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GefangenenaustauschRussland lässt US-Reporter frei und bekommt „Tiergartenmörder“

Der Journalist Evan Gershkovich und der ehemalige US-Soldat Paul Whelan sind aus dem Gefängnis entlassen worden. Washington bestätigt den Austausch in der Türkei.Mareike Müller, Dana Heide, Timm Seckel 02.08.2024 - 08:15 Uhr aktualisiert
US-Präsident Joe Biden (Mitte) und Vizepräsidentin Kamala Harris begrüßen den Reporter Evan Gershkovich auf der Andrews Air Force Base. Foto: Manuel Balce Ceneta/AP

Riga, Berlin, Düsseldorf. Westliche Staaten und Russland haben in der türkischen Hauptstadt Ankara etwa zwei Dutzend Gefangene ausgetauscht. Die Aktion ist die größte ihrer Art seit Ende des Kalten Kriegs.

US-Präsident Joe Biden bestätigte, dass 24 Gefangene aus sieben Staaten ausgetauscht wurden. Insgesamt geht es demnach um 16 Menschen, die aus Russland befreit worden sind, darunter fünf Deutsche und sieben russische Staatsangehörige. „Alle von ihnen haben unvorstellbares Leid und Unsicherheit ausgehalten. Heute endet ihre Qual“, sagte Biden in einem Statement.

Drei freigelassene Amerikaner sind nach ihrer Landung auf einem Luftwaffenstützpunkt in den USA am späten Donnerstagabend (Ortszeit) von ihren Familien, US-Präsident Joe Biden und seiner Stellvertreterin Kamala Harris empfangen worden.

Bundeskanzler Scholz hat in der Nacht zum Freitag bereits einen Großteil freigekommenen deutschen und russischen Staatsbürger auf dem Flughaben Köln-Bonn begrüßt. „Alle sind wohlbehalten hier angekommen“, sagte der SPD-Politiker kurz nach 00.00 Uhr auf dem Flughafen. Er habe sich mit den Angekommenen ausführlich unterhalten. „Das war sehr bewegend“, sagte Scholz. „Viele haben nicht damit gerechnet, dass das jetzt passiert.“ Viele hätten um ihre Gesundheit und auch ihr Leben gefürchtet.

Darunter sind der US-Reporter Evan Gershkovich, der frühere US-Soldat Paul Whelan, der bekannte russische Oppositionelle Wladimir Kara-Mursa sowie der in Belarus zum Tode verurteilte und dann begnadigte Deutsche Rico Krieger.

Evan Gershkovich: Der US-Journalist kann Russland verlassen. Foto: REUTERS

Wie die Bundesregierung am Donnerstagabend bestätigte, ist auch der in Deutschland als „Tiergartenmörder“ bekannte Russe Wadim Krassikow Teil des Austauschs, auch der russische Inlandsgeheimdienst FSB bestätigte das inzwischen. „Die Bundesregierung hat sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht“, sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit.

Biden selbst dankte bei einer Erklärung im Weißen Haus besonders Bundeskanzler Olaf Scholz für seine Unterstützung in den Verhandlungen. Deutschland habe besonders große Zugeständnisse machen müssen, weil Russland Gegenleistungen verlangt habe. Hier dürfte die Freilassung von Krassikow gemeint sein. Scholz hat außerdem bereits mit Biden telefoniert. Biden habe ihm gesagt, dass er „sehr dankbar ist für die Kooperation unserer beiden Länder in dieser wichtigen Angelegenheit“, sagte der Kanzler.

Der Journalist Evan Gershkovich, seine Kollegin Alsu Kurmasheva und der ehemalige Marine-Soldat Paul Whelan sind am Freitagmorgen in Maryland eingetroffen. Die US-Amerikaner waren im Rahmen eines Gefangenenaustauschs mit Russland freigelassen worden.

Scholz habe frühzeitig auch Oppositionsführer und CDU-Parteichef Friedrich Merz einbezogen. „Er hat mir ausdrücklich versichert, dass er mit den Entscheidungen der Bundesregierung einverstanden ist“, sagte der SPD-Politiker am Donnerstagabend vor Journalisten auf dem Flughafen Köln-Bonn.

