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Russischer EinmarschDer Tag, als der Krieg nach Europa kam: Augenzeugen aus der Ukraine berichten

Überall Explosionen, Verwundete, Tote. Wer kann, versucht zu flüchten. Andere greifen zum Gewehr. Doch spätestens seit die Kämpfe Kiew und Tschernobyl erreicht haben, ist klar: Das ist nur der Anfang.Lars Spannagel, Mascha Malburg, Alexander Kauschanski und Sidney Gennies und Dennis Pohl 25.02.2022 - 13:23 Uhr Quelle: TagesspiegelArtikel anhören

Eine Frau sitzt am Donnerstag auf ihrem Gepäck, während sie darauf wartet, die Stadt verlassen zu können.

Foto: dpa

Berlin. Es sind zwei heftige Explosionen, die Liko Toloraia gegen fünf Uhr Morgens aus dem Schlaf reißen. Das berichtet die 40-Jährige dem Tagesspiegel am Telefon. Sie lebt in der zentralukrainischen Stadt Dnipro. Und sie habe zunächst geglaubt, dass sie träumt.

Wenige Minuten später ruft ihre 84-jährige Großmutter sie an, die wenige Kilometer entfernt lebt. Sie habe nur fünf Worte gesagt: „Liko, der Krieg ist da.“

In Moskau sind die meisten Menschen noch gar nicht aufgestanden, als Wladimir Putin im russischen Fernsehen eine Ansprache hält. Er habe die Entscheidung „für eine Militäroperation“ in der Ukraine getroffen, sagt der russische Präsident. Ziel sei unter anderem „die Entmilitarisierung und Entnazifizierung“ des Landes.

An den Rest der Welt richtet Putin eine Drohung, die sogar den Einsatz von Atomwaffen anscheinend nicht ausschließt: Wer versuche, „in laufende Ereignisse einzugreifen“, müsse mit Konsequenzen rechnen, „die Sie in Ihrer Geschichte noch nie gesehen haben“.

Was in den Minuten und Stunden danach folgt, ist ein penibel geplanter Angriff auf ein europäisches Land. Eine Invasion. Die Aufkündigung aller vermeintlichen Gewissheiten der Nachkriegsordnung. Gegen 5 Uhr beginnt Russland damit, militärische Einrichtungen und Flughäfen in der Ukraine zu beschießen. In vielen Teilen des Landes sind Explosionen zu hören.

Einige Veteranen wurden vor Angst schon ohnmächtig.
Margarita Kucherenko, Psychologin

Seit Tagen bereitet sich die Ukraine auf den Einmarsch russischer Truppen vor. Dass es so schnell geht, dass kein Landesteil sicher ist, damit haben die Wenigsten gerechnet.

In Charkiw, unweit der Kontaktlinie zu den schon seit 2014 von Russland kontrollierten Gebieten im Donbass, klingelt kurz nach den ersten Angriffen auch bei Margarita Kucherenko das Telefon, wie sie per Videochat erzählt. Sie arbeitet in Charkiw als Psychologin, hat eine eigene Praxis und betreut seit Jahren in Zusammenarbeit mit dem ukrainischen Militär traumatisierte Veteranen aus dem Krieg im Donbass.

Ein Mann am Donnerstagmorgen vor der Ruine eines Hauses in der ukrainischen Stadt.

Foto: imago images/SNA

„Die waren nun am anderen Ende der Leitung“, sagt Kucherenko. Sie alle waren in Panik, sagt die Frau Anfang 30. „Bestimmt ein Dutzend Menschen meldete sich bei mir, weil sie Unterstützung brauchten. Sie fragten mich, welche Medikamente sie nehmen sollten, weil sie teilweise vor Angst schon ohnmächtig geworden waren.“

Während Kucherenko ihre eigene Angst noch zu unterdrücken versucht, regt sich bei ihren Patienten bereits Kampfgeist. „Fast alle meiner Veteranen, jedenfalls die, die nicht schwerstbehindert sind, haben sich schon freiwillig gemeldet, um zu kämpfen.“

