: Thomas Rötting/laif
    Corona-Schnelltests in Südtirol

    Massentest in Südtirol: Vor zehn Tagen rief die autonome süditalienische Provinz alle Einwohner zum freiwilligen Antigen-Schnelltest. 70 Prozent der Bevölkerung nahmen teil.

    (Foto: Thomas Rötting/laif)

    Zwei Drittel der Tests waren Schnelltests, die ein Viertel der positiven Diagnosen brachten. Das Verhältnis untermauert die Kritik von Experten wie Miguel Ángel Royo, Sprecher der spanischen Gesellschaft für Epidemiologie. Er moniert, dass die Antigentests bei Massenkontrollen viele falsch negative Ergebnisse produzierten. Andere Experten sehen darin nicht unbedingt ein Problem, weil diese falsch Negativen in der Regel eine so geringe Viruslast besitzen, dass sie andere auch nicht anstecken.

    Liverpool war im Oktober einer der Corona-Hotspots in England. Inzwischen ist der Inzidenzwert um drei Viertel gesunken. Das ist vor allem dem Lockdown zu verdanken. Die Massentests hätten aber geholfen, sagt Premier Boris Johnson. Auch Madrid gehört inzwischen zu den spanischen Regionen mit der geringsten Inzidenz. Experte Royo macht dafür die Schnelltests, Restriktionen, eine Teilimmunität und ein geändertes Verhalten der Bevölkerung verantwortlich.

    Einen anderen Weg geht Frankreich. Dort kann man seit Anfang November in den Apotheken einen Antigen-Schnelltest absolvieren. Die Kosten übernimmt die staatliche französische Krankenkasse. Auch Ärzte oder Flughäfen bieten Schnelltests an. Paris setzt nicht auf Massentests in einzelnen Regionen, weil zu viele Regionen stark betroffen sind.

    Der Lockdown, der seit Ende Oktober gilt, hat die Zahl der Neuerkrankungen zwar stark reduziert. Aber immer noch zählt jedes fünfte Altenheim Infizierte. Seit der vergangenen Woche testet Frankreich deshalb im Wochenrhythmus damit das Personal in den Seniorenresidenzen. 1,6 Millionen Schnelltests hat die Regierung dafür bereitgestellt. Auch Besucher, die häufig kommen, können sich testen lassen.

    Ein Modell für Deutschland?

    Das deutsche Robert Koch-Institut sieht Schnelltests vor allem als Ergänzung zur PCR-Methode. Sie sollen nur von „eingewiesenen Personen“ angewendet werden. Gerade die mangelnde Genauigkeit sehen die RKI-Experten als Problem. Nicht alle gesunden getesteten Personen werden als Gesunde erkannt. Hersteller geben die sogenannte Spezifität der Tests mit etwa 99 Prozent an. Das bedeutet: Einer von 100 Getesteten bekommt ein positives Ergebnis, obwohl er gesund ist – und geht zu Unrecht in Quarantäne.

    Das klingt auf den ersten Blick nach einem vernachlässigbaren Problem, hat für die Suche nach Infizierten in der breiten Bevölkerung aber große Folgen. Umgerechnet auf die gesamte deutsche Bevölkerung würde das bedeuten, dass 830.000 Menschen mit einem falsch positiven Ergebnis in Quarantäne müssten. Zum Vergleich: Derzeit zählt das RKI rund 300.000 aktive Coronafälle in Deutschland.

    Zugleich würde ein Massentest nicht alle kranken Personen als infiziert erkennen. Das gibt die sogenannte Sensitivität der Schnelltests an, die Hersteller meist ebenfalls im oberen 90-prozentigen Bereich angeben. Wer trotz einer Infektion nicht bei einem Schnelltest erkannt wird, könnte schlimmstenfalls andere anstecken.

    Angesichts der Grenzen der Methode raten Experten dazu, die Tests vor allem zur Bestätigung von Corona-Infektionen zu verwenden. „Der Antigentest muss eine symptomatische Testung sein, bis auf einige wenige Ausnahmesituationen“, sagt Virologe Drosten. „Also in allererster Regel muss man klarstellen, wenn man einen Antigentest benutzt: Hat der Patient Symptome?“ In Deutschland werden die Schnelltests deswegen etwa in Notaufnahmen eingesetzt, um Corona-Infektionen zu bestätigen. Die Testung der gesamten Bevölkerung sei das genaue Gegenteil, sagt Drosten.

    Die Schnelltests in Corona-Hotspots anzuwenden, kann Experten zufolge dagegen durchaus sinnvoll sein. So werden die Schnelltests etwa derzeit im thüringischen Hildburghausen eingesetzt, wo die Behörden besonders viele Neuinfektionen verzeichnen.

    Mit zunehmender Verfügbarkeit könnten die Tests dann womöglich auch von Privatleuten benutzt werden. Doch die gesamte Bevölkerung könne in Deutschland schon aus einem einfachen Grund nicht getestet werden, sagt Virologe Drosten: „Es gibt gar nicht genug Tests.“

    Mehr: PCR, Antigen, Antikörper: Welcher Coronatest leistet was?

    • ku
    • lou
    • cvo
    • gw
    • mic
    Startseite
    Mehr zu: Pandemie - Corona-Schnelltest: Chancen und Grenzen des Hoffnungsträgers
    0 Kommentare zu "Pandemie: Corona-Schnelltest: Chancen und Grenzen des Hoffnungsträgers"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%