Scholz verteidigte den Beschluss Krassikow abzuschieben. „Niemand hat sich diese Entscheidung einfach gemacht, einen zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilten Mörder nur nach wenigen Jahren der Haft abzuschieben“, sagte Scholz. Wichtig seien auch die Schutzverpflichtung gegenüber deutschen Staatsangehörigen und die Solidarität mit den USA. „Zu den Freigelassenen zählen auch mehrere in russischer Haft sitzende deutsche und deutsch-russische Staatsangehörige, die unter fadenscheinigen Gründen etwa des Vorwurfs des Hochverrats angeklagt und zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden“, sagte Scholz.

Diese Gefangenen wurden ausgetauscht
Mehr als ein Jahr saß Wadim Krassikow im Berliner Kammergericht auf der Anklagebank. Am 15. Dezember 2021 verurteilten die Richter den Russen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe – für den Mord an einem Georgier am 23. August 2019 in der Berliner Parkanlage Kleiner Tiergarten. Die Auftraggeber für den Mord saßen nach Überzeugung des Gerichts in Russland. Der Georgier stand laut Urteil seit langem im Visier der Russischen Föderation, weil er während des zweiten Tschetschenien-Krieges mehrere Jahre lang eine Miliz im Kampf gegen Russland angeführt hat. Kremlchef Wladimir Putin nannte das Mordopfer später öffentlich einen „Banditen“, „Mörder“ und „blutrünstigen Menschen“. Der Russe hatte zu Beginn des Prozesses im Oktober 2020 über seine Anwälte erklären lassen, er heiße Wadim S., sei 50 Jahre alt und Bauingenieur. Eine Legende, so die Richter. Wadim Krassikow sei als Tourist getarnt und am Tag vor der Tat nach Berlin gereist. Der heute 58-Jährige nahm das Urteil damals regungslos hin. Auf Rechtsmittel verzichtete er. Später wurde der „Tiergartenmörder“ aus einem Hochsicherheitstrakt des Berliner Gefängnisses Tegel aus Sicherheitsgründen mehrmals von einer Haftanstalt zur nächsten verlegt und saß nach dpa-Informationen zuletzt im baden-württembergischen Offenburg ein.
Der 32 Jahre alte US-Reporter Evan Gershkovich wurde Mitte Juli in einem umstrittenen Prozess wegen angeblicher Spionage zu 16 Jahren strenger Lagerhaft verurteilt. Der Russland-Korrespondent des US-Magazins „Wall Street Journal“ war Ende 2023 auf einer Reportage-Reise in Jekaterinburg am Ural vom russischen Geheimdienst FSB festgenommen worden. Ihm wurde zur Last gelegt, er habe geheime Informationen über Russlands Rüstungskomplex für US-Stellen gesammelt. Das „Wall Street Journal“ wies das zurück. Gershkovich sei mit einer offiziellen Akkreditierung seiner Arbeit nachgegangen. Die US-Regierung forderte über Monate die Freilassung des Journalisten. Mehrere US-Medien zogen nach seiner Festnahme eigene Korrespondenten aus Moskau ab, weil sie politische Verfolgung ihrer Mitarbeiter durch den russischen Staat befürchteten. Beobachter in Moskau deuteten schon die schnelle Verurteilung Gershkovichs als möglichen Hinweis darauf, dass es bald eine Einigung mit der US-Seite geben könnte. In der Regel muss nach russischer Justizpraxis ein Urteil vorliegen, bevor es zu einem Austausch kommen kann.
Der 54 Jahre alte ehemalige US-Soldat Paul Whelan wurde bereits im Juni 2020 von einem russischen Gericht wegen angeblicher Agententätigkeit zu 16 Jahren Straflager verurteilt. Davor hatte er rund anderthalb Jahre lang in Haft gesessen. Whelan, der mehrere Staatsbürgerschaften hat, soll nach Darstellung des FSB als Spion auf frischer Tat ertappt worden sein. Er soll geheime Daten auf einem USB-Stick erhalten haben. Whelan beteuerte vehement seine Unschuld und sprach von einem politisch motivierten Urteil. Nach Darstellung der Verteidigung ging er bei einem seiner vielen Besuche in Moskau vielmehr davon aus, dass es sich lediglich um private Inhalte auf dem Datenträger gehandelt habe. Er war demnach bei der Hochzeit eines Freundes in Moskau gewesen, als der Zugriff des FSB erfolgte. Die US-Regierung forderte wiederholt die Freilassung Whelans, weil in dem Verfahren keine Beweise vorgelegt worden seien. Es gab außerdem Kritik an den Haftbedingungen. Whelan erkrankte bereits in der Untersuchungshaft schwer und musste notoperiert werden.