Etwa eine Stunde nach den ersten Explosionen verkündet der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski in einer Ansprache, Russland habe die Infrastruktur und die Grenzen des Landes mit Raketen angegriffen. Er verhängt das Kriegsrecht für die gesamte Ukraine. Selenski ruft die Bevölkerung auf, zu Hause zu bleiben. „Wir sind stark. Wir sind zu allem bereit“, sagt er. „Wir werden siegen.“

Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit, heißt es. Vor allem Angaben der Regierungen, Armeen und Bilder und Videos aus der Region lassen sich kaum endgültig verifizieren. Der Tagesspiegel gibt sie dennoch wider, um einen möglichst detaillierten Blick auf die Ereignisse in der Ukraine zu gewährleisten. Und stützt sich auf die Berichte verschiedener Augenzeugen vor Ort, die sich untereinander nicht kennen. Ein Risiko bleibt dennoch, zumal Russland eine breit angelegt Desinformationkampagne fährt.

Russland will Panik verbreiten.
Roman Vydro, Computerexperte

Seit dem frühen Morgen ist deshalb auch Roman Vydro auf den Beinen. Als die Explosionen zu hören sind, weiß er sofort, wie er helfen kann, sagt er im Videochat. Der Endzwanziger arbeitet im Tech-Bereich, er kennt sich mit Computern aus, aber auch mit der Macht von Informationen.

Deshalb setzt er sich umgehend an seinen Rechner und beginnt mit der Arbeit. „Wir leben schon lange in einem Informationskrieg“, sagt er. „Und ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, Falschinformationen im Internet, auf Facebook, auf Instagram, also solche offenzulegen.“

Also wühlt er sich, während draußen in seiner Heimatstadt Charkiw Raketeneinschläge zu hören sind, durch Hunderte Kommentare und gleicht sie mit den Angaben ab, die er verifizieren kann. Russische Truppen, die aus Richtung Odessa ins Land kommen? Zu diesem Zeitpunkt falsch. Soldaten auf den Straßen seiner Heimatstadt? Ebenfalls falsch. Noch. „Russland will Panik verbreiten und es ist wichtig, solche Informationen richtigzustellen“, sagt Vydro.

Ein ukrainischer Polizist mit einem Sturmgewehr steht an einem Bahnsteig, während Menschen auf einen Zug nach Kiew warten.

Foto: dpa

Um kurz nach 8 Uhr informiert das ukrainische Innenministerium über erste Opfer der Invasion. Sieben Menschen seien in Podilsk nahe Odessa durch russischen Beschuss getötet worden, neun weitere wurden laut der Mitteilung verletzt, 19 Personen würden vermisst.

Im Internet tauchen Videos von Überwachungskameras auf, die russischen Panzer und anderes schweres militärisches Gerät beim Überqueren der ukrainischen Grenze zeigen, sowohl im Norden des Landes aus Belarus als auch im Süden von der von Russland annektierten Krim.

Dann tut die ukrainische Regierung das, worauf die Veteranen von Charkiw und viele Zivilisten im Land nur gewartet haben. Sie ruft alle einsatzfähigen Landsleute zu den Waffen. Präsident Selenski teilt mit, man werde Waffen an jeden verteilen, der das Land verteidigen wolle. Man habe alle diplomatischen Beziehungen zu Russland abgebrochen. Es gebe verwundete Soldaten, die Bevölkerung solle Blut spenden.

Um 10.40 Uhr ist die Zahl der getöteten ukrainischen Soldaten laut einem Berater des Präsidenten auf 40 angewachsen. Auch von zivilen Opfern ist nun erstmals die Rede. Kurz darauf teilt das ukrainische Innenministerium mit, in mehreren Städten, darunter auch Kiew, seien militärische Kommandozentralen angegriffen worden. Über der Geheimdienstzentrale des ukrainischen Verteidigungsministeriums in Kiew steigt Rauch auf. Es ist erst der Anfang.