Der 30 Jahre alte Deutsche wurde Ende Juni in Belarus (früher Weißrussland) zum Tode verurteilt. Der Vorwurf: Söldnertum und Terrorismus, angeblich hatte sich Rico K., Rettungssanitäter aus Hildesheim, vom ukrainischen Geheimdienst SBU als Söldner anwerben lassen. Da Belarus als letztes Land in Europa die Todesstrafe vollstreckt, war die Sorge auch im Auswärtigen Amt groß. Berlin kritisierte den Umgang mit dem Mann als „unerträglich“, nachdem er im Staatsfernsehen vorgeführt worden war und sich schuldig bekannt hatte. Bei dem Auftritt bat er Machthaber Alexander Lukaschenko um Begnadigung und die Bundesregierung um Hilfe. Lukaschenko hob das Todesurteil gegen den Mann am Donnerstag vergangener Woche nach einer Unterredung mit Ermittlern und dem Anwalt auf. Die von Minsk als humanitäre Geste dargestellte Entscheidung galt auch als Zeichen des bevorstehenden Gefangenenaustauschs. Belarus hatte selbst mitgeteilt, dem Auswärtigen Amt in Berlin ein Verhandlungsangebot gemacht zu haben.
Der 42-Jährige gehört zu den prominentesten Oppositionellen in Russland. Er war im April 2023 unter dem Vorwurf des Hochverrats zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilt worden. Der beispiellose Richterspruch löste weltweit Entsetzen aus. Zuletzt waren die Sorgen um den seit langem gesundheitlich schwer angeschlagenen Politiker groß. Seine Frau Jewgenija Kara-Mursa schlug immer wieder Alarm in sozialen Netzwerken – vor allem als der Kontakt nach einer Verlegung ihres Mannes in ein sibirisches Haft-Krankenhaus komplett abbrach. Kara-Mursas Ehefrau erinnerte daran, dass ihr Mann nach zwei Vergiftungsattacken an einer chronischen Erkrankung leide. Seinem Anwalt zufolge war Kara-Mursa im Juni für zunächst geplante sechs Monate in eine Zelle mit erschwerten Haftbedingungen verlegt worden. Solche besonders engen Zellen sind häufig genutzte Schikanen der Wärter im Straflager für politische Gefangene. Unterstützt wird Kara-Mursa etwa auch von dem Kremlgegner und früheren Ölmanager Michail Chodorkowski, der selbst einst durch deutsche Vermittlung aus dem Straflager befreit worden war.
Der 41-Jährige Politiker gehört zu den schärfsten Kritikern von Kremlchef Wladimir Putin. Jaschin blieb in Russland, als viele andere Kremlgegner schon ins Ausland geflüchtet waren. Weil er den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine anprangerte und vor allem die Soldaten seiner Heimat für das Massaker an Zivilisten in Butscha in der Nähe der ukrainischen Hauptstadt Kiew verantwortlich machte, wurde er im Dezember 2022 wegen Verunglimpfung der Armee zu achteinhalb Jahren Straflager verurteilt. „Putin ist ein Kriegsverbrecher, aber hinter Gittern bleibe ich“, wandte sich Jaschin an das Gericht. „Das ist doch eine komische Situation, finden Sie nicht?“ Bekannt ist er auch für seine politische Nähe zum verstorbenen Oppositionsführer Alexej Nawalny und zu dem in Kremlnähe erschossenen früheren Vize-Regierungschef Boris Nemzow.
Der 71-Jährige gehört zu den bekanntesten Menschenrechtlern und mutigsten Kämpfern für Gerechtigkeit in Russland. Auch der Mitgründer der mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Organisation Memorial wurde wegen Kritik am russischen Krieg gegen die Ukraine zu Lagerhaft verurteilt, und zwar zu zweieinhalb Jahren. Das für den Friedensnobelpreis zuständige norwegische Nobelkomitee kritisierte die Verurteilung des Aktivisten als politisch motiviert. Orlow war selbst immer wieder bei Gerichtsprozessen gegen Andersdenkende als Beobachter dabei. Er machte sich vor allem wegen seiner von vielen geschätzten Zivilcourage einen Namen als Kritiker russischer Justizwillkür. Auch er blieb trotz der Gefahr einer Inhaftierung in Russland, um weiter im Land gegen politische Repressionen zu kämpfen. Memorial hatte 2022 für die Dokumentation von Kriegsverbrechen, Menschenrechtsverletzungen und Machtmissbrauch in der ehemaligen Sowjetunion und im postsowjetischen Russland den Friedensnobelpreis erhalten.
Ein russisches Gericht verurteilte die US-amerikanische Journalistin Alsu Kurmasheva erst vor wenigen Tagen zu sechseinhalb Jahren Strafkolonie wegen angeblicher Falschmeldungen über die Armee. Anlass für das Urteil war ein von ihr im November 2022 veröffentlichtes Buch mit dem Titel „Nein zum Krieg. 40 Geschichten von Russen, die sich gegen die Invasion der Ukraine wehren“, wie die russische Oppositionsplattform „meduza“ mitteilte. Kurmasheva, die für das tatarische Programm des US-Auslandssenders Radio Freies Europa/Radio Liberty (RFE/RL) arbeitet, war seit Oktober inhaftiert.
Der deutsch-russische Politikwissenschaftler Dieter Woronin wurde von einem Moskauer Stadtgericht wegen Staatsverrats zu mehr als 13 Jahren Haft in einer Hochsicherheits-Strafkolonie verurteilt. Woronin war im Februar 2021 festgenommen und angeklagt worden, in den Fall des russischen Journalisten Iwan Safronow verwickelt zu sein, der wegen Weitergabe von Geheiminformationen an Ausländer des Staatsverrats angeklagt und zu 22 Jahren Haft in einer Hochsicherheitskolonie verurteilt wurde. Die Anwälte von Iwan Safronow erklärten, er habe bei seiner Arbeit nur öffentlich zugängliche Informationen verwendet.
Der deutsche Staatsbürger Patrick Schöbel wurde bei seiner Einreise auf dem Flughafen von St. Petersburg festgenommen und des Drogenschmuggels beschuldigt. Bei der Durchsuchung wurde in seinem Gepäck eine Packung „Fink Green Goldbears“ mit sechs cannabishaltigen Gummibärchen gefunden, wie die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass berichtet. Bei seiner Entlassung war er noch nicht verurteilt worden.
Der russlanddeutsche Jurist German Moyzhes half Russen bei der Erlangung von Aufenthaltsgenehmigungen in Deutschland und anderen EU-Ländern. Ende Mai wurde Moyzhes, der auch ein führender Fahrradaktivist in St. Petersburg war, verhaftet und des Staatsverrats angeklagt. Zum Zeitpunkt seines Austauschs war sein Verfahren noch nicht abgeschlossen.
Artem Dultsew und seiner Frau Anna Dultsewa wurde vorgeworfen, Teil des russischen „Illegalen“-Programms zu sein. In diesem Programm aus der Sowjetzeit, geben sich russische Spione als normale Bürger eines anderen Landes aus. Das Paar hatte am Mittwoch vor einem slowenischen Gericht der Spionage und der Fälschung von Dokumenten schuldig bekannt
Freigelassen wurden auch weitere russische politische Gefangene. Darunter sind die Künstlerin Alexandra Skotschilenko und die früheren Leiterinnen der Regionalstäbe des Kremlgegners Nawalny, Lilija Tschanyschewa aus Ufa und Xenia Fadejewa aus Tomsk. Auch der Nawalny-Mitarbeiter Wadim Ostanin kam in Freiheit. Alle sind Gegner des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und erhielten langjährige Strafen. Der Westen hatte die Urteile als Justizwillkür kritisiert und die Freilassung der Gefangenen gefordert. Auch der Oppositionspolitiker Andrei Piworwarow durfte das Land verlassen. In Freiheit kam auch der 19 Jahre alte Deutsch-Russe Kevin L., der im Dezember 2023 wegen Landesverrats zu vier Jahren Haft verurteilt worden war. Anfang Juli hatte der Friedensnobelpreisträger Dmitri Muratow, der die in Russland inzwischen verbotene kremlkritische Zeitung „Nowaja Gaseta“ gegründet hatte, in einer Videobotschaft öffentlich westliche Staaten aufgefordert, bei der Freilassung inhaftierter Kremlgegner zu helfen. Sechs der nun freigelassenen standen auf seiner Liste, die elf Namen umfasst. Aufgeführt waren zudem die Theaterregisseurin Jewgenija Berkowitsch, die Dramaturgin Swetlana Petrijtschuk, der Aktivist Igor Baryschnikow, der Lokalpolitiker Alexej Gorinow und die Kinderärztin Nadeschda Bujanowa. In den Straflagern sitzen auch nach dem Austausch weiter Dutzende politische Gefangene.
Neben Wadim K. und den Eheleuten Dutsew wurden zwei in Europa wegen Spionageverdachts verhaftete Russen ausgetauscht. Michail Mikuschin, wurde 2022 in Norwegen verhaftet und gab sich zunächst als brasilianischer Staatsbürger aus, gab aber später zu Russe zu sein. Pawel Rubtsow der in Polen verhaftet wurde, gab als Namen Pablo González an und behauptet als Journalist tätig gewesen zu sein. Zudem wurden zwei russische Hacker aus den USA freigelassen. Roman Seleznew verbüßte bis zum Gefangenenaustausch seine 14-jährige Haftstrafe, die für seine Arbeit als Teil eines Cyberbetrugsrings erhalten hatte. Wladislaw Klyuschin wurde 2021 in der Schweiz verhaftet und in die USA überstellt. Dort wurde er wegen zu einer Haft von neun Jahren, weil er sich illegalerweise Zugang zu privaten Unternehmensdaten verschafft haben soll. Zudem wurde Wadim Konoschenok überstellt. Er war Teil einer russischen Gruppe, die 2023 versucht haben soll US-amerikanische Militärtechnologie zu stehlen, um sie dem russischen Verteidigungssektor zu übermitteln.