„Dann gibt es für uns keinen Weg zurück“

Den Tagesspiegel erreichen zu diesem Zeitpunkt diverse Nachrichten aus verschiedenen Landesteilen. Vor den Geldautomaten, Apotheken und Tankstellen bilden sich lange Schlangen. Viele Menschen versuchen, vor allem die größeren Städte zu verlassen, behindert durch große Staus. Auch am Bahnhof und am Busbahnhof von Kiew drängen sich Familien auf der Suche nach einem Weg aus Hauptstadt.

Wir sind bereit, Widerstand zu leisten.
Olga Korablyova, Kiew

In Kiew lebt auch Olga Korablyova. Sie meldet sich per Messenger-Chat. „Wir sind bereit, Widerstand zu leisten“, schreibt die 33-Jährige. „Wir wissen, was jetzt zu tun ist.“ Sie höre immer wieder Explosionen in der Nähe ihrer Wohnung. Fluglärm liege in der Luft. Sie und ihre Freundinnen und Freunde haben sich vorbereitet. Treffpunkte seien kommuniziert, Routen geplant, die wichtigsten Sachen bereits gepackt.

„Diesem Protokoll folgen wir jetzt“, schreibt sie. „Die Leute versuchen ganz ruhig, sich mit Lebensmitteln und Geld einzudecken.“ Die Straßen aus der Stadt heraus seien seit den frühen Morgenstunden verstopft. Viele Bewohner der Stadt versuchten, in den Westen des Landes zu kommen. „Aber dort ist es wohl auch nicht sicher“, schreibt Korablyova.

Unterdessen erobern russische Hubschrauber den Militärflughafen Hostomel, nur 16 Kilometer vor Kiew. Bilder von CNN zeigen, wie Soldaten das Gelände sichern, der Flughafen sei nun unter ihrer Kontrolle, berichtet ein russischer Kommandeur dem Sender. Das ukrainische Innenministerium warnt derweil vor russischen Fallschirmjägern, die über Kiew abspringen und versuchen könnten ins Regierungsviertel einzudringen. Wenig später schallt der langgezogene Ton von Sirenen über Kiew. Eine Warnung vor Luftangriffen.

Olga Korablyova schickt eine vorerst letzte Nachricht: „Ich gehe in meinen Keller“, schreibt sie. „Mit meinen Whiskeyvorräten.“

Auf diesem vom Pressedienst der ukrainischen Polizeibehörde veröffentlichten Handout-Foto vom Donnerstag fliegen offenbar russische Einheiten über den Stadtrand der ukrainischen Hauptstadt, während Rauch über den Häusern aufsteigt.

Foto: dpa

In Odessa sind die Luftangriffe zu diesem Zeitpunkt offenbar schon in vollem Gange. 18 Menschen werden laut Angaben der Regionalverwaltung bei dem Beschuss einer Militärbasis getötet. Laut der Stadtverwaltung von Mariupol im Osten des Landes wurde dort ein Wohngebiet angegriffen, wie viele Menschen dabei verletzt oder getötet wurden, sei noch unklar.

Aus Dnipro meldet sich Maria, die aus Angst vor Konsequenzen ihren Nachnamen nicht veröffentlichen möchte. Die 32-Jährige arbeitet als Lehrerin, sie kann immer noch nicht fassen, was sich in ihrem Land abspielt. „Es gab so viele Nachrichten von Leuten aus Dnipro, Kiew, Odessa, Charkow. Explosionen, Invasion, Krieg. Ich habe es nicht geglaubt. Aber in allen Chats ist es dasselbe.“

Ihre Sachen habe sie bereits gepackt und ins Auto getragen. Wochenlang hätten sie und ihre Familie überlegt, ob sie gehen wollen. Nun könnte es zu spät sein. Draußen auf der Straße, sagt sie, sehe sie Großmütter und Mütter, die mit ihren Haustieren auf die Evakuierung warten. Da habe sie geweint.

Ich habe mich freiwillig gemeldet.
Artjom, Postbote

Andere wollen kämpfen. Artjom, 30, ist eigentlich Postbote in Odessa. Am Telefon berichtet er, er habe zwei Jahre seinen Wehrdienst geleistet. Nun einfach zuhause zu bleiben, sei keine Option für ihn. „Ich habe mich freiwillig gemeldet, in der territorialen Verteidigungstruppe meine Stadt Odessa zu beschützen.“

Als die russischen Truppen sich an der ukrainischen Grenze versammelten, habe er bereits gewusst, was passieren würde. „Ich wusste auch damals schon, dass ich mitkämpfen würde“, sagt er. Vielleicht, überlegt er, werde er jetzt Berufssoldat. „In der ukrainischen Armee wird man als Soldat gerade ausgezeichnet bezahlt“, sagt er. „Und hier hat man sich direkt sehr gefreut, dass ich gekommen bin.“ Morgen sagt er, ziehe er in den Krieg.

Eine alte Frau steht in den Trümmern ihres Hauses, nachdem dort ein Geschoss einegschlagen ist.

Foto: imago images/SNA

Jeder Schritt in der Ukraine will nun gut überlegt sein. Auch die Flucht. Die plant Ilya, 34, Geschäftsmann aus Dnipro, seit er die Fahrzeugkolonnen ukrainischer Soldaten sah. Sein Entschluss steht fest, als am Donnerstag 15 Kilometer von seinem Haus entfernt ein Waffenlager explodiert. Den Mitarbeitern seines Unternehmens habe er gesagt, sie sollten zuhause bleiben, einen sicheren Ort für sich und die Familie einrichten.

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Er selbst hat längst Vorkehrungen getroffen, den Tank seines Autos aufgefüllt. Bargeld abgehoben, Essensvorräte angelegt. Mittlerweile gebe es längst kein Bargeld mehr abzuheben und keinen Kraftstoff mehr zu kaufen.

„Meine Familie ist bereit auszuwandern“, sagt Ilya am Telefon, während die Stadt draußen immer leerer werde. „Wir sind bereit, weit weg von der Ukraine politisches Asyl zu beantragen.“ Aber heute wollen sie noch bleiben. Morgen wollen sie entscheiden, wohin genau sie fliehen wollen. „Wir haben schließlich noch Eltern, Brüder, Schwestern und Großmütter hier. Alles ist so beängstigend. Es fühlt sich so an wie ein schlimmer Traum, aus dem ich aufwachen möchte.“

Doch es ist kein Traum. Eine Mutter aus Odessa berichtet dem Tagesspiegel, dass die ersten Freiwilligen bereits in den Kampf gezogen sind. „Mein Sohn ist gegangen, um die Stadt zu verteidigen. Ich konnte ihn nicht aufhalten“, sagt sie am Telefon. Er habe nicht warten wollen. „Er ist jetzt losgegangen und ich weiß nicht, ob und wann er zurückkommen wird.“ Sie weiß nur, dass seine Aufgabe ist, nachts in der Stadt mit Gewehr zu patrouillieren. „Er hat doch eine Tochter zu Hause.“

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Am späten Nachmittag teilt das ukrainische Innenministerium mit, russische Truppen seien in die Sperrzone der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl eingedrungen, auch hier werde nun gekämpft, Geschosse könnten das dort gelagerte radioaktive Material treffen.

Spätestens jetzt ist klar, dass dieser Krieg nicht nur die Ukraine ins Chaos stürzen wird. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski findet nach Beginn der Gefechte in Tschernobyl deutliche Worte: „Das ist eine Kriegserklärung gegen ganz Europa.“
(mit Material von Reuters, dpa)
Dieser Artikel ist zuerst im Tagesspiegel erschienen.

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