Laut einem Statement der US-Regierung sind fünf Deutsche unter den Freigelassenen. Neben Rico Krieger berichtet „Der Spiegel“, dass Dieter Woronin, dem die russische Regierung vorgeworfen hatte, für den BND spioniert zu haben, zurück nach Deutschland komme. Auch Patrick Schöbel kehrt in seine Heimat zurück. Er war im Februar am Flughafen Sankt-Petersburg festgenommen worden, weil ihm der Besitz von Cannabis-Gummibärchen vorgeworfen wurde.

„Seit dem Kalten Krieg sind nicht mehr so viele Menschen auf diesem Weg ausgetauscht worden, und nie waren so viele Länder beteiligt, so viele enge US-Partner und Alliierte“, sagte Jake Sullivan, Sicherheitsberater von US-Präsident Biden laut US-Medien.

Russland hatte schon vor Monaten Interesse an Krassikow bekundet. Krassikow war im Jahr 2021 vom Berliner Kammergericht wegen Mordes an dem Georgier Tornike Changoschwili zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Changoschwili war tschetschenischer Abstammung, russische Behörden hatten ihn als Terrorist eingestuft, weil er im Tschetschenienkrieg gegen Russland gekämpft haben soll.

Der Mord an ihm hatte für großes Aufsehen gesorgt und zu schweren politischen Spannungen zwischen Russland und Deutschland geführt.

Für Deutschland brisant: Der „Tiergartenmörder“ Krassikow

Dem Gericht zufolge hatte Krassikow Changoschwili im August 2019 am helllichten Tag mitten im Kleinen Tiergarten in Berlin erschossen. Zeugen hatten den Vorgang als „Hinrichtung“ beschrieben. Krassikow soll Changoschwili aus nächster Nähe erschossen haben, als dieser in dem Park mit seinem Fahrrad unterwegs war. Als Changoschwili bereits am Boden lag, soll Krassikow zwei weitere Schüsse auf den Kopf des Georgiers abgegeben haben.

Wadim Krassikow wurde in Berlin zu lebenslanger Haft verurteilt und kommt nun zurück nach Russland. Foto: via REUTERS

Das Berliner Gericht sah es als erwiesen an, dass der Mord im Auftrag des Kremls erfolgte. „Spätestens im Juni 2019 fassten staatliche Stellen der Zentralregierung der russischen Föderation den Entschluss, Tornike Changoschwili in Berlin zu liquidieren“, sagte Richter Olaf Arnoldi zur Urteilsverkündung. „Das war und ist nichts anders als Staatsterrorismus. Es sollte ein Zeichen gesetzt werden.“

Die Bundesregierung hatte den Mord damals scharf verurteilt. Er stelle „eine schwerwiegende Verletzung deutschen Rechts und der Souveränität der Bundesrepublik Deutschlands dar“, sagte Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne). Nach dem Urteil hatte Deutschland den russischen Botschafter einbestellt und zwei Mitarbeiter der russischen Botschaft zu unerwünschten Personen erklärt.

Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren Berichte, dass Russland Krassikow für westliche Gefangene, insbesondere Amerikaner, austauschen wolle, zuletzt ging es dabei auch um den mittlerweile in russischer Lagerhaft zu Tode gekommenen Oppositionellen Alexei Nawalny. Auch der Austausch mit Paul Whelan und Evan Gershkovich war bereits im Gespräch. Das „Wall Street Journal“ hatte im September 2023 berichtet, dass Russland daran Interesse habe.

Oleg Orlow: Der Menschenrechtsaktivist war ebenfalls Teil des Gefangenenaustauschs. Foto: IMAGO/ITAR-TASS

Am Mittwoch verdichteten sich dann die Hinweise auf den bevorstehenden Austausch. Zu den Gerüchten über einen möglichen Austausch trug ebenfalls bei, dass Machthaber Alexander Lukaschenko den in Belarus zum Tode verurteilten Deutschen Rico Krieger am Dienstag begnadigte.

Putin empfing Krassikow und weitere freigelassene Häftlinge in der Nacht zum Freitag persönlich am Moskauer Flughafen Wnukowo. Der Kremlchef umarmte die Männer noch auf dem Rollfeld, wo die Präsidentengarde Spalier stand, wie vom Kreml veröffentlichte Fernsehbilder zeigten. Anschließend ging die Gruppe in das Terminal, wo Putin eine kurze Ansprache hielt. „Sie alle werden für staatliche Auszeichnungen nominiert werden“, sagte er. „Wir werden uns wiedersehen und über Ihre Zukunft sprechen. Jetzt möchte ich Sie zu Ihrer Rückkehr in Ihr Heimatland beglückwünschen.“

Keine offizielle Bestätigung für Gefangenenaustausch

In den Tagen zuvor waren viele der im Bericht genannten Gefangenen für ihre Anwälte nicht mehr zu erreichen gewesen. Einigen der Juristen teilten die Behörden mit, man habe ihre Mandantinnen oder Mandanten an einen anderen Ort verlegt, ohne Angaben darüber zu machen, wohin. Verlegungen von Gefangenen in andere Lager sind in Russland nicht unüblich. Die Häufung der Fälle bei politischen Gefangenen in einem so kurzen Zeitraum ist aber ungewöhnlich.

Im Fall Gershkovich hatte der Kreml schon vor Wochen bestätigt, dass es Verhandlungen über die mögliche Freilassung des in Russland seit Frühjahr 2023 inhaftierten US-Reporters gebe.

Die auf die Verteidigung in russischen Verrats- und Spionagefällen spezialisierte Organisation Pervy Otdel verwies darauf, dass ein russisches Regierungsflugzeug, das bei einem früheren Gefangenenaustausch eingesetzt worden sei, am Donnerstag von Moskau in die russische Exklave Kaliningrad geflogen und von dort nach Moskau zurückkehrt sei. Im Februar 2022 sei dieses Flugzeug bereits eingesetzt worden, als die US-Basketballerin Brittney Griner gegen den in den USA verurteilten Waffenhändler Wiktor But ausgetauscht worden war.

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Teil des Gefangenenaustauschs waren auch der russische Menschenrechtler Ilja Jaschin und der Deutschrusse Kevin Lick, außerdem der russische Menschenrechtsaktivist und Co-Gründer der Organisation Memorial, Oleg Orlow, sowie die früheren Nawalny-Mitarbeiterinnen Lilia Tschanyschewa, Ksenia Fadejewa und Wadim Ostanin und die Künstlerin und Kriegsgegnerin Alexandra Skotschilenko.

Dem FSB zufolge kamen im Gegenzug neben Krassikow sieben im Westen inhaftierte Russinnen und Russen frei, darunter ein Paar, das in Slowenien erst am Mittwoch wegen Spionage verurteilt worden war. Ebenso ausgetauscht wurde Wadim Konoschtschenok, dem in Estland Geldwäsche für Russland vorgeworfen hatte und der an die USA überliefert worden war.

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